BAD BOLL

Evangelischer Pressedienst

Frankfurt / Main

epd-Dokumentation

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Nr. 6/97 3. Februar 1997

Wir sind doch keine Kinderklaubehörde   

„Kindeswohl“ – Dilemma und Praxis der Jugendämter  
„In den letzten Jahren häufen sich die Eingaben von einzelnen Bürgern, aber auch von Initiativen und Personengruppen, die über die Arbeit einzelner Jugendämter Klage führen. …. Ein grosser Teil geht auf die Initiative „Jugendamtsgeschädigte“ zurück….“
 

Diesen Tatbestand registrierte man im Bonner Jugend- und Familienministerium. Wer da warum aufbegeht und kritisiert, und was die Kritisierten, aber auch Vormundschaftsrichter und andere für das Rechtsgut „Kindeswohl“ Verantwortliche, dazu sagen – darum ging es Anfang November bei einer Tagung der Ev. Akademie Bad Boll. In den hier wiedergegebenen Beiträgen wird deutlich, wie tief alle offiziellen Massnahmen in den emotional höchst empfindlichen Bereich Familie bzw. Eltern – Kinder ohnehin einschneiden; kommt dann noch Fehlverhalten und/oder Überreaktion hinzu, beginnen erbitterte Auseinandersetzungen. Tagungsleiter Dierk Schäfer, Psychologe und Theologe, hat das Thema nicht zuletzt aufgrund der Erfahrungen bei einer Veranstaltung über Folgen des Vorwurfs „Kindesmissbrauch“ gewählt (epd-Dok. 40/95).
 
Herausgeber: Gemeinschaftswerk der Evang. Publizistik e.V., Direktor: Hans Norbert Janowski, Chefredakteur der epd-Zentralredaktion: Hans Hafenbrack. Verantwortlicher Redaktuer: Wulf Föhnert, Tel.: (069) 58 098 – 135, Fax: 58 098 – 122, e-Mail: epddoku epd.de Adresse GEP und epd: Emil-von-Behring-Strasse 3, 60439 Frankfurt am Main, Briefe an: Postfach 50 05 50, 60394 Frankfurt am Main. Der Informationsdienst epd-Dokumentation dient der persönlichen Unterrichtung nur mit Erlaubnis und unter Quellenangabe.
 

Kindeswohl – Dilemma und Praxis der Jugendämter„.

 

Die Texte einer Tagung der Evang. Akademie Bad Boll vom 4. bis 6. November 1996. (Die Ausgabe zählt zugleich als Protokoll Nr. 2/97 der Evang. Akademie Bad Boll.
 

Kindewohl und Jugendamt
 
Seite:
 

Zur Einführung
 

Dierk Schäfer, Evang. Akademie Bad Boll:Einführung in die Tagung

Tagungsprogramm, Auszüge

Liste der Vortragenden

Dorle Marx, MdB, Kommission zur Wahrnehmung der Belange der Kinder (Kinderkommission), Bonn: Grusswort
 

 

Referate und andere Beiträge der Tagung (z.T. in Form von Expose)
Prof. em. Dr. Heinrich Kupffer, Berlin:“Wenn Kinder zum Zankapfel werden“
Prof. Dr. Uwe Jopt, Bielefeld: „Zur Diskrepanz zwischen staatlichem Kinderschutz und behördlichen Kinderschützern“
Dierk Schäfer: „Der kleine Prinz“, eine Andacht
Ergebnisse der Arbeitsgemeinschaften der Tagung
Christine Knappert, Jugendamt Bad Salzuflen: „Schwierigkeiten in der Kommunikation von Jugendämtern und Familiengerichten mit den streitenden Parteien“
Dr. Wolfgang Raack, Vormundschaftsrichter, Kerpen: „Zu der derzeitigen Kritik an den Jugendämtern aus gerichtlicher Sicht“
Ernst Elmar Bergmann, Richter, AG Mönchengladbach-Rheydt: „Auswahl und Rolle des Gutachters im familiengerichtlichen Verfahren“
Wolfram Schrag: Protokoll der Podiumsdiskussion
Helga Biermann-Himmel, Dipl.Psych., Münster: „Gibt es Chancen einer Verständigung zwischen Betroffeneninitiativen und Jugendamt?“
Ursula Münz, Flexible Erziehungshilfe f. Mädchen / FEM, Waiblingen: „Wieweit können Modelle der Erziehungshilfe … päd. Widerstand gegen unheilvolle Entwicklungen Jugendlicher leisten? Und wie könnte eine Wiederannäherung an das Elternhaus erreicht werden?“
Ursula Körber, TU Berlin: „Zu einem Forschungsprojekt über Verfahren zur Sicherung des Kindeswohls“
Ministerialrat Dr. Reinhard Wiesner, Bonn: Problemaufriss zum Thema „Kontrolle / Arbeit der Jugendämter“

 
Dierk Schäfer, Evangelische Akademie Bad Boll:
Einführung in die Tagung
 
Tagung „Kindeswohl – Dilemma und Praxis der Jugendämter
Evang. Akademie Bad Boll, 4. – 6. November 1996
 

 

 

 
Wir sind doch keine Kinderklaubehörde“! sagte die Mitarbeiterin eines Jugendamtes zu der Journalistin, die sich nach den Hintergründen der Vorwürfe erkundigte, die in der letzten Zeit zunehmend in der Öffentlichkeit gegen Jugendämter erhoben werden.
 

 
Wir sind doch keine Kinderklaubehörde!“ – „Dilemma und Praxis der Jugendämter“ war der erste Titel dieser Tagung, den wir dann mit Rücksicht auf verschiedene Empfindlichkeiten in „Kindeswohl – Dilemma und Praxis der Jugendämter“ änderten. Wenn ich von Empfindlichkeiten spreche, wird deutlich, auf welch schwierigem Terrain wir uns mit dieser Tagung bewegen, und ich denke, dass genau dieses zu Beginn der Tagung anzusprechen ist.
 

 
Im Frühjahr 1995 fand hier die Tagung Sexueller Kindesmissbrauch in der Familie – Ein Vorwurf und seine Folgen statt. Ich stiess dabei auf Betroffene, die mir u.a. auch von Schwierigkeiten mit Jugendämtern berichteten. Solche Schwierigkeiten sind typisch für die Kommunikation zwischen Personen, wenn es um emotional hoch belastete Fragen geht. Familienfragen, insbesondere Familienstreitigkeiten und Eingriffe von aussen in die Familie gehörten schon immer zu den sensibelsten Erlebnisbereichen. Kein Wunder, dass die Emotionen hoch gehen, kein Wunder, dass jugendamtsmitarbeiter, Richter und andere Fachleute hier ein äusserst diffiziles Arbeitsfeld haben, kein Wunder, dass Missverständnisse entstehen und tief sitzende Verletzungen zugefügt werden, meist ohne böse Absicht, kein Wunder, dass sich Betroffene in ihrer Not an jeden wenden, der sie anhört, ihre Geschichte in den Medien aufgreift oder eine Tagung dazu macht. Denn sie erleben diese Vorgänge als Eingriff in ihren Lebensablauf, es geht um ihr Leben. Bei den professionell Beteiligten auf der anderen Seite geht es um die fast übermenschliche Anforderung, in diesem Umfeld Verständnis aufzubringen, Angriffe nicht persönlich zu nehmen, Argumente und Entscheidungen abzuwägen und dabei einen kühlen Kopf zu behalten, ohne herzlos zu sein. Sicherlich darf man von Profis mehr erwarten, als von nichtprofessionellen Betroffenen, aber auch ihnen wird man Grenzen der Belastbarkeit zubilligen müssen.
 

 
Wir haben auf dieser Tagung Betroffene und Professionelle zusammengeführt, damit sie miteinander ins Gespräch kommen, die einen mit ihrer Lebensnot, die anderen mit ihrem beruflichen Dilemma.
 

 

  • Wir wollen die Gründe für die Schwierigkeiten in der Kommunikation erkennen und sie berücksichtigen lernen.
     
  • Wir wollen die Verletzungen des anderen respektieren und neue Verletzungen vermeiden.
     
  • Wir wollen aus Streitpunkten Problembeschreibungen machen.
     
  • Wir wollen über die Sachlichkeit der Auseinandersetzung den Weg eröffnen zu einem menschenwürdigen Umgang miteinander.
     
  • Wir wollen Problempartnerschaft anstelle von Gegnerschaft oder gar Feindschaft.
     

Im Vorfeld der Tagung hatten wir über einige Zeitschriften und verschiedene Betroffeneninitiativen um Erfahrungsberichte gebeten. Selbstverständlich kommt einer solchen Umfrage keinerlei Repräsentativität zu, denn Menschen mit schlechten Erfahrungen sind eher bereit, sich zu äussern als andere.. Es gab darum auch nur wenige „positive“ Fälle. Dieses darf nicht verallgemeinert werden, und demgemäss haben wir auf eine zahlenmässige Auswertung verzichtet.
 

Den Beantwortern unserer Umfrage schickten wir eine Datenschutzerklärung, mit der sie die Mitarbeiter des Amtes von ihrer Schweigepflicht entbanden. Uns war klar, dass jeder nur auf den ihm zustehenden Datenschutz und, soweit er das Sorgerecht hat, auf den des Kindes verzichten kann. Nicht alle schickten uns die gewünschte Erklärung.
 

Danach schrieben wir die Jugendämter mit der Kopie der Datenschutzerklärung an. Das Echo darauf war sehr unterschiedlich, von der Bereitschaft, sehr detaillierte Informationen zu geben, bis zur völligen Ignorierung unseres Schreibens. In der Mehrzahl wurden trotz der Datenschutzerklärung immer noch Datenschutzprobleme gesehen, weil zu viele Personen involviert seien, die dann auch eine solche Erklärung unterschreiben müssten. Da wir eine Tagung und kein Forschungsprojekt vorbereiteten, konnten wir uns diesen Aufwand nicht leisten.
 

Nach gründlicher Sichtung der Fälle wandten wir uns noch einmal an die Betroffenen, mit der Bitte, uns zu bevollmächtigen, ihre Falldarstellung an das Jugendamt zu schicken. Den Jugendämtern schrieben wir, dass auch bei erweiterten Datenschutzvorstellungen in den meisten Fällen zumindest punktuell eine Gegendarstellung möglich sein müsste. Bei einem Jugendamt, dem besonders heftige Vorwürfe gemacht worden waren, versuchte ich, die Sache vorab telefonisch zu klären. Doch dieses Jugendamt sah sich ausserstande, selbst bei Vorwürfen massivster Art den Sachverhalt richtigzustellen bzw. sein Verhalten gegenüber dem Beschwerdeführer zu erklären, was ohne Verletzung der Datenschutzbelange dritter Personen ohne weiteres möglich gewesen wäre. Wie die Jugendämter im einzelnen reagiert haben, ist aus der Dokumentation ersichtlich, die hier vor (bei der Tagung – Anm. d. Red.) ausliegt. nicht abgedruckt sind die Fälle, in denen das Jugendamt schon beim ersten Anschreiben kooperativ war, die Betroffenen jedoch sich nicht mehr meldeten, wir also keine Autorisierung zur Veröffentlichung ihres Falles bekamen. Auch das spricht gegen eine verallgemeinernde Wertung der Fälle.
 

Lassen Sie mich hier von meinem eigenen Dilemma mit der Tagungskonzeption sprechen. Dass wir fast nur negative Schilderungen bekamen, war uns klar, und das meinten wir, hinreichend berücksichtigen zu können. Meine Zweifel angesichts unserer Fallsammlung wurden mir gestern nach noch einmal drastisch deutlich. In meiner Post hatte ich, gerade aus einer Woche Urlaub zurückgekehrt, ein Buch über den Fall Binckli in Freiburg gefunden. Ich las es wegen der vorgerückten Stunde nur kursorisch durch. In diesem seriös dokumentierten und von allen Seiten beleuchteten Fall haben alle unsere rechtsstaatlchen Sicherungen versagt. Es datiert von 1986, das Buch ist ganz frisch erschienen, im Jahre 1996. Die Unfähigkeiten der beteiligten Stellen in Diagnose, Prognose und Eingreifen kann nunmehr nach immer noch andauernder zehnjähriger Trennung der Eltern von vieren ihrer sechs Kinder auch am lebenden Beispiel nachkontrolliert werden, am ältesten, mit dem die Mutter drei Jahre untergetaucht war und am Neugeborenen. Auch ich habe in meinen Akten zumindest einen Fall mit einem sachlich völlig unhaltbaren Gutachten. Doch eine Vielzahl renommierter Gutachter, die das Erstgutachten einer Bewertung unterzogen, findet nach der Urteilsfindung des Gerichts kein Gehör. Der Vater, dem ein Missbrauchsvorwurf gemacht wurde, lebt erzwungenermassen und auch gegen den Willen seiner Frau von der Familie getrennt. Um der kleinen Tochter das Verschwinden des Vaters erklären zu können, befindet er sich offiziell auf einer langen Dienstreise. Seine Kollegen stecken, wenn sie auf Dienstreise sind, in anderen europäischen Städten seine Briefe an die Tochter in den Briefkasten.
 

Ein Fall, den wir hier nicht dokumentieren konnten, weil der Vater nach all den vergeblichen Bemühungen meint, nur noch durch Wohlverhalten Milde zu erfahren, darum keine weiteren Aufsässigkeiten. In einem anderen Fall telefonierte ich mit einer stellvertretenden Jugendamtsleiterin, sagte ihr, wenn die Falldarstellung von Herrn Müller stimme, müsse man wohl ihr Amt schliessen, sie könne doch sicher wenigstens punktuell, bei den gröbsten Vorwürfen, eine Gegendarstellung bringen. Das Amt verbarg sich hinter dem Schleider des Datenschutzes. Andere -mter hatten das nicht nötig, darum konnten wir sie hier dokumentieren, doch in diesen Fällen haben eher die Betroffenen die schlechten Karten. In wieder anderen Fällen stief ich am Telefon auf wohltuend differenzierende informationsbereitschaft, die jedoch neben eingestandenen Schwierigkeiten und Ungeschicklichkeiten des Amtes ein solches Spektrum menschlicher Problematik eröffneten, dass es sich einer kurzen, summarischen Darstellung entzieht. In einem Fall wenigstens wird trotz der Kooperationsverweigerung des Amtes aus dessen eigenen Unterlagen deutlich, wie zumindest in diesem Fall mit der Mutter nach Gutherrenart verfahren wurde, von oben herab. Das Dilemma, das ich hiermit benannt haben will, ist folgendes: Die Fälle dieser Tagung sind in keiner Weise hochzurechnen, weder für die Betroffenen, noch für die Jugendämter und die anderen beteiligten Institutionen. Wir können bestenfalls Typen misslungener Kommunikation aufzeigen, das ist das Manko dieser Tagung, aber auch ihre Chance. Die sollen wir gemeinsam nutzen.
 

 

Eine systematische Einteilung der Fälle wie auch des jugendamtlichen Handelns ist schwierig bis unmöglich. Lassen Sie mich darum meine eher subjektiven Eindrücke wiedergeben: Ich bekam sehr viel menschliches Leid auf meinen Schreibtisch, ganze Akten wurden uns zugeschickt mit Gutachten, Gerichtsentscheidungen und Jugendamtsschriftverkehr, ich erhielt Anrufe zum teuren Vormittagstarif per Telekom quer durch die Republik, manche Gespräche dauerten weit über eine Stunde, und ich erlebte Menschen, die ihren Fall längst abgeschlossen haben, aber aufgrund ihrer Erfahrungen sich verpflichtet fühlen, anderen zu helfen. Wenn ich die vielen Bemühungen Betroffener berücksichtige, ihre Geschichte auch in den Medien erzählen zu können (ich glaube zu wissen, dass es den meisten nicht um einen spektakulären Auftritt im Fernsehen geht), dann muss ich feststellen, dass es bei uns ein grosses Ausmass verletzten Rechtsempfindens gibt, Menschen, die sich ins Unrecht gesetzt fühlen, die ihre Ohnmacht erleben, denen niemand zu Hilfe kommt.
 
Das Problem ist, dass in vielen Fällen, in denen ich neben der Darstellung der Betroffenen auch eine des Jugendamtes bekam, beide Seiten, Jugendamt wie Betroffene, sehr gut und plausibel jeweils ihre Sicht der Dinge begründen konnten. Niemand hat irgendeinen Fehler gemacht, beide Seiten haben ausschliesslich Recht – gegeneinander. Gemessen an der Lebenserfahrung wie auch an Grundsätzen der Aussagepsychologie macht das beide Seiten verdächtig. Wie soll man zu halbwegs tragfähiger Kooperation zum Wohle des Kindes kommen, wenn man nicht in der Lage ist, auch über eigene gemachte Fehler, Fehleinschätzungen, Ungeschicklichkeiten oder nicht ganz gerechtfertigte Teilentscheidungen und voreilige Schuldzuschreibungen zu sprechen? Andererseits, wie soll man Fehler zugeben können, wenn man zu wissen meint, dass der andere nur nachstösst? Bei den Fällen, in denen ich differenzierte Informationen bekam und mir ein eigenes Urteil bilden konnte, merkte ich, wie zurückhaltend man mit seinem Urteil sein muss. Manche Fälle sahen schliesslich doch ziemlich anders aus, als es zunächst schien.

Aber es gab auch für mich nachvollziehbar Muster von Unrechtserfahrungen auf beiden Seiten, die ich nicht nur auf die subjektive Sichtweise der Betroffenen zurückführe. Wenn wir auf dieser Tagung solche Muster beschreiben können, wird die Tagung sich hilfreich auswirken für die anstehenden Beratungen der Kinderkommission mit den kommunalen Spitzenverbänden im Februar 1997, denn die Kinderkommission muss mit diesen Verbänden über die Verbesserung der Verfahren beraten, weil Jugendämter Einrichtungen kommunaler Selbstverwaltung sind. Von der Kinderkommission weiss ich, dass sie an den Ergebnissen unserer Tagung sehr interessiert ist. Darum lohnt es sich über die Grenzen der Tagung hinaus, wenn wir hier konstruktiv miteinander arbeiten.

Um unser Problemfeld kenntlich und etwas übersichtlicher zu machen, haben wir aus den Fällen, die uns erreicht haben, Fallgruppen gebildet. Es sind zugleich die Arbeitsgruppenthemen für den morgigen Vormittag. Ich möchte Ihnen hier als inhaltliche Einführung in die Tagung solche typischen Fälle vorstellen. (Die Fälle wurden in dieser Dokumentation aus Platzgründen weggelassen. Es handelt sich um beispielhafte Fälle für die jeweilige Fallgruppe. Sie wurden anonymisiert abgedruckt, ebenso die Stellungnahme des Jugendamtes, soweit sie abgegeben wurde. An einigen Beispielen wird sehr deutlich, wie unterschiedlich Realität wahrgenommen wird und dass man Stellungnahmen von einer Seite, egal von wem sie stammen, mit grosser Vorsicht begegnen muss. Interessenten können diese Fallsammlung gegen Kopier- und Portokosten bei der Evangelischen Akademie Bad Boll anfordern. Anm. d. Red.).

Da sind zunächst die Fälle, in denen Erwachsene auf dem Rücken der Kinder ihren Krieg auszutragen scheinen. Mal ist es ein Krieg um die Kinder, mal scheinen die Kinder nur Vorwand und Mittel zu sein, um aufeinander einzuschlagen.
 

Meist sind es Trennungs- und Scheidungsfälle. Für Aussenstehende fällt die Beurteilung leicht und schwer zugleich. Leicht, weil es zu naheliegend ist, den Krieg auf die Differenzen zwischen den einst vereinten, nun aber um so mehr zerstrittenen Partnern zurückzuführen: das Kind wird zum Faustpfand, zum Beleg, der oder die bessere zu sein, oder es wird zum Mittel, um finanzielle Vorteile zu erlangen. Schwer wird die Beurteilung, weil die Betroffenen an die Echtheit ihrer Argumente glauben, weil sie wirklich meinen, ihr Kind sei beim anderen Partner nicht gut aufgehoben, nur si böten Gewähr für eine gute und glückliche Kindheit. Aus ihrer Sicht haben sie recht.
 

Etwas anders gelagert, aber ähnlich sind die Fälle, in denen sich leibliche Eltern mit Pflegeeltern um Kinder streiten. Aufgrund irgendeines Ereignisses kam ein Kind zu Pflegeeltern, meist durch V ermittlung oder Eingriff des Jugendamtes. Entweder wurden die Pflegeeltern von den leiblichen nie akzeptiert, oder aber aufgrund veränderter Umstände wollen sie nun ihre Kinder zurückhaben. Doch die Kinder haben sich bei den Pflegeeltern eingelebt, warum auch immer. Und nun beginnt der Krieg.
 

Die nächste Rubrik haben wir mit „Kurzfristige Massnahmen mit langfristigen Folgen“ überschrieben. Krankheit und Krankenhausaufenthalt eines meist alleinerziehenden Elternteils oder andere momentane Überforderungen bei der Erziehungsaufgabe, auch Verdacht auf Vernachlässigung und Misshandlung oder Verdacht auf Missbrauch lassen Jugendämter, Familien- oder Vormundschaftsgerichte intervenieren. Sie setzen damit einen nicht mehr umkehrbar erscheinenden Prozess in Gang: Kinder bleiben bei den Pflegeeltern oder im Heim und die Rückführung wird entweder so radikal eingefordert, dass sie das Kindeswohl beschädigen würde odr alle Kontakte werden von Beginn an be- oder gar verhindert.
 

Eine völlig andere Gruppe stellt die Übertragung von Sorgerechten auf fremde Personen dar, obwohl Familienangehörige oder ein nichtehelicher leiblicher Vater bereit wären, die Erziehung zu übernehmen. „Sorgerecht – Warum nicht die Grosseltern oder andere Verwandte und Freunde?“ haben wir diese Fallgruppe benannt.
 

Sehr gut abgrenzbar ist die letzte Fallgruppe: „Ich will weg von Zuhause!“ Die „Selbstmelder“, ihre „Hinterbliebenen“, ihre „Aussichten“. Es handelt sich um zumeist jugendliche „Selbstmelder“. Sie erbitten von sich aus oder vermittelt durch Dritte Unterstützung des Jugendamtes, um sich ihrer Herkunftsfamilie zu entziehen. Inwieweit der Druck des Elternhauses tatsächlich unerträglich ist, wird nur selten mit Sicherheit beurteilt werden können. Die Eltern jedenfalls, besonders wenn sie dieser Art der Abnabelung nicht zustimmen, beobachten kritisch, welche Formen pädagogischen Widerstandes nun Jugendämter und nachfolgende Einrichtungen dem Jugendlichen entgegensetzen, um ein bestimmtes Leistungsverhalten (Schulbesuch und Schulerfolg, Absolvierung einer Lehre u.ä.) zu garantieren, oder ob und wie sie andere Verhaltensweisen mit Folgeproblemen wie Drogenmissbrauch oder ungeschützte Sexualkontakte unterbinden.
 

Diese Aufteilung des Problemfeldes nach Fallgruppen ist ein Notbehelf, und die Existenz einer Reihe von Querschnitthemen durch fast alle Fallgruppen hindurch zeigt, dass man menschliche Schicksale nicht einfach in sorgfältig beschriftete Schubladen quetschen kann. Solchen Querschnitthemen sind u.a.: -Umgangsrecht, – Akteneinsicht und Datenschutz, – Elternrecht/Kindesrecht/Kinderrechtskonvention, – Zeitfaktor, – Gutachter, – staatliche Fachaufsicht für Beratungsstellen u.ä., – -mer- und Sachbearbeiter-Karussell, – „Kidnapping“ und die normative Kraft des Faktischen, – die Rechtsmittelfähigkeit jugendamtlichen Verwaltungshandelns, – Gewaltenteilung. Dieses näher auszuführen ist hier nicht der Platz.
 

Aber lassen Sie mich noch einige Worte zur Konzeption der Tagung sagen: Sie haben bereits gehört, dass hier persönlich Betroffene mit in ähnlichen Fällen fachlich zuständigen Personen zusammen sind. Wir freuen uns, dass wir beide Gruppen, wenn ich das so nennen darf, zu dieser Tagung gewinnen konnten, und hoffen, dass wir keine unkontrollierbare Kettenreaktion auslösen. Da es sich in der Regel nicht um einen konkreten gemeinsamen Fall handelt, bietet sich die Chance, ohne Furcht und Hass über die Grenzen hinweg miteinander vernünftig zu reden und sich gegenseitig als ehrliche Menschen guten Willen wahrzunehmen. Das kann positive Auswirkungen haben auf den Umgang mit dem konkreten persönlichen Kontrahenten daheim.
 

Persönlich akut Betroffene haben absichtlich kein Referat und keinen Podiumsplatz erhalten. Einerseits führt die Betroffenheit tatsächlich sehr leicht zu verzerrter Wahrnehmung, andererseits würde den Betroffenen auch bei aller Objektivität zu leicht eine subjektive Sicht der Dinge unterstellt. Wir werden morgen früh Falldarstellungen aus unterschiedlicher Sicht haben. Dort kommen auch persönlich Betroffene zu Wort – näheres dazu morgen. Als Betroffene bringen Sie aber bitte Ihre Erfahrungen, dazu zähle ich auch die Gefühle von Wut und Ohnmacht, in die Arbeitsgruppen ein. Schliesslich habe ich nach der Zusammenstellung der Referate erfahren, dass es auch unter den Fachleuten ehemals Betroffene gibt. Sie werden also gut vertreten sein. Auch die Ausstellung, die wir heute abend eröffnen und die sich bereits hier im Raum befindet, ist ein Zeugnis von Betroffenen – doch dazu heute abend.
 

Ein letztes Wort noch zum Öffentlichkeitscharakter der Tagung: Viele sehen darin Problem. In verschiedenen Presseartikeln und Leserbriefen, besonders auch in den Nachmittags-Talk-Shows sind Betroffene an die Öffentlichkeit gegangen, und manche Jugendämter äusserten die Befürchtung, hier nur eine Neuauflage der Anschuldigungen gegen die -mter zu erleben. Doch das liegt hier anders. Erstmalig kann wohl aufgrund der Datenschutzerklärung der Betroffenen in einigen Fällen wenigstens eine ausgewogene Berichterstattung stattfinden. Einige Jugendämter haben das als Chance verstanden und dankbar davon Gebrauch gemacht, andere nicht, wie immer man das auch bewerten mag. Die Medienvertreter und -vertreterinnen, die ich hier ausdrücklich begrüsse, haben so die Möglichkeit einer fallangemessenen Berichterstattung – dies ist bitter nötig.
 

Wir haben alle Personennamen in der Dokumentation verändert, weil wir insbesondere den betroffenen Kindern keine Schwierigkeiten bereiten wollen. Sollte doch einmal eine Schwärzung in den Akten versehentlich unterblieben sein, bitten wir, die gewünschte Anonymität zu respektieren. Das gilt auch für die Fälle, in denen Betroffene auf der Tagung offen von ihrem Fall erzählen. Es gehört zu den elementaren Rechten, sein Leid offen zeigen zu dürfen und erlebtes Unrecht beim Namen zu nennen. Das hat seinen Platz hier in der Tagung und überall, wo die Betroffenen sich dieses Naturrecht nehmen. Für die Berichterstattung bitte ich Sie ab er herzlich um Anonymisierung mit Rücksicht auf die Kinder und andere, hier nicht anwesende, Beteiligte.
 

Tagungsprogramm, Auszüge

 


Kindeswohl – Dilemma und Praxis der Jugendämter

 

 

Eine Tagung der Ev. Akademie Bad Boll für alle, die für das Wohl von Kindern verantwortlich sind: für Eltern und Pflegeeltern, für Mitarbeiterinnen, Mitarbeiter und Führungskräfte in Jugendämtern, Familiengerichten, Beratungsstellen und Kinderheimen.
4. – 6. November 1996

 

 

Jugendämter und Familiengerichte arbeiten in einem schwierigen, weil emotionsgeladenen, Umfeld. Hier erfolgen oft Weichenstellungen für die Lebensläufe von Eltern und Kindern. Wem das Sorgerecht für sein Kind eingeschränkt oder abgesprochen wird, fühlt sich oft in die Rolle des Versagers oder gar Schuldigen gedrängt. Das Jugendamt wird dann nicht als „Dienstleistungsagentur für Kinder und Eltern“ erlebt, sondern als böses Schicksam, das man erdulden oder bekämpfen muss. Die Jugendämter jedoch sehen sich als Einrichtung, die es nach dem Urteil der Öffentlichkeit nur falsch machen kann. Sie greifen entweder zu früh oder zu spät ein. Dass die meisten „Fälle“ johne Reklamation verlaufen, Fachleuten schätzen 95 %, wird von der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen. Die Medien greifen lieber das Spektakuläre auf.
 

Nachdem die Diskussion über die Jugendämter nun einmal öffentlichen Charakter angenommen hat, Jugendämter aber aus Datenschutzgründen sich nie öffentlich wehren können, weill diese Tagung neben der fachlichen Diskussion auch einige Fälle unter Beteiligung des jeweiligen Jugendamtes öffentlich darstellen, dazu haben die Betroffenen auf ihren Datenschutz verzichtet. Das Mit- und Gegeneinander von Jugendamtsmitarbeitern, -mitarbeiterinnen und Betroffenen wird nicht einfach sein. Es ist auch weder möglich noch beabsichtigt, festzustellen, wer nun im Einzelfall Recht hat. Aber wir hoffen, dass wir im aufeinander Hören die zukünftige Kommunikation verbessern, damit Betroffene konstruktiv an einer guten Entscheidung für das Kind mitwirken können und sich nicht ausgegrenzt erleben. Es wird zu fragen sein, ob die Strukturen eines Jugendamtes überhaupt geeignet sind, bei Betroffenen Vertrauen als Basis für eine gelingende Beratung zu schaffen. Die Frage nach dem Umgangsrecht des Kindes und seiner nachhaltigen Umsetzung gehört ebenso angesprochen wie die nach einer zweiten Instanz o.ä. für jugendamtliche Entscheidungen.
 

Die Tagung will eine Chance geben für die faire und konstruktive Behandlung eines Problemkreises, in dem sich viele als Opfer wiederfinden. Ein konstruktiver Umgang miteinander und mit dem Thema soll helfen, dass in Zukunft betgroffene Kinder gute Bedingungen vorfinden, die ihren Bedürfnissen gerecht werden. Bei wem die Kinder auch immer aufwachsen mögen, sollte ihnen Zugang zu den Personen ermöglicht werden, die ihnen auch noch wichtig sind, seien es Vater, Mutter, Geschwister, Pflege- oder Grosseltern.
 

Die Tagung wird vermutlich das Interesse der Medien auf sich ziehen. Das sollte niemanden beunruhigen, denn das Thema ist ohnehin in den Medien – und der Zuschauer weiss oft nicht recht, was er nun für richtig halten soll. Die Medien werden jedoch gebeten, in ihrer Berichterstattung Namen und Wohnorte von Betroffenen und Jugendämtern zu ändern, um Unheil und üble Nachrede zu verhindern.
 

Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme !
 

Dierk Schäfer, Volker Stücklen

 

 

4. November 1996
 

14.30 Uhr    Einführung, Dierk Schäfer
15.30 Uhr    Kindeswohl – wie kann man es sichern ?Aufgabe und Sicht weise der Kinderkommission des Deutschen BundestagesDorle Marx, MdB, Kinderkommission
16.45 Uhr    Wenn Kinder zum Zankapfel werden …Kindesrecht, Elternrecht und das KJHGProf. Dr. Heinrich Kupffer, Univ. Berlin
19.00 Uhr    Strukturelle Probleme von Jugendamtsarbeit (Arbeitstitel)Prof. Dr. Uwe Jopt, Universität Bielefeld

5. November 1996

8.00 Uhr    Andacht
9.00 Uhr    Versuch einer AnnäherungEinige Falldarstellungen aus unterschiedlicher Sicht
10.00 Uhr    Arbeitsgruppen / Fallgruppen1. Man schlägt Erwachsene und man trifft KinderKinder als Opfer im StellungskriegAG 1a: Trennung und ScheidungAG 1b: Eltern und Pflegeeltern2. Kurzfristige Massnahmen mit langfristigen FolgenAG 2a: Erziehungs- und AufsichtsengpässeAG 2b: Verdacht auf Vernachlässigung und MisshandlungAG 3: Sorgerecht – Warum nicht die Grosseltern oder andere Verwandte und Freunde?AG 4: „Ich will weg von Zuhause!“Die „Selbstmelder“, ihre „Hinterbliebenen“, ihre Aussichten
15.00 Uhr    Arbeitsgruppenberichte
16.00 Uhr    Schwierigkeiten in der Kommunikation von Jugendämtern und Familiengerichten mit den streitenden ParteienChristine Knappert, Jugendamt Bad Salzuflen
17.00 Uhr    Zur derzeitigen Kritik an den Jugendämtern aus gerichtlicher SichtProf. Dr. Siegfried Willutzki, Präsident, Deutscher Familiengerichtstag
19.00 Uhr    Auswahl und Rolle des Gutachters im familiengerichtlichen VerfahrenElmar Bergmann, Fam.-Richter, Krefeld

6. November 1996

8.00 Uhr    Andacht
9.00 Uhr    PodiumsdiskussionKindeswohl und JugendamtWege aus dem DilemmaÀDorothea Berger, Min.-Dirigentin, KielÀFrau Biermann, Diplompsych., Selbsthilfegruppe MünsterÀProf. Jopt, Familientherapeut, BielefeldÀGeorg Kolb, Jugendamtsleiter, GöppingenÀUrsula Münz, FEM,

  • Christian Prestin, Richter, PotsdamÀProf. Dr. Siegfried Willutzki, Präsident des Deutschen FamiliengerichtstagesÀVolker Laubert, Vorsitzender des Kinderschutzbundes, Baden-WürttembergÀUrsula Körber, Forschungsprojekt „Kindeswohl zwischen Jugendhilfe und Justiz“, TU Berlin
    12.00 Uhr    Auswertung

    Liste der Vortragenden

    • Ernst Elmar Bergmann, Richter am Amtsgericht Mönchengladbach-Rheydt
    • Helga Biermann, Diplompsychologin, Selbsthilfegruppe Münster, Eichenhain 21, 48249 Dülmen
    • Prof. Dr. Uwe Jopt, Universität Bielefeld, Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft, Universität Bielefeld, Postfach 8540, 33615 Bielefeld
    • Christine Knappert, Sipl.-Sozialarbeiterin im Jugendamt Bad Salzpflen, Jugendamt Bad Salzuflen
    • Ursula Körber, Forschungsprojekt „Kindeswohl zwischen Jugendhilfe und Justiz“, Technische Universität Berlin, Franklinstrasse 28/29, 10587 Berlin
    • Prof. Dr. Heinrich Kupffer, geb. 1924, studierte Germanistik, Philosophie und klassische Philologie, und war nach seiner Promotion (1950) Lehrer, Erzieher und Heimleiter in verschiedenen Landerziehungsheimen. Von 1971 – 1986 war er Prof. für Sozialpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Kiel, heute im Ruhestand; weiter aktiv im sozialen und pädagogischen Bereich. Zahlreiche Veröffentlichungen in „Kinderschutz Aktuell“ des Deutschen Kinderschutzbundes. Anschrift: Am Grossen Wannsee 3, 14109 Berlin
    • Ursula Münz, „Flexible Erziehungshilfen für Mädchen zwischen 12 und 18 Jahren (FEM)“, Waiblingen Projekt des Weraheim Hebsack (Evang. Gesellschaft Stuttgart). Anschrift: Waiblinger Strasse 90, 71334 Waiblingen
    • Dr. Wolfgang Raack, Kerpen, Vormundschaftsrichter
    • Ministerialrat Dr. Reinhard Wiesner, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Godesberger Allee 140, 53175 Bonn


    Dorle Marx, MdB, Bonn: Grusswort

    Abschrift, Deutscher Bundestag, Kommission zur Wahrnehmung der Belange der Kinder (Kinderkommission), Tagung „Kindeswohl – Dilemma und Praxis der Jugendämter„, Ev. Akademie Bad Boll, 4.-6. November 1996

    Die Kinderkommission des Deutschen Bundestags befasst sich aufgrund einer Reihe von Eingaben von Betroffenen seit längerem mit dem Thema „Arbeit und Kontrolle der Jugendämter“. Die Kritik in den Eingaben richtet sich vor allem auf folgende Bereiche:

    • Initiativen und Stellungnahmen von Jugendämtern in Gerichtsverfahren vor den Vormundschaftsgerichten, die Herausnahme eines Kindes aus der Familie bei Kindeswohlgefährdung wegen Misshandlung, Missbrauch oder Vernachlässigung gerichtet sind, insbesondere bei einstweiliger Anordnung in Verdachtsfällen;
    • Stellungnahmen von Jugendämtern in Gerichtsverfahren vor den Familiengerichten zur Entscheidung über die elterliche Sorge nach Trennung und Scheidung;
    • Massnahmen des Jugendamtes zur Ausübung der Personensorge, wenn es durch das Vormundschaftsgericht wegen Kindeswohlgefährdung zum Vormund oder Pfleger bestellt worden ist;
    • Begleitung von Pflegeverhältnissen durch das Jugendamt, insbesondere Zusammenarbeit mit der Herkunftsfamilie im Hinblick auf eine Rückkehr des Kindes sowie die Aufrechterhaltung von Kontakten zum Kind.

    Die Kinderkommission befasste sich schon in der vorigen Wahlperiode mit der hier bestehenden Problematik. Hierzu wurden Gespräche mit den zuständigen Bundesministerien, obersten Jugendbehörden von Bundesländern sowie Kinderärzten und -psychologen geführt und die Bundesregierung gebeten, Möglichkeiten einer Verbesserung der Arbeit und Kontrolle der Jugendämter im Rahmen der Kindschaftsrechtsreform und im Bereich des Kinder- und Jugendhilfegesetzes zu prüfen.

    In dieser Wahlperiode wurde der Dialog mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend fortgesetzt und im Februar d.J. ein Gespräch mit der Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter geführt. Da die Jugendhilfe zu den klassischen Aufgaben der kommunalen Selbstverwaltung gehört, werden wir die Problematik in naher Zukunft auch mit den kommunalen Spitzenverbänden erörtern.

    Im Rahmen der Kindschaftsrechtsreform stehen u.a. folgende Vorschläge des Regierungsentwurfes derzeit zur parlamentarischen Beratung an:

 

  • Förderung der aussengerichtlichen Beratung von Eltern durch Jugendämter und freie Jugendhilfeträger hinsichtlich der elterlichen Sorge nach Trennung und Scheidung (Hinweispflicht des Familiengerichts und Verfahrensaussetzungs-Entwurf § 52 FGG);
  • Bestellung eines Verfahrenspflegers für das Kind („Anwalt des Kindes“), inbesondere in Gerichtsverfahren betreffend die Herausnahme eines Kindes aus der Familie wegen Misshandlung, Missbrauch oder Vernachlässigung (Entwurf § 50 FGG).

 

 
Folgende Verbesserungsmöglichkeiten sind -auch nach einer von der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gegenüber der Kinderkommission abgegebenen Stellungnahme- erwägenswert:
 

  • Organisatorische und personelle -nderungen in den Jugendämtern mit dem Ziel, die unterschiedlichen Funktionen und Aufgabenstellung des Jugendamtes (Beratung und Hilfe, Initiativen und Stellungnahmen in Gerichtsverfahren; Massnahmen als Amtsvormund oder -pfleger) besser transparent zu machen;
     
  • Fortbildung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Jugendämter;
     
  • kollegiale Beratung („Teamkontrolle“) und Supervision in den Jugendämtern.
     

 
Die Landesjugendämter haben gegenüber der Kinderkommission ihre Bereitschaft erklärt, problemspezifische Fortbildungen und Beratungen für die Jugendämter anzubieten.
 
In diesem Zusammenhang werden wir auch diskutieren, ob es zweckmässig ist, die Rechtsaufsicht über die Jugendämter auf Fachbehörden der Jugendhilfe zu übertragen (statt bisher meist Behörden der allgemeinen inneren Verwaltung).
 
Die Kinderkommission ist an den Ergebnissen der Tagung in Bad Boll interessiert und wird diese in ihre weiteren Beratungen einbeziehen. Ich wünsche der Tagung einen guten Verlauf und Erfolg.
 

Prof. Dr. Heinrich Kupffer
„Wenn Kinder zum Zankapfel werden“
 
Referat, Tagung „Kindeswohl – Dilemma und Praxis der Jugendämter„, Ev. Akademie Bad Boll, 4.-6. November 1996
 
Zuerst will ich klären, wie ich mein Thema auffasse. Dazu nenne ich drei Punkte:
 

      1.Ich will nicht einzelne Fälle herausgreifen, in denen Kinder zum Zankapfel werden, um dann zu untersuchen, was mit ihnen geschieht. Vielmehr will ich zeigen, wie die Stellung des Kindes als Zankapfel möglich wird, wodurch Erwachsene dazu kommen, Kinder zu instrumentalisieren, welche Vorstellung von Verantwortung und menschlichen Beziehungen in einer Gesellschaft wie der unsrigen vorausgesetzt wird.

 

 

      2.Ich will nicht die Handlungsweisen einzelner Behörden-Mitarbeiter angreifen. Die mir bekannten grotesken Fehlentscheidungen von Jugendämtern lassen mich vielmehr vermuten, dass hier nicht einfach menschliche Schwäche, sondern eine strukturelle Schwierigkeit vorliegt. Ich will also mit den inhaltlichen Problemen auch die Stellung des Jugendamtes selbst objektivieren. Ich will zeigen, in welcher gesellschaftlichen Situation sich Jugendhilfe heute abspielt.

 

 

      3.Ich betone, dass ich kein Jurist bin, sondern Sozialpädagoge. Ich werde mich daher nicht auf Einzelheiten rechtlicher Fragen einlassen. Sondern ich will das Problem unter gesellschaftlichem Gesichtspunkt angehen. So interpretiere ich das KJHG auch nicht juristisch, sondern sozialwissenschaftlich, als Ausdruck der Mentalität und der Erwartungen unserer Gesellschaft. Dies geschieht in der Erörterung von fünf Thesen, die logisch aufeinander aufbauen.

 

 

 
These 1:    Die Gesellschaft wird komplexer, die Pädagogik schwieriger
 

 
Das alte RJWG mit dem Konzept des Jugendamtes stammt aus einer Zeit, in der eine andere Bewusstseinslage vorherrschte als heute. Die gesamte Denkweise im pädagogischen Bereich, im Umgang mit Kindern, im Stil der Erziehung und Behandlung, war einfacher und holzschnittartiger. Es war klar, dass Kinder von Erwachsenen kominiert werden und ihnen faktisch ausgeliefert sind. In der Erziehungspraxis gab es keinen Einfluss der noch kaum entwickelten Sozialwissenschaften. Der Begriff der Kinderrechte war so gut wie unbekannt. Das Klima in den Familien und Schulen war, von heute aus gesehen, äusserst autoritär. Man machte mit dem einzelnen Kind nicht viele Umstände. Schwierige Probleme, wie etwa heute sexueller Missbrauch oder Kinderpornographie waren nicht im Blick.
 
Dazu passte auch die unbefangene Einteilkung in normale und auffällige Kinder, die Gliederung nach wenigen groben Merkmalen. Man zweifelte nicht daran, dass es eben die Mehrheit der normalen und eine Minderheite der randständigen, abweichenden und behandlungsbedürftigen Kinder gab. Lange vor der Nazizeit war in manchen Kreise der Gedanke der Selektion, der Herausnahme von irgendwie auffälligen Kindern üblich. Man sprache bei Behinderten ohne Scheu von „Geisteskrüppeln“, von der „Minusvariante“, gegen die sich der gesunde Volkskörper zu schützen haben. Und Begriffe wie „Untermensch“ oder „Unkraut“ waren bereits vor 1933 durchaus verfügbar. Die gesamte Lebenswelt auf dem pädagogischen und sozialen Sektor war viel undifferenzierter als heute. Ich habe das selber noch erlebt (Vgl.: Die Zeit, 9, 12, 95, S. 58).
 
In diesen Kontext gehörte die herrschende Meinung, dass der Staat Zugriff auf auffällige Kinder haben muss, um etwas mit ihnen zu machen. Begriffe wie „verwahrlost“ und „von Verwahrlosung bedroht“ wurden so gebraucht, als ob sie klare Tatbestände bezeichneten. Dies blieb auch noch Grundlage des JWG aus den 60-er und 70-er Jahren. Mit dem Aufkommen der Sozialwissenschaftler setzte in dieser Zeit eine Spezialisierung ein. Man machte sich die neuen verfügbaren Instrumente zunutze. So entstanden die Lernzielkataloge und Taxonomien. Es schien klar, dass Kinder von kundigen Pädagogen behandelt und in die gewünschte Richtung gebracht werden konnten. Das Kind fungierte als das zu bearbeitende Wesen. Dies begünstigte die Sonderung auffälliger Kinder nach bestimmten Merkmalen und führte zum Aufbau von Spezialeinrichtungen, wo jeweils Kinder mit dem gleichen Symptom zusammengefasst wurden.
 
Die Vorstellung von einer eigenen Position des Kindes im rechtlichen und sozialen Sinne blieb ebenso ausgeblendet wie ein Verständnis für die Dimension der zwischenmenschlichen Beziehungen. Noch als ich in den 60-er Jahren als Hochschullehrer anfing, war der Begriff der „Beziehung“ in der pädagogischen Szene kaum bekannt. Wer ihn damals schon anwendete, stiess auf Unverständnis der Kollegen. Denn sich als Pädagoge ohne jegliche ideologische Vorgabe mit dem Phänomen des interpersonellen Umgangs auseinanderzusetzen, war ungewohnt. Dass man das Zusammenleben von Erwachsenen und Kindern überhaupt als Beziehungsgeflecht begreifen könnte, als komplexe Konstellation in einem Spannungsfeld, war neu.
 
Erst allmählich setzte sich die Erkenntnis durch, dass die alte Bearbeitungspädagogik, die das Kind einem im voraus gesetzten Ziel zuführen wollte, am Ende war. Man erkannte, dass Menschen in sensiblen Konstellationen zusammenleben, wo Interaktionen stattfinden und das Verhalten eines Mitglieds das Verhalten der anderen beeinflusst. Das hiess aber auch, dass der Zugriff einer Behörde auf ein einzelnes auffälliges Kind neu reflektiert werden musste.
 
Heute ist die Lage unübersichtlich. Man weiss mehr über die Strukturformen menschelicher Beziehung, man geht nicht mehr von allgemein verbindlichen und flächendeckend verfügbaren Massnahmen aus. Das Bewusstsein hat sich gewandelt. Die Frage ist aber, ob der Gesetzgeber und die mit der Anwendung der Gesetze betrauten institutionen und -mter diesen Wandel des Bewusstseins hin zum Verständnis einer komplexen Gesellschaft mitvollziehen.
 
Das KJHG versucht, diesem Wandel Rechnung zu tragen. Ob das gelungen ist, werden wir später untersuchen. Im ganzen darf bezwifelt werden, dass die Gesellschaft insgesamt bereits eine differenzierte Einschätzung gewonnen und sich mit Problemen der unterschiedlichen Wertbezüge, des Mangels an einheitlichen Erziehungsvorstellungen, des Autoritätsverlustes der Erwachsenen oder des Selbstverständnisses von jungen Menschen wirklich beschäftigt hat. Gerade weil diese Gesellschaft von niemandem mehr überblickt werden kann, könnte es vielmehr sein, dass das Individuum immer mehr zum Einzelkämpfer wird und sich seinen Mitmenschen gegenüber rigoros zu verwirklichen sucht. Das führt uns auf die nächste These, die mit der Position der Kinder zu tun hat.
 

 
These 2:    Kinder sind Verhandlungsmasse im Streit der Erwachsenen
 

 
In einer sich ausdifferenzierenden Gesellschaft wird die Situation des Kindes unklar, denn es steht am Kreuzungspunkt mehrerer Interessen, Gesetze und pädagogischen Strömungen. Dass Kinder nicht Frachtgüter sind, die hin und her geschoben werden können, oder Faustpfänder, mit denen man andere unter Druck setzen darf, sondern Wesen mit eigenem Lebensschicksal, hat sich vielfach noch nicht herumgesprochen.
 
So erhebt sich die Frage: Wem gehören eigentlich in unserer Gesellschaft die Kinder? Früher war es in ländlichen Gegenden üblich, allein angetroffene Kinder zu fragen: Wem gehörst Du? Heute wird sicherlich kaum noch jemand so eine volkstümliche und hinterwäldlerische Frage stellen. Man würde das wenigstens anders ausdrücken. Aber die Frage: „Wem gehören die Kinder“? ist auch heute durchaus berechtigt, wenngleich vor anderem Hintergrund als damals.
 
Wir fragen heute: Wem gehört mein Partner? Und wenn er nicht mir gehört, wem sonst? Ich habe Besitzansprüche an die Menschen meiner Umgebung. Zwar will niemand einem anderen gehören und sich von ihm ausbeuten lassen. Aber den anderen besitzen will man gern. Aufgrund dieser verbreiteten Subjekt-Objekt-Haltung werden vor allem Kinder zum Mittel in der Auseinandersetzung zwischen Erwachsenen. Kinder können als Geiseln genommen und dazu gebracht werden, den Partner des sexuellen Missbrauchs zu bezichtigen. Sie fungieren als Mittel zum Zweck. Sie stärken die Macht des besitzenden Erwachsenen gegen andere Erwachsene. Es ist daher nicht so, dass die Gesellschaft im ganzen in Ordnung ist und Kinder nur in Ausnahmefällen zum Zankapfel werden. Die Gesellschaft verfährt vielmehr so, dass Verfügungsmacht, Besitzstandswahrung und Interessendurchsetzung faktisch als legitime Aktionsformen gelten. Es gibt offenbar kein verbindliches Kriterium, nach dem Kinder anders behandelt werden müssen als Sachen.
 
Die Zankapfel-Position ist also in der Gesellschaft angelegt. Die Flüchtigkeit der Beziehungen, die Unzumutbarkeit einer länger andauernden Beziehung, der Drang und der Anspruch zur sofortigen Bedürfnisbefriedigung, der Mangel an zwischenmenschlicher Verantwortung bringen das Kind noch vor jedem akuten Streit in die potentielle Zankapfel-Position. Die Konstellation der streitenden Erwachsenen wird mit Hilfe des Kindes so realisiert, als ob es sich um eine einmal eingegangene, aber nun leider zerstörte Zweierbeziehung handelte. Dass Kinder eine chronische Zuwendung erfordern und mit der Verlässlichkeit der Erwachsenen rechnen müssen, wird dabei übersehen.
 
Diese Lage kommt nicht von ungefähr, sondern ist Ausdruck einer eigentümlichen Dialektik. Je mehr man offiziell Kinder ins Zentrum der Bemühungen rückt, je genauer man ihre materiellen und psychischen Bedürfnisse definiert, je differenzierter man ihre Stellung einschätzt, desto mehr eignen sich Kinder zur Erpressung. Was für das Kind gedacht war, wandelt sich gegen das Kind. Denn es kann dann leicht behauptet werden, dass ein anderer Erwachsener diese Belange des Kindes an einem empfindlichen Punkt verletzt hat. Denken wir an die Fabel vom Kreidekreis. Heute würde vielleicht der falsche Elternteil recht kriegen, denn dieser tut etwas, setzt sich in Szene, hat den Vorsprung bei der Beschuldigung der Gegenpartei.
 
Die Bereitschaft, den anderen mit Hilfe des Kindes zu erpressen oder zu bestrafen, ist uralt und hat bereits in der antiken Medea eine grausige Gestalt gefunden. Heute nehmen solche Vorgänge selten das Ausmass von Rachetragödien an, denn oft sind sie nur Ausdrucksformen der auch sonst üblichen Einstellung zum Problem der Beziehungen. Der postmoderne Mensch muss sich nicht unbedingt für seine Mitmenschen verantwortlich fühlen. Er wird allgemein, vor allem in der Werbung, so angesprochen, als glichen seine Beziehungen denen eines Singles, der gelegentlich eine Party besucht und sie auch gleich wieder verlassen kann. Das Besitzdenken ist weit verbreitet und gehört zum allgemeinen Anspruchsdenken. Was mir gehört, darf mir nicht vorenthalten werden. An diesem Umgang mit Kindern können wir ablesen, welche Vorstellung von der Funktionsweise gesellschaftlicher und persönlicher Beziehungen wir überhaupt pflegen.
 
Die Frage, wem die Kinder gehören, hat heute etwa den Sinn: Wer hat Zugriff auf das Kind, wer darf das Wohl des Kindes interpretieren, wer ist als Kinderschützer berufen, wer darf über das Kind verfügen? Das zeigt sich mitunter ganz praktisch bei der Erhebung von Daten. Dass das, was etwa ein Jugendamtsmitarbeiter durch Befragung oder sogar monatelange Ausforschung über Kinder herausfindet, schützenswerte Daten sein könnten, wird häufig vergessen. So gerät das Kind gerade unter dem Vorzeichen des Schutzes in einen ungeschützten, rechtsfreien Raum. Der Kinderschutz wird damit zur Metapher, mit der das eigene Interesse von einzelnen Erwachsenen oder -mtern maskiert wird.
 
An der zweifelhaften Stellung des Kindes in unserer Gesellschaft wird der Gegensatz von Kindesrecht und Kindeswohl deutlich. Auf den ersten Blick sind wir vielleicht geneigt, das Recht des Kindes eben darin zu sehen, dass alles geschehen muss, was seinem Wohl dient; so etwa das Recht auf einen Kindergartenplatz. Dieses kann zweifellos auch pädagogisch begründet werden, ist aber ein Recht der Erwachsenen, das ihren Interessen dient. Wohl und Recht sind zwei Belange, die auf verschiedenen Ebenen lieben und sich nicht aufeinander zurückführen lassen. Als Erwachsener habe ich das Recht, auch gegen mein Wohl zu entscheiden. Denn das Recht, mich z.B. gegen die Vereinnahmung durch Staat und Gesellschaft zur Wehr zu setzen und vielleicht auf eine mögliche Karriere zu verzichten, betrifft mich persönlich.
 
Dagegen ist das Wohl eine flächendeckende Grösse, die für viele gilt, z.B. die Überwindung der Wirtschaftskrise. Beim Kind bleibt dieser Untgerschied meist verborgen, weil das Recht irrtümlicherweise aus den kindlichen Bedürfnissen abgeleitet wird. Sobald aber das Recht hinter das Wohl zurücktritt, herrscht Fremdbestimmung statt Selbstbestimmung.
 
Eine Identität von Recht und Wohl kann nur in totalitären Systemen behauptet werden, die kein individuelles Menschenrecht kennen. Worin das Recht des Kindes eigentlich besteht, wie weit es reicht, durch wen es vertreten wird, ist eine offene Frage. Das KJHG fasst beides zusammen: Das Recht gehört zum Katalog der Hilfen und Angebote, das Wohl zum Katalog der „anderen Aufgaben“ und Eingriffe. So wird versucht, ein im Grunde unmögliches Vorhaben durch unauffällige Formulierungen griffig zu machen. Dies leitet über zur folgenden These, die sich auf die gesetzlichen Grundlagen bezieht.
 
These 3:    Das KJHG weist Widerspräche auf und stützt         Fiktionen

 

      Die Bemühungen um die Jugendpflege in der Weimarer Republik, die teils auch Impulse aus der Jugendbewegung aufnahmen, wurden im RJWG erstmalig zusammengefasst. Das KJHG unterscheidet sich davon in wesentlichen Punken. In beiden Gesetzen wird zwar die Jugendhilfe wesentlich subsidiär verstanden. Aber im KJHG steht offiziell die Hilfe im Zentrum. Deswegen werden die nach wie vor bestehenden Eingriffsmöglichkeiten nicht mehr in den Vordergrund gestellt. Das Gesetz trägt dem Bestreben Rechnung, den freien und den ordentlichen Bürger unter einen Hut zu bekommen. Da das nicht gelingen kann, kommt es zu Fiktionen, von denen hier beispielhaft fünf genannt werden.

 

 

      1.Das Gesetz will qualitative Ziele verfolgen und die Erziehung inhaltlich beeinflussen („Erziehung zur eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“). Diese Vermischung von rechtlichem und pädagogischem Denken finden wir sonst nur in Diktaturen. Das KJHG delegiert eine zentrale gesamtgesellschaftliche Aufgabe an die Institutionen der Jugendhilfe. Dieser Auftrag bezieht sich keinesweigs nur auf randständige, sozial schwache oder akut gefährdete junge Menschen, sondern auf die Jugenderziehung schlechthin. Der Jugendhilfe wird eine Aufgabe zugewiesen, die allenfalls ein mit maximalen Vollmachten ausgestatteter, in einer zentralen Verwaltung angesiedelter, über der normalen Lebenswelt schwebender Gehirntrust ausüben könnte, und auch da nur theoretisch.

 

 

      2.Das KJHG unterscheidet zwischen Leistungen und (anderen) Aufgaben. Es setzt eine im Prinzip intakte, wohlgeordnete und emanzipierte Gesellschaft voraus, in der professionelle Mitarbeiter einer wohlinformierten Klientel gegenüberstehen. Das Leistungsprinzip des KJHG folgt dem in der Gesellschaft üblichen Modell von Dienstleistungen. Es sieht vor, dass die Institutionen der Jugendhilfe etwa wie Reisebüros funktionieren, die dem Kunden, der schon weiss, wohin er will, die günstigsten Reisemöglichkeiten heraussuchen. Doch faktisch ist die Hilfe durch das Amt immer schon der erste Schritt zur Kontrolle. Weil die Hilfe in Kontrolle umschlägt, ist die Einteilung des Gesetzes in Hilfen und andere Aufgaben Augenwischerei. Die Helferin, die in die Familie Eingang findet, erwirbt damit ein Stück Bestimmungsgewalt. Dabei wechselt unmerklich das Subjekt der Dienstleistung. War zunächst die Familie die Nachfragerin nach einer Hilfeleistung und also Subjekt dieses Vorgangs, so übernimmt die Helferin diese Rolle und wird ihrerseits zum Subjekt, das nunmehr die Initiative ergreift und sich die Familie verfügbar macht. Hilfe und Kontrolle schliessen einander aus. Sollen sie in der Praxis dennoch zusammengebracht werden, so führt das zu einer gewissen Schizophrenie.Der Jugendhilfe wird eine Aufgabe zugewiesen, die allenfalls ein mit maximalen Vollmachten ausgestatteter, in einer zentralen Verwaltung angesiedelter, über der normalen Lebenswelt schwebender Gehirntrust ausüben könnte, und auch da nur theoretisch.

 

 

      3.Das Gesetz setzt voraus, dass der Klient eine bestimmte, zielgerichtete Hilfe abrufen darf. Die Komplexität der Situation, in der diese Hilfe möglich wird, muss dabei offiziell nicht zur Sprache kommen. Es wird in dem Glauben gelassen, sein Hilfeersuchen werde auch ebenso gezielt beantwortet. Er rechnet nicht damit, dass die eingeleitete Hilfsmassnahme das gesamte Familienleben betreffen könnte. Der Klient wird durch den Wortlaut des Gesetzes getäuscht. Der Hilferuf nimmt eine andere Bedeutung an, je nachdem, ob er vom Klienten oder von dem helfenden Amt gedeutet wird. Beispiel: Eine Mitarbeiterin des Jugendamtes wird wegen schulischer Schwierigkeiten eines Mädchens in eine Familie gerufen. Sie wittert sexuellen Missbrauch und setzt eine Lawine in Gang, die die betroffene Familie unter sich begräbt. Der Vorwurf erweist sich als unbegründet und kann nicht aufrechterhalten werden. Aber bis das klar ist, ist nicht nur die Familie kaputt gemacht, sondern auch ein immenser Geldbetrag verschleudert worden.Der Jugendhilfe wird eine Aufgabe zugewiesen, die allenfalls ein mit maximalen Vollmachten ausgestatteter, in einer zentralen Verwaltung angesiedelter, über der normalen Lebenswelt schwebender Gehirntrust ausüben könnte, und auch da nur theoretisch.

 

 

      4.Dem Jugendamt obliegt das gesetzlich vorgeschriebene Wächteramt der staatlichen Gemeinschaft. Das Modell sieht so aus: Die Gesellschaft ist im ganzen klar. Eltern stehen pädagogisch im Zentrum, bekommen aber Hilfe, wenn es zu kompliziert wird. Das Jugendamt weiss also, wie eigentlich erzogen werden müsste, aber es lässt den Eltern zunächst den Vortritt. Diese Konstruktion beruht auf einem totalitären Gesamtkonzept, das davon ausgeht, das Amt habe die Norm der Gesellschaft verinnerlicht und sei dafür zuständig. So wird der Anspruch erhoben, dass das Amt die Gesellschaft in ihrer ganzen Komplexität überschaut. Denn man kann ja einen einzelnen Eingriff nur vertreten, wenn man den gesamten Kontext kennt. Dies fördert Fiktionen: die Fiktion des Gesamtüberblicks (Gefahr im Verzuge), die Fiktion der gesetzlichen Erfassung der gesamtgesellschaftlichen Erfordernisse, die Fiktion, dass man weiss, wie eine normale Familie leben soll, die Fiktion, dass in unserer Gesellschaft feste und allgemein anerkannte Massstäbe gelten.Der Jugendhilfe wird eine Aufgabe zugewiesen, die allenfalls ein mit maximalen Vollmachten ausgestatteter, in einer zentralen Verwaltung angesiedelter, über der normalen Lebenswelt schwebender Gehirntrust ausüben könnte, und auch da nur theoretisch.

 

 

      5.Folglich ist auch die aufgenötigte und verordnete Professionalität des Jugendamtes eine solche Fiktion. Das Amt wird in diese Rolle hineingezwungen. Es muss handeln, als ob es alles besser wüsste. Auch das Gericht erwartet das von ihm. Das Gesetz hat hier eine Instanz geschaffen, die eine Lücke ausfüllen soll. Der Gesetzgeber will ein inhaltliches und gesellschaftliches Problem, das sonst niemand lösen kann, durch Klärung der Zuständigkeit auflösen. So muss sich das Amt einer Sache annehmen, die seine Kompetenz bei weitem übersteigt.Der Jugendhilfe wird eine Aufgabe zugewiesen, die allenfalls ein mit maximalen Vollmachten ausgestatteter, in einer zentralen Verwaltung angesiedelter, über der normalen Lebenswelt schwebender Gehirntrust ausüben könnte, und auch da nur theoretisch.

 

 
Zusammenfassend lässg sich sagen: Die Gesetze beziehen sich auf eine fiktive Welt. Sie leben virtuelle Konstellationen und Beziehungen zugrunde und veranlassen die zuständigen Institutionen zu einem riesigen Spiel, dessen Regeln niemand mehr durchblickt. Wie sich die Jugendhilfe darauf einstellt, ist Gegenstand der vierten These.
 

These 4:    Gesellschaftliche Stellung und Aufgaben des Jugendamtes sind unklar
 
Im beschriebenen Auftrag an das Amt kommt der Grundwiderspruch im Gesetz von Hilfe und Kontrolle, von Freiheit und Unfreiheit wieder zum Ausdruck. Auch hierzu fünf Punkte:

 

      1.Das Jugendamt soll Familien bei der Erziehung unterstützen, denn jedes Kind hat ein Recht auf Erziehung. Zugleich soll es Fehlentwicklungen vermeiden helfen und Kontrolle über die Familie ausüben. Damit bekommt es eine übergreifende, letztlich für die Erziehung insgesamt verantwortliche Position. Es kann, wenn es bescheiden bleibt, die Selbständigkeit einer Familie stärken. Es kann diese Familie aber auch entmündigen. Das Amt handelt, „wenn es erforderlich ist“, so, als gäbe es eine darüber schwebende Instanz, die das Erfordernis festlegt und als leiste es selber nur Vollstreckung notwendige Eingriffe. Das Amt erhält einen Status, in dem es fast alles kann, darf und weiss. Daraus ergibt sich eine Grundspannung zwischen Hilfe und Kontrolle, Schutz des Kindes und Bestimmung über das Kind, Helferrolle und Expertenrolle, zwischen dem Bescheidwissen vor Ort und dem darüber schwebenden Gesamtbewusstsein. Dazu gehört auch das Definitionsmonopol im Hinblick auf das Wohl des Kindes.

 

 

      2.So kommt es zu Eingriffen, wie sie im Gesetz vorgesehen sind. Dass bei direkter Gefahr eingegriffen werden muss, ist zwar richtig und gesellschaftlich vernünftig. Aber welche Gefahren stehen dem Amt vor Augen? Komplexe Gefahren, die sich über einen längeren Zeitraum hinziehen und sozialer und psychischer Natur sind, kommen kaum in Betracht. Die Gefahr muss vielmehr in greifbaren Phänomenen liegen und einen konkreten Eingriff ermöglichen. Der Eingriff ist also zwar punktuell und auf einzelne Pänomene gerichtet, aber er setzt einen Überblick darüber voraus, wie es eigentlich sein müsste. Der Eingriff geschieht nur scheinbar ad hoc. In Wirklichkeit setzt er eine Norm, die allgemein gelten soll. Das Amt verfährt so, als ob es alle Familien in seinem Umkreis kennt und chronisch beobachtet hat. Es normiert damit das Verhalten der Familie. Es schafft eine Art Mehrwert, in dem es sich der Mitglieder dieser Familie ingesamt bemächtigt und damit den Einzeleingriff ausweitet. Die Interpretation der Gefahr und der Eingriff zu deren Abwehr lieben in einer Hand. Dass der Eingriff selber eine Gefahr darstellen und und eine kritische Situation erst hervorrufen könnte, bleibt unberücksichtigt. Die aufgenötigte Eingriffsmacht wird zu einer realen, legitimen Urteilskompetenz umgedeutet. Ich nenne das die statusbedingte Arroganz.

 

 

      3.Das Jugendamt wird an seiner Handlungsfähigkeit interessiert sein. Das zeigt sich vor allem an Fällen, in denen es um die Herausgabe von Kindern, die in Pflegefamilien aufgewachsen sind, an die leiblichen Eltern geht. Beispiel aus einem jugendamtlichen Gutachten: „Gewiss ist die Lehre der faktischen Elternschaft bekannt. Man kann sie aber nicht unterschiedslos anwenden. Denn sonst könnten es Jugendämter nicht mehr wagen, Kinder auf Jahre in Pflegefamilien unterzubringen. Sie könnten Kinder dann entsprechend der Bindungslehre den leiblichen Eltern nicht mehr zurückverschaffen.“ (Klussmann, R. / Stötzel, B.: Das Kind Kind im Rechtsstreit der Erwachsenen. München / Basel 1995, S. 137). Will also das Amt seine Eingriffskompetenz behalten, so wird es das einzelne Kind diesem Ziel opfern und sowohl dessen Recht als auch dessen Wohl ignorieren müssen. Es wird die Situation des einzelnen Kindes nicht von seiner Lebenslage aus, sondern von den eigenen Interessen aus uminterpretieren. Dieser Selbsterhaltungsdrang verführt -mter auch dazu, ihre Grenzen zu überschreiten und rechtlich fragwürdige Praktiken anzuwenden. Beispiel: Ein Jugendamt arbeitet längere Zeit vertrauensvoll mit einer Pflegefamilie zusammen. Als ein (unbegründeter) Verdacht auf sexuellen Missbrauch auftaucht, gibt das Amt Daten über die Familie weiter, verwendet sie gegen die Familie und lässt Kinder ohne Wisen der Erziehungsberechtigten und der Lehrer beobachten.

 

 

      4.Das Jugendamt ist nicht in die demokratische Meinungs- und Willensbildung eingebettet, sondern operiert als unabhängiges Organ der kommunalen Selbstverwaltung eigenständig. Die -mter leisten als „sachverständige Behörde“ offiziell eine Amtshilfe für die Familien- und Vormundschaftsgerichte. Diese folgen meist den Vorschlägen der -mter und halten damit die Fiktion der dort angesiedelten Fachkompetenz aufrecht. Für die Folgen eines Eingriffs muss das Amt nicht haften. Es hat die ganz legale Befugnis, eine von ihm selbst markierte Menschengruppe de facto ihrer Bürgerrechte zu berauben. Es kan bei Verdacht alle Personen im Umkreis nach dem Prinzip der Sippenhaft beherrschen und dirigieren. Es darf inquisitorische Methoden anwenden, gegen die das Opfer solcher Ausforschungen kaum eine Chance hat. Es kann zur Hilfe bei der Wahrnehmung seiner amtlichen Aufgaben sogar „parteiliche“ Vereine einschalten, ohne dass ihm das verwehrt wird. Auch für die aufgewendeten Geldmittel muss das Amt nicht haften, selbst wenn das jahrelange Hin- und Herschieben betroffener Kinder immense Kosten verursacht. Von den therapeutischen Erlebnisreisen mit schwierigen Jugendlichen, wobei das Amt als sozialpädagogische Touristik- und Abendteuer-Service nur fragt, ob die Latte der Straftaten für Honululu oder nur für Mallorca reicht, will ich gar nicht sprechen.

 

 

      5.So ruht das Jugendamt in sich selbst und sieht keine Veranlassung zur Selbstkritik. Mir ist kein Fall bekannt, in dem ein Amt sich für einen offensichtlichen Fehlgriff entschuldigt hätte. Es mangelt aber nur nur an Sachkompetenz und demokratischer Legitimierung, sondern auch an pädagogischer Verantwortung. Beispiel: Hochqualifizierte Heimleiter müssen Jugendamtsmitarbeitern, die ihnen in der pädagogischen Kompetenz weit unterlegen sind, mit der Schere im Kopf nachgeben, um die eigene Einrichtung zu halten und weiterhin Kinder zugewiesen zu bekommen. Dies alles bedeutet, dass die Mitarbeiter der -mter mehr dürfen, als sie von ihrer persönlichen Qualifizierung her leisten können; dass das Amt sich in einer Position wähnen muss, die es nicht auszufüllen vermag. Wer sich daran gewöhnt, andere zu kontrollieren und ihren Lebensweg zu steuern, wird schliesslich selbst daran glauben, dass er das auch wirklich kann, weil er es darf. Dies nenne ich den strukturellen Grössenwahn des Jugendamtes. Er führt zu einer chronischen Verwechslung vom Amtskompetenz und Sachkompetenz.

 

 

 
These 5:    In der Jugendhilfe spiegeln sich gesellschaftliche Probleme
 
Noch einmal sei betont: Es geht hier nicht darum, Einzelfälle zu kumulieren und daraus polemisch gezielte Vorwürfe abzuleiten. Sondern es geht um die gesellschaftliche Frage, wie die Grundlagen für die Jugendhilfe verstanden werden. Jugendhilfe ist ein Teil der Öffentlichkeit. Wenn sie auch vielfach in einem eigenen Raum operiert, so zeigen sich an ihr doch bestimmte allgemein verbreitete Auffassungen und Strömungen. Wie versteht sich die Gesellschaft selbst; wo erblickt sie ihre Werte; welches Denken und Handeln legt sie nahe? Dazu drei Bemerkungen:

 

      1.Freiheit vom Staat und Kontrolle durch den Staat sind das grosse Thema auch der Jugendhilfe. Beim Eingriff der -mter, bei Kontrolle, Überwachung und Lauschangriff geht es um die Basis des Verständnisses von Menschenrecht und Freiheit. Der Konflikt ist immer: Soll mehr der einzelne geschützt werden (wie nach westlicher Tradition üblich) oder mehr die Gemeinschaft? Es gibt keinen Normalmassstab, weil keine homogene und in sich geschlossene Gesellschaft existiert. Deswegen gibt es auch nicht ein einziges richtiges Verhalten. Je pluralistischer die Gesellschaft ist, desto schwerer wird eine Bezugnahme auf eine anerkannte Norm. Es ist in freiheitlichen Gesellschaften nicht möglich, alles von einem Punkt aus aufzurollen. Weil diese Spannung schwer auszuhalten ist, will der deutsche Hand zur Ausschliesslich sie immer wieder aufheben. Man strebt nach wie vor nach Einheitlichkeit der Lebensformen, die eine Kontrolle und Normsetzung erlaubt.

 

 

      2.Da lässt sich begreifen, dass auch -mter eine geschlossene Gesellschaft wiederherstellen wollen. Sie werden sich auf Fälle konzentrieren, wo Gefahr im Verzuge ist. Sie werden damit versuchen, das Modell einer übersichtlichen und geschlossenen Gesellschaft zu realisieren. Dabei können sie auf zustimmende Reaktion in der Öffentlichkeit rechnen. Denn diese ist schnell bereit, die Geselschaft umzudeuten: nicht mehr als Raum des freien, geschützten Lebens, sondern als Feld, wo in „normal“ und „störend“ eingeteilt werden kann. Das Jugendamt wird leicht in diesen Sog hineingezogen. Die Stimmung in der Bevölkerung schwankt. Es kommt darauf an, was gerade im Trend liegt. Einerseits soll man aufpassen, dass nichts Böses geschieht. Andererseits soll man niemanden zu Unrecht beschuldigen. Das ist schwer und verleitet zu Kurzschlüssen und vordergründiger Parteinahme. Auch Behörden schlagen gelegentlich den Weg des geringsten Widerstands ein. Dieser bietet an, nach wie vor ein normales gesellschaftliches Verhalten als gesicherte Grösse vorauszusetzen; die Schwächen einer Familie oder Einzelperson als individuelles Defizit, nicht im Kontext gesellschaftlicher Zwänge zu sehen; sich an der Jagd auf die gerade zum Abschuss freigegebenen Sündenböcke zu beteiligen und das zu tun, was die jeweilige „political correctness“ bietet.

 

 

    3.Das allenthalben praktizierte Streben nach Differenzierung, Leistungsmessung und Erfolgsprüfung erfasst auch die pädagogische und soziale Ebene der Jugendhilfe. Ganzheitlichkeit als Kennzeichen von Erziehung kommt ebenso ausser Kurs wie der Begriff der Person und die Beziehung zwischen Personen. Die Gesellschaft muss entscheiden, ob sie am Grundkonzept der Person und der ganzheitlichen pädagogischen Begegnung festhalten will oder nicht. Wenn pädagogische Hilfe nur noch als abgepackte Dienstleistung vorkommt, nicht mehr als Beziehung zwischen wirklichen Menschen, dann könnte das weitreichende Folgen für unser gesamtes Selbstverständnis haben. Es könnte eine virtuelle Welt aufbauen helfen, in der es nur noch hergestellte Verhältnisse und simulierte Aktionen gibt. Die Jugendhilfe sollte über dieses Problem nachdenken.

 

 
Fazit:    Was liesse sich tun?
Natürlich gibt es kein Patentrezept, das hier angewendet werden müsste. Klar ist auch, dass keine Institution so weiträumig organisiert sein kann, dass sie die Komplexität der Gesellschaft umgreift. Jede Institution ist spezialisiert und operiert in einem beschränkten Raum. Wenn es aber nun einmal so ist, dass qualitative gesellschaftliche Aufgaben quantifiziert und an -mter delegiert werden, dann müsste deren Kompetenz erhöht werden. Es müssten unabhängige Gremien verfügbar sein, denen klar ist, was es heisst, nach Abwägung aller Aspekte über Lebensschicksale zu entscheiden, und die auch kompetent mit Gutachten umgehen können. Bedenken wir, wieviel Mühe man sich in der Diskussion um Sterbehilfe und Abtreibung gibt. Aber hier, wo ebenfalls Lebensschicksale von Kindern und Familien entschieden werden, findet wenig Diskussion statt, weil die meisten davon nicht betroffen sind. Wir brauchen also ein Verfahren, das Eingriffskompetenz an Sachkompetenz bindet. Andernfalls ist zu befürchten, dass -mter wie bisher eigenmächtig verfahren oder, wie in Kafkas Schloss, unverbunden nebeneinanderher werkeln.
 
Um das noch einmal ironisch zu verdeutlichen, schliesse ich mit einer Stelle aus dem Johannes-Evangelium, das eine Blindenheilung beschreibt. Jesus heilt den Blinden, aber danach fangen eigentlich die Probleme erst an. Man glaubt dem Geheilten nicht, dass er wirklich blind war, schickt ihn von einer Instanz zur anderen, diskutiert die Heilung am Sabbat, die Kompetenz des Heilenden usw.:
„Da sprechen sie wieder zu ihm: Was tat er dir? Wie tat er deine Augen auf? Er antwortete ihnen: Ich habe es euch gesagt; habt ihr`s nicht gehört? Was wollt ihr`s abermals hören? Wollt auch ihr seine Jünger werden? Da schalten sie ihn und sprachen: Du bist sein Jünger, wir aber sind Moses` Jünger. Wir wissen, dass Gott mit Mose geredet hat; von wannen aber dieser ist, wissen wir nicht. Der Mensch antwortete und sprach zu ihnen: Das ist ein wunderlich Ding, dass ihr nicht wisst, von wannen er sei, und er hat meine Augen aufgetan. Wir wissen aber, dass Gott die Sünder nicht hört; sondern so jemand gottesfürchtig ist und tut seinen Willen, den hört er. Von der Welt an ist`s nicht erhört, dass jemand einem geborenen Blinden die Augen aufgetan habe. Wäre dieser nicht von Gott, er könnte nichts tun. Sie antworteten und sprachen zu ihm: Du bist ganz in Sünden geboren und lehrst uns? Und sie stiessen ihn hinaus.“ (Joh. 9,26 ff.)
 
Diese Geschichte ist, ganz abgesehen von ihrer religiösen Dimension, exemplarisch für die auch heute noch benutzten Verfahrensrutuale. Hat der Evangelist die Mechanismen unserer Sozialbürokratie vorausgeahnt? Hatte er die schöne Volksweisheit „Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand“ schon damals als fragwürdig erkannt?
In die heutige Welt übersetzt, besagt die Bibelstelle: Wie es dem Klienten geht, ist den offiziell Beteiligten ziemlich egan. Die Fragen lauten vielmehr: Wer hat das Therapiemonopol, wer durfte eingreifen? Sind die dafür vorgesehenen Experten am Zuge, oder wirken da Unbekannte, die eine Bedrohung der etablierten Interessen darstellen. Es geht vor allem um die Reproduktion der eigenen Institution. Der Betroffene wird sogar, wenn er dem Interesse dieser Institutionen widerspricht, auch noch schlecht behandelt. Seine Heilung ist nicht als solche wichtig, sondern bietet nur den Anlass zu Machtkämpfen unter den Beteiligten. Hinter dieser Kulisse verschwindet der Klient, denn die vordringliche Frage lautet nicht „Wer kann?“, sondern „Wer darf?“.
 

 
Prof. Dr. Uwe Jobt, Universität Bielefeld
„Zur Diskrepanz zwischen staatlichem Kinderschutz und behördlichen Kinderschützern“
 
Referat, Tagung „Kindeswohl – Dilemma und Praxis der Jugendämter„,
Ev. Akademie Bad Boll, 4.-6. November 1996
 

 

I. Staatliches Wächteramt
 

 

      1.Problem „Kindeswohl“

 

 

      Hätten wir es ausschliesslich mit der Verfassung zu tun, gäbe es weder Probleme im allgemeinen noch diese Tagung im besonderen. Denn dort heisst es im Art. 6 (2) GG so beruhigend:

 

 

      (2)Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.

 

 

      Damit ist zum einen festgelegt, dass es sich beim Elternrecht um ein Naturrecht handelt, das Eltern allein deshalb den absoluten Vorrang bei der Pflege und Erziehung ihres Kindes zugesteht, weil sie dessen Eltern sind. Insofern präzisiert das Grundgesetz hier eine klare Abgrenzung elterlicher Rechte gegenüber dem Staat.

 

 

      Zugleich wird mit dem entscheidenden Nachsatz, der dem Staat eine grundsätzliche Überwachungsfunktion gegenüber elterlichem Handeln einräumt, aber auch eine Art „Demarkationslinie“ – wie Coester (1996) diese Abgrenzung zwischen Eltern und Staat kürzlich bezeichnete – gezogen. Wo immer sie ihrer einzigartigen Sonderstellung gegenüber ihren Kindern als zugleich Erziehungsberechtigte, wie auch dazu Verpflichtete nicht angemessen nachkommen, wo immer durch ihr eigenes Verhalten das sogenannte „Kindeswohl“ gefährdet wird, da ist der Staat sowohl berechtigt als auch verpflichtet, zum Schutz des Kindes einzugreifen. Das ist die bekannte verfassungsrechtliche Garantie des „staatlichen Wächteramtes“.

 

 

      Das ist in der Tat eine -zumindest auf den ersten Blick- äusserst beruhigende Garantie. Denn natürlich ist es in einem demokratischen Rechtsstaat grundsätzlich richtig, wenn allen Eltern im Hinblick auf die Wahrnehmung ihres Monopols zur „Pflege und Erziehung“ ihrer Kinder zunächst ein absoluter Vorrang und dabei zugleich ein beträchtliches Ausmass an Gestaltungsfreiheit eingeräumt wird. Schliesslich fühlt sich im Regelfall niemand mehr für deren Wohlergehen und eine gesunde leib-seelische Entwicklung verantwortlich, als sie.

 

 

      Doch andererseits darf „Gestaltungsfreiheit“ natürlich nicht mit „Narrenfreiheit“ gleichgesetzt werden. Wo immer Eltern der anderen Seite ihres „natürlichen Rechtes“, ihrer Pflicht, das Kind „innerhalb eines bestimmten Rahmens“ zu betreuen und zu erziehen, nicht nachkommen und es damit in seiner Entwicklung gefährden, muss deshalb gewährleistet sein, dass auch in diesen Fällen jemand da ist, der es -sozusagen an Eltern statt- vor den jetzt von der eigenen Familie ausgehenden Gefährdungen schützt. Schliesslich sind auch Kinder Grundrechtsträger, denen dieselben verfassungsrechtlichen Schutzgarantien zustehen, wie jedem Erwachsenen auch.

 

 

      Doch wie lässt sich dieser „bestimmte Rahmen“ abstecken? Was alles an elterlichen Verhaltensweisen im Umgang mit Kindern lässt sich hier noch einordnen, und vor allem: wann ist dieser Rahmen des Zulässigen und Erlaubten so weit überschritten, wann ist der Zeitpunkt gekommen, dass sich der staatliche Wächter aufgerufen fühlt, die Mauer der Demarkationslinie zum Elternrecht zu durchbrechen?

 

 

      Leider gibt es hierauf keine klare Antwort. „Pflege“ und „Erziehung“ sind Supernamen für ein so breites Spektrum elterlicher Erziehungsweisen, dass es bis heute niemandem gelungen ist, den „Ernstfall“ so klar und eindeutig zu präzisieren, dass etwa zwei voneinander unabhängige Beurteiler bei gleicher Kenntnis der Ausgangslage zwingend zur selben Einschätzung kämen. Wie sollte es auch anders sein, wenn beispielsweise die höchstrichterliche Rechtsprechung sogar die Züchtigung eines Kindes mit einem drei Zentimeter dicken Gartenschlauch -allein die Vorstellung hieran mag bei Vielen Empörung auslösen- durch noch als im Rahmen des Elternrechts Erlaubten ansieht?

 

 

      Der -vermeintliche- Ausweg aus diesem Abgrenzungsdilemma bestand schliesslich darin, als die entscheidende Voraussetzung für ein Einschreiten des Staates eine Verletzung oder Gefährdung des sogenannten „Kindeswohls“ festzulegen. Doch in Wirklichkeit war dies lediglich die Illusion einer Lösung des Problems. Denn zwar schien man mit diesem neuen -auf den ersten Blick so handfest und griffig wirkenden- Begriff nunmehr eine leichte Verständigung über den Ernstfall gefunden haben, kan es doch lediglich darauf an, festzustellen, ob im konkreten Fall das Kindeswohl gefährdet war oder nicht. Und obwohl im Grunde ein Kunstwort, so erweckte es doch sofort bei jedem zumindest den Eindruck von etwas Anschaulich-Konkretem, so dass sich eigentlich niemand nichts hierunter vorzustellen vermochte.

 

 

      Spätestens beim Bestimmungsversucht im Einzelfall wurde jedoch schnell klar, dass man im Grunde lediglich die alten Supernamen durch einen neuen ausgetauscht hatte. Denn immer wieder zeigte sich, dass zwar durchaus völlige Übereinstimmung darin bestehen konnte, dass eine Kindeswohlgefährdung vorlag -sofern es beispielsweise um die Feststellung von schwerer Vernachlässigung, von Misshandlung oder gar sexuellem Missbrauch eines Kindes ging. Waren die Ausgangsbedingungen jedoch weniger eindeutig und diese Fälle waren unglücklicherweise die entschieden häufigeren-, dann fanden sich manchmal sogar so viele unterschiedliche Beurteilungen, wie es Beurteiler gab.

 

 

      Spätestens an dieser Stelle hätte man eigentlich erkennen müssen, dass der Sieg über das semantische Problem der Ernstfalldefinition in der Praxis allenfalls ein höchst bescheidener war, ehrlicherweise eigentlich mehr ein Pyrrhussieg. Denn durch die Leitmaxime des juristischen Konstrukts „Kindeswohl“ -einer sogenannten Generalklausel, einem unbestimmten Rechtsbegriff, der jeweils im Einzelfall neu auszufüllen war-, standen nunmehr in den vielen weniger eindeutigen Fällen der höchst subjektiven Einschätzung, dem eigenen Urteil oder auch Vorurteil, Tür und Tor offen.

 

 

      Doch sollte das wirklich beunruhigen? Ist doch schliesslich das ganze menschliche Leben so anhaltend durchzogen von unterschiedlichen Meinungen, Lagebeurteilungen, Wertungen und normativen Vorstellungen, dass sich solcherlei Unterschiedlichkeiten getrost als geradezu konstitutives Element menschlicher Existenz bezeichnen liesse. Warum Bewertungsunterschiede also nicht auch dort akzeptieren, wo es um die Konkretisierung eines Sachverhaltes geht, dem aufgrund seiner fast sibyllinischen Definition ohnehin schon von vornherein jede Eindeutigkeit zu fehlen scheint?

 

 

      Tatsächlich gibt es im Hinblick auf den staatlichen Wächter jedoch einen fundamentalen Unterschied zwischen sonstiger Meinungsvielfalt und der Urteilspluralität in Sachen „Kindeswohl“, denn, vergleichbar dem Militär, so herrscht auch im Kindschaftsrecht Definitionsmacht. D.h., eine Gruppe von Personen -nämlich Gerichte, Jugendämter oder Gutachter- hat gegenüber einer anderen -den betroffenen Eltern, oft auch ihren Kindern- den absoluten Vorrang bei der Feststellung, ob ein Ernstfall vorliegt oder nicht.

 

 

      Das allein wiederum wäre zwar auch noch kein Grund zur Beunruhigng. Denn, ganz im Gegenteil: Wo immer Eltern unfähig oder aus welchen Gründen auch immer nicht in der Lage sind, die tatsächlich bestehende Gefährdung ihres Kindes durch sie selbst anzuerkennen, geschweige abzustellen, muss es natürlich jemanden geben, der sich über solche Fehleinschätzung hinwegsetzt und im Interesse der betroffenen Kinder auch gegen den Widerstand ihrer Eltern das veranlasst, was zur Gefahrenbeseitigung erforderlich ist. Alles andere wäre fatal.

 

 

      Doch was, wenn sich der Definitionsmächtige -aufgrund seines Fachwissens sicherlich auch vielfach, aber eben nicht immer und schon gar nicht automatisch auch Kompetente- zum „Machthaber“, aufspielt? Wenn seine -selbstbehauptete oder unterstellte- Fachlichkeit in Wahrheit so gravierende Mängel aufweise, dass Expertenstatus und Expertenschaft weit auseinanderklaffen?

 

 

      Spätestens dann findet der für das Zusammenleben von Menschen so typische Diskurs nicht mehr statt. Statt dessen dominiert jetzt eine definitorische Vormachtstellung von „Experten“, die in Wirklichkeit gar keine sind. Insofern besteht hier nicht länger ein Primat, sondern richtiger ein Diktat, weil priviligierte Meinungsbildner nun nicht länger durch Argumente zu überzeugen brauchen, sondern alleindeshalb bereits „recht haben“, weil sie es sind, die da ihr Urteil abgeben. Und wo immer die Meinungen Einzelner -von vornherein und ungeprüft und unbewiesen- mehr zählen als die Anderer, wo sie ausschlaggebend sind für das weitere Vorgehen und wo andere Einschätzungen -ebenfalls von vornherein und ungeprüft- als irrelevant abgetan oder einfach ignoriert werden, da herrscht folglich Meinungsdiktatur. Das hat vermutlich mancher der hier Anwesenden leidvoll am eigenen Leib zu spüren bekommen.

 

 

      Das ist dann auch der Wehrmutstropfen, der, auf den zweiten Blick, die anfängliche Beruhigung, die allein die Existenz des staatlichen Wächeramtes vermittelte, nun doch zumindest trübt. Denn mit der Leitnlinie vom „Kindeswohl“ haben wir ihm zwar eine Eingriffslegitimation ins Elternrecht (Coester, 1986) an die Hand gegeben, an der so lange nichts auszusetzen ist, wie man nur auf das „Grundsätzliche“ und nicht auf den Einzelfall schaut.

 

 

      Sobald es jedoch darum geht, diesen Begriff als konkrete Entscheidungshilfe heranzuziehen, offenbart er im Nu seine Tücken. Denn weil abstrakt und ausfüllungsbedürftig, hängt die inhaltliche Ausfüllung nicht nur hochgradig von denen ab, die darüber befinden, ob seine Negation -„Kindeswohlgefährdung“- vorliegt oder nicht. Zugleich „vergibt“ damit ausschliesslich eine Gruppe bevorrechtigter Definierter -Experten, die solche sein können auch nicht nicht- jene staatlichen Eingriffsberechtigungen, mit denen anschliessend das Leben von Kindern und Eltern, das ganze Gefüge einer Familie, fundamental verändert werden kann- zum Positiven, aber auch zum Negativen (vgl. Salgo, 1989).

 

 

      Zwangsläufig und unabwendbar ist damit das Wächteramt von Anfang an mit Wertungen und Bewertungen, notgedrungen deshalb auch mit Abwertungen verbunden. Dies jedenfalls so lange, wie man an einem Kindeswohl-Verständnis festhält, das im Prinzip als Eigenschaftsbegriff verstanden. Als Quasi-Merkmal einer Person, das sich, ähnlich wie die Blutgruppe eines Menschen, relativ verbindlich feststellen lässt, sofern man nur im tatsächlicher oder auch nur behaupteten Besitz der angemessenen diagnostischen Methoden ist. Diese merkmalszentrierte Betrachtungsweise ist zwar nicht zwingend die einzig mögliche Sicht, und spätestens mit Inkrafttreten des neuen KJHG sind es auch nicht länger nur einige angebliche Aussenseiter, die sie für falsch halten (dazu später mehr). Tatsache ist jedoch, dass sie bis heute hin das Kindschaftsrecht auf grosser Breite dominiert.

 

 

      Zugleich lässt sich in diesem Zusammenhang immer wieder eine merkwürdige Metamorphose beobachten. Ein Wandel, der allerdings nicht mit dem Begriff selbst verbunden ist -das wäre schön-, sondern mit seiner Verwendung, und der die praktische Kindeswohl-Diagnostik im Einzelfall oft in gerade mystische Bereich entrücken lässt. Mystik dort, wo eigentlich Fachlichkeit, Stringenz, Logik oder auch Wissenschaftlichkeit gefragt sind?

 

 

      In der Tat: Sobald der so anschaulich klingende Rechtsbegriff joperative Gestalt anzunehmen versucht, droht ein seriöses Sachproblem, die Feststellung der Schutznotwendigkeit eines Kindes, leicht in einen verhängnisvollen Strudel, nicht selten an den Rand von Kaffeesatzleserei oder auch Scharlatanerie, zu beraten!

 

 

      Was ich damit meine? In allen empirischen Wissenschaften wird stets streng getrennt zwischen Fakten und Bewertungen, und wo immer ein Forscher diese klare Zäsur vernachlässigt und beides miteinander vermischt, läuft er sofort Gefahr, seine wissenschaftliche Reputation zu verlieren. Andererseits drängen sich Wertvorstellungen vermutlich nirgendwo so leicht auf, wie gerade auf dem Feld der Erziehung und des angemessenen Umgangs mit Kindern. So könnte auch ich sofort Vieles dazu sagen, welche Rahmenbedingungen ich selbst allen Kindern wünschen oder auch, was ich heute anders machen würde, wenn ich noch einmal am Anfang meiner Vaterschaft stünde.

 

 

      Doch das kann es nicht sein. Denn wenn kaum zwei Familien im erzieherischen Umgang mit ihren Kindern einander gleichen, dann kann es nicht darum gehen, wer es „besser“ macht oder was „besser“ wäre. Für den staatlichen Wächter geht es ausschliesslich um die Frage, ob im konkreten Fall eine Gefährdung und damit Eingriffsnotwendigkeit vorliegt oder nicht. Und das allein ist, wie ich zeigen wollte, in vielen Fällen bereits schwer genug, weil der Mantel des elternseits Erlaubten sehr viel mehr abdeckt, als die persönlichen Erfahrungen des Diagnostikers und selbst die fachwissenschaftlichen Erkenntnisse von Pädagogik oder Psychologie hergeben.

 

 

      Trotzdem: Zumindest das ernsthafte Bemühen um Abklärung, ob der hinnehmbare- nicht der persönliche (!) -Rahmen elterlichen Handelns überschritten ist oder nicht, das ist die zentrale Kategorie, auf die es ankommt. Dies ist -auch dann, wenn es hierbei auf Prognosen ankommt- im Prinzip ein eindeutiger Feststellungsauftrag, der sich jeglicher persönlichen Bewergung, Wertschätzung, Wunsch- oder Zielvorstellung weitestmöglich zu enthalten hat.

 

 

      Demgegenüber sind Überlegungen dazu, was für ein Kind wünschenswerterweise herzustellen wäre -welche Hilfen man ihm zukommen lassen sollte – etwas grundlegend anderes. Denn hier geht es in der Tat um Wertvorstellungen der kindlichen Helfer, um ihre persönlichen Überzeugungen vom Sinnvollen für die gesunde seelische Entwicklung eines Kindes. Die müssen zwar nicht falsch sein, und immer sind sie sicherlich auch gut gemeint. Doch ob beispielsweise ein im Heim untergebrachtes Kind mit seinen Eltern einmal wöchentlich, monatlich, vierteljährlich oder auch gar nicht, mit Übernachtungen am Wochenende oder mit abendlicher Rückkehr ins Heim zusammentreffen darf, das ist eine wissenschaftliche Frage, sondern hängt in erster Linie von den persönlichen Ansichten und Überzeugungen des Beurteilers, von seiner eigenen Biographie und Lebenserfahrung, letztlich damit von seiner privaten Ethik ab. Mit jenem „Kindeswohl“, wie das Gesetz es meint, haben solche Einschätzungen jedoch eher wenig gemein.

 

 

      Dennoch ist es im Kindschaftsrecht vielfach gang und gäbe, das persönliche Wertsystem des Beurteilers -weil es „offiziell“ natürlich nicht zu interessieren hat- dadurch zu kaschieren, dass die von ihm für richtig gehaltenen Massnahmen damit begründet werden, diese und keine anderen seien „zum Wohle des Kindes“ zwingend geboten. Eine Praxis, die man -trotz ihrer weiten Verbreitung oder besser: eben deshalb- nur als unseriös bezeichnen kann.

 

 

      Doch weil es -ausser den definitionsohnmächtigen Betroffenen- niemanden gibt, der sich dieser heimlichen „Privatisierung des Normativen“ entgegenstellt, ist in der Lebenswirklichkeit die ohnehin „schwierige“ Formel vom „Kindeswohl“ längst zu einer inhaltsleeren Worthülse verkommen, zu einer Blankovollmacht, mit der sich alles, aber auch alles, was der gesunde Menschenverstand zu vorzustellen vermag -nein, selbst auch all das, was sich seiner Vorstellungskraft entzieht-, gerechtfertigt und „begründet“ wird. Mag dies sinnvoll und vernünftig sein, mag es fragwürdig erscheinen oder mag es einem ob der unverkennbaren Absurdität die Haare zu Berge stehen lassen.

 

 

      Diese Metamorphose eines ursprünglichen Feststellungsauftrags hin zur T_V-ähnlichen Mängelliste, diese Tarnung eines angeblich nur zum ganz konkreten Einzelfall passenden Schlüssels, der in Wahrheit ein Dietrich ist, ist vielleicht am ehesten vergleichbar mit dem Vorgehen mancher Psychologen bei der Deutung der Antworten ihrer Klienten im Rahmen sogenannter „projektiver Testverfahren“. Da es auch dort nicht darauf ankommt, was der Proband sagt, sondern was der Psychologe aus dem Gesagten macht, sagen seine Interpretation -das ist immerhin das Fazit des renommierten Persönlichkeitsforschers Hans Hörmann (1967) von der Universität Bochum- letztlich mehr über ihn selbst aus, als über den Klienten.

 

 

      Übertragen auf unser Thema: Was immer im Namen des „Kindeswohls“ -nicht zur Abwehr einer Kindeswohlgefährdung, das ist etwas völlig anderes! – von den Beschützern eines Kindes für erforderlich gehalten wird, spiegelt vielfach in erster Linie ausschliesslich ihr ganz privates Verständnis vom entwicklungspsychologisch Erforderlichem, mit Fachlichkeit, Wissenschaftlichkeit dar, hat dies jedoch bestenfalls zufällig zu tun.

 

 

      Insofern ist die eher harmlos klingende juristische Formulierung vom Kindeswohlbegriff als einer Generalklausel in vielen Fällen längst zu einer „Generalvollmacht“ für diejenigen geworden, die über die Macht verfügen, hierüber zu befinden. Eine vergleichbar exklusive, keinen Widerspruch deuldende Bestimmungsmacht besitzt auf dieser Welt nur noch der papst, mit seinem ex cathedra beansprucht er sie jedenfalls.

 

 

      Mancher mag an dieser Stelle denken, ich hätte mein Thema verfehlt. Denn bis jetzt habe ich zwar viel über das „Kindeswohl“ gesagt, das Jugendamt jedoch noch keinmal erwähnt. Ich darf Sie jedoch beruhigen. Selbstverständlich geht es auch mir um eine Analyse dieser Institution. Doch weil Jugendschutz und Kindeswohl nun einmal in einem untrennbaren Zusammenhang stehen, hielt ich es für wichtig, zunächst eine zentrale Problematik des -abstrakten- staatlichen Kinderschutzes näher zu beleuchten, die Voraussetzung dafür ist, dass das Jugendamt überhaupt zum (kritischen) thema werden kann. Und eigentlich möchte ich damit auch frühzeitig verhindern, dass durch Vernachlässigung der um den Kindeswohlbegriff rankenden Eigenproblematik -zunächst losgelöst von jeder Praxis- jener -rger, jene Wut und jene Empörung über behördliche Willkür, die manche von Ihnen hierher mitgebracht haben, vorschnell auch von mir nur noch verstärkt werden.

 

 

      Zwar habe ich für alle diese Emotionen persönlich sehr viel Verständnis. Dennoch helfen sie letztlich jedoch eher wenig, um endlich neue Lösungen zu finden. Denn solange ein hochgradig strukturelles Problem ausschliesslich auf ein individuelles des einzelnen Sachbearbeiters reduziert wird, macht dies diesen schnell nur ebenso wütend und verärgert, wie man es als Betroffener selbst bereits ist. Doch in welche Sackgasse das Beherrschtwerden von Emotionen regelmässig führt, das wissen wir von Scheidungspaaren zur Genüge.

 

 

      Also weiter im Thema. Dass es zum Schutz von Kindern den staatlichen Wächter gibt, das ist das eine. Doch wer ist dieser Wächter? Wer verbirgt sich hinter dieser rechtlichen Abstraktion?

 

2.Zum Verhältnis zwischen Jugendamt und Gericht

      Soweit sich das Wächteramt auf Interventionen ins Elternrecht bezieht -beispielsweise durch Entzug des Aufenthaltsbestimmungsrechts, der Vermögenssorge oder auch der Personensorge insgesamt-, so ist damit ausschliesslich das Gericht gemeint. Denn das Grundgesetz stellt unmissverständlich klar: „Die rechtsprechende Gewalt ist den Richtern anvertraut“ (Art. 92 GG). Rechtliche Eingriffe gegenüber Eltern dürfen folglich von niemandem anderen vorgenommen werden, als von ihnen.

 

 

      Andererseits -ohne sachkundige Hilfe im Einzelfall dürfte ein Gericht regelmässig schnell überfordert sein, um allein durch eigene Urteilsbildung über Notwendigkeit überhaupt, wie über die im konkreten Fall angemessene Rechtsmassnahme zum Schutz eines gefährdeten Kindes zu befinden. Wie sollte es auch? Zum einen ist es in Kindschaftsfragen nicht speziell ausgebildet, um fachlich begründet ermessen zu können, was im Einzelfall sinnvoll oder nötig ist. Und zum anderen hat es gar nicht die Zeit, um sich „vor Ort“ ein zutreffendes Bild der Lage zu machen, zumal dafür selten ein einziger Kontakt ausreichen dürfte.

 

 

      Doch das Allerwichtigste: Jede rechtliche Massnahme seitens des Gerichts ist kein Ziel in sich, die allein bereits ausreichen würde, um eine Gefährdung abzustellen. Der Eingriff ins Elternrecht ist lediglich die notwendige Voraussetzung, um auch gegen den elterlichen Willen die Verhältnisse für ein Kind so gestalten zu können, wie es für erforderlich gehalten wird. Auswahl wie Ausgestaltung der alternativen kindlichen Lebenswelt, das wiederum können jedoch keine Aufgaben des Gerichts sein. Dazu bedarf es zwingend sozialwissenschaftlicher Fachkenntnisse.

 

 

      Aus all diesen Gründen sind Richter deshalb in jedem Fall auf sachkundige Unterstützung angewiesen, um sowohl erst einmal überhaupt die Notwendigkeit einer rechtlichen „Hilfe zur Hilfe“ abwägen zu können, als auch, um bei einer Bejahung die erforderlichen Massnahmen umsetzen zu können.

 

 

      Diese Unterstützung bietet das Jugendamt. Denn allein das Jugendamt hat -jedenfalls vom Anspruch her- nicht nur jenes unverzichtbare Fachwissen, das dem Juristen fehlt; zugleich verfügt es auch über die jeweilige Infrastruktur zur Umsetzung des Gebotenen. Deshalb ist es nur folgerichtig, wenn das Gesetz dem Gericht jeglichen Alleingang in Kindschaftssachen verbietet und die Beteiligung des Jugendamtes in diesen Fällen zwingend vorschreibt (§ 50 KJHG: Das Jugendamt unterstützt das Vormundschaftsgericht und das Familiengericht … . Es hat in Verfahren vor dem Vormundschafts- und dem Familiengericht mitzuwirken … .).

 

 

      Wenn somit keine gerichtliche Massnahme im Kindschaftsrecht ohne Einbeziehung des Jugendamtes erfolgen darf, wenn dem Jugendamt sogar ausdrücklich ein eigenen Beschwerderecht gegenüber gerichtlichen Entscheidungen, die nach seiner Überzeugung nicht im Einklang mit dem Kindeswohl stehen, zugestanden wird, dann ist es nur sinnvoll und naheliegend, das staatliche Wächteramt des Grundgesetzes nicht länger allein nur mit dem Gericht zu verbinden. Treffender ist dann die Vorstellung, dass trotz der richterlichen Entscheidungshoheit in allen Rechtsangelegenheit faktisch beide -Gericht und Jugendamt-, sozusagen als zwei Seiten einer Medaille, das staatliche Wächteramt verkörpern.

 

 

      Und weil sich die Institutionen „vor Ort“ ausnahmslos in „Personen“ auflösen, lässt sich zusammenfassend festhalten, dass im Einzelfall die Konkretisierung des staatlichen Wächters über das Kindeswohl durch das Zusammenspiel zwischen Richter und Jugendamtsvertretung erfolgt.

 

3.Fremdunterbringung

      Der denkbar schwerste Eingriff in die Autonomie von Eltern ist die gegen ihren Willen veranlasste Herausnahme ihres Kindes aus seiner Familie und dessen Unterbringung in einer Pflegefamilie oder einem Heim. Eine Massnahme, die -weil sie gegen den Willen der Eltern geschieht- regelmässig mit einem Entzug des Sorgerechts oder zumindest des Aufenthaltsbestimmungsrechts verbunden ist. Das ist grundsätzlich auch richtig so, denn natürlich muss gewährleistet sein, dass der nur auf diese Weise zu gewährleistende Schutz eines Kindes nicht am Widerstand der Eltern scheitert. Andernfalls wäre das Wächteramt überflüssig.

 

 

      Die strengen Voraussetzungen für einen solchen Eingriff des Staates hat der Gesetzgeber in § 1666 BGB benannt:

 

 

      (1)Wird das körperliche, geistige oder seelische Wohl des Kindes durch missbräuchliche Ausübung der elterlichen Sorge, durch Vernachlässigung des Kindes, durch unverschuldetes Versagen der Eltern oder durch das Verhalten eines Dritten gefährdet, so hat das Vormundschaftsgericht, wenn die Eltern nicht gewillt oder in der Lage sind, die Gefahr abzuwenden, die zur Abwendung der Gefahr erforderlichen Massnahmen zu treffen.

 

 

      Hier wird zwar nicht die Herausnahme eines im Elternhaus gefährdeten Kindes sozusagen vorgeschrieben. Sofern das Gericht hierin die einzig angemessene, „erforderliche Massnahme“ sieht, um einer körperlichen, geistigen oder seelischen Gefährdung des kindlichen Wohls zu begegnen, ist mit dieser Vorschrift jedoch auch diese Möglichkeit eingeschlossen.

 

 

      Bis 1980 war dies die ausschliessliche Rechtsgrundlage für den Eingriff des Staates ins Elternrecht. Ob die Herausnahme eines Kindes erforderlich schien oder (noch) nicht, das oblag allein dem Ermessen des einzelnen Richters.

 

 

      Doch mit der Neuregelung des Rechts der elterlichen Sorge und der damit verbundenen Stärkung der Position des Kindes wollte man es nicht länger nur der Meinungsbildung von Gericht und Jugendamt überlassen, ob ein Kind aus seiner Familie herausgenommen wird oder nicht. Denn inzwischen war durch die Beiträge der Sozialwissenschaften deutlich geworden, dass damit -von extremen Ausnahmen kindlicher Misshandlung und Vernachlässigung abgesehen- oftmals lediglich die eine Gefährdung durch eine andere ausgetauscht wurde. D.h., auch die Trennung des Kindes von seiner Familie selbst wurde als zumindest erhebliche psychische Beeinträchtigung, die als Dauerzustand nicht minder schwere Schädigungen zur Folge haben konnte, als die, die es abzuwehren galt, erkannt.

 

 

      Folglich schien der allerbeste Beitrag zur Gefahrenabwehr darin zu bestehen, den Eltern vor der Herausnahme des Kindes zunächst in jedem Fall erst Unterstützung und Hilfen anzubieten, damit sie in die Lage versetzt wurden, es möglichst schnell wieder verantwortungsbewusst selbst zu betreuen. Und jede Trennung -als allerletzte Möglichkeit- sollte dann, aber auch erst dann, erfolgen, wenn dieser Versuch erfolglos geblieben war. Etwa, weil die Eltern selbst keinerlei Unrechtsbewusstsein hatten und deshalb auch nicht bereit waren, sich überhaupt helfen zu lassen.

 

 

      Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnis, dass letztlich Elternhilfe mit dem Ziel, das Kind in ihrer Obhut zu belassen, im Regelfall die beste aller denkbaren Hilfen für ein Kind sei, wurde deshalb 1980 auch gesetzlich ausdrücklich festgeschrieben, dass regelmässig zunächst erst alle anderen Möglichkeiten, das Elternsystem wieder funktionstüchtig zu machen, zu prüfen bzw. auszuschöpfen seien, bevor Trennung als allerschärfstes Mittel in Frage kam. Entsprechend lautete die neu in das Bürgerliche Gesetzbuch aufgenommene Hürde gegenüber jeglichem vorschnellen Eingriff (§ 1666 a BGB).

 

 

        (1)Massnahmen, mit denen eine Trennung des Kindes von der elterlichen Familie verbunden ist, sind nur zulässig, wenn der Gefahr nicht auf andere Weise, auch nicht durch öffentliche Hilfen begegnet werden kann.

 

 

        (2)Die gesamte Personensorge darf nur entzogen werden, wenn andere Massnahmen erfolglos geblieben sind oder wenn anzunehmen ist, dass sie zur Abwendung der Gefahr nicht ausreichen.

 

 

      Im Grunde eine klare Sache, sollte man denken. Selbst heute noch habe ich allerdings immer wieder den Eindruck, dass manche Jugendämter den ersten Absatz dieser Vorschrift -immerhin geltendes und damit bindendes Recht- überhaupt nicht zu kennen scheinen, und dass auch Vormundschaftsgerichte offenbar lediglich den zweiten Absatz zur Kenntnis genommen haben. Denn sowohl für eine geradezu automatenhafte Herausnahme eines Kindes, ohne die vom Gesetz geforderten Alternativen überhaupt je in Erwägung zu ziehen, als auch für die grosse Zurückhaltung von Gerichten gegenüber einem kompletten Sorgerechtsentzug, kenne ich inzwischen zahlreiche Beispiele.

 

 

      Es ist nicht zuletzt wohl diese Leichtfertigkeit bzw. Fahrlässigkeit im Umgang mit geltendem Recht seitens mancher Vertreter des Jugendschutzes, die dann -fälschlicherweise generalisiert- „dem Jugendamt“ in breiten Kreisen der Öffentlichkeit den Nimbus einer „Kinderklau-Behörde“ eingebracht hat. Ein Image, das bis heute nicht völlig abgebaut ist.

 

4.Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG)

      Das ist umso bedenklicher, als mit der Ablösung des alten, noch vom preussischen Obrigkeitsstaat geprägten Selbstverständnisses als quasi-polizeiliche Ordnungs- und Eingriffsbehörde, wie es noch im Jugendwohlfahrtsgesetz (JWG) zum ausdruck kam, mit Inkrafttreten des neuen KJHG zum 01.01.1991 – H steht für Hilfe (!) – eine geradezu revolutionäre Wandlung im Selbst- und im Aufgabenverständnis des Jugendschutzes vollzogen wurde. Denn fortan sollte im Zentrum jugendamtlichen Handelns nicht länger das kritische Beäugen von Familien stehen, um im Krisenfall möglichst unverzüglich einzugreifen – meist durch Androhung oder direkte Herausnahme des Kindes.

 

 

      Statt dessensollte vor dem Hintergrund eines ganzheitlich orientierten Verständnisses von Familie und damit auch vom Kindeswohl fortan die zentrale Aufgabe des Jugendschutzes darin bestehen, in Not geratenen Familien zum Schutz ihrer Kinder Hilfen anzubieten. Unterschiedlichste Formen, ein ganzes Paket von „Hilfen zur Erziehung“, die allesamt dem einen Ziel dienen sollten, Eltern wieder zu befähigen, Autonomie und Verantwortlichkeit oder auch nur die Möglichkeiten zur kindgemässen Betreuung und Versorgung zurückzugewinnen bzw. zu erhalten.

 

 

      Und auch im Scheidungsfall sollte das Jugendamt nicht länger zum Handlanger des Gerichtes bzw. zum selbsternannten Minirichter degenerieren, der seinen Beitrag auf einen -nicht selten auf dubiose Weise zustande gekommene – rechtliche Empfehlung in Sachen Sorgerechtsregelung reduzierte, die dann fast automatisch von den Gerichten übernommen wurde (gut 95 Prozent laut Knappert, 1991, S. 398). Statt dessen stand auch hier jetzt das Bemühen im Mittelpunkt, den Eltern durch Beratung und Information bei der Erarbeitung einer einvernehmlich getragenen Lösung behilflich zu sein, weil jetzt kommunikations- und kooperationsfähige Erwachsene zu recht als die allerbeste Voraussetzung, um Trennungskindern ihr Los zu erleichtern, ihre Gefährdung einzudämmen oder gar abzustellen, angesehen wurde.

 

 

      Sozusagen über Nacht hatte das Jugendamt damit sein altes rüstungsähnliches Kleid der Eingriffsbehörde durch das neue, farbenfrohe Gewand eines Unternehmens für Leistungen, in erster Linie für elterliche Hilfsangebote unterschiedlichster Art, ausgetauscht. Mit den Worten der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (1995):

 

 

      „Kind / Jugendlicher und Eltern sind nicht mehr Objekt staatlicher Entscheidung, sondern Subjekt in einem Hilfeprozess.“ (S. 314)

 

 

      Dieser geradezu paradigmatische Wandel war vor dem Hintergrund neuerer sizialwissenschaftlicher Erkenntnisse nur konsequent. Denn viel zu lange hatten wir uns zuvor von einer verbrämten Mischung aus Ideologie und -empirisch nicht überprüfbarer- Theoriebildung aus dem Gedankengut der Psychoanalyse davon „belehren“ lassen, dass die Schaffung „klarer Verhältnisse“ für ein Kind -sei es ein fremduntergebrachtes oder auch ein Scheidundungskind- regelmässig der einzig richtige Beitrag sei, um sein Wohl bestmöglich zu garantieren.

 

 

      Dass für jedes solche Kind die optimale psychologische Regelung darin bestände, es dem betreuenden Erwachsenen klar und eindeutig, auch rechtseindeutig, zuzuordnen und dass es deshalb geboten sei, jeden Kontakt des Kindes zum anderen Elternteil oder zur Herkunftsfamilie sofort zu unterbinden, sobald der Betreuende ihn -aus welchen Gründen auch immer- ablehnen würde. Das war ein regelrechter „Persilschein“, um sowohl die Perspektive des Kindes, als auch die Achtung vor den Gefühlen seiner ausserhalb lebenden Eltern nach Belieben zu missachten.

 

 

      Diese eher ideologische als psychologische Sicht fand seinerzeit selbst beim Bundesverfassungsgericht offene Ohren, das bis Ende der 80er-Jahre noch viele seiner Entscheidungen ausdrücklich auf das gefährliche Gedankengut seiner Protagonisten, Goldstein, Freud & Solnit (1974) stützte. Allerdings -das muss man wohl zur Ehrenrettung sagen- gab es damals aus der sozialwissenschaftlichen Fachwelt auch kaum andere Stimmen, die ähnlich „gerichtsvertretbar“ gewesen wären.

 

 

      Doch so begrüssenswert der sozialwissenschaftliche Paradigmenwechsel im Jugendschutz -in gewisser Weise eine einzige psychologisch vielschichtige Ausdifferenzierung des § 1666a BGB, wobei dessen rechtliche Perspektive (bezogen auf die Eltern) ausgetauscht wurde- einerseits war, mit der Betonung von Freiwilligkeit, Kooperation mit den Eltern und ihrer Beratung entstanden insbesondere auf dem Feld der Familiengerichtshilfe zugleich aber auch neue Probleme, die noch heute nicht befriedigend gelöst sind.

 

 

      So haben wir beispielsweise im Rahmen von Trennung und Scheidung gegenwärtig die in meinen Augen eher groteske Situation, dass sich das Jugendamt, sofern sein als Hilfe gedachtes Beratungsangebot von den Eltern oder auch nur von einem Elternteil nicht angenommen wird, an manchen Orten ersatzlos zurückzieht, dem Gericht allenfalls noch Ratschläge gibt, wie es weiter verfahren könnte, es ansonsten mit der Lösung des Problems jedoch allein lässt.

 

 

      Bissig gesagt: Hier haben sich Jugendämter aus ihrem staatlichen Hoheitsauftrag „Kinderschutz“ schlichtweg davongeschlichen. Denn ein Jugendschützer, der nur noch zusieht, wie beispielsweise ein verbohrter und von seiner Eigenproblematik total beherrschter Elternteil jegliches Beratungs-, d.h. Hilfeangebot in Bezug auf sein Kind kategorisch ablehnt, um sein egoistisches Eigeninteresse, etwa an einer Vereitelung des Kontaktes zum anderen Elternteil, durchzusetzen, der müsste sich ernsthaft fragen, ob er überhaupt noch in der richtigen Firma arbeitet. Schliesslich werden Mitarbeiter des Jugendamtes allein und ausschliesslich dafür bezahlt, Kindesinteressen wahrzunehmen. Und diese Aufgabe darf da nicht einfach beendet sein, wo ein Elternteil -so sehr man dies beklagen muss-, diese mit Füssen tritt.

 

 

      Ein Jugendschutz, der dies zwar erkennt, jedoch nicht -dem Gericht gegenüber- zugleich auch ebenso deutlich benennt, der entzieht dem Kind den einzigen Lobbyisten, den es haben könnte (vgl. Rummel, 1992; Kunkel, 1992; Dickmeis, 1993). Und im Übrigen: Man stelle sich nur einmal vor, das Jugendamt entzöge dem Vormundschaftsgericht seine Mitarbeit nur deshalb, weil sein Angebot, mit den Eltern über die Modalitäten einer für notwendig gehaltenen Fremdunterbringung zu sprechen, von diesen mit der Begründung abgelehnt wurde, hierzu bestünde nach ihrer Auffassung kein Bedarf.

 

 

      Wer meint, dieser Vergleich sei unzulässig, weil hier zwei grundlegend verschiedene Aufgaben des Jugendamtes miteinander vermengt werden, der muss zumindest die Frage beantworten können, wo die sogenannten „anderen Aufgaben“ der Jugendhilfe anfangen und worin der eigentliche inhaltliche Sinn dieser Beteiligung liegt.

 

 

      Natürlich kenne ich das in diesem Zusammenhang betonte Argument vom gesetzlichen Datenschutz. Doch wenn der Datenschutz dem Kinderschutz die Grenze setzt und nicht umgekehrt, dann ist es an der Zeit, über das verfassungsrechtlich verbriefte Wächteramt noch mal gründlich nachzudenken. Doch das hier nur als Anmerkung, weil es nicht zum engeren Thema gehört.

 

 

      In jedem Fall hat mit der „psychologischen Wende“ durch das KJHG jedenfalls ein so grundlegender Perspektivewechsel weg von der „Person“ und hier zur „Persön-lichkeit“ des Kindes stattgefunden, wie es ihn bis dahin noch nie gab. Denn wenngleich das handlungsleitende Motto zumindest semantisch auch das alte blieb, -oberste Richtschnur war weiterhin das „Kindeswohl“- so war damit nun nicht länger eine nach Belieben ausfüllbare „inhaltsleere Worthülse“ (Jopt, 1992), das „Deckmäntelchen“ (Knappert, 1991) früherer Tage gemeint.

 

 

      „Kindeswohl“ stand jetzt zuallererst als „Deckname“ zum einen für ein intaktes Netzwerk emotionaler Beziehungen zwischen einem Kind und seiner Familie, ganz obenan seinen Eltern. Und zum anderen für das Eingebundensein eines Kindes in einen prozesshaft-dynamischen Entwicklungsverlauf, der zwar immer wieder durch Störungen belastet werden konnte (das waren die „Kindeswohlgefährdungen“ früherer Tage). Ihre Beseitigung wurde jetzt jedoch eher als „Reparatur vor Ort“ angesehen (was auch eine, vorübergehende oder anhaltende, Fremdunterbringung keineswegs ausschloss), wobei die Arbeit am „Netzwerk“ (bedeutsamer Beziehungen) Vorrang hatte vor der am „Objekt“ (der Person).

 

 

      Nie zuvor hatte man die Bedeutung von Beziehungen und damit der unbedingten Erhaltung von Kontakten zwischen Eltern und Kind so ins Zentrum der Betrachtung gestellt. Dies war jetzt das wohl wichtigste neue Ergebnis eines systemischen und damit vom Kind her geführten Zugangs zu seinen (psychischen) Bedürfnissen (vgl. Jopt, 1992). So stand für die Psychotherapeutin Brigitte Spangenberg (1994, S. 458) ausser Frage: „In der Rangordnung der Grundrechte kommt das Recht auf Beziehung zu beiden Eltern nach dem Recht auf Leben“. Und der Kinderrechtler und Rechtsanwalt Peter Koeppel (1995, S. 560) wollte damit am liebsten sofort auch juristisch ernst machen und schlug vor, die Verpflichtung zum Beziehungserhalt für alle -Eltern, aber auch staatlichen Wächter- unverzüglich ins BGB aufnehmen.

 

 

      Aus dieser Sicht war es jetzt auch eher zweitrangig, ob die Eltern eines Kindes getrennt waren, geschieden oder freiwillig oder unfreiwillig nicht mit ihm zusammenlebten. In allen Fällen kam es zuallererst darauf an, zunächst mit aller fachlichen Kraft darauf hinzuwirken, dass die das Kind zutiefst belastenden Beziehungsstörungen beseitigt wurden. Durch nachhaltige Beratung von Trennungseltern über einen kindgemässen Umgang miteinander (§§ 17, 18 KJHG); oder durch gemeinsame Planung der Gestaltung kindlicher Gegenwart und mittelfristiger Zukunft zusammen mit seinen Eltern und allen anderen Betreuungspersonen im anderen Fall (§ 37 KJHG). Ganz im Gegensatz zum behördlichen Alleingang früherer Zeiten war jedenfalls die Mitbeteiligung der Eltern an allen behördlichen Sorgen um ein Kind zur neuen Selbstverständlichkeit geworden (§ 36 KJHG).

 

 

      Mit der Definition der Jugendhilfe als kindorientiertem Unternehmen für Angebote, Hilfen, Leistungen, Beratung, Unterstützung und Mitwirkung -alles primär an die Adresse von Eltern- waren jedoch nicht nur die Aufgaben neu definiert worden; damit zwingend verbunden war zugleich auch ein neues Verständnis ihrer Rolle, ein neues Selbstverständnis. Denn die zentrale Voraussetzung dafür, dass die neuen Angebote auch angenommen werden würden, war natürlich, dass Eltern vom Jugendschutz nicht länger nur als ärgerliche und lästige, am liebsten auszuschaltende „Störquellen“ oder gar als „Gegner“ betrachtet wurden.

 

 

        Der neue Auftrag gebot, verpflichtete vielmehr dazu, Eltern von Anfang an als gleichwertige Partner, als Teammitglieder, mit denen man kooperativ und gemeinsam nach Lösungen für ihr in Not geratenes Kind suchen wollte, anzusehen – und sie auch entsprechend zu behandeln. Allenfalls mochte man sie vielleicht für Gefangene ihrer verzerrten Wahrnehmungen halten, denen deshalb durch Beratung, Diskussion oder ermutigende und begleitende Angebote geholfen werden musste, den Realitätsverlust, der sich im Mangel an Empathie für die psychische Situation ihres Kindes mitteilte, abzubauen. Aber auch das gebot in jedem Fall zunächst Respekt, Ernstnahme und Mitbeteiligung am weiteren Planungsgeschehen. Eine fast therapeutische Aufgabe, die da plötzlich von den Mitarbeitern des Jugendamtes erwartet wurde.

II. Entscheidungsgrundlagen im Jugendschutz

1.Nicht Institutionen, sondern Menschen irren

        Wer es sich zur Aufgabe gestellt hat, den staatlichen Kinder- und Jugendschutz kritisch unter die Lupe zu nehmen, begibt sich zwangsläufig auf sehr dünnes Eis. Denn zum einen lassen sich Institutionen, staatliche allemal, ohnehin nur äusserst ungern in die Karten schauen und schalten deshalb meist sehr schnell auf Abschottung, Abwehr oder auch Abwertung des unerwünschten Spions. Solches Misstrauen zu erklären, soll hier jedoch den Organisationssoziologen vorbehalten bleiben.
        Und zum anderen: Institutionelles Handeln zeigt sich um so uneinheitlicher -von Amt zu Amt, ja von Amtsperson zu Amtsperson um so unterschiedlicher- je grösser die individuellen Freiheits- und Gestaltungsgrade sind. Mit anderen Worten: Je weniger klare und eng umgrenzte Vorschriften, Dienstanweisungen oder Auflagen von Vorgesetzten den Spielraum des Einzelnen einengen, desto variabler, individueller und untypischer können die Massnahmen aussehen, die auf äusserliche ähnliche und damit zumindest grob vergleichbare Fallkonstellationen zur Anwendung kommen.
        Dies hat zur Folge, dass es jedem Kritiker letztlich geradezu unmöglich gemacht wird, behördliches Handeln zu bewerten, geschweige zu verallgemeinern, weil ihm bei jedem solchen Versuch unverzüglich -logisch zu recht- sofort ein Gegenbeispiel vorgehalten werden kann, das sein Generalisierung als oberflächlich und damit unzulässig ausweist.
        In diesem Sinne gibt es „das Jugendamt“ zwar als Namen für eine staatliche Institution mit einem breit angelegten, auf den Interessens- und Bedürfnisschutz von Kindern und Jugendlichen ausgerichteten Aufgabenkatalog, wie er heute im KJHG niedergelegt ist. Bezogen auf behördliches Handeln ist dieses Amt zunächst jedoch eine kaum greifbare Abstraktion. Denn stets sind es ganz individuelle Einzelpersonen -Sozial- bzw. Sachbearbeiter, Abteilungs- oder auch Amtsleiter-, die im konkreten Fall tätig werden und dabei selbstverständlich -das geht gar nicht anders- ihre professionelle Kompetenz immer in einer schwer durchschaubaren und noch schwerer entflechtbaren „Vermengung“ mit der eigenen Biographie, ihrer Persönlichkeit, vor allem auch ihren Einstellungen und Haltungen (auch etwa zum KJHG!) einbringen, wenngleich sie im Regelfall auch alle eine vergleichbare Berufsausbildung durchlaufen haben.
        Diese Verquickung von Fachlichem und Privatem drängt sich gerade beim Jugendschutz noch entschieden stärker auf, als in vielen anderen Berufen, weil das jugend-amtliche Aufgabenfeld -die Beschäftigung mit gefährdeten Kindern, sowie den Erziehungsschwierigkeiten, -defiziten und Bedürftigkeiten ihrer Eltern- die persönlichen Erfahrungen eines jeden Mitarbeiters aus seiner eigenen Herkunftsfamilie unmittelbar berührt und ihn somit über seine erworbene Fachlichkeit hinaus stets zugleich auch zum „naiven“, zum „natürlichen Experten“ macht.
        Ich vermute, dass es eben diese „Doppelrolle“ des Jugendamtmitarbeiters -die Vermischung seiner fachlichen Kompetenz zur Berurteilung eines familialen Sachverhalts mit seinem ganz persönlichen Wert- und Normsystem als Ergebnis der eigenen Familiensozialisation- ist, die die zu beobachtende Bandbreite behördlichen Handelns bei strukturell durchaus gleichgelagerten Problemstellungen letztlich ausmacht. Spätestens jetzt dürfte deshalb nun wohl auch der Titel meines Vortrags jedem verständlich sein.
        Doch da es vor dem Hintergrund einer rechtlichen Normierung mit dem Anspruch auf interindividuelle Verbindlichkeit diese Verquickung „offiziell“ natürlich nicht geben darf -weil andernfalls der Umgang mit einer Familie in hohem Masse davon abhinge, welcher Sachbearbeiter für ihren Wohnsitz gerade zuständig ist-, muss die Behörde jede Subjektivität im Handeln ihrer Mitarbeiter verständlicherweise energisch zurückweisen. Nur folgerichtig muss jeder, der auf der Basis unbefriedigender persönlicher Erfahrungen „das Jugendamt“ angreift, umgehend mit der Stärkung eines kollektiven behördlichen Wir-Gefühls rechnen: die Gruppe -repräsentiert durch Abteilungs- oder Amtsleitung- stellt sich unmissverständlich hinter ihr Mitglied, um den globalen -in dieser allgemeinen Form ja meist auch unberechtigten- Angriff abzuwehren.
        Das wiederum hat allerdings zur Folge, dass dem Beschwerdeführer nun erst recht „das Jugendamt“ als pauschaler Täter erscheint: stehen doch offensichtlich sogar die Vorgesetzten, möglicherweise bis hin zum das gesamte Amt repräsentierende Behördenleiter, hinter dem von ihm kritisierten Akteur.
        Die eher pauschale Abwehr von Beschwerden gegenüber vermeintlichem oder auch tatsächlichem Fehlverhalten eines Mitarbeiters ist jedoch nicht nur eine verbreitete Reaktion behördlicher Institutionen. Das im Prinzip gleiche Problem stellt sich ebenso auch für jeden Einzelnen selbst: „Wie reagiere ich auf Kritik?“ Insofern ist die Frage des Umgangs mit Widerspruch nicht nur eine Frage hierarchischer „Fürsorgepflicht“, sondern immer auch eine, die mit der Persönlichkeit des Amtsinhabers zu tun hat. Deshalb liesse sich der Umgang mit eigenen Fehlern und Irrtümern durchaus auch als ein Problem von uns allen betrachten. Wobei der Unterschied zum Jugendschutzvertreter lediglich in der Bedeutsamkeit und Folgenschwere einer möglicherweise fehlerhaften Einflussnahme liegt.
        Dazu ein Beispiel: Als ich jüngst der Sozialarbeiterin eines niedersächsischen Jugendamtes vorhielt, die gegen den Willen der Mutter veranlasste Fremdunterbringung eines Kleinkindes möglicherweise viel zu vorschnell und unkritisch veranlasst zu haben, „entschuldigte“ sie sich förmlich mit dem Hinweis, dass man „ansonsten“ in vergleichbaren Fällen doch sehr viel sorgfältiger und abwägender verfahre. Insofern seien die hier begangenen Fehler auf keinen Fall typisch für die Arbeit des Hauses.
        Ich will durchaus glauben, dass das stimmt. Doch denkt man eben an die Folgen dieser Fahrlässigkeit; denkt man an die möglicherweise ohne Not von ihrem Kind getrennte Mutter, die fortan „irgendwie“ damit fertigwerden muss, dass ihr Sohn zu einer anderen Frau „Mama“ sagen wird; dass er ihr -selbst bei Aufrechterhaltung von Besuchskontakten- dennoch immer „fremd“ bleiben und dass sie vermutlich niemals jenes einzigartige und einmalige Intimverhältnis mit ihm teilen wird, das „Elternschaft“ ausmacht und das sich in seiner ganzen emotionalen Bedeutungsschwere letztlich nur durch das gemeinsame „Miteinander“ erschliesst.
        Und weiter: Denkt man an all die Gefühlsirritationen, denen das Kind -jetzt noch nicht, aber irgendwann mit Sicherheit- einmal ausgesetzt sein wird. Denkt man an all diese und möglicherweise noch viele weitere psychische Konsequenzen einer einzigen unbedachten und vorschnellen Entscheidung durch eine einzelne Amtsperson, dann wird sofort klar: Das Jugendamt steht in einer entschieden grösseren Verantwortlichkeit, als jede andere staatliche Behörde.
        Grösser deshalb, weil einmal begangene Irrtümer nun sehr viel schwerer und oftmals auch gar nicht wieder zu korrigieren sind. Während etwa ein spätger erkannter Fehler bei der Berechnung von Sozialhilfe durch Rückzahlung oder -dann zur Freude des Berechtigten- durch Nachzahlung relativ leicht wieder behoben werden kann, sind Fehler beim Jugendschutz -ganz besonders, wenn sie im Zusammenhang mit der Fremdunterbringung von Kindern stehen- von grundlegend anderer Natur: sie stellen Lebensweichen für das betroffene Kind, und sie beeinflussen das Leben der betroffenen Erwachsenen dramatisch.
        Oder – analog zum medizinischen Eingriff in das genetische Material von Lebewesen, Pflanzen wie Tieren oder auch Menschen: Die Herausnahme von Kindern aus ihrer Familie liesse sich in nicht wenigen Fällen durchaus als ein -wesensverändernder- Eingriff in die psychologische Genetik einer Kind-Eltern-Beziehung bezeichnen. Als ein Eingriff mit schwerwiegenden Konsequenzen für die gesamte weitere Entwicklung aller Betroffenen -nicht nur für das Kind-j, die um so irreversibler sind, je länger die einmal veranlasste Massnahme andauert.
        Wenn aber jugendliche Akte im Hinblick seinen „Gegenstand Mensch“ grundlegend andere, um ein Vielfacher beseutungsschwere Folgen nach sich ziehen können, als jedes andere Verwaltungshandeln; wenn Jugendamtsvertretern als einzigen staatlichen Angestellten die Möglichkeit gegeben ist, im Einzelfall „Schicksal“ zu spielen; dann kann es jedoch -das gebieten Verfassung, wie der Respekt vor der Würde von Menschen gleichermassen- nicht darum gehen, einen einmal begangenen Fehler durch den Verweis auf zahlreiche andere „fehlerfreie“ Massnamen zu relativieren, ihn damit zu bagatellisieren und letztlich zu ignorieren.
        Weil Kinder nicht in Dimensionen von Statistik leben, sondern ausschliesslich in der -von ihren Gefählen und irem entwicklungsbedingtem Denken geprägten- Sinnlichkeit ihrer alltäglichen Gegenwart, hilft ihnen eine solche Verharmlosung denkbar wenig. Für das einzelne Kind, für ein konkreters Elternpaar (oder auch nur einen Elternteil) ausschlaggebend ist allein die Tatsache, dass zumindest jene Fehler, die das weitere Leben betreffen, am besten von vornherein gar nicht erst begangen werden. Und wenn sie denn schon einmal geschehen sind: dass sie so rasch wie möglich wieder korrigiert werden.
        Insofern: Selbstverständlich liessen sich zahllose positive Beispiele für eine effektive, am Kind und seiner Familie orientierten Jugendschutzarbeit aufzeigen. Mit Sicherheit sogar entschieden mehr als negative, wenngleich hierzu auch niemand genaue Zahlen kennt, da den Statistiken die wirklichen Notwendigkeiten einzelner „Leistungen“ nicht zu entnehmen sind. Doch darum geht es hier eben nicht.
        Wo immer Menschen agieren, werden selbst bei bestem Bemühen selbstverständlich immer wieder dennoch Fehler gemacht, das allein ist keineswegs eine Besonderheit der Jugendschutzbehörde. Das Problem ist nur: Wie kann ich aus meinen Fehlern lernen?

 

2.Ein unseliges Vermächtnis

        Doch das sagt sich so leicht. Den schaut man einmal in die Geschichte des Jugendschutzes, dann wird schnell deutlich, dass seine Mitarbeiter seit Bestehen dieser Einrichtung von nunmehr mehr als einem halben Jahrhundert angehalten waren, sich in erster Linie als eine ordnungspolitische, polizei-ähnliche Einrichtung zu verstehen. Das Jugendamt griff ein, ordnete an, brachte Kinder unter, wann immer dies aus obrigkeitsstaatlicher Sicht im vermeintlichen Interesse des Kindes für erforderlich gehalten wurde. Dass dies häufig gegen den Willen seiner Eltern geschah, war dabei insofern kaum weiter irritierend und fast eher „normal“, als gegen den einzelnen Bürger gerichtete staatliche Massnahmen bekannterweise ohnehin selten auf Zustimmung stossen.
        Fragt man, woher der einzelne Amtsvertreter als Repräsentant staatlicher Macht sein Wissen über das zum Schutz eines Kindes Gebotene hatte, so zeigt die Geschichte eines: dieses Wisen war weniger Ausdruck einschlägiger Fachkompetenz, sondern entsprang eher seinen eigenen Normalitätsvorstellungen. Insbesondere die Herausnahme von Kindern orientierte sich stark am persönlichen Überzeugungssystem, weniger über das, was Kinder brauchen, sondern in erster Linie darüber, was ihnen schadet.
        Wobei dann der Gedanke, schädliche Einflüsse einfach dadurch auszugrenzen, indem man sie vom Kind fernhält, nicht nur psychologisch nahelag, sondern natürlich durchaus aucheine gewisse Plausibilität hatte. Jedenfalls so lange, wie man Kinder lediglich als passive Wesen ansah, die von sich aus nicht in der Lage waren, Gefährdungen abzuwehren. Hinzu kam ein vorrangig auf ihren Leib und ihre psychische Gesundheit ausgerichteter Blick. All dies entsprach dem Zeitgeist, dem Wissen der damaligen Zeit über die Bedürfnisse von Kindern.
        Zwar machte sich dank Sigmund Freud bereits seit Anfang dieses Jahrhunderts eine wachsende Psychologisierung in der Betrachtung des Kindes breit. Das heutige -das KJHG massgeblich prägende- systemisch-ganzheitliche Verständnis vom Kinde als einem existentiell in emotionale Beziehungen eingebundenen und deshalb von ihnen hochgradig abhängigen Wesen konnte sich jedocherst so richtig in den letzten 20 Jahren ausbreiten.
        Wer über Macht verfügt, speziell über die Definitionsmacht darüber, ob ein bestimmtes Kind in seiner Familie gefährdet ist oder nicht, und wer nie etwas anderes gelernt hat, als eine erkannte Gefahr dadurch zu beseitigen, dass man die durch sie bedrohte Person einfach „aus der Schusslinie“ herausnimmt -sprich: aus der Familie „entfernt“-, der wiederum hat natürlich wenig Veranlassung, sein einmal gefälltes Urteil kritisch zu hinterfragen. Allemal dann nicht, wenn obendrein genau das auch noch von ihm erwartet wird.
        Allenfalls achtet er darauf, sich in seinem Vorgehen innerhalb des zulässigen rechtlichen Rahmens zu bewegen, ansonsten bestätigt ihn jedoch eine „naive Evidenz“. Insofern greift jede Jugendamtskritik, die die Zeitgeschichte ignoriert, schnell ins Leere.
        Diese mehr von Ideologie als von Fachlichkeit geprägte Sichtweise hatte jedenfalls zur Folge, dass der einzelne staatliche Jugendschützer nicht nur weitestgehend ganz allein darüber befand, ob ein Gefährdungstatbestand vorlag oder nicht. Zugleich „wusste“ auch nur er, was als geeignete Abwehrmassnahme zum Schutz des Kindes oder Jugendlichen in Frage kam.
        So berichteten beispielsweise Erben & Schade (1994), dass als häufigstes Ergebnis in ihrer Untersuchung von Jugendamts-Berichten schlichte Behauptungen, ohne jegliche fachliche oder empirische Grundlage, gefunden wurden.
        Es ist insbesondere dieses historisch gewachsene Kompetenzverständnis, das -trotz KJHG, trotz gestiegener Mitbeteiligung von Eltern, trotz Teamgesprächen und trotz inzwischen wach gewordener Medien- auch heute noch am stärksten in manchen Sozialarbeiterköpfen, und leider nicht nur den älteren, verwurzelt ist. Eine klassisch obrigkeitsstaatliche Überzeugung, die der Berliner Rechtswissenschaftler Johannes Münder (1993) sehr treffend als „autoritative Fürsorge“ bezeichnet und die in der Tat stark an jene „Fürsorglichkeit“ erinnert, wie sie sowohl Fürsten der Vergangenheit wie moderne Despoten ihren Untergebenen zuteil werden lassen.
        Natürlich ist hier radikales Umlernen angesagt, und dies so schnell wie möglich. Nur, das fordert sich so leicht. Dem selbigem Münder (1993, S. 398) ist auch darin leider zuzustimmen:
        „Hier bedarf es nicht nur eines neuen Gesetzestextes, sondern der Umorientierung in den Köpfen und in den Handlungsweisen“.
        D.h., jenes andere Jugendamt, das wir uns alle wünschen und zu dessen Entwicklung möglicherweise auch diese Tagung ein Stück beitragen mag, hat nicht nur mit Wissen, sondern -und dies eigentlich zuallererst und in noch erheblich grösserem Masse- mit Bewusstsein zu tun. Doch wie Bewusstsein verändern, wenn hierfür Verhaltensvorschriften (sprich: Gesetze) allein nicht ausreichen?

 

3.Eine verhängnisvolle Orientierung

        Der in meinen Augen grösste Hemmschuh, um sämtliche Jugendamtsvertreter zielstrebig und rasch aus dem überholten Geist der JWG raus- und hin zu einem neuen Bewusstsein für ihre heutige Rolle im Kinderschutz zu führen, besteht darin, dass sie sich, weil so eng mit der Justiz verknüpft, frühzeitig und bereitwillig auf ein gedankliches Paradigma eingelassen haben und vielfach heute noch einlassen, das ihrem beruflichen Selbstverständnis, ihrer professionellen Identität im Grunde niemals entsprach. Damit meine ich die grundlegend verschiedenen Perspektiven bzw. Ordnungsstrukturen, mit denen Justiz zum einen und Sozialwissenschaften zum anderen dasselbe Problem im Rahmen des Jugendschutzes betrachten und behandeln.
        Oder zurückhaltender: Dieses Paradigma war vielleicht einmal angesagt, als sich die „staatliche Fürsorge“ noch weitestgehend allein als Entscheidungsgehilfin und Ausführungsorgan für Weisungen des Gerichts verstand. Mit der heutigen Vorgabe der Jugendhilfe als einer eigenständigen sozialpädagogischen Dienstleistungsbehörde in Verbindung mit einer systemisch-ganzheitlichen Sicht des Kindes und seiner Familie ist es jedoch absolut unvereinbar.
        Zunächst zum justiziellen Paradigma. Richter wollen Fälle lösen und damit Akten erledigen, und beides müssen sie auch, weil dies die Justizverwaltung von ihnen erwartet. Daraus folgt zwangsläufig eine in erster Linie statische Betrachtungsweise, die darauf ausgerichtet ist, am Ende Ruhe und Ordnung, „klare Verhältnisse“ hergestellt und damit eine „Sache“ dauerhaft und endgültig abgeschlossen zu haben. Auf dem Weg zu diesem Ziel ist ihr Blick vornehmlich nach rückwärts gerichtet, da es ja im Regelfall darum geht, ein zurückliegendes Geschehen in Bezug auf seinen damaligen Verlauf zu würdigen, um ggfls. die hierbei festgestellten Abweichungen von der normativen Messlatte der Gesetze angemessen zu sanktionieren. Ausschliessliche Werkzeuge dieser Vorgehensweise sind Rationalität, Logik und Kognition.
        Ganz anders dagegen das Anliegen des Humanwissenschaftlers. Sein Denken ist nicht statisch, sondern dynamisch-prozesshaft orientiert, da er weiss, dass sich menschliches Leben in anhaltender Entwicklung, damit in Veränderung, befindet und wenn, dann immer nur höchstens für eine begrenzte Phase zur augenscheinlichen Ruhe kommt. Wirkliche „Ruhe“ gibt es aber erst mit dem Tod, deshalb mag eine Angelegenheit -durchaus auch für lange Zeit- „ruhen“, endgültig „erledigt“ ist sie jedoch erst dann. insofern ist sein Blick stets zukunftsorientiert nach vorn gerichtet und dabei zugleich ausdrücklich offen für weitere Entwicklungen, vorhersehbaren wie unerwarteten. Diese Betrachtungsweise verlangt zwar auch Rationalität, wesentlich wichtiger jedoch sind hier Sensibilität und Emotionalität gegenüber den Menschen. Entsprechend gehört Empathie, Einfühlungsvermögen in Befindlichkeit und Erlebniswelt des anderen, zu einem seiner wichtigsten Werkzeuge.
        Damit steht dem linear-kausalen Denkparadigma des Juristen auf der anderen Seite eine ganzheitliche Verstehens- und Betrachtungsweise des Sozialarbeiters gegenüber. Während Juristen statische Diagnostik mit dem Ziel, die „wahre Wahrheit“ herauszufinden, betreiben, geht es ihm vor allem um eine gegenwarts- und zukunftsorientierte Gestaltung von Lebensverläufen, die nachhaltig von der „persönlichen Wahrheit“ der Beteiligten, ihren stabilen oder auch sich verändernden Glaubens- und Überzeugungssystemen, mitbestimmt wird.
        Paraphrasiert gesagt: Während es dem Juristen in ersten Linie auf Gerechtigkeit ankommt, steht im Mittelpunkt der Betrachtungsweise eines Sozialkundlers die menschliche Bedürftigkeit. Deshalb werden von dem einen (Gerichts-)Prozesse geführt, während der andere (Entwicklungs-)Prozesse steuert (s. auch Mann, 1995).
        Alle diese gravierenden Unterschiede im Hinblick auf die jeweilige Aufgabenstellung beider Disziplinen sind so richtig und sie sind auch notwendig.
        Nur: Durch die starke Orientierung des gesamten Kindschaftsrecht am Recht – von der Verfassung, über die Ausführungsbestimmungen des BGB, bis hin zur Begegnung im Gerichtssaal; durch die beruflichen Qualifizierungsunterschiede zwischen den professionellen Verfahrensbeteiligten – die Juristen, Richter wie Anwälte, haben ein Universitäts-, die Sozialarbeiter „nur“ ein Fachhochschulstudium absolviert; durch den viel zu grossen Respekt vor der „Macht“ des Richters, die in Wahrheit nicht Selbstzweck, sondern nur Mittel -eine Art „Amtshilfe für den Sozialarbeiter“- ist; durch eine Berufssozialisation, die die psychologisch-pädagogische Qualifizierung zu Lasten einer einseitigen Betonung der rechtlichen und sozialarbeiterischen Berufsgrundlagen sträflich vernachlässigte.
        Und schliesslich vielleicht auch -ich mag es jedenfalls nicht ganz ausschliessen- durch die jedermann bewussten Einkommens- und damit zugleich Statusunterschiede hat sich eine vielfach auch heute noch zu beobachtende Mentalität bei den Sozialarbeitern entwickelt, die von der Eigenständigkeit, je von der völlig ausser Frage stehenden Überlegenheit ihres professionellen Paradigmas, ihres fachlichen Könnens, nur wenig und häufig sogar gar nichts mehr spüren lässt.
        Mag sich dieser Verzicht auf ein eigenes Profil von Fachkompetenz wie von Persönlichkeit sowohl aus historischer wie aus soziologischer Sicht auch noch so treffend verstehen und nachvollziehen lassen; gerechtfertigt war er nie, zumindest in diesem ganzen Ausmass nicht. Und wenn dieser Verzicht eines bewirkt, dann ist es Schaden. Beträchtlicher Schaden im Selbstverständnis und damit im für jeden Menschen so wichtigen Selbstwertgefühl des Sozialarbeiters. Allergrössten Schaden jedoch in jedem Fall bei den betroffenen Menschen, den Kindern und ihren Eltern.
        Denn die bereitwillige Anpassung -bissig gesagt: Anbiederung- an das justizielle Paradigma führt bis in die Gegenwart hinein immer wieder dazu, dass das Kindschaftswesen zum reinen Verwaltungsakt degeneriert. Und dies sowohl im diagnostischen Bereich -Stichwort: Kindeswohl-, als auch im Rahmen der Durchführung kinderschützender Massnahmen – auf die empörende Handhabung sogenannter „Amtsvormundschaften“ komme ich gleich noch zu sprechen.
        Dabei melden sich längst bereits selbst aus der Richterschaft nachdenkliche Stimmen, die die Mitarbeiter der Jugendämter ausdrücklich zur partnerschaftlichen und kooperativen -ja, das meinen sie durchaus ernst: zu kollegialen- Zusammenarbeit einladen, regelrecht auffordern (Prestien, 1995; o.J.; Dickmeis, 1993). Doch selbst trotz solch offener Türen, so wurde mir geklagt, scheint die Einladung an den „runden Tisch“ vielfach immer noch grössere Angst und Unsicherheit auszulösen, als der nicht eben selbstwertstärkende Platz des „Berichterstatters“ auf der Hinterbank im Gerichtssaal.
        Mögen diese Ausführung deutlich gemacht haben, worauf es ankommen wird, wenn Münder oben die Notwendigkeit einer „Umorientierung in den Köpfen“ forderte.

4.Machtmotivation

        Hierzu will ich mit einem kurzen Beispiel beginnen, das zu meinen bittersten Erfahrungen zählt, die ich je mit einem Jugendamt gemacht habe.
        Nach sechs überaus dynamischen Ehejahren hatte sich das Paar scheiden lassen. Zwar kamen beide nicht ganz voneinander los, aber zusammen klappte es halt auch nicht mehr; und eigentlich war es beiden -trotz zweiter gemeinsamer Kinder- nie richtig gelungen, friedlich und harmonisch miteinander auszukommen. So sah es jedenfalls die Ehefrau, als sie mit der Flucht ins Frauenhaus dieses Familienleben endgültig beenden wollte.
        Ganz anders dagegen ihr Mann: Er liebte Frau und Kinder, trotz aller Spannungen und Konflikte, aus tiefstem Herzen und war davon überzeugt, wenn sie ihre schweren psychischen Belastungen nur endlich los sein würde -in der Tat war ihr früher einmal eine Hebephrenie diagnostiziert worden-, stünde einem harmonisch-konfliktlosem Zusammenleben nichts mehr im Wege.
        Doch weil sie dennoch ging, brach er daraufhin erst einmal psychisch zusammen. Nach stationärer Behandlung wieder gesundet und inzwischen auch geschieden, fand man sich nicht nur wieder, sondern auch erneut Gefallen aneinander. Ein drittes -diesmal nichteheliches- Kind schien dies unübersehbar zu bestätigen. Das war immerhin drei Jahre nach der Scheidung.
        Solche Paare gibt es immer wieder, und sie können dem zuständigen Jugendamtsmitarbeiter- dem dieser Fall natürlich längst bekannt ist- schier zur Verzweiflung bringen, weil sie jede Planung immer wieder zunichte machen.
        Jedenfalls lebte man jetzt wieder zusammen, räumlich getrennt zwar, aber eben doch nicht ganz getrennt, zumindest nicht an den arbeitsfreien Wochenenden. Irgendwie war alles wie früher. So chaotisch wie eh und je. Dann eines Tages vor nunmehr fünf Jahren passierte das Grauenvolle: Warum genau, weiss niemand, doch ohne jede Ankündigung, ohne kleinsten Hinweis, nahm sich die Frau auf schreckliche Weise -sie stürzte sich vor einen Zug- das Leben. Ihre drei Kinder waren da gerade, 9, 8 und 3 Jahre alt.
        Natürlich wollte der Vater sofort zu ihnen in die mütterliche Wohhung ziehen, um sie dort zu versorgen und zu betreuen, vor allem jedoch, um ihnen in dieser schweren Stunde zur Seite zu stehen, mit ihnen zu trauen, sie zu trösten, die Angst vor dem Unbegreiflichen mit ihnen zu teilen.
        Doch er durfte nicht. Denn weil der zuständige Jugendamtsvertreter fest davon überzeugt war, dass er kein guter Ehemann gewesen sei, sah er in ihm auch eine Gefahr als Vater und veranlasste deshalb nur wenige Tage nach dem Todesfall die Unterbringung aller drei Kinder in einem weit entfernten Heim. Somit hatten sie nicht nur die Mutter, sondern zeitgleich auch noch ihren Vater verloren.
        Denn „erfolgreich“ war sein sofort aufgenommener Kampf um die Rückkehr seiner Kinder erst nach fast sieben Monaten, da durfte er sie -im Rahmen einer Begutachtung- erstmals besuchen. Mehr aber auch nicht. Denn zwar sprach ihm das Amtsgericht, entgegen der gutachterlichen Empfehlung, das Sorgerecht für seine Kinder zu; doch dem widersprach der Sozialamtsrat vom Jugendamt unverzüglich und mit Erfolg. Auf seine Beschwerde hin hob das Landgericht den Beschluss wieder auf und richtete eine Amtsvormundschaft ein.
        Daraufhin wurde dem Vater nun erst einmal richtig gezeigt, wer hier auch weiterhin das Sagen haben wird. Seine ohnehin äusserst spärlichen Besuchskontakte wurden in dem Masse nur noch weiter gekürzt, wie er aus seiner Überzeugung, Opfer staatlichen Kinderklau`s zu sein, kein Hehl macht – bis hin zur Aussetzung. Natürlich „darf“ das kein Vormund von sich aus, aber wer will, hat selten Schwierigkeiten, das „Recht“ der „Macht“ unterzuordnen, sofern er nur im „Besitz“ der Kinder ist. Dazu muss nur zur rechten Zeit stets aufs „Kindeswohl“ verwiesen werden.
        Den Vater, voller Sehnsucht nach seinen Kindern, machte dieses erschreckende Unverständnis vom Aufgabenverständnis eines professionellen Kinderschützers verständlicherweise nicht nur noch verzweifelter. Die verzweifelten Rückkehrwünsche seiner Kinder durch heimlich rausgeschmuggelte Briefe vor Augen, wie durch die ganz wenigen Begegnungen in den Ohren, machte es ihn auch zunehmend wütender. Die Folge waren Drohungen und Bedrohungen. Sowohl gegen Heim wie Jugendamt.
        Dort bekam man schliesslich Angst. Ein ganzer Planungsstab mit Behördenleiter und Polizei wurde einberufen. Schliesslich Personenschutz veranlasst. Eine teure Massnahme, durch die der Kämmerer am Schluss um weit über 100.000,– DM ärmer war. Parallel wurde Strafanzeige erstattet, die zu einer zur Bewährung ausgesetzten 6-monatigen Freiheitsstrafe führte.
        Danach war zwei Jahre Ruhe, denn zu sehen bekam der Vater seine Kinder jetzt natürlich erst recht nicht. Und Empörung, das hatte er inzwischen begriffen, ist ein nur allzu stumpfes Schwert im Kampf Davids gegen Goliath. Ausserdem wollten die Kinder jetzt ohnehin nicht mehr von ihm wissen – das liess jedenfalls das Jugendamt mitteilen.
        Dann geschieht erneut das Unfassbare, diesmal allerdings in die entgegengesetzte Richtung, als damals beim Suizid der Mutter: Ein neuer Richter -wieder einmal- ist mit der Sache befasst, und der -anders als bisher- ist betroffen, zumindest verunsichert darüber, ob hier wohl bisher alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Ein neuer Sachverständiger wird beauftragt, das war ich.
        Es dauert zwar einige Zeit, bis ich mein Gutachten schliesslich vorlegen kann, denn den Befangenheitsantrag des Jugendamtes aufgrund meines Eindrucks von „Menschenrechtsverletzung“ und „Rechtsbeugung“ war nur dadurch abzuwehren, dass ich diese „Beleidigungen“ in einem extra anberaumten Termin wieder zurücknahm – das erste Mal, dass ich mich in meinem Beruf korrumpierte.
        Doch dann liest das Gericht, wovon es ihm Grunde längst selbst überzeugt war: meine Empfehlung, dem Vater unverzüglich das Sorgerecht für seine beiden Söhne; die älteste Tochter wollte auf jeden Fall im Heim bleiben und ihren Vater nicht sehen, zurückzugeben. Erst vor wenigen Monaten erging dann auch ein entsprechender Beschluss.
        Über die sofort dagegen eingelegte Beschwerde des Jugendamtes ist noch nicht entschieden.
        Wer schützt Kinder vor solchen Beschützern? Wer schützt Kinder vor Amtspersonen, die ihren staatlichen Hoheitsauftrag dazu missbrauchen, ihr persönliches Bedürfnis nach Ausübung von Macht bedingungslos und rücksichtslos zu verfolgen? Oder sachlicher: Wie kann man verhindern, dass schwer gestörte Menschen, die an einer Schaltzentrale zur Ausübung von Macht sitzen, diese für die eigene Sache missbrauchen?
        Dieses Beispiel -von heute und nicht von vorgestern (!) – zeigt in aller Deutlichkeit, dass es allein mit Vertrauen in die Kontrollfunktion der Justiz nicht getan sein kann. Doch was daraus folgt, darauf möchte ich erst gleich eine Antwort geben.
        Zunächst sei darauf hingewiesen -das allein wollte ich mit diesem Beispiel deutlich machen-, dass es über all die genannten Probleme hinaus, die um die Kompetenz des Jugendamtspersonals ranken, auch noch einen ganz anderen Aspekt gibt, den es schon immer gab und den es mit Sicherheit auch zukünftig weiterhin geben wird – den Faktor Mensch mit all seinen irrationalen und unbewussten Bedürfnissen, seinem Streben nach Geltung oder eben auch schierer Macht.
        Dazu der bekannte Soziologe Max Weber (1956, S. 16):
        „Macht besteht in jeder Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen, auch gegen Widerstreben, durchzusetzen, gleichwohl, worauf diese Chance beruht.“
        Aber wenn das Streben nach Machtausübung letztlich so menschlich ist (Schmalt, 1979), wenn für manche Personen diese Form zwischenmenschlicher Einflussnahme auf Schwächere anscheinend eine geradezu magische Anziehungskraft auszuüben scheint, dann dürfen wir nicht nur einfach erkennen, dass das Jugendamt hierfür so günstige Rahmenbedingungen bietet, wie kein anderes Berufsfeld sonst (mancher mag an den Richter denken, doch da ist Macht ausdrücklich gewollt – und wird auch kontrolliert). Dann ist im Hinblick auf solche möglichen Folgen, wie hier geschildert, jegliche Sorglosigkeit fehl am Platze.
        Nicht jeder ist leider allein deshalb bereits ein Kinderfreund, schon gar kein Familienfreund, nur weil er im Jugendamt arbeitet. Deshalb ist auch allein die nicht verhinderte Möglichkeit zur Ausübung von Macht um ihrer selbst willen zunächst einmal ein gravierender Systemfehler, der mit allen denkbaren Mitteln beseitigt werden muss. Und wenn er sich schon nicht vorab ausschalten lässt, weil man dem Einzelnen seine Inkompetenz oder eben auch sein Machtstreben nun mal nicht ansieht, dann müssen unverzüglich Voraussetzungen geschaffen werden, um beim Eintritt eines solchen Falles schnellstmöglich eingreifen und damit Schlimmes verhüten zu können. Andernfalls herrscht im Rechtsstaat Diktatur.
        Und ich persönlich finde es äusserst wichtig und schon lange überfällig, dass die Offiziellen und die für den Jugendschutz mitverantwortlichen Politiker endlich einmal zur Kenntnis nehmen, dass es in ihrem Hause grundsätzlich nicht anders zugeht, als überall anderswo auch. Dass es auch in ihren Reihen, wie in jedem anderen Beruf „schwarze Schafe“ gibt, die ganz viel Unheil anrichten, ihren Berufsstand diskreditieren und schliesslich bewirken können, dass die Leistungen eines ganzen Berufsstandes auf die öffentliche Anklagebank geraten.
        Insofern gebieten allein Fürsorgepflicht und achtungsvoller Respekt gegenüber der ganz überwiegenden Mehrzahl sehr qualifizierten und im Interesse von Kindern wie deren Familien hoch engagierter Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter (z.B. Knappert, 1991; Anderson & Fischer, 1993; Reiner, 1994), dass hier nicht länger weggeschaut, sondern endlich dafür gesorgt wird, dass solche, letztlich kranken Menschen nicht länger auf der Helferseite sitzen, sondern selbst Hilfe bekommen.
        Womit ich zum Schluss komme. Was ist zu tun? Was sollte getan werden, und was muss endlich getan werden, weil es schon seit langem überfällig ist?

 

III. Verbesserungsvorschläge

 

1.Qualifizierung

 

        Ohne elementares Fachwissen geht es in keinem Beruf – das ist trivial. Dies dem Sozialarbeiter zu vermitteln, ist zentrale Aufgabe der Fachhochschulen. Es ist hier nun nicht der Ort, die gängigen Ausbildungs- und Studienordnungen auf ihre Aktualität hin zu durchforsten. Nur: Wenn beispielsweise in einem verbreiteten und 1989 -das war ein Jahr vor Inkrafttreten des KJHG- bereits in 4. Auflage erschienenem Lehrbuch über die Zusammenarbeit zwischen Gericht und Jugendhilfe immer noch davon die Rede ist, dass Sozialarbeiter mit ihren gutachterlichen Stellungnahmen „dem Richter bei der Entscheidungsfindung helfen“ und insofern durchaus „einem gerichtlichen Sachverständigen“ vergleichbar seien (Arndt & Oberloskamp, 1989, S. 15; im Prinzip ähnlich selbst noch Oberloskamp, 1994 (!), S. 28), dann zeigt dies, welch weiter Weg noch zurückgelegt werden muss, um jene Partnerschaftlichkeit und gleichrangige Kooperation zu erreichen, die -ginge es allein nach dem KJHG- längst selbstverständlich sein sollte.
        Aber auch umgekehrt! Wieviel Zurückhaltung gegenüber vorschneller Kritik an sozialarbeiterischem Handeln durchaus angesagt wäre, sofern man allen Menschen nur zugesteht, in ihrer beruflichen Praxis zunächst auf die Wissensbestände zurückzugreifen, die ihre Meister sie gelehrt haben. Und schliesslich: Wenn es selbst denen offenbar sehr schwerfällt, aus alten Vertrautheiten und Gewohnheiten auszubrechen und die „neue Lehre“ (des KJHG) in neuer Lehre den Studierenden zu vermitteln, dann ist manches, was in der Praxis empört, zwar nicht verständlicher, aber vielleicht doch verstehbarer.
        Doch dass sich irgendwann auch die Ausbildung auf den paradigmatischen Wandel sowohl im Aufgaben-, vor allem aber auch im Selbstverständnis eingestellt haben wird, darauf allein darf man natürlich nicht nur warten. Was den Nachwuchs angeht, so gibt es zwar vor allem an den Hochschulen noch sehr viel zu tun, und möglicherweise bleibt uns hier tatsächlich gar keine andere Wahl als darauf zu warten, bis eine neue Generation von Hochschullehrern mit „KJHG-Bewusstsein“ die Ausbildung übernommen haben wird.
        Zumal die Feststellungen des Leiters des Kreisjugendamtes Siegburt und exzellenten Kenners der Jugendhilfe-Szene, Ferdinand Kaufmann (1991, S. 19), die Erwartung einer raschen akademischen Vermittlung von Inhalten und Philosophie des KJHG nicht gerade beflügeln:
        „Auch die Ausbildung an den Fachhochschulen befasst sich fast ausschliesslich mit der Position des Jugendamtes als Ermittlungshelfer und Berichterstatter für das Gericht“.
        Für die jetzt bereits Berufstätigen, denen geradezu die Fähigkeiten eines „Überläufers“ bzw. eines Konvertiten abverlangt werden und die es insofern schwerer haben, als alle Generationen vor wie nach ihnen, plädieere ich dagegen mit Nachdruck für den Ausbau berufsbegleitender Fortbildung. Denn wer einmal mitbekommen hat, wie stiefmütterlich mit dieser Dringlichkeit umgegangen wird -nicht seitens der oft starf motivierten Mitarbeiter, sondern durch den Dienstherrn, der dafür allenfalls lächerliche Zeitbudgets und noch lächerlichere finanzielle Mittel zur Verfügung stellt-, der ist nur noch fassungslos.
        Doch ein Sozialarbeiter, der nicht verstanden, weil es ihm niemand vermittelt hat, welchen beruflichen Auftrag ihm der Gesetzgeber durch den Normenkatalog des KJHG zwingend vorschreibt, der aus Unkenntnis heraus für Ermessenssache hält, was in Wahrheit gesetzliche Verpflichtung ist, ist im gesamten Kindschaftsrecht im Grunde nicht nur untragbar. Die durch seinen Kompetenzmangel angerichteten Folgekosten sind zugleich mit Sicherheit um ein Vielfacher grösser als das, was für seine Qualifizierung zu investieren gewesen wäre.
        Insofern, als im Zentrum jeder Fortbildung der durch das KJHG nicht nahegelegte, sondern unmissverständlich geforderte Perspektivewechsel hin zu einer bedingungslosen Betrachtungsweise vom Kind her stehen muss, stehen schon seit langem Schützenhilfen zu Verfügung, die nur deshalb bisher nicht genutzt wwurden, weil sie anscheinend niemand kennt. Ich meine zum einen das Recht -auch eines Kindes- „auf Familienleben“, wie es in Art. 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) niedergelegt und der -obwohl nur die wenigsten Juristen dies zu wissen scheinen- auch hierzulande geltendes Recht ist.
        Und zum anderen die inzwischen auch vonder Bundesrepublik ratifizierte UN-Kinderrechtekonvention (KRK), in der u.a. jedem Kind, das von seinen Eltern getrennt ist, ausdrücklich das Recht auf Beziehungserhalt zur Herkunftsfamilie garantiert wird, sofern es seinem Wohl nicht entgegensteht (Art. 9 KRK).
        Doch obwohl Protagonisten wie Koeppel (1996) und Brötel (1996) seit Jahren nicht müde werden, die deutsche Justiz darauf hinzuweisen, dass diese kindzentrierten Vorschriften ebenso geltendes und damit auch bindendes Recht sind, wie nationale Gesetze auch (dies gilt insbesondere für die EMRK), tun sich die allermeisten Gerichte -nur von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen- äusserst schwer damit, diese internationalen Rechtsstandards für Kinder überhaupt wahrzunehmen. Vom Jugendschutz ganz zu schweigen.
        Doch das ist schlichtweg unzulässig; geltendes Recht bindet auch ihn. Deshalb wäre die umfassende Informierung über diese internationalen Paktvorschriften im Interesse und zum Schutz von Kindern nicht nur ein wichtiges Stück längst überfälliger Rechtsaufklärung im Rahmen von Fortbildung (natürlich auch von Ausbildung). Durch solche rechtlichen Vorgaben im Rücken gestärkt, könnten viele Sozialarbeiter gewiss auch entschieden souveräner -und mutiger- dort auftreten, wo es ihnen alteingeschliffene Strukturen nicht einfach machen, sich im Sinne ihrer kindlichen Klientel zu behaupten.
        Das ist das eine. Doch Fortbildung allein reicht nicht. Wie vor dem Gesetz bekannterweise Unwissenheit nicht vor Strafe schützt, so müssen auch im Jugendschutz Handlung und Handlungsfolgen endlich so miteinander verknüpft werden, wie in jedem anderen Beruf auch. Orientierungen oder Rückfälle in das autoritär-obrigkeitsstaatliche Denken früherer Zeiten spiegeln massive Fehler, die es einfach nicht geben darf. Wo sie dennoch geschehen, muss dies deshalb Konsequenzen haben. Zumindest die Konsequenz, dass ein als solcher erkannter Fehler von vorgesetzter Stelle unverzüglich korrigiert wird.
        Zwar ist Wiesner (1995) -immerhin der hochgeachtete „Vater des KJHG“- der Ansicht, dass sich jegliche sozialpädagogische Entscheidung aufgrund der ihr zugrunde liegenden Komplexität einer Kontrolle wie auch Korrektur durch Vorgesetzte gründlich entziehen; doch bei allem Respekt – dies darf nicht das letzte Wort sein. Zumindest im Öffentlichen Dienst darf es einfach kein Tätigkeitsfeld geben, auf dem ein Arbeitnehmer geradezu „Narrenfreiheit“ geniesst. Entscheidungskorrekturen durch den Dienstvorgesetzten würden jedenfalls ganz sicherlich das öffentliche Ansehen des Amtes nicht schmälern, sondern im Gegenteil stärken.
        Doch noch wichtiger ist es natürlich, aus einmal begangenen Fehlern für die Zukunft zu lernen und sie nicht zu wiederholen. Und dies geschieht in jedem Beruf um so eher, je stärker jemand auch an den negativen Folgen seines fehlerhaften Handelns mitbeteiligt ist – angefangen von der Versetzung, bis hin zur Entlassung oder Inregressnahme.
        Macht beispielsweise ein Autohersteller wie VW einmal einen Fehler, dann startet unverzüglich eine kostspielige Rückholaktion, um diesen umgehend zu beseitigen. Nicht aus Nächstenlieben, sondern aus Kostengründen. Weil letztlich die Folgekosten dieses Fehlers ganz beträchtlich grösser sein können -bis hin zur Image-Schädigung und drastischem Kaufrückgang-, als die Investitionen zu seiner Behebung.
        In diesem Sinne haben auch Jugendamtsfehler beträchtliche Folgekosten, sofern sie nicht beseitigt werden. Im Unterschied zu VW werden diese jedoch nicht vom Verursacher getragen, sondern von anderen, „der Kommune, der Gesellschaft“, vor allem jedoch von den betroffenen Kindern und ihren Angehörigen. zugegeben: das motiviert nicht gerade zur Wachsamkeit in Sachen Fehlervermeidung.
        Doch eben deshalb käme es so entscheidend darauf an, auch den im sozialen Auftrag Handelnden frühzeitig zu vermitteln, dass sie in ihrem Tun nicht unbeschränkte Freiheiten haben (vgl. Jansson, 1996). Zwar handelt jeder Sozialarbeiter -davon bin ich fest überzeugt- in jedem einzelnen Fall „nach bestem Wissen und Gewissen“. Nur: Das allein reicht eben nicht. Denn zwischen Wissen, halbwissen und Unwissen können Welten liegen, die kein Gewissen überbrücken kann. Allenfalls vermag es hierüber hinwegzutäuschen.
        Die schlimmen Auswirkungen eines folgenlosen Handelns im luftleeren Raum waren möglichweise niemals so deutlich zu erkennen gewesen, wie in den letzten Jahren, wenn es um den Umgang mit dem Verdach auf sexuellen Kindesmissbrauch durch einen Familienangehörigen ging. Ich habe selbst miterlebt, wie nichts Böses ahndende Mütter ihre Töchter vom Kindergarten abholen wollten, dort jedoch erfuhren, dass das Jugendamt sie vorläufig „weggeschützt“ habe, da sie vermutlich durch den Vater oder einen Onkel sexuell missbraucht worden „seien“ (!). In einem Fall dauerte es Monate, bis die Mutter ihre Tochter endlich wieder in die Arme schliessen konnte, weil es so lange dauerte, bis ein Gutachten die hsysterische Überreatktion einer Jugendschützerin endlich korrigiert hatte.
        Hierzu der Offenbacher Sozialdezernent und früherer Frankfurter Jugendamtsleiter Matthias Mann (1995, S. 313):
        „Ohne zureichende Anamnese, ohne ausreichende Sachverhaltsaufklärung und ohne professionelle weitere Hilfeplanung wurden in einer Art Aktionismus teilweise irreversible Tatsachen geschaffen, die bei behutsamen, differenziert-professionellem Vorgehen vermieden worden wären. Auch ist nicht von der Hand zu weisen, dass in diesem Zusammenhang Fälle, in denen der sexuelle Missbrauch nicht zweifelsfrei nachweisbar war, vorschnell als solche apostrophiert wurden, was zur Verfolgung Unschuldiger geführt hat. Häufig diente dieser Aktionismus zumindest auch der Befriedigung eigener Sanktionsbedürfnisse der Helfer, die ansonsten ihre Hilflosigkeit nicht zu bewältigen wussten.“
        Mit Genugtuung vernahm ich jünst auf einer internationalen Tagung in Holland zum Thema Jugendämter, dass in einem vergleichbaren Fall dem für die ungerechtfertigte Trennung des Kindes von seiner Familie verantwortlichen Sozialarbeiter nach gründlicher Überprüfung durch einen Bürgerausschuss nicht nur gekündigt wurde; darüber hinaus hatte er auch für sämtliche durch ihn entstandenen Kosten aufzukommen. Das war in Kalifornien.

2.Erschwerung

        Denken Sie noch einmal an das Beispiel der drei Heimkinder, so zeigte dies wohl in aller Deutlichkeit, wieviel Macht mit der Rolle eines Amtsvormunds –hnliches gilt auch für den Amtspfleger, insbesondere, wenn er das Aufenthaltsbestimmungsrecht innehat- verbunden sein kann. Doch es ist nicht nur diese potentielle Macht, über die der Alleininhaber der elterlichen Rechte verfügt. Offensichtlich können sich Vormünder nicht anders verhalten, wie es auch von alleinsorgeberechtigten Elternteilen nach Scheidung bekannt ist -rücksichtslos, ja gnadenlos gegenüber den Beziehungsbedürfnissen der ihnen anvertrauten Kinder, von Achtung und Würde vor der nichtsorgeberechtigten Elternperson ganz zu schweigen.
        Vielleicht ist diese über die Ausübung der Alleinsorge mögliche Kontrolle und Machtausübung auch ein Grund dafür, weshalb ausgerechnet aus den Reihen der Jugendamtsmitarbeiter immer wieder grosse Widerstände gegen das gemeinsame Sorgerecht eingebracht werden. Vor dem Hintergrund ihres offiziellen Aufgabenverständnisses jedenfalls müsste es eigentlich genau umgekehrt sein.
        Doch gleichwie: In jedem Fall haben sich bis heute im kindlichen Vormundschaftswesen höchst bedenkliche Zustände etabliert, Verhältnisse, die der Gesetzgeber so nachweislich niemals gewollt hat und die -von den betroffenen Kindern her gesehen- im Grunde unerträglich sind. Damit meine ich die geradezu routinehafte Übertragung von Elternrechten auf Amtsvormünder.
        Zwar heisst es in der entsprechenden Vorschrift des § 1779 (2) BGB ausdrücklich:
        „(2) Das Vormundschaftsgericht soll eine Person auswählen, die nach ihren persönlichen Verhältnissen und ihrer Vermögenslage sowie nach den sonstigen Umständen zur Führung der Vormundschaft geeignet ist … Verwandte und Verschwägerte des Mündels sind zunächst zu berücksichtigen; ist der Mündel nichtehelich, so steht es im Ermessen des Vormundschaftsgerichts, ob sein Vater, dessen Verwandte und deren Ehegatten berücksichtigten werden sollen.“
        Doch in der Praxis ist es mit der Bestellung eines Vormund, der dem Mündel aufgrund seiner verwandtschaftlichen oder auch nur seiner zwischenmenschlichen Beziehung näher steht als jeder Fremde, schon gar jeder „Berufsvormund“, nicht weit her. Natürlich muss grundsätzlich auch für den Fall vorgesorgt sein, dass sich eine solche Vertrauensperson einfach nicht finden lässt. Insofern macht es guten Sinn, „auch das Jugendamt“ in den Kreis potentieller Vormünder mit einzubeziehen ( § 1791 b (1) BGB).
        Doch gedacht war dies nur für den äussersten Notfall und sollte deshalb sofort wieder abgeändert werden, sobald im Interesse des Mündels eine geeignete Person doch noch gefunden war ( § 1887 (1) BGB). Deshalb wurde dem Jugendamt für den Fall seiner Bestellung eigens zur Pflicht gemacht, im jährlichen Turnus zu prüfen, ob seine Vormundschaft weiterhin notwendig war oder ob sie inzwischen an eine „Einzelperson oder einen Verein“ abgetreten werden konnte ( § 56 (4) KJHG).
        Die „wirkliche“ Aufgabe des Jugendschutzes hingegen sah der Gesetzgeber an ganz anderer Stelle: seine vornehmlichste Aufgabe sollte es sein, vor dem Hintergrund der ihm zur Verfügung stehenden Fach- und Sachkunde dem Gericht geeignete Vormünder -Personen oder auch Vereine- „vorzuschlagen“ ( § 1849 BGB), ihnen beratend und unterstützend zur Seite zu stehen ( § 53 (2) KJHG) und ihre Arbeit im Dienste des Mündels „zu überwachen“ ( §§ 1850 (1) BGB; 53 (3) KJHG).
        Bei so klaren und unmissverständlichen Absichtserklärungen des Gesetzgebers, denen die psychologisch völlig richtige Annahme eines grundsätzlichen kindlichen Interesses an einer vertrauensvollen Person als seinem Vormund zugrunde liegt, ist die gängige Praxis eines Automatismus zu Gunsten von Amtsvormundschaften eigentlich nur dann noch zu verstehen, wenn zum einen die Gerichte ihre einschlägigen Vorschriften offensichtlich nicht besonders ernst zu nehmen scheinen und zum anderen für den Jugendschutz anscheinend eine aussergewöhnliche Attraktivität mit der Erlangung dieses Rechtstitels verbunden sein muss.
        Zwar wiederholt auch Wiesner in seinem paper die verbreitete Behauptung, dies geschehe notgedrungen mangels geeigneter Einzelpersonen (S. 4). Doch ich kann nur vermuten, wer ihm dieses Argument geliefert hat. Vor dem Hintergrund meiner langjährigen persönlichen Erfahrungen habe ich es jedenfalls noch kein einziges Mal erlebt, dass überhaupt ernsthaft nach einer behördlichen Alternative gesucht wurde. Und wo immer ich selbst mich nach Abschluss meiner Arbeit als Sachverständiger als Vormund anbot -was ich gerade bei Vormundschaftssachen immer wieder mache-, wurde dies -mit einer einzigen Ausnahme- entweder dankend abgelehnt oder schlichtweg ignoriert.
        Rational betrachtet ist dieses Kleben an der Amtsvormundschaft um so unbegreiflicher, als dadurch eine einzige Person -ich zitiere noch einmal Wiesner- „in der Praxis nicht selten 100 und mehr „Mündel“ zu betreuen“ hat (S. 10). Man stelle sich nur einmal vor: eine Familie habe 100 Kinder! Doch es ist nicht nur diese technische Seite, die da nur noch Fassungslosigkeit auslöst. Es geht weniger um die Peinlichkeit, wenn ich mir beispielsweise von einer jungen kinderlosen Verwaltungsangestellten, die „ihr“ Mündel noch nie zuvor gesehen hat, als Gutachter erst die Erlaubnis holen muss, das Kind zur Beobachtung seiner Beziehung mit zur Mutter nehmen zu dürfen.
        Viel bedenklicher hierbei ist m.E. die verfassungsrechtliche Dimension dieser Gigantomanie. Denn schliesslich geht es hier nicht um den Kassierer eines Sportvereins, der leicht noch sehr viel mehr Mitglieder problemlos „betreuen“ könnte. Immerhin geht es um nichts Geringeres als die Wahrnehmung von Verantwortung für Leben und Entwicklung eines kleinen Menschen. Eine Aufgabe, der unser Staat eine so hohe Bedeutung beimisst, dass er die Überwachung ihrer kindangemessenen Ausführung immerhin in die Verfassung aufgenommen hat.
        Dieser Kontrolle unterliegt zwar auch ein Amtsvormund, jedenfalls vom gesetzlichen Anspruch her ( § 1837 (1) BGB). Doch faktisch ist diese Vorschrift eine reine Farce, weil das Vormundschaftsgericht allein -ebenso, wie es dies gegenüber den Eltern nur mit Unterstützung des Jugendamts kann- dazu fachlich überhaupt nicht in der Lage ist. Damit besteht die groteske Situation, dass der Amtsvormund selbst zugleich sein eigener Kontrolleur ist. Daran ändert sich auch dadurch nichts, dass rein rechtlich gesehen Amtsvormund und Jugendamt in zwei ganz unterschiedlichen Rechtspositionen stehen. Überlegen Sie vielleicht am besten selbst einmal, wie es um die ernsthafte Kontrolle eines Arbeitnehmers wohl bestellt sein mag, wenn diese ausschliesslich ausgerechnet dem zusteht, der ihn mangels eigener Sachkenntnis mit der Aufgabe beauftragte.
        Aus zwei Gründen ist deshalb das unselige Institut der Amtsvormundschaft schnellstens auf die Bedeutung zurückzustutzen, die das Gesetz schon immer gewollt hat. Erstens, um den Sozialarbeiter von den Verlockungen, Macht auszuüben, fern- und damit für seine eigentlichen Aufgaben Hilfe, Beratung und Unterstützung zu leisten- freizuhalten. Und zweitens wegen der Bedeutung, die eine Vormundschaft für das betroffene Kind hat. Da nach Ansicht des Verfassungsgerichts das Sorgerecht treffender als „Elternverantwortung“ verstanden werden sollte -und die zweite Hälfte dieses Wortes gilt auch für Vormünder, und zwar für alle!-, brauchen Kinder solche elterlichen Ersatzverantwortlichen, die über sie -im altdeutschen Sinne dieses Wortes- „walten“, und keine, die sie lediglich „verwalten.“
        Insofern bleibt nur zu hoffen, dass der feinfühlige Appell der Kollegin Fricke (1993, S. 289; Hervorhebungen von mir) schleunigst gehört wird:
        „Ein elternloses Kind oder ein Kind, dessen Eltern in der Erziehung bisher vollständig versagt haben und über dessen Schicksal mehrere Fachkräfte des Jugendamts zu entscheiden haben, ist besonders schutzbedürftig und hat ebenfalls den Anspruch auf die persönliche Fürsorge einer Person, die zumindest vorübergehend in der Krisensituation seine Eltern vertritt und unabhängig von Weisungen des Amtes, nur dem Vormundschaftsgericht gegenüber verantwortlich, seine Interessen im Jugendhilferechtsbereich vertritt und als Person faktisch wahrnimmt“.

3.Gutachter

        Hierzu kann ich mich kurz fassen, da diese Problematik morgen in einem eigenen Beitrag von Herrn Richter Bergmann noch ausführlich aufgegriffen werden wird. Deshalb an dieser Stelle lediglich zwei kurze Anmerkungen.
        Die eine betrifft die bereits angesprochene wachsende Bereitschaft des Jugendschutzes, nach erfolglosen Beratungsbemühungen jede weitere Mitarbeit gegenüber dem Gericht zu verweigern. Hier muss man sich darüber im Klaren sein -und die Praxis zeigt dies auch ganz deutlich-, dass auf diese Weise keinem einzigen Kind geholfen wird, weil die Gerichte den dadurch freien Platz einfach mit dem Gutachter besetzen. Und der ist nun bedauerlicherweise im Regelfall wahrlich keiner, der die abgebrochene Befriedungsarbeit wieder aufgreifen würde. Eher lebt in ihm der entscheidungszentrierte Geist vergangener Tage unbeschwert weiter.
        Insofern findet durch den Rückzug des Jugendschutzes lediglich ein Austausch von Personen statt. Mit der allerdings gravierenden Konsequenz, dass das regelmässig durch die Konflikte seiner Eltern höchst belastete und darunter seelisch schwer leidende Kind nunmehr ausschliesslich der alten JWG-Ideologie ausgeliefert ist, weil die „schützende Hand“ des KJHG sich ihm dauerhaft entzogen hat. Und was das heute noch im Regelfal zur Folge hat, das wissen eigentlich längst auch alle Jugendschützer. Jedenfalls könnten sie es wissen (s. Jopt, 1992).
        Trotzdem mag allerdings die Delegation an einen Sachverständigen dennoch immer wieder durchaus sinnvoll sein. Nicht, weil der mehr kann als der Sozialarbeiter; sondern weil er qua Rolle über mehr Macht verfügt. Insbesondere dann, wenn der Jugendschutz darauf verzichtet, dem Gericht gegenüber die Verweigerung der Mitarbeit eines Elternteils als bedeutsames Indiz für die Frage sorgerechtlicher Eignung aufzuzeigen. Das steht keineswegs im Widerspruch zu meiner Klage zuvor.
        Denn da es nur darauf ankommt, dass auch der Sachverständige -wie sein gescheiterter Vorgänger- seine Macht nicht als Entscheidungs-, sondern als Gestaltungsmacht zu Befriedung von Eltern einsetzt, kann diesmal durchaus gelingen, was vorher unmöglich schien. Deshalb sollte das Jugendamt in allen Fällen eigener Erfolglosigkeit -egal, aus welchen Gründen- zumindest bei der gerichtlichen Auswahl des geeigneten Sachverständigen -energisch- mitwirken, indem es -schliesslich bleibt es Verfahrensbeteiligter- jeder Beauftragung eines Nur-Diagnostikers mit Nachdruck widerspricht (s. Spangenberg, 1996).

4.Kontrolle

        Soweit es schliesslich um die Frage möglicher Kontrolle im Jugendschutz geht, so darf es auf keinen Fall genügen, diese im Sinne von Wiesner nur deshalb zurückzuweisen, weil sozialpädagogische Entscheidungen aufgrund ihrer Vielschichtigkeit und unmöglichen Objektivierarbeit nunmal nicht kontrollierbar seien. Eine solchermassen kategorisch getroffene Einschützung eines realen Problems -immerhin hat sich inzwischen selbst die Kinderkommission des Deutschen Bundestages für die Einrichtung einer Überprüfungsinstanz ausgesprochen- wird einer so gravierenden Problematik, wie es ein mit der Herausnahme eines Kindes verbundener Grundrechtseingriff ist (und ausschliesslich um diese Fälle geht es nur im vorliegenden Zusammenhang) nicht annähernd gerecht.
        Hier wird offensichtlich verkannt, dass jede solche Entscheidung sich schliesslich nicht aus einer Art „sachinhärenter Entfaltungslogik“ heraus quasi von selbst ergibt, sondern von ganz konkreten Menschen getroffen und damit zwangsläufig durch den „Faktor Mensch“ -als Sammelnamen für das Gesamt subjektiver Beeinflussungsfaktoren, ohne die es menschliches Denken nicht gibt- mitgeprägt wird. Allein aus diesem Grund hat jeder Rechtsstaat den Instanzenweg, die Möglichkeit, einer vom Gericht getroffenen Entscheidung zu widersprechen, geschaffen, da darf auch der Jugendschutz keine Ausnahme bilden.
        Andererseits ist die Kontrollfrage kaum analog zu den Gerichtszügen zu lösen. Und das hat in erster Linie mit dem Faktor Zeit zu tun. Denn anders als bei der Beurteilung eines retrospektiven Tatgeschehens, verändert sich im Sozialwesen der „Gegenstand“, das Kind, in seinen Gefühlen und Erleben stetig, so dass zu einem späteren Zeitpunkt durchaus richtig sein kann, was ganz zu Anfang noch falsch war. Man denke nur an die Unterbringung eines Kindes in einer Pflegefamilie. Wenn schon eine Überprüfungsinstanz, dann käme es somit entscheidend darauf an, dass diese möglichst unverzüglich nach einer beanstandeten Entscheidung tätig wird.
        Und ich persönlich denke, dass es eine solche Kammer -über ihre Besetzung wäre noch zu reden- in jedem Fall eigentlich auch geben müsste. Zumindest dann, wenn sich nach Abschluss der Kindschaftsrechtsreform nicht seine Überflüssigkeit herausstellen sollte.
        Trotzdem sehe ich die letztlich viel bedeutungsvolleren Kontrollmöglichkeit -dies steht dazu keineswegs im Widerspruch- jedoch an ganz anderer Stelle – sozusagen im Vorfeld der Entscheidungsfindung. Hier wäre sofort schon eine ganze Menge erreicht, wenn -von ganz begründeten Ausnahmen abgesehen- regelmässig alle Betroffenen, insbesondere die Eltern, an das Lösung beteiligt werden würden. Genau dies sieht das KJHG im § 36 mit der Erstellung eines Hilfeplans inzwischen zwar auch ausdrücklich vor.
        Ich habe jedoch nicht den Eindruck, dass diese Zusammenarbeit auch überall im Sinne eines schwierig zu bewältigenden gemeinsamen Suchprozesses verstanden wird. Oftmals scheint es, als beugten sich hier die „Experten“ lediglich dem Gesetz, statt aus tatsächlicher Überzeugung heraus „gemeinsame Sache“ zu machen. Wenn dies einmal nicht mehr so ist, wird es jedenfalls unverzüglich ganz erheblich mehr an Transparenz und damit an Kontrolle geben, als dies zur Zeit noch der Fall ist.
        Zwar ist es inzwischen geradezu selbstverständlich geworden, dass wichtige Entscheidungen zumindest vorher im Team erörtert werden. Doch ohne „echte“ elterliche Mitbeteiligung, durch Degradierung von Eltern zu reinen Zuschauern, denen lediglich „erklärt“ wird, was das Team beschlossen hat und für richtig hält, wird jede Berufung auf ein „Team“ schnell zum Gefahrensignal. Denn so verstanden, ist der Weg zum „Gesinnungskartell von Experten“ und damit zum Machtkartell nur kurz.
        Ein wichtiger Beitrag in diese Richtung wäre sicherlich auch die oben bereits ausführlich begründete Abkehr von der Amtsvormundschaft als Regelfall. Sofern Mündel regelmässig von Vormündern betreut würden, denen ihre Aufgabe von grosser persönlicher Wichtigkeit ist und die sich der damit verbundenen Verantwortung deutlich bewusst sind -seien es Einzelpersonen oder einschlägige Verbände, die sich der Betreuung von Kindern verschrieben haben-, wäre mit Sicherheit gewährleistet, dass sich schematisch oder auch ideologisch begründete Herausnahmen bzw. Kontakteinschränkungen gegen den Wunsch eines Kindes kaum durchsetzen könnten.
        Mit ganz viel Hoffnung verbinde ich in diesem Zusammenhang abschliessend die Absicht des Gesetzgebers ( § 50 FGG-E), im Rahmen der anstehenden Reform des Kindschaftsrechts dem Kind in ganz bestimmten Fällen -und zwar im Falle einer Interessenkollision zum Sorgeberechtigten, bei Herausnahme aus der Familie, bei beabsichtigtem Sorgerechtsentzug sowie für seine beabsichtigte Herausnahme aus einer Pflegefamilie- regelmässig einen Verfahrenspfleger an die Seite zu stellen (vgl. Jopt, 1996).
        Zwar weiss noch niemand so genau, wer dies sein und welche Befugnisse er haben soll. Doch das wird sich alles noch abklären; das Jugendamt jedenfalls mit Sicherheit nicht. In jedem Falle wäre mit einer solchen Einrichtung eines „Anwalts des Kindes“ auf so direkte Weise jeglicher vorschnellen und willkürlichen Entscheidung ein Riegel vorgeschoben, dass es zumindest abgewartet werden könnte, ob dann eine zusätzliche Kontrollinstanz überhaupt noch nötig bleibt.

S c h l u s s

        Bad Boll war schon einmal weichenstellend, hier wurde bereits in den 80er-Jahren der Grundstein für das gemeinsame Sorgerecht bei Scheidung gelegt, das heute im Zentrum der neuen Kindschaftsrechtsreform steht. Möge diese Veranstaltung insofern erneut Auftakt sein, um irgendwann da anzugelangen, dass es nicht länger ein lokaler Glücksfall ist, ob ein Jugendamtsvertreter sich als konsequenter Lobbyist für Kinder versteht oder als Sachwalter eines abstrakten „Kindeswohls“.
        Denn, dies sollte deutlich geworden sein, zwischen einem allgemein konzipierten Rechtsschutz für Kinder zum einen und seiner Umsetzung „vor Ort“ zum anderen können Welten liegen, zumindest führt jeder Weg dorthin immer nur über ganz individuelle Menschen. Und dadurch kommen Faktoren hinzu, die die abstrakte Seelenlosigkeit des Rechts weder kennt noch berücksichtigen kann.
        Andererseits: Staatlichen Kinderschutz werden wir auch weiterhin brauchen. Die verbreitete Unfähigkeit von Eltern, ihren Kindern jene Essentials zu sichern, die für ihre gesunde seelische und Persönlichkeitsentwicklung unverzichtbar sind, werden ihn zukünftig vermutlich sogar noch stärker erforderlich machen denn je.
        Deshalb dürfen wir bei allen zukünftigen Gedanken zum staatlichen Kinderschutz nie aus den Augen verlieren, worum es bei dieser so schwierigen Arbeit letztlich geht. Proksch (1995, S. 95) hatte es einst treffend so formuliert:
        „Denn Jugendhilfe ist vor allem zukunftsbezogene gesamtgesellschaftliche Investition. Es geht um die Förderung der jungen Menschen, die später die wirtschaftliche Stabilität und die gesellschaftliche Solidarität in unserem Staatswesen sichern helfen sollen und müssen“.
          Hierzu hätte ich gerne mit diesem Vortrag ein kleines Stückchen beigetragen.

Literatur

          • Anderson, W. & Fischer, Wera (1993). Welchen Beitrag können Sozialarbeiter im Rahmen des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (KJHG) zur Sicherung des Kindeswohls bei Trennung/Scheidung der Eltern leisten? Zentralblatt für Jugendrecht, 80, 319-327.
          • Arndt, J. & Oberloskamp, Helga (1989). Gutachterliche Stellungnahmen in der sozialen Arbeit. Heidelberg: Deckert & Müller.
          • Brötel, A. (1996). Der Rechtsanspruch des Kindes auf seine Eltern – Positionsbeschreibung anhand der Europäischen Menschenrechtskonvention und der UN-Kinderrechtskonvention. Der Amtsvormund, Heft 9/10. 745-766.
          • Bundeskonferenz für Erziehungsberatung e.V. (1995). Hinweise zur Hilfeplanung nach § 36 KJHG. Zentralblatt für Jugendrecht 82, 314-319.Coester, M. (1986). Kindeswohl als Rechtsbegriff. In: Sechster Deutscher Familiengerichtstag. Brühler Schriften zum Familienrecht. Band 4. Bielefeld; Gieseking. S. 35-51.
          • Coester, M. (1996). Elternautonomie und Staatsverantwortung bei der pflege und Erziehung von Kindern. Zeitschrift für das gesamte Familienrecht, 43. 1181-1187.
          • Dickmeis, F. (1993). Praktische Umsetzung einer familienfreundlichen Zusammenarbeit der Jugendhilfe und des Familien- und Vormundschaftsgerichts. Der Amtsvormund, 865-882.
          • Erben, Rafaela & Schade, B. (1994). Position und Einfluss des Jugendamtes in familiengerichtlichen Verfahren. Eine empirische Untersuchung. Zentralblatt für Jugendrecht, 81. 209-214.
          • Fricke, Astrid (1993). Der Sorgerechtsentzug und die Folgen: Zur Mitwirkung des Amtsvormunds/Amtspflegers bei der Hilfe zur Erziehung nach dem KJHG. Zentralblatt für Jugendrecht, 80. 284-291.
          • Goldstein, J. Freud, Anna & Solnit, A.-J. (1974). Jenseits des Kindeswohls. Frankfurt: Suhrkamp.
          • Hörmann, H. (1967). Theoretische Grundlagen der projektiven Tests. Handbuch der Psychologie. Bd. 6. Göttingen: Hogrefe. S. 71-112.
          • Janssen, K. (1996). Das Jugendamt – ein bürgerorientiertes Dienstleistungsunternehmen für Kinder, Jugendliche und deren Familien. Der Amtsvormund. 653-664.
          • Jopf. U. (1992). Im Namen des Kindes. Plädoyer für die Abschaffung des alleinigen Sorgerechts. Hamburg: Rasch und Röhring.
          • Jopt, U. (1996). Anmerkungen zum Referentenentwurf zur Reform des Kindschaftsrechts aus psychologischer Sicht. Zentralblatt für Jugendrecht, 83, 203-211.
          • Kaufmann, F. (1991). Das Jugendamt: Helfer für die Betroffenen oder Helfer für das Gericht? – Aspekte der Anwendung des § 17 KJHG (Partnerschafts-, Trennungs- und Scheidungsberatung). Zentralblatt für Jugendrecht, 78, 18-22.
          • Knappert, Christine (1991). Die öffentliche Jugendhilfe als professionelle Scheidungsbegleiterin – Ein veränderter Handlungsansatz in der Familiengerichtshilfe des Jugendamtes. – Zentralblatt für Jugendrecht, 78. 398-403.
          • Koeppel, P. (1995). Schutz der Eltern-Kind-Beziehung. Vorschlag zu einer Gesetzesnovelle zur kurzfristigen Harmonisierung der Rchtsprechung im Kindschaftsrecht. Der Amtsvormund, 559-561.
          • Koeppel, P. (Hrsg.) (1996). Kindschaftsrecht und Völkerrecht im europäischen Kontext.
          • Kunkel, P.-C. (1992). Macht der Sozialdatenschutz die Familiengerichtshilfe zu einem Torso? Zentralblatt für Jugendrecht, 79. 607-608.
          • Mann, M. (1995). Entscheidungszwang der Justiz im Spannungsverhältnis zur familienorientierten Konfliktmoderation der Jugendhilfe. Zentralblatt für Jugendrecht, 82. 307-314.
          • Münder, J. (1993). Umsetzungsprobleme des neuen Kinder- und Jugendhilfegesetzes. Recht der Jugend und des Bildungswesens, 41. 388-399.
          • Oberloskamp, Helga (1994). Kindschaftsrechtliche Fälle für Studium und Praxis. Neuwied: Luchterhand.
          • Prestien, H.-C. (1995). Zur Wiederherstellung der Selbstverantwortung der Familienmitglieder: Der/Die RichterIn als Drehscheibe interdisziplinärer Zusammenarbeit. Zentralblatt für Jugendrecht, 82. 166-170.
          • Prestien, H.-C. (o.J.) Die Rolle und Funktion der Familien- und Vormundschaftsgerichte sowie der Rechtsanwälte und ihr Verhältnis zur Jugendhilfe. Unveröff. Manuskript.
          • Proksch. R. (1995). Prävention als Leitlinie des neuen Kinder- und Jugendhilferechts – Konsequenzen für die sozialpädagogische Praxis. Zentralblatt für Jugendrecht, 82. 89-95.
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          • Rummel, C. (1992). Entmündigung oder Förderung von elterliche Autonomie. Zum Widerspruch zwischen dem Jugendhilferecht und dem Recht der elterlichen Sorge. Recht der Jugend und des Bildungswesens. Heft 3.
          • Salgo. L. (1989). Das Kindeswohl in der neueren Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts. In: R. du Bois (Hrsg.), Praxis und Umfeld der Kinder- und Jugendpsychologie. Bern: Huber. S. 156-169.
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          • Spangenberg, Brigitte (1994). Umgang mit dem „Nein“ – Vermittlung des Umganges gegen den ausgesprochenen Willen des sorgerechtigten Elternteiles. Zentralblatt für Jugendrecht, 81. 458-461.
          • Spangenberg, E. (1996). Umgang, BGH und Grundgesetz. Zeitschrift für das gesamte Familienrecht, 43. 1058-1059.
          • Weber, M. (1956). Wirtschaft und Gesellschaft. Tübingen.
          • Wiesner, R. (1995). Problemaufriss zum Thema „Kontrolle/Arbeit der Jugendämter“. Bonn: Unveröff. Manuskript.


Dierk Schäfer:

„Der kleine Prinz“

Andacht, Tagung „Kindeswohl – Dilemma und Praxis der Jugendämter„. Ev. Akademie Bad Boll, 4.-6. November 1996

          Unsere augenblickliche Tagung „

Kindeswohl – Dilemma und Praxis der Jugendämter

          “ hat den grossen Streit zwischen Eltern, Pflegeeltern, Jugendämtern und anderen Beteiligten zum Thema. Auf die Frage nach dem Kindeswohl gibt es sicher verschiedene Antworten, nicht in allen Fällen jedenfalls eine eindeutig richtige. Auch in einer Andacht werden wir kaum die richtige finden, vielleicht aber einen ganz anderen Zugang.
          Vor ein paar Wochen musste ich den einen Sohn zu einem Termin fahren und nahm den anderen, den kleinen, mit, um meine Frau für eine Stunde zu entlasten. Mich selbst wollte ich dabei nicht zu sehr belasten, sondern während der Wartezeit im Auto einige Texte zur Vorbereitung dieser Tagung lesen.
          Der Kleine wollte eine Kassette hören, o.k., warum nicht. Ich legte ihm den kleinen Prinzen von Saint-ExpuÞry ein. Die Kassette war noch völlig neu in ihrer Zellophanhülle, der kleine Prinz aber mir von früher annähernd in Erinnerung. Er sollte mich nicht stören, der kleine Prinz.
          Doch meine Aufmerksamkeit wurde immer mehr von meinen Texten abgelenkt, bis ich sie beiseite legte. War die Geschichte vom kleinen Prinzen viel näher bei meinem Tagungsthema als diese logischen, aber papierenen Gedanken?
              Nach einer Notlandung mitten in der Sahara, während er versucht, sein Flugzeug zu reparieren, trifft der Ich-Erzählter den kleinen Prinzen. Er scheint geradewegs im Himmel gekommen zu sein. Der kleine Prinz ist jedenfalls nicht von unserer Welt und er stellt sie mit seinen Fragen infrage. Er kommt wie alle Kinder aus einer eigenen, kleinen, übersichtlichen Welt. Auf seinem Planeten gibt es drei Vulkane, zwei tätige und einen erloschenen. Er fegt sie täglich, auch den erloschenen, denn man kann ja nie wissen, sagt er. Und er hat eine stolze Rose mit vier Dornen. Er liebt diese Blume, giesst und beschützt sie.
              Der Ich-Erzähler bemüht sich immer noch, sein Flugzeug wieder flottzukriegen, es ist der fünfte Tage nach der Notlandung. Da fragt ihn der kleine Prinz:
              „Wenn ein Schaf Sträucher frisst, so frisst es doch auch die Blumen?“ – „Ein Schaf frisst alles, was ihm vors Maul kommt.“ – „Auch die Blumen, die Dornen haben?“ – „Ja. Auch die Blumen, die Dornen haben.“ – „Wozu haben sie dann die Dornen?“
              Ich wusste es nicht. Ich war gerade mit dem Versuch beschäftigt, einen zu streng angezogenen Bolzen meines Motors abzuschrauben. Ich war in grosser Sorge, da mir meine Panne sehr bedenklich zu erscheinen begann, und ich machte mich aufs Schlimmste gefasst, weil das Trinkwasser zur Neige ging.
              „Was für einen Zweck haben die Dornen?“ Der kleine Prinz verzichtete niemals auf eine Frage, wenn er sie einmal gestellt hatte. Ich war völlig mit meinem Bolzen beschäftigt und antwortete aufs Geratewohl: „Die Dornen, die haben gar keinen Zweck, die Blumen lassen sie aus reiner Bosheit wachsen!“ – „Oh!“ Er schwieg. Aber dann war er mir in einer Art Verärgerung zu: „Das glaube ich Dir nicht. Die Blumen sind schwach. Sie sind arglos. Sie schützen sich, wie sie können. Sie bilden sich ein, dass sie mit Hilfe der Dornen gefährlich wären…“
              Ich antwortete nichts und sagte mir im selben Augenblick: Wenn dieser Bolzen noch lange bockt, werde ich ihn mit einem Hammerschlag heraushauen müssen.
              Der kleine Prinz störte meine Überlegungen von neuem: „Und Du glaubst, dass die Blumen…“ – „Aber nein! Aber nein! Ich glaube nichts! Ich habe irgendetwas dahergeredet. Wie Du siehst, beschäftige ich mich mit wichtigeren Dingen!“ Er schaute mich verdutzt an. „Mit wichtigeren Dingen!“
              Er sah mich an, wie ich mich mit dem Hammer in der Hand und vom Schmieröf verschmutzten Händen über einen Gegenstand beugte, der ihm ausgesprochen hässlich erscheinen musste. „Du sprichst ja wie die grossen Leute!“ Das beschämte mich. Er fügte aber unbarmherzig hinzu: „Du verwechselst alles, Du bringst alles durcheinander!“ Er war wirklich sehr aufgebracht. Er schüttelte sein goldenes Haar im Wind. „Ich kenne einen Planten, auf dem ein puterroter Herr haust. Er hat nie den Duft einer Blume geatmet. Er hat nie einen Stern angeschaut. Er hat nie jemanden geliebt. Er hat nie etwas anderes als Additionen gemacht. Und den ganzen Tag wiederholt er wie Du: Ich bin ein ernsthafter Mann! Ich bin ein ernsthafter Mann! Und das macht ihn ganz geschwollen vor Hochmut. Aber das ist kein Mensch, das ist ein Schwamm!“ – „Ein was?“ – „Ein Schwamm!“
              Der kleine Prinz war jetzt ganz blass vor Zorn. „Es sind nun Millionen Jahre, dass die Blumen Dornen hervorbringen. Es sind Millionen Jahre, dass die Schafe trotzdem die Blumen fressen. Und Du findest es unwichtig, wenn man wissen möchte, warum sie sich so viel Mühe geben, Dornen hervorzubringen, die zu nichts Zwecks haben? Dieser Kampf der Schafe mit den Blumen soll unwichtig sein? Weniger ernsthaft als die Additionen eines dicken, roten Mannes? Und wenn ich eine Blume kenne, die es in der ganzen Welt nur ein einziges Mal gibt, nirgends anders als auf meinem kleinen Planeten, und wenn ein kleines Schaf, ohne zu wissen, was es tut, diese Blume eines Morgens so mit einem einzigen Biss auslöschen kann – das soll nicht wichtig sein?!“ Er wurde rot vor Erregung und fuhr fort: „Wenn einer eine Blume liebt, die es nur ein einziges Mal gibt auf allen Millionen und Millionen Sternen, dann genügt es ihm völlig, dass er zu ihnen hinaufschaut, um glücklich zu sein. Er sagt sich: Meine Blume ist da oben, irgendwo… Wenn aber das Schaf die Blume frisst, so ist es für ihn, als wären plötzlich alle Sterne ausgelöscht! Und das soll nicht wichtig sein?“
              Er konnte nichts mehr sagen. Er brach plötzlich in Schluchzen aus. Die Nacht war hereingebrochen. Ich hatte mein Werkzeug weggelegt. Mein Hammer, mein Bolzen, der Durst und der Tod, alles war mir gleichgültig. Es galt auf einem Stern, einem Planeten, auf dem meinigen, hier auf der Erde, einen kleinen Prinzen zu trösten! Ich nahm ihn in die Arme. Ich wiegte ihn. Ich flüsterte ihm zu: „Die Blume, die Du liebst, ist nicht in Gefahr… Ich werde ihm einen Maulkorb zeichnen, Deinem Schaf. Ich werde Dir einen Zaun für Deine Blume zeichnen… Ich…“ Ich wusste nicht, was ich noch sagen sollte. Ich kam mir sehr ungeschickt vor. Ich wusste nicht, wie ich zu ihm gelangen, wo ich ihn erreichen konnte.
              Was ist Kindern wichtig, was das Kindeswohl? Wir haben viele gescheite Antworten und scheitern oft.
              Das war das eine, das ich im Auto hörte, als ich meine Zeit doch mit viel gescheiteren Dingen verbringen wollte, als mit einer Kinderkassette.
              Aber noch etwas nahm mich gefangen. Die Liebe des kleinen Prinzen zu seiner Rose wurde erschüttert. Er musste erkennen, dass sie gar nicht einzigartig ist. In seiner Welt, auf seinem Planeten gab es nur die eine. Doch auf der Erde…
              … geschah es, dass er endlich eine Strasse entdeckte. Und die Strassen führen alle zu den Menschen. „Guten Tag“, sagte er. Da war ein blühender Rosengarten. „Guten Tag“, sagten die Rosen. Der kleine Prinz sah sie an. Sie glichen alle seiner Blume. „Wer seid Ihr?“ fragte er sie höchst erstaunt. „Wir sind Rosen“, sagten die Rosen. „Ach!“ sagte der kleine Prinz.
              Und er fühlte sich sehr unglücklich. Seine Blume hatte ihm erzählt, dass sie auf der ganzen Welt einzig in ihrer Art sei. Und siehe! da waren fünftausend davon, alle gleich, in einem einzigen Garten! Sie wäre sehr böse, wenn sie das sähe, sagte er sich… sie würde fürchterlich husten und so tun, als stürbe sie, um der Lächerlichkeit zu entgehen. Und ich müsste wohl so tun, als pflegte ich sie, denn sonst liesse sie sich wirklich sterben, um auch mich zu beschämen … Dann sagte er sich noch: Ich glaubte, ich sei reich durch eine einzigartige Blume, und ich besitze nur eine gewöhnliche Rose. Sie und meine drei Vulkane, die mir bis ans Knie reichen und von denen einer vielleicht für immer erloschen ist, das macht aus mir keinen sehr grossen Prinzen … Und er warf sich ins Gras und weinte.
              In diesem Augenblick erschien der Fuchs: „Guten Tag“, sagte der Fuchs. „Guten Tag“, antwortete höflich der kleine Prinz, der sich umdrehte, aber nichts sah. „Ich bin da“, sagte die Stimme, „unter dem Apfelbaum…“ – „Wer bist Du?“ sagte der kleine Prinz. „Du bist sehr hübsch…“ – „Ich bin ein Fuchs“, sagte der Fuchs. „Komm und spiel mit mir“, schlug ihm der kleine Prinz vor. „Ich bin so traurig….“
              „Ich kann nicht mit Dir spielen“, sagte der Fuchs. „Ich bin noch nicht gezähmt!“
              „Ah, Verzeihung“, sagte der kleine Prinz. Aber nach einiger Überlegung fügte er hinzu: „Was bedeutet das: zähmen?“ „Du bist nicht von hier“, sagte der Fuchs, „was suchst Du?“ „Ich suche die Menschen“, sagte der kleine Prinz. „Was bedeutet: zähmen?“ „Die Menschen“, sagte der Fuchs, „die haben Gewehre und schiessen. Das ist sehr lästig. Sie ziehen auch Hühner auf. Das ist ihr einziges Interesse. Du suchst Hühner?“ „Nein“, sagte der kleine Prinz, „ich suche Freunde. Was heisst: zähmen?“ „Das ist eine in Vergessenheit geratete Sache“, sagte der Fuchs. „Es bedeutet: sich vertraut machen!“ „Vertraut machen?“ „Gewiss“, sagte der Fuchs. „Du bist für mich noch nichts als ein kleiner Knabe, der hunderttausend kleinen Knaben völlig gleicht. Ich brauche Dich nicht, und Du brauchst mich ebenso wenig. Ich bin für Dich nur ein Fuchs, der hunderttausend Füchsen gleicht. Aber wenn Du mich zähmst, werden wir einander brauchen. Du wirst für mich einzig sein in der Welt. Ich werde für Dich einzig sein in der Welt…“
              „Ich beginne zu verstehen“, sagte der kleine Prinz. „Es gibt eine Blume…. ich glaube, sie hat mich gezähmt…“ – „Das ist möglich“, sagte der Fuchs. „Mann trifft auf der Erde alle möglichen Dinge….“ – „Oh, das ist nicht auf der Erde“, sagte der kleine Prinz. Der Fuchs schien sehr aufgeregt. „Auf einem anderen Planeten?“ „Ja“. – „Gibt es Jäger auf diesem Planeten?“ „Nein“. – „Das ist interessant. Und Hühner?“ – „Nein“. – „Nichts ist vollkommen“, seufzte der Fuchs.
              Aber der Fuchs kam auf seinen Gedanken zurück: „Mein Leben ist eintönig. Ich jage Hühner, die Menschen jagen mich. Alle Hühner gleichen einander, und alle Menschen gleichen einander. Ich langweile mich also ein wenig. Aber wenn Du mich zähmst, wird mein Leben wie durchsonnt sein. Ich werde den Klang Deines Schrittes kennen, der sich von allen anderen unterscheidet. Die anderen Schritte jagen mich unter die Erde. Der Deine wird mich wie Musik aus dem Bau locken. Und dann schau! Du siehst da drüben die Weizenfelder? Ich esse kein Brot. Für mich ist der Weizen zwecklos. Die Weizenfelder erinnern mich an nichts. Und das ist traurig. Aber Du hast weizenblondes Haar. Oh, es wird wunderbar sein, wenn Du mich einmal gezähmt hast! Das Gold der Weizenfelder wird mich an Dich erinnern. Und ich werde das Rauschen des Windes im Getreide liebgewinnen….“
              Der Fuchs verstummte und schaute den Prinzen lange an: „Bitte… zähme mich!“ sagte er. – „Ich möchte wohl“, antwortete der kleine Prinz, „aber ich habe nicht viel Zeit. Ich muss Freunde finden und viele Dinge kennenlernen.“ – „Man kennt nur die Dinge, die man zähmt“, sagte der Fuchs. „Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgend etwas kennenzulernen. Sie kaufen sich alles fertig in den Geschäften. Aber da es keine Kaufläden für Freunde gibt, haben die Leute keine Freunde mehr. Wenn Du einen einen Freund willst, so zähme mich!“ „Was muss ich da tun?“ sagte der kleine Prinz. „Du musst sehr geduldig sein“, antwortete der Fuchs. „Du setzt Dich zuerst ein wenig abseits von mir ins Gras. Ich werde Dich so verstohlen, so aus dem Augenwinkel anschauen, und Du wirst nichts sagen. Die Sprache ist die Quelle der Missverständnisse. Aber jeden Tag wirst Du Dich ein bisschen näher setzen können ….“
              Am nächsten Morgen kam der kleine Prinz zurück.
              „Es wäre besser gewesen, Du wärst zur selben Stunde wiedergekommen“, sagte der Fuchs. „Wenn Du zum Beispiel um vier Uhr nachmittags kommst, kann ich um drei Uhr anfangen, glücklich zu sein. Je mehr die Zeit vergeht, um so glücklicher werde ich mich fühlen. Um vier Uhr werde ich mich schon aufregen und beunruhigen; ich werde erfahren, wie teuer das Glück ist. Wenn Du aber irgendwann kommst, kann ich nie wissen, wann mein Herz da sein soll… Es muss feste Bräuche geben.“ – „Was heisst fester Brauch?“ sagte der kleine Prinz. „Auch etwas in Vergessenheit Geratenes“, sagte der Fuchs. „Es ist das, was einen Tag vom andern unterscheidet, eine Stunde von den andern Stunden. Es gibt zum Beispiel einen Brauch bei meinen Jägern. Sie tanzen am Donnerstag mit den Mädchen des Dorfes. Daher ist der Donnerstag der wunderbare Tag. Ich gehe bis zum Weinberg spazieren. Wenn die Jäger irgendwann einmal zum Tanze gingen, wären die Tage alle gleich und ich hätte niemals Ferien.“
              So machte denn der kleine Prinz den Fuchs mit sich vertraut. Und als die Stunde des Abschieds nahe war: „Ach!“ sagte der Fuchs, „ich werde weinen.“
              „Das ist Deine Schuld, sagte der kleine Prinz, „ich wünsche Dir nichts Übles, aber Du hast gewollt, dass ich Dich zähme…“ – „Gewiss“, sagte der Fuchs. „Aber nun wirst Du weinen!“ sagte der kleine Prinz. „Bestimmt“, sagte der Fuchs. „So hast Du also nichts gewonnen!“ – „Ich habe“ sagte der Fuchs, „die Farbe des Weizens gewonnen.“ Dann fügte er hinzu: „Geh die Rosen wieder anschauen. Du wirst begreifen, dass die Deine einzig ist in der Welt. Du wirst wiederkommen und mir adieu sagen, und ich werde Dir ein Geheimnis schenken.“
              Der kleine Prinz ging, die Rosen wiederzusehen: „Ihr gleicht meiner Rose gar nicht, ihr seid noch nichts“, sagte er zu ihnen. „Niemand hat sich euch vertraut gemacht, und auch ihr habt euch niemandem vertraut gemacht. Ihr seid, wie mein Fuchs war. Der war nichts als ein Fuchs wie hunderttausend andere. Aber ich habe ihn zu meinem Freund gemacht, und jetzt ist er einzig in der Welt.“
              Und die Rosen waren sehr beschämt. „Ihr seid schön, aber ihr seid leer“, sagte er noch. „Man kann für euch nicht sterben. Gewiss, ein Irgendwer, der vorübergeht, könnte glauben, meine Rose ähnle euch. Aber in sich selbst ist sie wichtiger als ihr alle, da sie es ist, die ich begossen habe. Da sie es ist, die ich unter den Glassturz gestellt habe. Da sie es ist, die ich mit dem Wandschirm geschützt habe. Da sie es ist, deren Raupen ich getötet habe (ausser den zwei oder drei um der Schmetterlinge willen). Da sie es ist, die ich klagen oder sich rühmen gehört habe oder auch manchmal schweige. Da es meine Rose ist.“
              Und er kam zum Fuchs zurück. „Adieu“, sagte er. … – „Adieu“, sagte der Fuchs. „Hier mein Geheimnis. Es ist ganz einfach: man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“.
              „Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“, wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken. „Die Zeit, die Du für Deine Rose verloren hast, sie macht Deine Rose so wichtig.“ – „Die Zeit, die ich für meine Rose verloren habe…“, sagte der kleine Prinz, um es sich zu merken.
              „Die Menschen haben diese Wahrheit vergessen“, sagte der Fuchs. „Aber Du darfst sie nich vergessen. Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was Du Dir vertraut gemacht hast. Du bist für Deine Rose verantwortlich…“
              „Ich bin für meine Rose verantwortlich…“, wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken.
          Eltern und Kinder, auch Pflegeeltern und Pflegekinder, haben sich einander vertraut gemacht, sich gezähmt, gegenseitig. Sie haben Zeit füreinander verloren, das macht sie füreinander so wichtig. Auch beim Abschied bleiben sie füreinander verantwortlich, zeitlebens. Es sind Zusammenhänge, die man nicht mit den Augen sehen kann, man sieht nur mit dem Herzen gut und kann nur mit dem Herzen seine Verantwortung erkennen.
            Auf der Rückfahrt wusste ich, dass der kleine Prinz meinen Tagungsteilnehmern etwas sagen kann, was ihnen zu Herzen gehen mag. Darum habe ich Sie heute früh mit dem kleinen Prinzen vertraut gemacht.

Ergebnisse der Arbeitsgemeinschaften

Tagung „Kindeswohl – Dilemma und Praxis der Jugendämter„,

Evangelische Akademie Bad Boll, 4. bis 6. November 1996

 

            Die Arbeitsergebnisse betreffen vor allem die Punkte, die von den Betroffenen – und z.T. auch von den Jugendämtern – als bisher besonders vernachlässigt erfahren werden. Auch Vertreter von Jugendämtern haben an der Formulierung der Ergebnisse mitgearbeitet.


AG 1 Kinder als Opfer im Scheidungskrieg

 


1. a) Trennung und Scheidung

 

                In dieser AG waren diverse Vertreter von Jugendämtern sowie „professionelle Helfer“ mit forensicher Erfahrung beteiligt. In der Diskussion erfolgte keine Polarisierung der Gruppen (Väter und Mütter als Betroffene / Jugendamt).
            • Ausgangspunkt jeglichen Handelns müssen die Interessen des Kindes sein – sie sind aktuell nicht Paradigma des Verwaltungs- und Justizapparates.
            • Das Prinzip des gemeinsamen Sorgerechts und der gemeinsamen elterlichen Verpflichtung als Regelfall gemäss dem Grundgesetz muss als Leitprinzip jeglichen Handelns gelten und darf grundsätzlich nicht zur Disposition stehen.
            • Erhalt des Kontaktes zu beiden Eltern ist als vorrangiges Ziel zu realisieren und kommt gleich nach dem Recht auf Leben.
            • Die Weigerung zur Kommunikation eines Elternteils darf nicht -wie heute üblich- automatisch zur Verhinderung der gemeinsamen Sorge führen.
            • Eine Beratungspflicht in Scheidungsverfahren muss gesetzlich vorgeschrieben werden, die inhaltlich ohne Zwang auszugestalten ist.
            • Die Inhalte der Elternverantwortung müssen im Kontext des gesellschaftlichen Wandels klar umschrieben sein.
            • Weiterbildungsqualifikationen und Ausbildungsangebote speziell zu diesem Thema müssen für die Jugendamtsmitarbeiter -aber nicht nur für diese- geschaffen werden.
            • Die Beratungsangebote müssen wesentlich ausgebaut werden.
            • Wenn Beratungsgespräche scheitern, muss es dokumentiert werden: wer verhindert federführend eine gemeinsame Lösung?
            • Zeitnahes Handeln des Jugendamtes und der anderen beteiligten staatlichen Stellen ist dringend im Interesse des Kindes einzufordern.
            • Das Handeln des Jugendamtes muss transparenter werden:
              – wie werden gemeinsame Lösungen arbeitet?
              – Rollenbewusstsein der getrennten Eltern ist zu fördern.
            • Bei allen Beteiligten sollte das Bewusstsein für die Inhalte eines gemeinsamen Sorgerechts und deren Durchführung bestehen.
            • Bei den Betroffenen muss die Beratungsbereitschaft verstärkt werden, ihre Eigenverantwortung ist zu fördern. Die Bedeutung ihrer Verantwortung muss ihnen vermittelt werden.
                  1. bEltern und Pflegeeltern
              • Die umfassende Betroffenenbeteiligung ist oberstes Ziel.
              • In jedem Fall müssen verlässliche, für alle Beteiligten verbindliche Regelungen getroffen werden.


AG 2    Kurzfristige Massnahmen mit langfristigen Folgen

                2. a) und b)Erziehungs- und Aufsichtsengpässe /
                Verdacht, Vernachlässigung und Misshandlung
            • Die Protokollführung des Jugendamtes muss von den Betroffenen anerkannt werden.
            • Der Dialog zwischen den Beteiligten i.S.v. Konfliktminderung/-entschärfung muss hergestellt und gepflegt werden.
            • Der vom KJHG vorgeschriebene Hilfeplan muss mehr sein als eine Worthülse.
            • Die Kinder müssen gleichen Rechtsanspruch auf kompetente Hilfestellung der öffentlichen Stellen haben, unabhängig von der Kassenlag der Kommunen.
            • Die Respektierung des europäischen Kindesrechts ist umzusetzen, wird bisher verweigert.
            • Das Beziehungsgefüge der Kinder wird zerstört – z.B. Unterbringung von Geschwistern in unterschiedlichen Heimen.
            • Gutachterauswahl und -verteilung darf nicht nach Gutdünken des Richters erfolgen, sondern z.B. per Losentscheidung. 2. c)Verdacht auf Missbrauch
            • Hier gibt es die höchste Quote von Betroffenen, dieses Problem hat am stärksten das Bild von der „Kinderklaubehörde“ geprägt.
            • Das betroffene Kind ist so früh wie möglich einem kompetenten Diagnostiker zuzuführen. Problem: wer soll das sein? Negativer Ausschluss: nicht die einseitig-parteilich-feministischen Beratungsstellen (wie immer noch häufig gängige Praxis).
            • Es gibt hierfür noch keine Ausbildung! Eine praktische Lösung ist nicht einfach, denkbar ist der Nachweis einschlägiger Arbeit auf diesem Gebiet.
            • Von den Untersuchungen sind Aufzeichnungen zu machen.
            • Die wissenschaftlichen Stellungnahmer wie u.a. von Steller, Schade, Undeutsch müssen berücksichtigt werden.


AG 3    Sorgerecht – Warum nicht die Grosseltern oder andere Verwandte und Freunde?

            • Gesetzestreue und weniger Engstirnigkeit durch das Jugendamt sind gefragt.
            • Alle Betroffenen handeln sehr gefühlsorientiert, weniger Personenfixierung wird empfohlen.
            • Das Familiengericht sollte sich mehr um die Bedürfnisse des Kindes kümmern, der Richter muss sich selbst ein Bild machen.
            • Das Vormundschaftsgericht soll Einzelvormünder bestellen.
            • Gutachter muss mehr trennen zwischen Partner- und Elternschaft.
            • Gutachter erhalten zu wenig gerichtliche Vorgaben für die Fragestellungen.
            • Beratungsstellen arbeiten zu sehr mit Druck, Zwang bis hin zur Erpressung.
            • Gesetzgebung darf nicht weiter unbestimmte „wachsweiche“ Rechtsbegriffe vorgeben.
            • Mehr Menschlichkeit, Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention.


AG 4    „Ich will weg von zu Hause!“

            Die „Selbstmelder“, Ihre „Hinterbliebenen“, ihre „Aussichten“.
            • Begriff „Selbstmelder“ wird in Frage gestellt. Selbstmelder sind die geringste Zahl, die Jugendlichen werden dem Jugendamt i.d.R. zugeführt.
            • Es gibt charakteristische Konstellationen: meistens handelt es sich um Mädchen, hier eine bestimmte Gruppe, sehr schnell Annahme durch Jugendamtsmitarbeiter, vermeintliche Umsetzung des „Kindeswillens“, dann Ausgrenzung der Eltern.
            • Jugendamt steht unter einem gewissen Zwang, die Häuser zu füllen.
            • „Datenschutz“ dient zur Abdeckung der Tätigkeiten des Jugendamtes.
            • Andererseits werdendie Akten vom Jugendamt aber an andere Behörden weitergeleitet, um die Betroffenen im Status des „Misshandelnden“ zu lassen. Akten werden oft manipuliert.
            • Eine Fachaufsicht ist notwendig. Jetzt befindet man sich im Zustand der Narrenfreiheit.
            • Es folgt oft eine Verwahrlosung der Kinder in den Heimen und anderen Einrichtungen. Wir brauchen:
            • die Schaffung eines flächendeckenden Netzes der Beratung und Begleitung bei Trennung und Scheidung durch unabhängige freie Träger, die im Interesse des Kindes und seines natürlichen Menschenrechts auf beide Eltern handeln;
            • die Förderung und Unterstützung der Verwirklichung gemeinsamer elterlicher Verantwortung;
            • die Stärkung des Selbsthilfepotentials von Familien und des Hilfepotentials im sozialen Umfeld beider Eltern des Kindes;
            • die Beratung als ein Angebot im Vorfeld von Trennung und Scheidung und an Angebot der Begleitung nach Trennung und Scheidung;
            • breite Information zur Problemen, Fragen und Lösungsansätzen bei Trennung und Scheidung in Schulen, Hochschulen und in der Weiterbildung für Jugendamtsmitarbeiter, Richter und Gutachter;
            • Fachaufsicht und Pflicht zur Qualifikation für das Jugendamt.


Christine Knappert, Jugendamt Bad Salzuflen


„Schwierigkeiten in der Kommunikation von Jugendämtern und
Familiengerichten mit den streitenden Parteien“

Referat, Tagung „Kindeswohl – Dilemma und Praxis der Jugendämter„, Ev. Akademie Bad Boll, 4. bis 6. November 1996

            Sehr geehrte Damen und Herren,
            erlauben Sie mir, zunächst darauf hinzuweisen, dass ich diesen Vortrag nach eineinhalbtägiger Teilnahme an dieser Veranstaltung umgeschrieben habe, weil ich den Eindruck gewonnen hatte, dass eine Vielzahl der dort anwesenden und betroffenen Eltern nach einer Möglichkeit suchten, sich endlich Gehör zu verschaffen für das, was sie seit vielen jahren durch die Erfahrung mit Jugendämtern und Familiengerichten erlebt haben. „Wir wollen nicht mehr hören, welche Schwierigkeiten es in den Jugendämtern und bei den Familiengerichten gibt. Wir wollen auch nichts mehr hören über Defizite und miserable Rahmenbedingungen. Wir wollen nur noch das hinausschreien, was wir seit Jahren in uns hineingefressen haben. Wir wollen endlich, dass uns jemand hört!“


Und nun zu meinem Vortrag.

            Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Väter, liebe Mütter, verehrte Kollegen und Kolleginnen. Erlauben Sie mir, dass ich mich zunächst ergänzend vorstelle und einen kurzen Blick auf zehn Jahre Jugendamtspraxis und -entwicklung werfe. Wie bin ich zu dem gekommen, was heute mein Verständnis von Jugendamtspraxis ist. Nach meiner Ausbildung an der Fachschule für Sozialpädagogik arbeitete ich 13 Jahre lang als Erzieherin in verschiedenen kinderpflegerischen Einrichtungen und Bereichen der Heimerziehung. Während dieser Zeit habe ich mich immer wieder mit Interessen, Bedürfnissen, Sehnsüchten und -ngsten, Wünschen, Wahrheiten und Lebenswelten von Kindern auseinandergesetzt. Ich habe von ihnen gelernt, wie wichtig es ist, ihnen zuzuhören, sich in ihre Situation hineinzuversetzen, um annähernd begreifen, verstehen und erkennen zu können, was sie wirklich brauchen.
            Als ich nach meinem Studium der Sozialarbeit 1986 mit der Arbeit im Allgemeinen Sozialen Dienst des Jugendamtes begann, war ich sehr unerfahren in diesem Arbeitsbereich. Eines missfiel mir jedoch sehr schnell – und zwar die Mitwirkung in den familiengerichtlichen Verfahren. Mir wurde sehr schnell klar, dass das ein erwachsenenorientiertes Vorgehen war und die Kindorientierung dabei auf der Strecke blieb. Alle arbeiteten unter dem Deckmäntelchen „Kindeswohl“ und im Rahmen eines Entscheidungsauftrages des Gerichtes und nicht im Rahmen eines Handlungsauftrages.
            Der Perspektivenwechsel weg von der Entscheidungsorientierung und hin zum Handlungsauftrag im Interesse des Kindes führte dazu, dass ich bereits Ende der 80er Jahre alternative aussergerichtliche Konfliktlösungsmöglichkeiten mit den Beteiligten entwickelte, die unterstützten, Chancen eröffneten, ressourcenorientiert waren, Elternkompetenz und -autonomie unterstellten.
            Dabei habe ich gelernt, wie wichtig und notwendig es ist, zu erkennen, dass es so viele Wahrheiten wie Menschen gibt, wie wichtig es ist, meinem Gegenüber zuzuhören, zuzuhören mit den Augen, mit den Ohren, mit dem Herzen und ihm meine ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken. Ich habe begriffen, dass wir alle innerhalb unserer eingegrenzten Sichtweise, unserer Möglichkeiten und Überzeugungen unser bestes tun.
            Ich möchte Ihnen dazu ein Gedicht vorlesen von dem römischen Philosophen Seneca, gestorben 65 n.Ch. Ich zitiere:
"Denn wer hört uns je in aller Welt,

ob Freund und Lehrer, Bruder, Vater, Mutter,

ob Schwester, Nachbar, Sohn,

ob Herr, ob Knecht?

Hört der Berater uns?

Die eigene Frau, der eigene Mann, die uns am nächsten stehen?..

Zu wem kann jemand sagen: Hier bin ich!

Sieh, die Nacktheit, sieh hier

Wunden, gemeines Leid, Enttäuschung,

Zagen, Schmerz, unsagbare ..., Angst, Verlassenheit!

Hör einen Tag mich, eine Stunde bloss, nur einen Augeblick,

auf dass ich nicht vergehe im Grauen wilder Einsamkeit!

Oh Gott, ist niemand da, der mich hört ...?"
            Mein Eindruck hier und heute ist, dass sich die meisten von Ihnen nicht verstanden fühlen und möglicherweise viele von Ihnen niemals angehört wurden.
            Wir haben längst erfahren: „Gesagt ist nicht gehört, gehört ist nicht verstanden, verstanden ist nicht einverstanden, einverstanden ist noch nicht umgesetzt, umgesetzt ist noch nicht beibehalten“.
            Meine Damen und Herren, ich unterstelle, dass die meisten hier anwesenden Menschen aufgrund eigener Erfahrungen und Erlebnisse im Umgang mit Jugendämtern, Familien- und Vormundschaftsgerichten, zerstrittenen Eltern bestätigen können, dass es Kommunikationsstörungen gibt, d.h.: die Verständigung untereinander ist gestört und diese Störungen führen oft zu Problemen, Konflikten und damit nicht selten zu krankmachenden Zuständen. Die streitenden Eltern verstehen sich nicht: „Es könnte alles so schön sein, wenn Du nicht immer….“
            Die Sozialarbeiter der Jugendämter verstehen die Eltern nicht: „Das ist doch viel zu kompliziert. Da kann man einfach nichts machen.“
            Die Eltern verstehen die Jugendämter nicht: „Ja, aber, da muss doch das Jugendamt was tun!“
            Die Familienrichter verstehen die Sozialarbeiter nicht: „Lassen Sie doch endlich das Herumpsychologisieren sein, Frau K.“
            Die Sozialarbeiter verstehen die Familienrichter nicht: „Wir sind doch nicht der Erfüllungsgehilfe des Gerichtes!“
            Die Eltern verstehen die Familienrichter nicht: „Die wollen doch möglichst schnell ihre Akten vom Tisch haben!“
            Schliesslich verstehen die Familienrichter die streitenden Parteien auch nicht: „Sie müssen endlich begreifen, dass sie lediglich der Erzeuger dieses Kindes sind.“
            Oder: „Wenn die Mutter / der Vater nicht will, kann man nichts machen!“
            Oder: „Es ist zudem gängige Rechtsprechung, dass…“
            Die Eltern verstehen die Kinder nicht: „Ich habe mich doch immer um Anja gekümmert, und jetzt will sie nichts mehr von mir wissen.“
            Die Kinder verstehen die Eltern nicht: „Warum müsst Ihr immer so streiten?“
            Dieses Wirrwarr von mangelnder Verständigung macht deutlich, wie komplex, verknotet und eingefahren diese Art von Verständigung ist und wie stark unser Bedürfnis ist, daran etwas zu verändern. Anwälte und Sachverständige machen das Chaos noch komplett. Möglicherweise sind hier viele Menschen anwesend, die inzwischen genug haben vom wissenschaftlichen Spezialistentum und der übermässigen Betonung der Vernunft, die das Denken und Handeln in Krisensituationen bestimmen soll. Sie wollen (um es mit C. G. Jungs Worten zu sagen) „eine Wahrheit hören, die nicht enger macht, sondern weiter, die nicht verdunkelt, sondern erleuchtet, die nicht an einem abläuft wie Wasser, sondern ergreifend ins Mark der Knochen dringt.“
            Sie wollen gehört und verstanden werden, und haben die Hoffnung, hier einen Ausweg aus ihrem Dilemma, aus ihrer Zwangslage zu finden.
            Meine sehr verehrten Damen und Herren, viele von Ihnen reisen von Veranstaltung zu Veranstaltung, investieren viel Geld, Zeit und Energie in der Hoffnung, Menschen zu treffen, die Klarheit bringen, verständnisvoll zuhören und Gerichtigkeit schaffen können in den oft jahrelang andauernden Kämpfen zwischen Eltern, Jugendämtern und Gerichten. Und es mag sein, dass es bei vielen von Ihnen schon zu spät ist, um sich einen Vortag anzuhören darüber, wie man sich in so einer Krisensituation auch anders verhalten könnte.
            Fachzeitschriften, Bücher, die Boulevardpresse, Funk und Fernsehen, wissenschaftliche Studien, Fachtagungen und Kongresse, Fort-Weiter-Ausbildungen trainieren, informieren, vermitteln Wissen und neue Erkenntnisse, klären auf, geben Ratschläge und Tips, kritisieren und stellen in Frage, was Jugendämter, Gerichte, Anwälte, Eltern und Sachverständige alles tun bzw. nicht tun sollten, um Kindeswohl zu sichern.
            Trotz alledem gibt es so viel Hilflosigkeit, Verzweiflung, Wut, Regignation, Trauer und vieles mehr bei allen beteiligten Menschen. Dies erschüttert mich.
            Es zeigt mir, dass Wissen ohne Zweifel nötig ist (weil: „es ist gefährlich zu wissen, aber es ist noch gefährlicher, nicht zu wissen“) – nur: es ändert die Menschen nicht!
            Wir haben noch nie so viel gewusst über dieses Thema: Trennung und Scheidung und Folgesachen und müssen begreifen, verstehen und einsehen, dass nur die Erfahrung, das Erleben und das Tun des Menschen und sein Bewusstsein ändert und befreit und dass noch mehr Wissen noch mehr Unübersichtlichkeit und noch mehr verworrene Strukturen schaffen kann.
            Wir beklagen uns immer wieder, dass bisher noch niemand eine anständige und akzeptable Definition für den Begriff „Kindeswohl“ gefunden hat. Herr Willutzki, Präsident des Deutschen Familiengerichtstages, hat sogar angekündigt, denjenigen, dem das gelingt, für den Nobelpreis vorzuschlagen.
            Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch hier im Raum im Grunde seines Herzens weiss, was Kindeswohl meint und dass es auch zur Genüge beschrieben worden ist.
            Für mich bedeutet Kindeswohl „dem Kind zu dienen“. Es meint u.a.: dem Kind eine würdige Entwicklung zu garantieren, seine Grenzen zu achten und zu respektieren, d.h. ebenso seine Persönlichkeit, seine Grundbedürfnisse nach emotionaler Nähe, bedingungsloser Liebe und Geborgenheit zu erfüllen und ihm Vertrauen und Selbstachtung zu lehren. Das bedeutet auch, mich auf das Kind einzulassen, mitzufühlen, zuhören, von ihm zu lernen und einfach mit ihm zu sein.
            Was hindert uns daran, konsequent in diesem Sinne zu handeln?
                1.)In unserem Kulturkreis sind Kind traditionell weniger wert als Erwachsene – sie werden als weniger wichtig und klug angesehen. Kindsein bedeutet für uns fast immer Machtlosigkeit und Bedeutungslosigkeit, weil wir uns als Kind so oft machtlos gefühlt haben. Kinder werden nicht wirklich wertgeschätzt.
              2.)Kinder gelten oft als Störenfriede und verursachen Unruhe und Sorgen. Nicht selten schützen sich Erwachsene davor, Wünsche, Interessen, Bedürfnisse, Gefühle von Kindern wirklich wahrzunehmen und die Verantwortung dafür zu tragen. Dieser Schutz mag möglicherweise mit dem vernachlässigten verletzten inneren Kind in uns selbst zu tun haben und dem ewigen Hungern nach Befriedigung und Achtung der elementaren Bedürfnisse.
            Ich wiederhole nochmals: von Kindern zu lernen und ihnen zu dienen, ist unsere Aufgabe!
            Dazu ist es neben den oben genannten Merkmalen notwendig, sie als eigenständige Persönlichkeiten mit eigenen Grenzen zu verstehen. Wir lernen sie besser zu verstehen, wenn wir ihre Sprache sprechen, ihre -ngste, Sehnsüchte, Wünsche, Bedürfnisse und Phantasien kennen und sie wichtig und ernst nehmen.
            Für die professionelle Scheidungsbegleitung bedeutet das: sie muss sich immer wieder neu entscheiden. Entweder versucht sie, mehr Entlastung im strittigen Verfahren fürs Kind, oder mehr Entlastung für die Eltern zu schaffen.
            Erfahrungsgemäss ist unsere Sichtweise eher erwachsenenorientiert als kindorientiert; ich wies bereits an anderer Stelle darauf hin. Es erfordert sehr viel Mut, Zivilcourage, persönliche wie fachliche Kompetenz in hochstrittigen Verfahren für das Kind Position zu beziehen.
            Jeder von uns ist aufgefordert, viel mehr als bisher Tatkraft und Intentionalität im Umgang mit Trennungs- und Scheidungsfamilien zu zeigen.
            Für mich ist es erschreckend, mit welch penetranter Ignoranz aller Beteiligten über Jahre hinweg Bedürfnisse, Interessen und Rechte von Kindern missachtet werden, bei allem Verständnis für die oft belastende Situation der Erwachsenen.
            Vielleicht ist die Angst zu gross, das Andere zu verlieren, wenn wir uns für das Eine entscheiden. Diese Unsicherheit und Risikoangst (z.B. „ich weiss oft nicht, welche Entscheidung die richtige ist“) führt dazu, dass wir immer wieder Erklärungen für die oft unerklärlichen Verhaltensweisen suchen. Solange wir nicht grundlegend unser Bewusstsein und Selbstverständnis ändern und so lange wir uns intensivst und akribisch mit der Frage beschäftigen: „Wie ist zu entscheiden?“ anstatt zu fragen: „Was sollen wir tun?“ bleiben noch viele von Trennung betroffene Kinder und Eltern „auf der Strecke“.
            Ich bin froh, dass in denletzten Jahren ein Prozess in Gang gesetzt wurde, der die notwendige Bewusstseinsveränderung bewirken soll. D.h. für die Jugendhilfe z.B. zu erkennen, zu begreifen und zu erfahren, dass sie ihre innere „Landkarte“ verändern muss. Weg von der autoritativen Fürsorge, hin zu einer eigenständigen Jugendhilfebehörde, die unterstützt, begleitet, Ressourcen entdeckt und Chancen eröffnet.
            Zugegebenermassen vollzieht sich dieser Prozess recht schleppend. Es wundert mich nicht, denn mindestens vierzig Jahre Eingriffsbewusstsein auf allen Ebenen ist nicht innerhalb von fünf Jahren wegzukriegen. Wenn ich mich von dem „Werkzeug“ Eingriff und Fremdbestimmung verabschiede, brauche ich „Ersatzwerkzeug“, das ich mir beschaffen muss. Die Frage also, wenn ich das eine nicht mehr tue, was tue ich dann stattdessen? Dieses andere „Handwerkszeug“ muss neu erarbeitet werden. Dieser Erneuerungsprozess zieht sich hin. Hinzu kommen strukturelle Probleme in den Jugendämtern und die Vielfalt unterschiedlicher Sichtweisen zwischen Jugendhilfe, beteiligten Eltern und Justiz, die es zu koordinieren gilt.
            Beschäftigen wir uns zunächst mit der Sichtweise der Justiz: Die Gerichte haben es in erster Linie mit der Beurteilung von „Tatbeständen“ zu tun, die bereits der Vergangenheit angehören. Diese, in der Vergangenheit liegenden abgeschlossenen Sachverhalte gilt es zu erfassen, zu erkennen und gegebenenfalls „zu bestrafen“. Es geht dabei um die Klärung von Schuld mit einem subjektiven Konfliktverständnis, d.h. der Richter betrachtet die Situation durch seine persönliche Brille und beurteilt und entscheidet dieses Erleben innerhalb seines ganz individuellen Wertesystems, d.h. seiner persönlichen Landkarte entsprechend. Das bedeutet, dass sein Bild von Familie, sein Verständnis von Gerechtigkeit z.B. aus der Vielfalt subjektiver Erfahrungen entstanden ist.
            Die Vorgehensweise ist statisch (d.h.: „auf Ergebnisse von Statistiken berufend“, z.B. „es ist zudem gängige Rechtsprechung im Rahmen des Umgangsrechts eines ehelichen Vaters, dass Wochenendbesuche und Übernachtungen im Streitfall frühestens vom Vorschulalter an bzw. ab Schulreife in Betracht kommen!“). Wir wissen, dass ein Kleinkind z.B. regelmässig und in möglichst kurzen Abständen mit dem ausgezogenen Elternteil zusammen sein muss, um innrere Repräsentanz aufzubauen und Beziehung zu sichern. Kind braucht Schutz und Sicherheit, jetzt.
            Dieses Vorgehen soll klare (Rechts-)Verhältnisse schaffen und gleichzeitig eine inhaltliche Schlichtung vornehmen.
            Darüber hinaus orientiert sich dieses Vorgehen an bestehenden Normen, wie Kindeswohlkriterien (z.B. Kontinuitätspronzip), um eine Sachentscheidung zu treffen.
            Die Sichtweise der Justiz beschränkt sich auf den Moment. Sie sucht nach der einen Perspektive und begrenzt das Problem. Die ganzheitliche Sichtweise würde so nicht unter die Rechtsregeln passen. Damit lässt sie die Ganzheitlichkeit dieses dynamischen Prozessen ausser Acht (Entwicklungsprozess, der früh angefangen hat und noch lange nach der richterlichen Entscheidung weitergeht).
            Das Ergebnis ist oft eine fremdbestimmte Entscheidung nach dem Gewinner-Verlierer-Prinzip. Eigenverantwortlichkeit und Elternkompetenz werden kaum oder nicht berücksichtigt. (Paar-Konflikt bleibt ungeklärt, Eltern werden zu Konkurrenten im Besitz um die Rechte an ihrem Kind, oft wird durch diese Vorgehensweise konstruktive Weiterentwicklung verhindert).
            Der Familienrichter hat im Gegensatz zu den Anwälten gegenüber den Eltern eine neutrale Position einzunehmen. Seine Aufgabe ist es, die Beteiligten in der zu verhandelnden Sache zu hören, sich ein möglichst umfassendes Bild von der Situation zu machen, („Tatbestände“ von Amtswegen selbst zu ermitteln und das Vorgetragene zu beurteilen). Er muss Urteile aussprechen und Rechtsbeziehungen gestalten. Für das Scheidungsverfahren bedeutet das konkret: „Das Ende der Ehe zu attestieren und die Konkursmasse des ehemals gemeinschaftlichen Besitzes möglichst gerecht und im Sinne der klaren Verhältnisse unter den Ex-Eheleuten aufzuteilen.“ (Prestien 1993). Der Familienrichter nimmt innerhalb des Scheidungsverfahrens eine zentrale Position ein, er trifft Entscheidungen als Vertreter des staatlichen Wächters zur Wahrung der Kindesinteressen. Es ist seine Aufgabe, Eltern und Kind im Verfahren anzuhören und entsprechend zu befragen. Er trägt also eine grosse Verantwortung, die ein entsprechendes Anforderungsprofil beinhaltet. Inwieweit der Richter diesen Anforderungen gerecht wird, hängt davon ab, ob er neben den juristisch relevanten Einzelheiten auch in der Lage ist, die psychologische Dimension einer Scheidungsfamilie zu erfassen. Oft sind die Juristen mit dieser Aufgabe einfach überfordert, zumal es ja auch nicht Bestandteil ihrer Ausbildung ist. Obwohl des Urteil des Bundesverfassungsgerichtes vom November 1982 in seiner Begründung eindeutige Hinweise auf das Vorgehen der Familienrichter anbietet, wird immer noch unter dem Deckmäntelchen des „Kindeswohls“ nach dem Gewinner-Verlierer-Prinzip entschieden.
            Erfahrungsgemäss werden Entscheidungen am ehesten dann akzeptiert, wenn die Beteiligten selbst an ihnen mitgewirkt haben und sie ihnen nicht von aussen aufgedrückt worden sind. Von daher wäre es wünschenswert, wenn auch Familienrichter zukünftig noch mehr die Eigenverantwortlichkeit der Eltern unterstützten und fördern würden und somit die Koolperation und Kommunikation angeregt würden. Ausserdem ist der Richter mit der Macht und Autortät gesegnet, die Konfliktparteien an den Verhandlungstisch „zu zwingen“.
            Manchmal muss man Eltern im Interesse ihrer Kinder „zum Glück“ zwingen.
            Und nun zur Sicht des Jugendamtes:
            Das Jugendamt als Erfüllungsgehilfe des Kindes.
            Das Jugendamt ist eine Machtbehörde. Entscheidend ist, wie es mit dieser Macht umgeht. Wird sie gebraucht im Sinne von Kontrolle, Fremdbestimmung und Fremdentscheidung oder wird sie genutzt als Einflussnahme im Sinne von Erfüllung, Unterstützung und Schutz?
            In diesem Zusammenhang wird immer wieder die Fachlichkeit der Jugendhilfe und die Notwendigkeit ihres neuen Aufgabenverständnisses herausgestellt. Sachlichkeit beginnt mit der Kompetenz im Umgang mit Menschen in besonderen Problemsituationen bzw. mit besonderen Lebensläufen.
            Scheidungsfamilien sind demnach ganz normale Familien, die sich in einer Problem- bzw. Krisensituation befinden. Die Aufgabe der Jugendhilfe besteht darin, das psychologische Gebilde „Scheidungsfamilie“ ganzheitlich zu betrachten, und ihrem originären Auftrag entsprechend (dem Kindeswohl zu dienen) mit denleistungsberechtigten Eltern zusammenzuwirken. Dabei ist die Sichtweise der Jugendhilfe auf die Zukunft gerichtet. Es geht um die Fragen: Was ist jetzt aktuell? Wie soll es zukünftig sein? Was ist zu tun und wie genau kann es gehen? Dieses Vorgehen ist handlungsorientiert statt entscheidungsorientiert. Die Trennung und Scheidung werden als Prozess betrachtet, der Entwicklung zulässt und lange vor dem juristischen Verfahren beginnt und womöglich auch noch lange danach andauert. Es geht dabei um infividuelle Sachorientierung. d.h. zum Beispiel Kindeswohlkriterien zu finden, um die Familie zu reorganisieren. Dazu ist es notwendig, unterschiedliche Sichtweisen, Wahrheiten und Wirklichkeiten zu akzeptieren, zu würdigen, sie positiv umzudeuten und somit die Chance von Unterschieden zu nutzen. Diese Arbeitsweise unterstellt Elternautonomie und Elternkompetenz, fördert die eigenständige Lösungssuche durch Erreichen eines Konsens und trägt zu selbstbestimmten Entscheidungen bei. Dieses Vorgehen unterstellt Eltern die Fähigkeit der Konsensfindung und vertraut auf die Weisheit der Betroffenen. Sie setzt eine bestimmte Grundhaltung des Sozialarbeiters voraus, die wie folgt aussieht:
            • Ressourcenorientierung statt Defizitorientierung
            • Selbstbestimmung statt Fremdbestimmung
            • Kindorientierung statt Erwachsenenorientierung
            • Begleiten, ergänzen, unterstützen statt: ermitteln, bewerten, interpretieren, überprüfen, kontrollieren und entmündigen.
            Diese Grundhaltung entsteht aus einer Integration von allgemein persönlichen Eigenschaften und Fähigkeiten mit speziellen methodischen Vorgehensweisen.


Folgende Eigenschaften und Fähigkeiten können diese Grundhaltung und somit bestimmte Interventionen wirksam unterstützen:

            • Assoziiert im anderen sein können bei gleichzeitiger Selbst-Bewusstheit über z.B. den eigenen „Archivfilm“
            • Mitgefühl und Empathie herstellen können
            • In-Kontakt-Treten und Beziehung herstellen (Nähekonzept / Beziehungskonzept)
            • ungeteilte Aufmerksamkeit geben
            • Respektieren der anderen „Landkarte“ / Wahrheit / Sichtweise
            • vornehme Zurückhaltung (Bescheidenheit) üben
            • Neugierde und Interesse zeigen
            • eigenverantwortlich und nicht beschuldigend handeln
            • offen, aktiv und direktiv sein
            • Gesuld und Gelassenheit zeigen
            • unterstützend, ermutigend und motivierend arbeiten können
            • Komplimente machen können
            • würdigen
            • lustig und humorvoll sein können
            • mutig und couragiert
            • Zustände verändern können
            • kreative Prozesssteuerung
            • Phantasie und Engagement
            • Struktur schaffen können
            • Selbstwusstheit in Bezug auf eigenen Denken, Fühlen, Handeln
            • Grenzen erkennen, gegebenenfalls setzen und erweitern können
            • Reflektions- und Kritikfähigkeit
            • das Einbringen von Fachkenntnissen aus der Psychologie, aus dem Recht, aus der Sozialwissenschaft
            Diese die Fachkompetenz und persönliche Kompetenz ausmachenden Fähigkeiten, Fertigkeiten und Eigenschaften sind meistens nicht angeboren, sie sind das Ergebnis von Lebenserfahrung, qualifizierten ganzheitlichen Ausbildungen, Fort- und Weiterbildungen, Selbsterfahrung, therapeutischen Erfahrungen von Supervision und einer ständigen kindlichen Neugierde.
            Vergleichen wir nun die unterschiedlichen Sicht- und Vorgehensweisen zwischen Jugendhilfe und Justiz, ist es nicht verwunderlich, dass es zu Kommunikationsstörungen kommt. Die Betrachtungsweisen sind -man könnte fast sagen diametral- entgegengesetzt!
            Hinzu kommt, dass sich die Jugendhilfe in einer Identitätskrise befindet: Weg der klassischen Eingriffsbehörde hin zum unterstützenden Dienstleistungsunternehmen, weg von Erfüllungsgehilfen des Gerichts zu einer eigenständigen Jugendhilfebehörde. Die Jugendhilfe ist gefährdet, weil sie ihre Sichtweise jahrzehntelang der Justiz anpasste und sich letztendlich kaum noch von ihr unterschied. Es haben sich Umgangsformen eingeschlichen, die beiden Institutionen mit Hilfe des Begriffes „Kindeswohl“ zugute kommen, aber mit letzterem wenig zu tun haben.
            Die psychosozialen Erkenntnisse aus der Praxis der Jugendhilfe und aus der sozialwissenschaftlichen Forschung haben -wie bereits gesagt- ein Umdenken in Gang gesetzt. Das entsprechende Handeln von Jugendämtern und Gerichten kommt nur schleppend hinterher. Die Jugendhilfe hat mit dem Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) eine wichtige Unterstützung bekommen für diesen Entwicklungsprozess. Die Gefährdung für die Jugendhilfe in alte vertraute Verhaltensmuster (auch gegenüber der Justiz) zurückzufallen bleibt nach wie vor bestehen. Das altbewährte Gedankengut: „Wenn ihr Euch nicht helfen lasst, dann werde ich Euch schon helfen!“ ist zu verführerisch, um sich alsbald ganz davon zu verabschieden.
            Die Jugendhilfe braucht Zeit, um diesen Klärungsprozess mit wirklich konstruktiven Ergebnissen fortzusetzen. Die ständig aufs Neue gestellte Forderung von Seiten der Justiz nach einer schriftlich festgelegten gutachterlichen Stellungnahme mit dem Ziel der „Selbstkontrolle“, „Klarheit“ und „Beweissicherung“ beweist eindeutig, dass sich die Jugendhilfe auf die juristische Ebene zu begeben hat. Es ist nicht ihr Auftrag, dieser Anspruch widerspricht eindeutig dem Anliegen des KJHG`s von faktischer Kindesinteressenvertratung bzw. Kindeswohlsicherung keine Spur. Der so formulierte Auftrag hat mit Kooperation gar nichts zu tun, er ist ein Ermittlungsauftrag für das Gericht. Der Auftrag der Jugendhilfe ist eindeutig und präzise formuliert im § 1 des KJHG. Sie braucht es nur umzusetzen und beizubehalten!
            Oftmals zwingt die emotionale Krise Scheidungseltern dazu, die Aufmerksamkeit auf sich selber zu richten und die Situation der Kinder aus dem Blickwinkel zu verlieren. Deshalb ist es nach wie vor das Ziel der Begleitung dieser Familien hier das Augenmerk auf die Situation der Kinder zu richten, gegenseitiges Verständnis zu wecken und Kindesinteressen begreifbar zu machen. Nach wie vor gilt es auch immer wieder, das Interessen bei den Richtern zu wecken, ihren Blick auf die Zukunft zu richten, ihnen die Dynamik zu verdeutlichen, die ganzheitliche Sichtweise näherzubringen und sie somit auf das Selbstbestimmungsrecht und die Eigenverantwortlichkeit der Eltern hinzuweisen, sie aufmerksam zu machen.
            Dieses gemeinsame Vorgehen gelingt nur, wenn die Jugendhilfe und Justiz dieses verständnisvolle Umgehen miteinander auch redlich wollen. Dazu sind gezielte Fortbildungen auch für Familienrichter notwendig! Meine Bittet richtet sich da auch an Herrn Willutzki, den Präsidenten des Deutschen Familiengerichtstages, darüber mit nachzudenken, wie auch „unbewegliche Familienrichter“ zu bewegen sind, wenn es wirklich darum geht, Kindern zu dienen.
            Manchmal befürchte ich, Herr Leslie (Faber) hat recht, wenn er sagt, dass im Versagen des Willens die zentrale Krankheit unserer Zeit liegt und er unsere Epoche das „Zeitalter des gestörten Willens“ nennt.
            Wir alle haben die Kraft, endlich zu tun, was wir schon lange wissen, so wir es denn wirklich wollen! Packen wir`s an!
            Ich danke Ihnen herzlich.


Literatur bei der Verfasserin.

Dr. Wolfgang Raack, Vermundschaftsrichter am Amtsgericht Kerpen:„Zu der derzeitigen Kritik an den Jugendämtern aus gerichtlicher Sicht!“
  
Referat, Tagung „Kindeswohl – Dilemma und Praxis der Jugendämter„, Ev. Akademie Bad Boll, 4. bis 6. November 1996
 Meine Damen und Herren, denkt der heute hier verhinderte Vorsitzende des DFGT bei Nacht an die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt, so ist er um den Schlaf gebracht… So jedenfalls das Bekenntnis von Siegfried Willutzki in seinem vielbeachteten Aufsatz „Familiengericht und Jugendamt – neue Formen der Zusammenarbeit“ (Zfj 1994, 202).
 
Meine Damen und Herren, dieser Stossseufzer darf aber keinesfalls dahingehend verstanden werden, dass derzeit ein besonderer Anlass zur Kritik bestünde, insbesondere der Kritik von Betroffenen – sogenannten Jugendamtsgeschädigten. Die Ableitung der These von der zunehmenden Kritik der Jugendämter durch Betroffene aus der Anzahl und Intensität der Beschwerden an Abgeordnete, die Kinderkommission etc. erscheint mir wissenschaftlich zweifelhaft und mit einer Kundenorientierung der in der Einladung zu dieser Tagung herangezogenen Bewertung des Jugendamts als Dienstleistungsagentur für Kinder und Eltern im Sinne der neuen Steuerungsmodelle nicht zu begründen. Dies hätte nämlich zur Voraussetzung, dass wir umfassende „Kundenbefragung“ durchführen würden, um dann zu einem breiten gesicherten Ergebnis zu koimmen. Schliesslich wäre zu untersuchen, von wem die „Reklamationen“ kommen – von den sogenannten „entsorgten Eltern“, oder von den betroffenen Kindern und Jugendlichen, denen wir alle hier auf dieser Tagung zum Kindeswohl in allererster Linie verpflichtet sind.
 
Willutzkis Stossseufzer hat demgemäss das Ziel, erneut die Notwendigkeit der Zusammenarbeit deutlich zu machen.
 
Nachdem meine Vorrednerin die Kommunikation der Institutionen mit den Parteien behandelt hat, möchte ich den Schwerpunkt auf die Zusammenarbeit von Jugendämtern und Gerichten legen und mögliche Kritikpunkte behandeln, die aus der Perspektive der betroffenen Eltern und Kinder das Wirken der Helfer zu einem „bösen Schicksal“ werden lässt.
 
In unserer Zeit der immer knapper werdenden personellen Ressourcen in den Kommunen und der Justiz, haben die Bürger einen Anspruch auf den optimalen Einsatz der Hilfen im Wege der schlanken Verwaltung, zielgerichtet ohne den Luxus immer wieder neuer „Klärungsprozesse“ der Kompetenzen der beteiligten Institutionen.
 
Nun hat allerdings der Gesetzgeber, besser die Gesetzgeber in den letzten hundert Jahren, mit dem BGH und dem KJHG für Eingriffe in das Elternrecht zugunsten einer Kindeswohlentscheidung zwei recht unterschiedliche Pferde obligatorisch vor den Karren der Jugendhilfe gespannt: Sozialarbeiter und Juristen. Wenn denn der Karren nicht so läuft, wie die Veranstalter und einige Kritiker es sich vorstellen, hilft es wenig, wenn ich -wozu mein Thema verleiten könnte- behaupte, „der andere zieht nicht richtig“. Es geht vielmehr darum, zu erkennen, welche Schwierigkeiten beide bei der Bewältigung der Aufgabe zu überwinden haben und welche gesetzlichen Regeln hierbei gelten.
 

 

1.Zunächst eine kurze berufsorientierte Bestandsaufnahme:
 

Der Vertreter des Jugendamts hat als Teil der Exekutive in sich einen doppelten Zwiespalt zu überwinden, da er einerseits einer Behördenhierarchie mit kommunalpolitischen Einflüssen unterworfen ist und andererseits sozialpädagogische Prinzipien bei einem breiten Spektrum von Handlungsmöglichkeiten verwirklichen möchte, die ihrerseits zum Teil widersprüchlich sind – so wird er einerseits als Berater mit Betroffenen und andererseits als Mitwirkender im Gerichtsverfahren tätig.
 
Beim Richter ergibt sich im Bereich der Jugendhilfe eine Systemwidrigkeit gegenüber dem Prinzip der Gewaltenteilung, als er durch die §§ 1666 und 1666 a BGB auch Exekutivaufgaben übertragen erhält; neben diesem Massnahmeauftrag zur Gefahrenabwehr hat der Richter seinen klassischen judikativen Auftrag, nämlich über eventuelle Eingriffe in das Elternrecht zu entscheiden und gleichzeitig über die Einhaltung rechtsstaatlicher Garantien zu wachen.
 
Diese Doppelfunktion erfüllt er aber in der Regel in beiden Bereichen entscheidungsorientiert, d.h., das prozesshafte Gewährenlassen und Aushalten langfristiger Gefahrenpotentiale und ihre Begegnung mit vielerlei Massnahmemöglichkeiten durch den Sozialarbeiter wird von dem Richter mit seinem gesetzesorientierten Handlungsmodell als unvereinbares Arbeitsprinzip empfunden. Demgegenüber fühlen sich die Vertreter des Jugendamtes durch die Entscheidungssicherheit des Richters bevormundet, da diese aus der Sicht des Sozialarbeiters nicht erkennbar werdenden juristischen Tatbeständen herrührt. Um Strafe und Schuld geht es beim Vormundschafts- und Familiengericht nicht! Auch § 1666 BGB setzt Schuld nicht voraus. Das fehlende gegenseitige Verständnis hat oft zur Folge, dass entgegen § 50 Abs. 3 KJHG die Mitteilung des Gefährungssachverhaltes ans Gericht solange wie irgend möglich hinausgezögert wird, um die Entscheidungskompetenz nicht zu verlieren.
 
Hinzu kommt nun eine gesetzgeberische Konfusion, die zu mandelnder Transparenz der Zuständigkeiten und gesetzlichen Regelungen auch inhaltlich geführt haben, zumal noch vom Bundesverfassungsgericht die Gleichbehandlung der nichtehelichen Lebensgemeinschaften angemahnt und vom Gesetzgeber der Entwurf des neuen Kindschaftsrechts in Aussicht gestellt wird.
 
Deswegen ein kleiner Überblick:
 

Familiensachen bei bestehender Ehe und bezüglich der nichtehelichen Kinder gehören nicht zum Familiengericht, sondern zum Vormundschaftsgericht. Denken Sie zum Beispiel an § 1628 BGB mit seinem Abs. 2, der zu § 17 Abs. 3 KJHG -hnlichkeiten aufweist, oder an § 1631 a BGB, dann § 1666 BGB und § 1711 BGB, das Umgangsrecht des nichtehelichen Kindes.
 
Demgegenüber gehören zum Familiengericht die Angelegenheiten der sich trennenden oder scheidenden Familie, §§ 1672, 1671, 1634 BGB, mit der Besonderheit des Scheidungsverbundes, § 632 ZPO, und seine Durchbrechung im § 628 ZPO.
 
Aber über § 1671 Abs. 3 BGB in Verbindung mit § 1666 BGB gehts schliesslich ebenso, sowie bei Streit über die Ausübung des gemeinsamen elterlichen Sorgerechts wieder zum Vormundschaftsgericht.
 
Ein Zusammenwirken der Mitarbeiter des Jugendamtes mit dem Gericht sehen nun in der Reihenfolge der Intensität vor:
 
§ 49, 49 a – die Pflicht des Gerichts zur Beteiligung des Jugendamtes und § 50 KJHG die Pflicht des Jugendamtes zur Mitwirkung beim Gericht.
 
Die Mitwirkungspflicht des Jugendamtes nach § 50 KJHG ist das Gegenstück zur Beteiligungspflicht des Gerichts gegenüber dem Jugendamt gem. §§ 49, 49 a FGG. Die Mitwirkungspflicht macht das Jugendamt allerdings nicht zum Gerichtshelfer. Die Mitwirkungspflicht ist eine eigenständige Aufgabe der Jugendhilfe, die in diesem Bereich ein selbständiger Partner des Gerichts ist und keineswegs ein von ihm beauftragter Zuarbeiter. Folglich kann dem Jugendamt auch kein Entscheidungsvorschlag abgefordert werden und weder Form noch Umfang noch Inhalt seiner Stellungnahme vorgeschrieben werden.
 
Das Jugendamt entscheidet in eigener Verantwortung über seine Mitwirkung nach Form und Inhalt. Zu Recht weist Willutzki darauf hin (a.a.O.), dass, wenn das Gericht der Auffassung ist, das Jugendamt werde seiner Verpflichtung nicht hinreichend gerecht, der Weg über die Fachaufsicht über das Jugendamt zu wählen ist und nicht etwa mit Ordnungsgeldern gegen das Jugendamt vorgegangen werden kann. Ebenso sei der gelegentliche versuchte Umweg über die Anordnung einer Zeugenvernehmung des Sachbearbeiters des Jugendamtes ein Irrweg.
 
Die Unterstützungspflicht des Jugendamtes für das Familiengericht ist in § 50 Abs. 1, Satz 2, KJHG als Mussvorschrift ausgestaltet. Wird von den Eltern ein gemeinsamer Vorschlag, sei es nach Beratungen, sei es ohne eine solche, dem Gericht unterbreitet, so genügt das Jugendamt meines Erachtens seiner Mitwirkungspflicht, indem es auf den Elternvorschlag Bezug nimmt, wobei das Jugendamt erkennbar macht, dass es gegen den Elternvorschlag keine Bedenken hat, anderenfalls es nach § 50 Abs. 3 KJHG einen Hinweis geben müsste. Der somit unbedenkliche Elternvorschlag wird damit bindende Grundlage für eine Entscheidung gemäss § 1671 Abs. 1 BGB.
 
Die Aufgabe der Eltern ist es also, selbst die richtige Lösung für die gemeinsame Erziehung ihrer Kinder zu finden.
 
Wurde das Beratungsangebot entweder gar nicht angenommen oder hat es nicht zum Erfolg geführt, muss das Jugendamt eine Stellungnahme zur Situation der Scheidungsfamilien abgeben, wobei der Gesetzgeber im § 50 Abs. 2 KJHG Anhaltspunkte für den Inhalt beispielhaft abgibt. Anderson und Fischer (ZfJ 93, 319 ff) – zwei engagierte Sozialarbeiter- konzipieren denn auch die Weitergabe der im Rahmen der Mitwirkung erhobenen Daten und Befunde nach §§ 50, 62, 64 Abs. 2 KJHG. Darüber hinaus wird mit Zustimmung der Beteiligten auch die Weitergabe der im Rahmen der Beratung nach § 17 KJHG gewonnenen Befunde unter anderem betreffend der Kontinuität der Versorgungs- und Betreuungssituation der Kinder empfohlen, so dass durchaus ein Bericht entstehen kann, der der bisherigen Praxis entspricht, da schon sehr lange nicht mehr nach der Unterwäsche oder der Zahnbürste des „Ehebrechers“ von der „Fürsorgerin alten Schlages“ gefahndet wurde.
 
Ziel der Zusammenarbeit soll hiernach sein, dem Richter als pädagogischen Laien die Interessen des Kindes aufzuzeigen und was von den Eltern erwartet werden muss, wenn sie diesen gerecht werden wollen (Konfliktreduzierung, Aufrechterhaltung der Beziehung). Aufgabe des Sozialarbeiters ist es dann, dem Richter mitzuteilen, welche weiteren Massnahmen sinnvoll erscheinen, um den Kooperationsprozess in Gang zu setzen. Durch eine solche Vorgehensweise kann der Richter besser als bisher darin unterstützt werden, seinen Verpflichtungen nach § 279 ZPO nachzukommen, nämlich in jeder Verfahrenssituation auf eine einvernehmliche Streitregelung durch die Parteien hinzuwirken. Anderson und Fischer meinen, dass die Handlungsweise der Justiz sich als eher kontraproduktiv zum Ansatz der KJHG erweist, insbesondere in denfolgenden Bereichen:
 

      a)Das Verbundsystem impliziere, dass eine Entscheidung auf der Paarebene (die Ehescheidung) automatisch rechtliche Konsequenzen auf der Elternebene (zur Rechtszuweisung) haben müsse.
      b)Das Interesse der Eltern sei nicht darauf zu lenken, wer die elterliche Sorge bekomme, sie hätten vielmehr ein detailliertes Konzept zu entwickeln, wie sie ihre Elternfunktion zukünftig wahrnehmen wollten. Dies erfordere eine inhaltliche Klärung, wer zukünftig was für das Kind mache und wer mit ihm wann wieviel Zeit verbringe, wobei im Konzept der Eltern die Interessen der Kinder ausreichen berücksichtigt werden müssen. Dies erfordere häufig einen längeren Beratungsprozess unabhängig von den Vorgaben des Verbundverfahrens.
    c)Es sei häufig für einen Elternteil attraktiver, die rechtliche Lösung -alleiniges Sorgerecht- anzustreben, wenn die Chance biete, die eigenen Interessen zu befriedigen, ohne die des anderen dabei berücksichtigen zu müssen. Die gerichtlichen Entscheidungskriterien und das Vetorecht eines Elternteils hinsichtlich der gemeinsamen elterlichen Sorge höhlten damit den Beratungsansatz aus.

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Diese Bedenken erscheinen berechtigt. Eine erfolgreiche Beratung durch das Jugendamt bzw. durch eine Beratungsstelle unter einer auf Einvernehmen ausgerichteten Führung des Verfahrens durch das Gericht machen die Koordinierung beiden Vorgehensweisen erforderlich. Hierzu sind interdisziplinierte Treffen und Absprachen vor Ort erforderlich.
 
Das gilt natürlich in besonderem Masse für eine „Verweisung“ der Trennungs- und Scheidungseltern an die Beratungsstellen bzw. das Jugendamt, damit den Eltern von dort ein Beratungsangebot -am besten ein plurales- gemacht werden kann.
 
Erschreckend sind Untersuchungen von Tauche, wonach 30 % der Eltern sich nicht beratenlassen und auch keine Jugendamtsstellungnahme diesbezüglich vorliegt – also die Kinder in diesen Fällen keine Chance auf Hilfe von aussen hatten.
 
Inwieweit hier die Eltern sich versagt haben, oder aber ihnen kein Beratungsangebot gemacht wurde, ist offen. Immerhin reagieren manche Richter auf das drückend hohe Pensum, den Druck der von vierhundert bis fünfhundert Neueingänge im Jahr auf sie ausgeht, mit einem „Schnellverfahren“, wobei dem Jugendamt „Gelegenheit zur Stellungnahme“ gegeben wird, aber nicht die erforderliche Zeit für die Beratung der Betroffenen gelassen wird. Dies ist um so bedauerlicher, als schon vor 12 Jahren der Lörracher Familienrichter Thalmann (FamRZ 84, 634) auf die psychischen Vorgänge bei der Scheidung im Sinne des sogenannten Kübler-Ross-Phänomens hingewiesen hat, das jedenfalls in den Fällen, in denen sich ein Partner zu Unrecht verlassen fühlt, deutlich zu tage tritt und erforderlich macht, dass dieser ausreichend Zeit erhält, um aus der seelischen Isolationsphase über eine Aggressionsphase, die von Rachegefühlen etc. gekennzeichnet ist, zur Verhandlungsphase zu finden, die sowohl auf Umstimmung des anderen als auch Hinauszögern des endgültigen Abschieds gerichtet sein kann. Wenn die Vergeblichkeit dieses Tuns klar wird, verfällt der Betroffene oft in einer Trauer- oder gar Depressionsphase, die längere Zeit in Anspruch nehmen kann, um letztendlich -hoffentlich- sein Schicksal zu akzeptieren und einen Neuanfang zu versuchen.
 
Es wird ohne weiteres klar, dass gerichtliche Interventionen je nachdem, in welcher Phase sie erfolgen, verhängnisvoll falsch sein können und jede Hektik eine Klärung verhindert. In der über mehrere Termine hin erfolgenden Beratung beim Jugendamt nun ist natürlich eine bessere Chance gegeben, die Befindlichkeit der Klienten zu erkennen und zu berücksichtigen.
 
Allerdings wird kaum ein Betroffener in der Isolationsphase den Weg in die Beratungsstellen suchen, daher nochmals die Frage, wie kann der Beratungsbedarf von Seiten des Gerichts an die Berater weitergegeben werden?
 
Hier sind nun zusätzlich noch die Empfindlichkeiten zu berücksichtigen auf Seiten der Berater, die sich ja keinesfalls Klienten zur Zwangsberatung schicken lassen wollen. Ob der Vorschlag von Willutzki weiterhilft, eine Mitteilungspflicht auf dem Justizverwaltungsweg über die sogenannten MiZi zu installieren, bezweifle ich – es geht meines Erachtens nur über Vereinbarungen zwischen Richtern und Mitarbeitern der Jugendämter und Beratungsstellen vor Ort im Wege der freiwilligen Selbstbindung. Keinesfalls darf es dem Zufall überlassen bleiben, ob Betroffene vom Beratungsangebot erreicht werden oder nicht. Der Gleichbehandlungsgrundsatz gebietet es vielmehr, dass dieses Angebot alle Betroffenen erreicht.
 
Zweifelhaft kann heute nicht mehr sein, dass die Rechte der Kinder im Lichte der UN-Kinderkonvention einen Anspruch auf Einbeziehung in die Beratung ergeben oder weitergehend, z.B. bei streitigen Umgangsfällen, eine Verpflichtung der Eltern, die Beratung wahrzunehmen mit der Sanktionsmöglichkeit, z.B. einen Umgangspfleger zu bestellen (im Ergebnis ebenso Anderson und Fischer).
 
Zur Beratung als solcher, die ja ausserhalb der Mitwirkungsmechanismen angesiedelt ist, möchte ich als Nichtfachmann nichts sagen. Allerdings wird das Ergebnis im Form des Konzepts ja in § 17 Abs. 2 KJHG als Brundlage für die richterliche Entscheidung genannt. Ich verstehe dies als Vorgabe, die vom Gericht so hinzunehmen ist, bzw. sofern sie noch nicht juristisch umgesetzt ist, entsprechend in eine juristische Form zu giessen ist.
 
Die bisherige Praxis hat allerdings gezeigt, dass die Elternvereinbarung einige entscheidende Schwächen aufweisen kann:
 

 
1.Die Verbindlichkeit – was hindert einen der Betroffenen, eine neue Regelung zu verlangen?
 

 

2.Die fehlenden Anpassungsmechanismen – wo soll nachverhandelt werden können?

 

 
Diese Schwächen führen derzeit noch zu einem schnellen Übergehen der Betroffenen zur alleinigen Sorge – es gilt also bereits bei der Scheidung Hinweise für die Zeit der Nachscheidungsphase zu geben, z.B. Hinweise auf die Möglichkeiten nach § 18 KJHG. Es sollte daher eine möglichst dauerhafte Lösung in der Beratung erarbeitet werden und damit zugleich dem Gericht eine solide Grundlage für seine Entscheidung.
 
Die Formulierung in § 17 Abs. 2 KJHG bzgl. des Konzepts der Eltern als Grundlage der Entscheidung macht zugleich deutlich, dass es nicht irgendein Konzept sein kann, das schliesslich dem Gericht vorgelegt wird, sondern das in der Beratung erarbeitete. Es genügt also nicht einerseits die Mitteilung des Jugendamtes, dass Beratung stattgefunden hat, und andererseits die Vorlage irgendeines Konzeptes durch einen Anwalt. Auch § 50 Abs. 2 KJHG spricht meines Erachtens dafür, dass das Jugendamt das erarbeitete Konzept dem Gericht mitteilt, dies impliziert dann zugleich die Übereinstimmung mit dem Kindeswohl, wie Willutzki zu Recht daraus folgert, dass ansonsten gem. § 50 Abs. 3 KJHG ein Hinweis hätte erfolgen müssen.
 
Die eigentliche Nagelprobe im Hinblick auf die Qualität der Arbeit aber auch die psychische Behandlung der Helfer zeigt sich in den Fällen, in denen die Beratung nicht zu einer Klärung führt, vielmehr im Rahmen der Beratung bzw. der Recherchen zum Jugendamtsbericht ein Verdacht auf eine Kindeswohlgefährdung zutage tritt.
 
Immerhin gehen Schätzungen dabei dahin, dass von 8.000 § 1666er-Fällen in den alten Bundesländern ca. 2.000 im Rahmen der Entscheidung nach § 1671 Abs. 5 BGB auftauchen, wobei es sich ja wohl nur um krasses Elternversagen wir bei Misshandlung, Missbrauch, Sucht und Vernachlässigung etc. handeln dürfte. So zeitaufwendige Streitpunkte wie das angeprangerte Fehlverhalten des anderen Elternteils beim Umgangsrecht – ich denke nur an wochenlange Auseinandersetzungen um die Mitnahme des 3-jährigen „kleinen Mannes“ auf eine Safari in Afrika durch den Vater – sind darin noch gar nicht enthalten.
 
In vielen dieser Fälle sieht sich der Helfer der Beratungsstelle oder des Jugendamtes plötzlich aus der Rolle des Beraters in die des „Antragstellers“, richtiger Anregers, gerichtlicher Massnahmen versetzt.
 
Da der Verdacht sich in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle ausserhalb von Scheidungsverfahren ergibt und wenn er im Scheidungsverfahren von einer Partei geäussert wird, besonders kritisch bearbeitet wird, so verlassen wir hier die sogenannten Scheidungsopfer der Jugendämter und kommen zu dem Umgang von Jugendhilfe und Justiz mit dem Verdacht familiarer Gewalt.
 
Es handelt sich also um Fälle, bei denen der Mitarbeiter des Jugendamtes über § 50 Abs. 3 KJHG im Rahmen des § 1666 BGB tätig wird, bzw. der Berater der Beratungsstelle, der Arzt, der sonstige Helfer, unter dem Gesichtspunkt des übergesetzlichen Notstanden unter Hintanstellung des Beratungsgemeimnisse eine Kindeswohlgefährdung offenbart, die den Grad einer gegenwärtigen Gefahr für Leib und Leben erreichen.
 
Für derartige Fälle sind von Seiten des Jugendamtes und des Gerichts Strukturen zu schaffen, die eine professionelle Behandlung im Sinne des Kinderschutzes aber auch des Zeugenschutzes sicherstellen.
 
So sind in den Fällen des Missbrauchsverdachts oder des Verdachts auf sonstige Gewaltausübung generelle Problembewältigungsstrategien zu entwickeln und in fachübergreifenden Arbeitskreisen bekanntzumachen. Ziel sollte dabei sein, über die Mitteilung nach § 50 Abs. 3 KJHG eine vorläufige Entscheidung des Gerichts zum Sorgerecht zu erwirken, die es ermöglicht, den Kinderschutz sicherzustellen und den Verdacht in Ruhe abzuklären. Hierbei ist immer in die Überlegung einzubeziehen, dass der beschuldigte Elternteil Kenntnis von dem Akteninhalt und demit der Anschuldigung des Beraters erhält, andererseits das Gericht eine fachlich fundierte Mitteilung benötigt, um tätig werden zu können.
 
Es kann nicht ausbleiben, dass es zu erheblichen Attacken gegen den Berater kommt, der den Verdacht äussert und fachlich belegt. Besondern unangenehm für alle Beteiligten wird es dann, wenn in dem anschliessenden Gerichtsverfahren im Rahmen der Begutachtung das Verhalten des Beraters abqualifiziert wird, was relativ leicht ist, da er in der Regel aufgrund unvollkommener vorläufiger Befunde seine Schlüsse ziehen muss und erst im Rahmen der gerichtlichen angeordneten Begutachtung eine umfassende Diagnostik möglich wird, nachdem das Gericht durch eine einstweilige Anordnung die entsprechenden juristischen Voraussetzungen geschaffen hat, sei es, dass der sich trennende Elternteil mit dem alleinigen Sorgerecht ausgestattet oder ein Vormund bestellt wird, wobei die Beiordnung eines Verfahrenspflegers unter dem Gesichtspunkt des „Anwalt des Kindes“ sinnvoll sein kann.
 
Alle diese Probleme können durch organisatorische Vorkehrungen in der Organisation des Jugendamtes zwar gemildert, aber nicht ganz vermieden werden, da der Berater, der mit dem Verdachtsbefund konfrontiert wird, sein Wissen letztendlich, sei es auch über andere dem Gericht kundtun und damit die Verantwortung für die Fachlichkeit seines Tuns übernehmen muss.
 
Es liegt auf der hand, dass ineiner solchen Situation eine umfassende Abklärung des Verdachts, aber auch die Organisation von Hilfen für das Opfer sehr frühzeitig zwischen allen beteiligten Institutionen erfolgen sollten, wozu sich Kooperationsmodelle entwickelt haben. So auch bei uns in Kerpen mit dem Ziel, einerseits eine fachliche Beratung des Verdachts durch Gericht und Jugendamt sowie Beratungsstellen etc., aber mitunter auch Polizei zu erreichen und andererseits in einer Art „case management“ die geeignete Unterbringung und die geeignete Sachverständige zu finden, um die eine einzige Befragung in der kürzest möglichen Zeit sicherzustellen und die Sorgeberechtigten sogar in die Lage zu versetzen, spätere Vernehmungen zu verwei¦gern, wenn ein Attest vorgelegt wird, das Erziehungs- und Entwicklungsschäden für das Kind bescheinigt. Diese Verfahrensweise hat ihre Bestätigung gefunden in der Entscheidung des BGH vom 23.08.1995 – NJW 96, 206- der eine entsprechende Weigerung der sorgeberechtigten Mutter, das Kind auch noch zur Hauptverhandlung zu bringen, als berechtigt gestützt auf Gründe des Kindeswohls erklärt. Der BGH hat darüber hinaus eine genaue Dokumentation der Entstehungsgeschichte der Aussage gefordert, um nachvollziehen zu können, wer alles, was das Kind gefragt hat – auch dies bestätigt unsere Verfahrensweise, das Kind als Opferzeuge nur einer Verhandlung zuzuführen und das auch nur, wenn das Kind mit der Anwältin des Kindes nach reiflicher Beratung und Überlegung zu dem Ergebnis gekommen ist, gegen ein Familienmitglied strafrechtlich auszusagen.
 
Ich kann daher nicht recht verstehen, wenn Reinhart Wolff bei derartigen Vorgaben von einem vormodernen Gemischtwarenhandel von Hilfe und Repression spricht und Polizei und Gericht ihre Arbeit allein machen lassen möchte.
 
Er zieht dann auch eine Parallele zur Doppelstruktur von Hilfe und Strafe für die Behandlung von Drogenabhängigkeit. Ich glaube, hier wird aus der Perspektive des potentiellen Täters argumentiert, während Jugendamt und Vormundschaftsgericht in Kerpen die Perspektive des Kindes übernehmen, das Hilfe und Schutz -leider manchmal auch vor Familienmitgliedern- bekommt.
 
Da in der Tagungseinladung das Urteil der Öffentlichkeit bemüht wird, möchte ich in aller Bescheidenheit darauf hinweisen, dass wie so oft die guten Nachrichten übersehen werden, dass z.B. das Zusammenwirken nach dem sog. Kerpener Modell anlässlich der Vergabe eines WDR-Kinderrechtepreises als Verfahren gewürdigt wird, das kinderfreundlich ist, in dem es alle an einen Tisch holt, die mit dem Fall zu tun haben, wobei die Gesetze optimal genutzt werden, um unnötige Belastungen der Kinder zu vermeiden.
 
Meine Damen und Herren, wo Menschen in einem komplexen Bereich menschlichen Daseins kooperieren, sind Fehler nicht ganz auszuschliessen. Die Betroffenen fühlen sich mit Recht als Opfer und mahnen zu noch besserer Arbeit. Fatal wäre es jedoch, derartige Fehler dazu zu benutzen, eine Institution ins Gerede zu bringen, die heute nötiger als je zuvor ist, Kinder und Jugendliche vor Schäden zu bewahren, die eine ungeheure Fehlentwicklung in unserer Gesellschaft mit Massenarbeitslosigkeit und Verarmung breiter Schichten mit sich bringt – wobei die Folgen der Verarmung der Bevölkerung einer Kommune dramatische Auswirkungen auf ihre Arbeitsmöglichkeit gerade im Bereich der Jugendhilfe haben.
 

 

Ernst Elmar Bergmann, Richter am Amtsgericht Mönchengladbach-Rheydt:
 

 
„Auswahl und Rolle des Gutachters im familiengerichtlichen Verfahren“
 
Referat, Tagung „Kindeswohl – Dilemma und Praxis der Jugendämter„, Ev. Akademie Bad Boll, 4. bis 6. November 1996
 

 

 
I.Einleitung
 

Der psychologische Gutachter im familiengerichtlichen Verfahren, gemeint sind Sorgerechts- und Umgangsregelungsverfahren – eine Welle von Unbehagen geht durch alle an diesen streitigen Verfahren Beteiligten. Bei den inklusive vormundschaftsgerichtlichen Verfahren notwendigen Gerichtsentscheidungen über ca. 150.000 Kinder im vergangenen Jahr werden, jedenfalls in densogenannten streitigen Fällen, von den Gerichten immer wieder die psychologischen Sachverständigen herangezogen.
 
II.Warum werden psychologische Sachverständige herangezogen?
 

      1.)Die Rolle des Sachverständigen in jedem gerichtlichen Verfahren ist gleich. Der Sachverständige vermittelt dem Richter Fachwissen zur Beurteilung von Tatsachen (BGH NJW 93, 1796) auch die fehlenden Kenntnisse von abstrakten Erfahrungssätzen wie z.B. Handelsbräuche oder seltener Rechtsnormen, stellt Tatsachen fest und zieht im Wege der Wertung aus den zugrundezulegenden Tatsachen in Anwendung seines Fachwissens konkrete Schlussfolgerungen (BGH VersR 78, 229).
      2.)Es ist eben so, dass Richter in sehr vielen Fällen das notwendige Fachwissen nicht haben. Ob ein PKW mangelhaft repariert worden ist oder nicht, ob ein Bauwerk fehlerhaft gebaut ist oder nicht, kann ein Richter nicht selbst entscheiden, er muss sich auf das Wissen eines Fachmannes stützen können. In den Sorgerechts- und Umgangsregelungssachen geht es allerdings nicht um solche Tatsache, wie sie z.B. vom Bausachverständigen festzustellen sind, sondern es geht um die Ausfüllung eines zentralen und abstrakten Begriffes, dem Kindeswohl. Die Tätigkeit des Familienrichters bzw. des Vormundschaftsrichters ist dem Kindeswohl im überwiegenden Masse verpflichtet, seine gesamte Tätigkeit ist herzuleiten aus dem Grundrecht aus Art. 6 Abs. 2 Satz 2 GG, nämlich dem Wächteramt des Staates über die Betätigung der Eltern zur Pflege und Erziehung ihrer Kinder. Geht es bei der Ausgestaltung dieses Wächteramtes auch um Fachwissen, wie man es z.B. in einem Bauprozess haben müsste? Diese Frage muss verneint werden, es geht vielmehr darum, dass der Richter zwischenmenschliche Beziehungen feststellt und hieraus die für das Wohl des jeweiligen Kindes richtigen Schlüsse zieht. Zu diesem Zwecke sollte der Familienrichter ein besonders erfahrener Richter sein. Die entsprechenden gesetzlichen Vorgaben hat der Gesetzgeber herabgesetzt, indem er die Anforderungen, dass es sich bei einem Familienrichter um einen Richter auf Lebenszeit handeln muss und nicht um einen Proberichter, mit der Deutschen Einheit aus Richtermangel in den östlichen Bundesländern herabgesetzt.
      a)Die Ausbildung im Familienrecht ist hochgradig jämmerlich. Das Familienrecht spielt weder im Studium noch in der Referendarzeit eine grosse Rolle. In der Referendarzeit kann ein Referendar drei Monate als Wahlstation zum Familiengericht kommen. Irgendwelche Ausbildungen gibt es nicht.
      b)Auch die Auswahl der Richter, die an den Familiengerichten eingesetzt werden, ist nicht gerade glücklich geregelt. Bei der Justiz ist es so, dass der Richter am meisten gilt und Beförderungschancen hat, der in allen Sätteln gerecht ist, d.h., dass derjenige befördert wird, der schon einmal alle Rechtsgebiete bearbeitet hat. Das bedeutet, dass an vielen Gerichten ein häufiger Wechsel der Richterdezernate vorgenommen wird und dass auch die Familienrichter nicht sehr lange ihr Dezernat haben. Gott sei Dank gibt es auch davon häufige Abweichungen, wo Richter langjährig als Familien- bzw. Vormundschaftsrichter eingesetzt werden. Methode ist jedoch ein häufiger Wechsel. Bei den Vormundschaftsgerichten kommt hinzu, dass oft ältere oder sonst belastungsarme Kollegen in Vormundschaftsabteilungen gesetzt werden, die Tätigkeit wird als nicht so wertig angesehen.
    3.)Ein wesentlicher Grundsatz in der Familiengerichtsbarkeit ist der Grundsatz von „Learning by doing“. Eine systematische Ausbildung und Fortbildung der Richter ist weitgehend unbekannt. Wenn ich mir die Tagungen der Justizakademie des Landes Nordrhein-Westfalen des Jahres 1996 ansehe, so sind dort 47 Tagungen für Richter und Staatsanwälte angeboten. Davon ist eine Tagung „Supervision für Familienrichter“ und eine Tagung „Sexueller Missbrauch – Strategie der Zusammenarbeit“. Weitere Tagungen, die für den Familienrichter einschlägig sind, konnte ich nicht feststellen, allerdings waren 17 Tagungen über Datenverarbeitung zu zählen. Bei der Deutschen Richterakademie wurden von insgesamt 70 Tagungen an der Trierer Tagungsstätte 6 für Familienrichter angeboten, und zwar für sämtliche Familienrichter in Deutschland, davon eine über Psychiatrie und Psychologie, an der Tagungsstätte Wustrau konnte ich 46 Tagungen zählen, eine über das Recht der Familie und des Kindes. Sonstige Fortbildungen, z.B. in Bad Boll, Tagung des Familiengerichtstage, des Vormundschaftsgerichtstages usw. werden nicht von der Justizverwaltung gefördert. Wenn es hoch kommt, wird unter Fortzahlung der Dienstbezüge Dienstbefreiung gegeben. Die Kosten für solche Fortbildungsveranstaltungen sind jedoch von dem interessierten Richter selbst zu tragen. Das bedeutet, dass man auf Fortbildungsveranstaltungen auch nur wirklich interessierte Richter trifft.

 

 
Fortbildungen der Richter sind auch bei den Kollegen unbeliebt, weil die Vertretung droht. Als ich das letzte Mal eine Tagung in der Deutschen Richterakademie über eine Woche mitgemacht habe, wurde mir von den Kollegen zum Abschied mitgegeben: „Na, denn schönen Urlaub“. Bei den Richtern selbst sind solche Fortbildungstage ebenfalls nicht sehr beliebt, und zwar aus gleichem Grund der Vertretung. Eine Vertretung findet in solchen Fällen praktisch nicht statt. Wenn ich nach diesen drei Tagen in Bad Boll wieder in mein Büro komme, Donnerstagmorgen, werde ich von drei- bis vier-Meter hohen Aktenstapeln begrüsst.
 
Die Richter holen weiterhin gerne Sachverständigengutachten ein, weil sie bei der Beurteilung der Frage, welches für das Kindeswohl die beste -oder besser die am wenigsten schädliche- Alternative ist, mit ihrer erlernten juristischen Mothodik am Ende sind. Wir Juristen haben gelernt, in der Vergangenheit liegende abgeschlossene Sachverhalte zu beurteilen. Hier geht es jedoch nicht um solche Sachverhalte, um Tatsachen, sondern um zwischenmenschliche Beziehungen, die beurteilt und gewichtet werden müssen. Dieses ist eigentlich keine Angelegenheit für einen Juristen. Nun könnte man meinen, dass das Gericht durch die zwingende Beteiligung der Jugendämter entsprechend unterstützt wird. Sinn der Regelung der §§ 49, 49 a FGG, wonach das Jugendamt in Sorgerechtsverfahren zwingend zu beteiligen ist, ist ja, dass dem Gericht Hilfestellungen gegeben werden. Die Jugendämter bedeuten aber für den Richter in vielen Fällen keine Hilfestellung, zum einen, weil die Sozialarbeiter sich in sehr vielen Fällen -von rühmlichen Ausnahmen einmal abgesehen- darauf beschränken, den Vortrag der jeweiligen Parteien wiederzugeben. Eine eigene Wertung, die diesen namen verdient und auf der ein Richter seine Entscheidung aufbauen kann, ist vielfach nicht gegeben. Geradezu makaber werden die Stellungnahmen von Jugendämtern in der Sitiatuon, wo beide Elternteile in unterschiedlichen Jugendamtszuständigkeiten wohnen. Es ist leider häufig festzustellen, dass jeder Jugendamtsmitarbeiter „seinen Elternteil“ als denjenigen herausstellt, dem bedenkenfrei die elterliche Sorge übertragen werden kann. Ein weiteres Problem, das zur Einschaltung von psychologischen Sachverständigen in den familiengerichtlichen Verfahren führt, ist das Bestreben der Richter, die Entscheidung „beschwerdesicher“ zu machen. Wir leben in einer Zeit, wo die Meinung vorherrscht, ein Sachverständiger könne alles besser und sei eine Wunderwaffe für alle Gelegenheiten. Dieser Irrglaube feiert insbesondere im Betreuungsrecht Urstände, wo sogar in völlig eindeutigen Fällen, bei denen jedermann sofort auf den ersten Blick erkennt, dass dieser Mensch nicht mehr für sich selbst sorgen kann, ein Sachverständigengutachten eingeholt werden muss. Der Sachverständige allgemein, auch der psychologische Sachverständige, geniesst eine so starke Glaubwürdigkeit, dass gegen dessen Rat eine gerichtliche Entscheidung nicht getroffen wird. Zwar darf der Richter das Sachverständigengutachten überprüfen und es werten, der BGH meint jedoch dazu: (AZ: VI ZR 268/88 vom 09.05.1989) „Das Gericht darf von einem Sachverständigengutachten nur abweichen, wenn es seine abweichende Überzeugung begründet und dabei erkennen lässt, dass die Beurteilung nicht von einem Mangel an Sachkunde beeinflusst ist.“ Wenn dieses so ist, ist es klar, dass einem psychologischen Sachverständigengutachten ein ganz hoher Stellenwert zukommt.
 

 

 
III.Wer ist Sachverständiger?
 

1.)Wer Sachverständiger ist, hat die Zivilprozessordnung im § 407 festgelegt. Jeder hat die Pflicht, einer Ernennung als Sachverständiger Folge zu leisten, wenn der Ernannte zur Erstattung von Gutachten der erforderlichen Art öffentlich bestellt ist oder wenn er die Wissenschaft, die Kunst oder das Gewerbe, deren Kenntnis Voraussetzung der Begutachtung ist, öffentlich zum Erwerb ausgeübt oder wenn er zur Ausübung desselben öffentlich bestellt oder ermächtigt ist. Das bedeutet, dass jeder Diplom-Psychologe als Sachverständiger bestellt werden kann.
 
2.)Die Auswahl der Sachverständigen ist gemäss § 404 ZPO aufgabe des Prozessgerichtes, obwohl es inzwischen Allgemeingut sein sollte, dass nur eine natürliche Person als Sachverständiger im Zivilprozess bestellt werden kann, ist häufig festzustellen, dass Institute nach wie vor bestellt werden. Aus einem mir vorliegenden Beschluss eines rheinischen Amtsgerichtes vom 18.02.1993: „Mit der Erstattung der Gutachtens wird die Praxis für Rechts- und Familienpsychologie beauftragt.“ Eine solche Beauftragung ist glatt rechtswidrig, sie kommt jedoch immer wieder vor. Weil sich diese Rechtswidrigkeit jedoch weiter herumspricht, ist man auf eine andere Art der Benennung eines Sachverständigen verfallen. Beispielhaft sei der Fall des vom Oberlandesgericht Düsseldorf im Beschluss vom 30.11.1988 behandelte Fall genannt (FamRZ 1989, 1101). Ein Amgsgericht hatte durch einen Beweisbeschluss vom 10.08.1980 das „Institut für Gerichtspsychologie Bochum, Dr. Arntzen“ mit der schriftlichen fachpsychologischen Begutachtung beauftragt. Diese Beauftragung wurde vom Oberlandesgericht als fehlerhaft festgelegt. Nunmehr geht ein Trick jedoch davon, dass Gerichte den Leiter von solchen Instituten, es muss nicht dieses Bochumer Institut sein, es gibt eine ganze Menge anderer, bittet, einen geeigneten Sachverständigen zu benennen, indem es die Akten übersendet. Ich halte dieses Verfahren aus datenschutzrechtlichen Gründen für völlig indiskutabel, selbst wenn das Oberlandesgericht Düsseldorf feststellt, dass das Institut, verfahrensmässig korrekt, einen bestimmten Sachverständigen vorgeschlagen hat. Ein bestimmter Sachverständiger kann von dem Institutsleiter nur dann vorgeschlagen werden, wenn der Institutsleiter Kenntnis von dem Fall erhält. Ich habe doch erhebliche Probleme, ob dieses nicht unter den Tatbestand des § 203 Abs. 2 StGB, Verletzung von Privatgeheimnissen, zu subsumieren ist. Ausserdem dürfte diesem Brauch der klare Wortlaut des § 404 Abs. 1 ZPO widersprechen, wonach die Auswahl der zuzuziehenden Sachverständigen durch das Prozessgericht erfolgt. Hier erfolgt die Auswahl durch den Leiter einen Institutes, welches mit dem Gericht nicht, aber auch gar nichts -trotz des Namens- zu tun hat.
 
Obwohl es ausdrücklich im § 404 Abs. 3 ZPO festgelegt ist, habe ich noch nie davon gehört, dass ein Gericht die Parteien auffordert, einen Sachverständigen zu benennen, es ist im Gegenteil so, dass von den Parteien benannte Sachverständige fast regelmässig nicht von den Gerichten beauftragt werden.
 
3.)Die Qualifikation der psychologischen Sachverständigen als Sachverständige in Familiensachen ist sehr zweifelhaft. Grundsätzlich ist jeder Diplom-Psychologe qualifiziert, wie jeder Arzt qualifiziert ist, eine medizinische Frage zu beantworten. Käme irgendjemand auf die Idee, einen Gynäkologen zur Beurteilung der Frage heranzuziehen, ob ein Mann durch einen Verkehrsunfall bleibende Hörschäden erlitten hat? Käme man jemals auf die Idee, einen Dilp.Ing., der sich mit Tiefbau beschäftigt, zur Beurteilung einer Hochbaufrage heranzuziehen? Der Diplom-Psychologe ist eigentlich nur zu vergleichen mit einem Amtsarzt, der gleichermassen beurteilen kann, ob z.B. jemand aus psychischen, psychosomatischen, internistischen oder orthopädischen körperlichen Mängeln arbeitsunfähig ist oder nicht. Ich wünsche mir, dass evtl. durch den Berufsverband endlich bessere Vorgaben gemacht werden.

IV.Nach welchen Kriterien werden die psychologischen Sachverständigen ausgesucht?
 
3.)Die Qualifikation der psychologischen Sachverständigen als Sachverständige in Familiensachen ist sehr zweifelhaft. Grundsätzlich ist jeder Diplom-Psychologe qualifiziert, wie jeder Arzt qualifiziert ist, eine medizinische Frage zu beantworten. Käme irgendjemand auf die Idee, einen Gynäkologen zur Beurteilung der Frage heranzuziehen, ob ein Mann durch einen Verkehrsunfall bleibende Hörschäden erlitten hat? Käme man jemals auf die Idee, einen Dilp.Ing., der sich mit Tiefbau beschäftigt, zur Beurteilung einer Hochbaufrage heranzuziehen? Der Diplom-Psychologe ist eigentlich nur zu vergleichen mit einem Amtsarzt, der gleichermassen beurteilen kann, ob z.B. jemand aus psychischen, psychosomatischen, internistischen oder orthopädischen körperlichen Mängeln arbeitsunfähig ist oder nicht. Ich wünsche mir, dass evtl. durch den Berufsverband endlich bessere Vorgaben gemacht werden.
 Ein wesentliches Kriterium ist die zufällige Bekanntschaft mit dem Richter. Dieses ist wohl das Hauptkriterium neben einem anderen, nämlich, dass bei dem entsprechenden Gericht immer ein bestimmter Psychologe zum Sachverständigen bestellt wird.
 
Die Benennung der Sachverständigen durch die Parteien habe ich noch nie erlebt. Zwar versuchen die parteien häufig, einen bestimmten Sachverständigen dem Gericht zu benennen, es wird jedoch dieser Sachverständige deswegen nicht „genommen“, weil man sofort unterstellt, dass dieser Sachverständige mit der benennenden Seite gemeinsame Sache macht.
 
Ein weiteres wichtiges Kriterium für die Bestellung eines bestimmten Sachverständigen ist, dass dieser bekannt ist, dass er viele Gutachten für Gerichte bereits geschrieben hat.
 
Ein wesentliches Kriterium, nämlich die wissenschaftliche Reputation und ein besonderes Fachwissen auf dem psychologischen Fachgebiet, auf welches es bei der Beantwortung der Fragen ankommt, scheint eine untergeordnete Rolle zu spielen. Zwar wird von Psychologen, insbesondere von Instituten, auch von dem von mir eben genannten, der Anschein besonderer wissenschaftlicher Reputation erweckt, untersucht man den Anspruch und die Wirklichkeit jedoch, so stellt man fest, dass durch einzelne, hier durch den Institutsleiter und seine Ehefrau, wissenschaftliche Veröffentlichungen vorgenommen worden sind, mir sind jedoch keine weiteren und tiefschürfenden Veröffentlichungen eines solchen Institutes oder Mitglieder der Institute bekannt, die wirklich den Namen der Wissenschaftlichkeit verdienen. Das mag aber an meinen Bildungslücken liegen.
  
V.Das Gutachten
 

1.)Befasst sich nunmehr ein Psychologe mit einem Sorgerechtsfall, so ist der Sachverständige an die gerichtliche Fragestellung gebunden. Auch in der gerichtlichen Fragestellung findet man sehr häufig Fehler, die Fragestellungen sind viel zu pauschal gestellt und sie werden von Psychologen nicht in psychologische Fragestellungen umgesetzt. Ich halte eine Fragestellung, wie man sie in Beweisbeschlüssen häufig liest, nämlich: „Es soll ein psychologisches Sachverständigengutachten eingeholt werden, welcher Enternteil die elterliche Sorge am besten ausüben kann“, für eine unzulässige Fragestellung. Hier übergibt der Richter dem Psychologen seine Entscheidungskompetenz, es kommt zu einer unzulässigen Gemengelage und, wie Jopt es immer nennt, zu einer unheiligen Allianz zwischen Richtern und Sachverständigen. Der Sachverständige ist vom Gericht genau auf bestimmte Fragestellungen anzusetzen, auf die ich aber im Augenblick noch nicht eingehen möchte. Ich möchte am Ende meiner Ausführungen meine Vorschläge für einen Beweisbeschluss vorstellen.
 
Mit Koöfschütteln kann man nur feststellen, dass in sehr vielen Gutachten, die mir vorliegen, der Sachverständige offenbar mit vorgefassten Meinungen an seine Arbeit geht. Der Psychologe, insbesondere, wenn er in Kliniken sitzt, lädt ein Elternteil, meist die Mutter mit dem Kind zu sich, es wird dann die Interaktion zwischen und Mutter festgestellt. Mit dem Vater werden Wochen später ebenfalls Gespräche geführt. Es wird jedoch nicht, was ich für zwingend erforderlich halte, Interaktion zwischen Mutter und Kind und Vater und Kind beobachtet. Mir liegt z.B. ein Gutachten vor eines sehr bekannten Münsterander Psychologenpaares, welches die Frage zu beantworten hatten, ob ein Kind aus seiner Pflegefamilie wieder ohne grössere Schäden zu den leiblichen Eltern zurückgeführt werden könnte. Hier ist die Pflegemutter mit dem Kind bei den Psychologen erschienen, die leiblichen Eltern habe diese Psychologen nie gesehen. Dieses halte ich nur dann für keinen methodisch gravierenden Fehler, der das Gutachten überflüssig machten, wenn das Ergebnis der Begutachtung von vorneherein feststeht.
 
Es würde den Rahmen dieser Abhandlung sprengen, würde ich hier die Untersuchungsstandards der familiengerichtlichen Psychologie abhandeln und die Mängelliste der am häufigsten auftretenden Untersuchungsfehler. Dieses ist auch nicht meine Aufgabe, sondern das wäre Aufgabe der Psychologen, den ich ermuntern möchte, entsprechende Kriterien aufzustellen. Ich kann auch verweisen auf den Aufsatz von Klenner – Vertrauensgrenzen des psychologischen Gutachtens im Familienrechtsverfahrens (FamRZ 1989, 804 ff.).
 
An dieser Stelle kann ich nur einige Fehler aufzeigen, die doch ganz häufig festzustellen sind. Dass es eine Reihe von Fehlern gibt, ist auch niedergelegt in einem Gericht vom 40. Kongress der Gesellschaft für Psychologie von Jochen Paulus in „Die Zeit“ Nr. 41 vom 04.10.1996. Hier wird referiert, dass bei einer Analyse von 245 Gutachten für Familiengerichte, in denen es meist um das Sorgerecht ging, sich herausstellte: Nur in 67 Fällen hatten die Gutachter die Fragen des Gerichtes sauber in psychologische Fragestellungen übersetzt. Nicht einmal in jedem zweiten Gutachten war klar zu ersehen, welches befragte Familienmitglied wann was gesagt hatte. Sachverständige schluderten nicht nur mit der Sprache oder wiederholten Passagen aus verschiedenen Seiten mitunter wörtlich, sie pfuschten auch bei der eigentlichen Begutachtung. Soweit das Zitat dieses Berichtes. Für solche Schludrigkeiten und Abstrositäten wird wohl jeder Beispiele kennen. Ich will einige wenige auch hier anführen. in dem Gutachten, welches dem schon zuvor genannten Beweisbeschluss des rheinischen Amtsgerichts folge, ging es um den Fall, dass ein Kind praktisch seit seiner Geburt in der pflegefamilie war, die Mutter wollte es nunmehr mit 6 Jahren wieder herausnehmen.
 
Das Amtsgericht hat eine Verbleibensanordnung nach § 1632 Abs. 4 BGB erlassen, das Jugendamt hatte dieses Kind entgegen der Verbleibensanordnung mit Gewalt aus der Schule entführt. Aufgrund einer erneuten Intervention des Vormundschaftsgerichtes war das Kind wieder in den Haushalt der Pflegeeltern zurückgekommen. Seitdem nennt es als seinen Familiennamen nicht mehr seinen eigenen Familiennamen, sondern den der Pflegeeltern. Die Psychologin, die zwar nicht zur Sachverständigen bestellt war, aber das Gutachten erstattet hat, schloss messerscharf, dass das Kind in der Familie der Pflegeeltern stark beeinflusst würde, so dass es aus lauter Angst nunmehr den Familiennamen der Pflegeeltern angenommen hätte. Diese Indoktrination durch die Pflegeeltern müsse abgestellt werden, deshalb sei das Kind aus der pflegefamilie herauszunehmen, und zwar ohne jedwelche Kontakte zu den pflegeeltern und zu den vier Pflegegeschwistern. Da das Kind nicht zu der Mutter zurück könne, die ungeeignet sei, das Kind zu erziehen, solle es in eine stationäre Behandlung kommen, d.h. auf deutsch, in eine psychiatrische Klinik.
 
Das Amtsgericht hat dieses Gutachten als das angesehen, was es ist, nämlich als Blödsinn.
 
In einem anderen Falle hat ein Sachverständiger aus dem Ruhrgebiet seine eigene Lebenseinstellung an die Stelle der zu begutachtenden gesetzt. Er hat nämlich daraus geschlossen, dass die Pflegeeltern sehr katholisch waren und sehr, ich will einmal so sagen, päpstliches Bild von der Gottesmutter Maria hatten, nicht geeignet seien, dieses Kind zu erziehen und empfohlen, das Kind stattdessen lieber in ein Heim zu geben. Weitere Fehler entdeckt man häufig, dass der Psychologe weit über den Auftrag als Sachverständiger hinausgeht. Er beurteilt nämlich die Person der Eltern, er gibt ihnen Noten, er stempelt Elternteile als „gut“ oder „böse“ ab. Dieses ist jedoch nicht seine Aufgabe.
 

 
2.)Aufgabe des Sachverständigen ist vielmehr, die Interaktionen von Eltern und Kindern festzustellen, die Beziehungen von Eltern und Kindern zu ergründen und darzulegen und dafür einzutreten, dass eine Lösung des Falles gefunden wird.
 

 
3.)Wenn nun viele Sachverständigengutachten mangelhaft sind, so fragt es sich, warum die Gerichte ihnen überhaupt folgen.
 
Ich habe vorhin schon festgestellt, dass es für ein Gericht wesentlich einfacher ist, einem Sachverständigen Rat zu folgen, als dieses nicht zu tun. Der Sachverständige gibt für ihn leicht nachvollziehbare Anleitungen für die Abfassung seiner Entscheidung zur Hand. Aus einem Gutachten, das vielleicht 189 Seiten stark ist, braucht er nur die letzten fünf Seiten zu lesen. Dort ist alles wichtige zusammengefasst. Wenn er die tragenden Gedanken des Sachverständigen übernimmt, ist er immer auf der sicheren Seite und er wird, wie man so schön sagt. „Erfolgt haben“.
 
Eine weitere Überlegung ist die, dass dann, wenn der Richter der Empfehlung eines Gutachters folgt, die Entscheidung von den Parteien besser angenommen wird. Auch hier habe ich oben schon auf die Gutachtengläubigkeit unserer Zeit hingewiesen. Der Bürger ist schon der Ansicht, dass ein Sachverständiger schon Recht haben wird. Zu einem Gutteil wird man allerdings auch konstatieren müssen, dass bei dem „unterlegenen Teil“ eine Resignation sich breit macht, mit dem, sicherlich nicht falschen, Gedanken, es haben sowieso keinen Sinn, hiergegen anzugehen.
 
Vielfach wird nun versucht, ein vom Gericht eingeholtes Sachverständigengutachten durch eine eigene sachverständige Stellungnahme zu entkräften. Ich habe nur von ganz wenigen Fällen gehört, dass das Gericht auch nur mit einem Wort auf diese Einwendungen eines anderen Psychologen eingegangen ist, obwohl es ständige Rechtsprechung ist, dass das Gericht sich mit den sogenannten Privatgutachten ebenso sorgfältig auseinanderzusetzen hat, als wenn es sich um die abweichende Stellungnahme eines von ihm bestellten weiteren gutachters handeln würde. Andernfalls verletzt es die Vorschriften der §§ 212, 286 ZPO (BGH VersR 1981, 752, NJW 86, 1928, 1930, VersR 1985, 1988, 1989).
 
Eine solche Verfahrensweise, die Einwendungen einer Seite gegen ein Gutachten nicht zur Kenntnis zu nehmen, verstösst im übrigen nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts auch gegen das Gebot des rechtlichen Gehörs (BVerfGE 60, 247, 249).
 
Falls das Gericht nicht in der Lage ist, aus beiden sachverständigen Stellungnahmen eine Entscheidung zu treffen, so hat es ja durchaus die Möglichkeit, ein weiteres Sachverständigengutachten, was nicht als Obergutachten verstanden werden darf, einzuholen.
 
Das gleiche Dilemma bezüglich der Aus- und Fortbildung der Richter, das ich eben angesprochen habe, macht sich wiederum bei der Auswertung von Sachverständigengutachten bemerkbar. Gemäss § 404 a ZPO hat das Gericht die Tätigkeit des Sachverständigen zu leiten und kann ihm für Art und Umfang seiner Tätigkeit Weisungen erteilen, das Gericht hat das Gutachten also zu überprüfen. Wenn das Gericht hierzu aber nicht in der Lage ist, weil der Richter die Qualität nicht kennt, so wird es immer bei den unzureichenden Gutachten bleiben. Die Auseinandersetzung mit den Gutachten findet bloss in stereotypen Formulierungen statt wie: „Der Sachverständige X ist dem Gericht seit Jahren bekannt und hat eine Vielzahl von Gutachten verfasst, welchen das Gericht immer hat folgen können.“ Solche lupenreinen Zirkelschlüsse findet man in einer ganzen Vielzahl von Beschlüssen, die sich angeblich mit Sachverständigengutachten auseinandersetzen.
 

 
4.)Ich will an dieser Stelle auch gar nicht mehr darauf eingehen, dass die Sachverständigen einer Berufsgruppe angehören, die den Umfang ihres Einkommens weitgehend selbst bestimmen und selbst bei mangelhaften Leistungen vom Staat bezahlt werden. Selbst erfolgreich abgelehnte Sachverständigen verlieren ihren Vergütungsanspruch nicht.
 

 

 
VI.Beklagt man das Gutachtenwesen bzw. -unwesen in Deutschland, so muss man sich die Frage gefallen lassen, wie man dieses verbessern will.
 

1.)Die wichtigste Art der Verbesserung der Situation besteht darin, dass man die gesetzlichen Voraussetzungen dafür schafft, dass nicht bei jeder Ehescheidung zwangsweise auch über das Sorgerecht entschieden werden muss. Dieser Zwang schafft erst in einer Vielzahl von Fällen Konflikte, die sonst gar nicht da wären, und es auch nur deswegen, weil die Eltern sich der Situation nicht bewusst sind.
 

 
2.)Die Aus- und Fortbildung der Richter muss wesentlich verbessert werden. Hier ist es erforderlich, dass -bei Wahrung der richterlichen Unabhängigkeit- eine systematische Aus- und Fortbildung durch die Justizverwaltung zumindest angeboten wird und auch die Voraussetzungen geschaffen werden, dass Richter an Fortbildungsmassnahmen teilnehmen können.
 

 
3.)Es muss ein Bewusstseinswandel bezüglich der Rolle der psychologischen Sachverständigen erreicht werden. Der psychologische Sachverständige soll nicht dazu dasein, um als „heimlicher Richter“ einen Prozess zu entscheiden, er soll vielmehr seinen Sachverstand einsetzen, um für das betroffene Kind eine Lösung herbeizuführen, welche für das Kind die am wenigsten schädliche Alternative ist. Es ist jetzt wohl allgemein anerkannt, dass es für die Kinder von existenzieller Bedeutung ist, beide Elternteile zu behalten. Deswegen soll der psychologische Sachverständige zunächst seinen Sachverstand einsetzen, um die Eltern zu befähigen, bei all ihrem Streit jedenfalls für das Kind als Eltern weiter existent zu sein. Diesses halte ich für eine wesentlich schwiergere Aufgabenstellung als die Beantwortung der Frage, ob Vater oder Mutter besser geeignet sind, die elterliche Sorge für das Kind auszuüben, wobei die Zweifelhaftigkeit dieser Fragestellung auf der Hand liegt. Ist es wirklich für das Kindeswohl entscheidend, wer einen Rechtstitel in der Hand hält oder ist es nicht vielmehr wichtig, wie sich die Beziehungen eines Kindes zu seinen Eltern entwickeln? Ich plädiere deswegen dafür, in streitigen Sorgerechts- und streitigen Umgangsregelungsverfahren und auch in Verfahren gemäss § 1666 BGB den Sachverstand eines Psychologen, der ja besonders geeignet sein sollte, Beziehungen zu strukturieren, einzusetzen, um dem Kind beide Elternteile zu erhalten. Um es noch einmal kürzer zu sagen, es sollte mit Hilfe des psychologischen Sachverständigen versucht werden, gemäss § 17 Abs. 2 KJHG ein einvernehmliches Konzept für die Wahrnehmung der elterlichen Sorge zu erarbeiten. Es kommt also nicht darauf an, wem die elterliche Sorge übertragen werden soll; es kommt vielmehr darauf an, dass die elterliche Sorge wahrgenommen wird. Hierzu gibt es schon eine Vielzahl von Beweisbeschlüssen, da sich das Verständnis von Richtern in der letzten Zeit erfreulicherweise gewandelt hat. Man könnte beispielsweise formulieren: „Es soll Beweis erhoben werden über die Frage, welche Sorgerechtsregelung (bzw. Umgangsregelung) dem Wohl und dem Bedürfnis des Kindes am ehesten entspricht. Der Sachverständige wird beauftragt, zunächst mit den Eltern und dem Kind zu versuchen, unter Einsatz seines Sachverstandes eine einvernehmliche Regelung zu finden. Für den Fall des Scheiterns dieses Versuches soll der Sachverständige ein schriftliches Gutachten vorlegen, aus dem sich auch ergibt, woran die einvernehmliche Regelung gescheitert ist, welche Massnahmen möglicherweise vom Gericht getroffen werden können, um dem Kind beide Elternteile zu erhalten bzw. zurückzugeben.“ Mit solchen Beschlüssen erhält der Sachverständige, so er dazu befähigt ist, die Möglichkeit, eine echte Lösung der Probleme herbeizuführen, was durch eine gerichtliche Entscheidung zwar auch erreicht werden kann, aber immer eine Fremdbestimmung darstellt. Der Sachverständige, für den ich plädiere, soll ein Helfer für Eltern und Kinder sein. Seine Aufgabe als Gehilfe des Gerichtes soll er erst nach Scheitern seiner ersten Aufgabe angehen.
 

 
Literatur:

  • Jopt, Uwe-Jörg. Im Namen des Kindes, Hamburg 1992
  • Jopt, Uwe-Jörg. Die Rolle der psychologischen Gutachter in Sorgerechtssachen, in: R. Proksch (Hrsg.) Wohl des Kindes – Systematische Konfliktlösungen im Scheidungsverfahren, Berichte und Materialien aus der sozialen und kulturellen Arbeit, S. 71-81.
  • Jopt, Uwe-Jörg. Staatliches Wächteramt und Kindeswohl, in: UfJ 1990, 285 ff.
  • Jopt, Uwe-Jörg. Zur (un)heimlichen Allianz zwischen Justiz und Psychologie im Familienrecht, in: Betrifft Justiz Nr. 15. Sept. 1988.
  • Klenner, Wolfgang. Vertrauensgrenzen des psychologischen Gutachtens im Familienrechtsverfahren, in: FamRZ 1989, 804 ff.
  • Paulus, Jochen, Rätsel des Alltags, in: DIE ZEIT Nr. 41 vom 04.10.1996.
  • Rösner, Schade – Verdacht auf sexuellen Missbrauch von Kindern in familiengerichtlichen Verfahren, in: FamRZ 1993, 1134 ff.
  • Salzgeber, Josef. Der psychologische Sachverständige im Familiengerichtsverfahren, München 1992.
  • Salzgeber, Vogel, Partale, Schrader – Zur Frage der Erziehungsfähigkeit aus medizinisch-psychologischer Sicht bei gerichtlichen zur Sorge- und Umgangsregelungen, in: FamRZ 1995, 1131 ff.
  • Salzgeber, Scholz, Wittenhagen, Aymanns – Die psychologische Begutachtung sexuellen Missbrauchs in Familienrechtsverfahren, in: FamRZ 1992, 1249 ff.
  • Undeutsch, Udo. Die aussagepsychologische Realitätsprüfung bei Behauptung sexuellen Missbrauchs, in: Kraheck-Brägelmann (Hrsg.). Die Anhörung von Kindern als Opfer sexuellen Missbrauchs. S. 69-162.
  • Klussmann, Stötzel – Das Kind im Rechtsstreit der Erwachsenen, 2. Aufl. 1995.

 


Wolfgam Schrag: Protokoll der Podiumsdiskussion

 

 

Tagung „Kindeswohl – Dilemma und Praxis der Jugendämter„, Ev. Akademie Bad Boll, 4. – 6. November 1996

Podiumsteilnehmer:
 

  • Helga Biermann, Diplompsychologin, Münster
  • Prof. Dr. Uwe Jopt, Diplompsych. Bielefeld
  • Christine Knappert, Jugendamt, Bad Salzuflen
  • Georg Kolb, Jugendamtsleiter, Göppingen
  • Ursula Körber, TU – Berlin
  • Prof. Dr. Heinrich Kupffer, Berlin
  • Ursula Münz, Waiblingen
  • Dr. Wolfg. Raack, Vormundschaftsrichter, Köln
  • Moderation: Dierk Schäfer, Bad Boll

 


Partizipation und Transparenz

Nur gemeinsam zum Ziel
Das Verfahren bei den Jugendämter muss transparenter werden und sollte auch den Eltern die Möglichkeit eröffnen, sich als Betroffene daran zu beteiligen, wenn es um ihre eigenen Kinder geht. Es gibt erhebliche Defizite zwischen dem, was das KJHG vorschreibt und dem, wie das Verfahren tatsächlich abläuft. Ein Problem: Die betroffenen Eltern können Entscheidungen der Jugendämter nicht anfechten. Somit bleibt, nach Ansicht vieler Tagungsteilnehmer, nur der Weg, gemeinsam eine Entscheidung zu finden.
 

Der grosse Diskussions- und Mitteilungsbedarf des Plenums brachte es mit sich, dass von fünf Themen, die die Tagungsleitung vorgesehen hatte, nur zwei zum Zuge kamen. Vor der Pause wurde das Thema der „Selbstmelder“ diskutiert, danach widmete sich die Tagung dem Thema „Fachaufsicht“.
 

 

Kaum beachtet: Selbstmelder

 

Selbstmelder sind Jugendliche und junge Erwachsene, die aus eigenem Entschluss von zu Hause weg wollen und sich in die Obhut von betreuten Wohngruppen oder Wohngemeinschaften begeben. Als Vertreterin eines solchen Projekts für Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren erklärte Ursula Münz, man sei als Mitarbeiterin einer solchen Einrichtung im Rad vieler Erwartungen: Sie würde die Mädchen „da abholen, wo sie leben“. Sie stehe aber vor dem Problem: Einerseits müsse sie ein Vertrauen zu den Mädchen aufbauen und gleichzeitig verlangten auch Eltern und Jugendämter, zu kooperieren. Gleiches gelte auch für die Jugendlichen selbst, die ein Gespräch mit den Eltern suchen sollten und sich auch dem Jugendamt gegenüber äussern müssten.

Umstritten war die Frage, ob Wohngruppen, also das „betreute Wohnen“ nun tatsächlich so betreut ist, wie man sich das vorstellt. Der Vorwurf aus Teilen des Publikums macht die Runde, diese Wohngruppen förderten die Verwahrlosung der Jugendlichen. Wer überprüft eigentlich Wohngruppen und die dort betreuten Jugendlichen? Ein weiterer Vorwurf lautete: Wohngruppen würden geradezu „Lockangebote“ machen, um die Jugendlichen aus ihren Familien herauszulösen. Das Jugendamt werde dann als Hebel benutzt, die Einwilligung der Eltern zu erzwingen. Christine Knappert ging auf diesen Vorwurf ein und erklärte, dass es vorkomme, dass in solchen Einrichtungen die Jugendlichen darauf hingewiesen würden, die Unterschrift der Eltern genüge zum Antrag für Hilfe zur Erziehung, dann kämen sie raus aus dem Elternhaus. Besser sei jedoch der Weg, zu überprüfen, wo tatsächlich in Konflikt mit den Eltern bestehe. Dass einKonflikt bestehe, sei klar, andernfalls würden die Jugendlichen nicht zu ihr kommen. Befremdlich sei es für sie, wenn sie hier erfahre, dass die Eltern überhaupt nicht wüssten, was mit den Kindern geschehe. Eine Zusammenarbeit sei notwendig, dann erst sei zu überprüfen, ob eine Trennung tatsächlich notwendig sei oder ob nur eine Veränderung ausreiche. Nach einer therapeutischen Intervention könne es dann sein, dass eine Trennung unumgänglich ist. Aber auch Möglichkeiten, eines Lebens zuhause unter anderen Vorzeichen könne am Schluss der Beratung stehen. Insgesamt seien Fälle, in denen ein Antrag auf Entzug der elterlichen Sorge gestellt würde, jedoch sehr selten. Normalerweise finde eine Prüfung statt.

Dem wurde im Plenum widersprochen. Insbesondere wurde kritisiert, dass die Eltern überhaupt nicht informiert würden. Dem widersprach der Jugendamtsleiter Georg Kolb. Solche Fälle würden innerhalb einer Woche geklärt. Auch ohne eine Entscheidung des Vormundschaftsgerichts könne man zu einer Lösung komme. Das Ganze sei ein Autonomiekonflikt, erklärte Ursula Körber. Es gehe darum, den Jugendlichen, das sind die 14- bis 18-jährigen, mehr Rechte einzuräumen und in solch einem Fall den Abnabelungsprozess von der Familie vorzubereiten. Es gebe jedoch unterschiedliche Formen von Erziehung und deshalb auch unterschiedliche Formen der Ablösung. Daran seien die Eltern selbstverständlich zu beteiligen, das KJHG ( § 37 ) schreibe dies vor. Das Gesetz sei hier eben besser, als die Realität in den Jugendämtern. Dies bestätige Helga Biermann: In solchen Fällen würden die Jugendämter versuchen, das „Leider an ihrem eigenen Ruf“ zu kompensieren. Die Jugendämter würden vergessen, die Eltern überhaupt zu informieren. Es sei ein „Gesamt-Familienkonflikt“, Abnabelung sei zu befürworten. Nur sei dies nicht damit getan, die Kinder aus ihren Elternhäusern herauszuführen. Eltern, die glauben, vierzehn Jahre ihre Kinder ordentlich erzogen zu haben, seien zu beteiligen.

Heftiger Beifall des Plenums für diese Statements. Auch Heinrich Kupffer pflichtete bei. Er rief dazu auf, sich dem Problem der Selbstmeldder auch in der Forschung stärker zu widmen. Betroffene Eltern aus dem Publikum kritisierten scharf, dass zwischen Theorie und Praxis der Jugendämter ein grosser Widerspruch bestehe. So forderten Teile des Plenums: Man müsse eine sofortige Verbindung zu den Eltern herstellen. Die drastische Formulierung: Sei das Kind erst einmal beim Jugendamt, habe es keine Chance mehr. Das Abrutschen in Jugendhäusern würde geradezu herausgefordert.

Georg Kolb wie Christine Knappert waren sich einig, dass bei der Informationspflicht Defizite bestehen. Den Vorwurf, mit dem KJHG in eigenwilliger Weise umzuspringen, verbaten sich aber beide. Insbesondere Knappert erklärte, dass sie nach dem Wortlaut der KJHG arbeiten würde. Der pauschale Vorwurf, niemand würde sich an das Gesetz halten, treffe nicht zu. Sie sei bereit, die Probleme anzuhören und mit ihren KollegInnen darüber zu sprechen. Eine „Beteiligung der Beteiligten“ sei notwendig. Andererseits sprach sie auch von einer Gratwanderung, auf der sich die Mitarbeiter des Jugendamtes begeben würden. Knappeert verdeutlichte dies an einem Beispiel: Auf der einen Seite stehe der Jugendliche. Wie solle sie es denn bewerten, wenn ein Jugendlicher wie auch immer geartete Selbstmordabsichten äussere? Und auf der anderen Seite? Da stünden die Eltern, denen es schwerfalle, ein eigenes Versagen zuzugeben.

Wolfgang Raack meinte, er habe bei dieser Tagung sehr viel Leid erfahren. Er wolle sich aber nicht zum Vorwurf machen lassen, als Stellvertreter eines Berufsstandes dazustehen, der dieses Leid zu verantworten habe. Es würde viele unlösbare Fälle vor Gericht geben, an denen ganze Familien zugrunde gegangen seien. Er forderte das Publikum auf, sich mit dem Aspekt der Trennung zu beschäftigen und rief auch die Kirche dazu auf, dabei nicht aussen vorzubleiben.

Uwe Jopt machte vor allen ein Bewusstseinsproblem aus. Auf der einen Seite der Staat mit den Jugendämtern. Ihm würde einer Tätermentalität nachgesagt. Auf der anderen Seite die Eltern, denen von dieser Seite der Vorwurf gemacht werde, versagt zu haben, Es seien eben nicht „nur“ Kinder, die man wieder nach Hause schicken könne, sondern junge Erwachsene. Diese hätten ihren eigenen Willen, auch dies sei zu akzeptieren. Er plädierte daher für einen gemeinsamen Ansatz und mehr Versöhnlichkeit der widerstreitenden Parteien.

Einigkeit bestand schliesslich darin, dass das Problem der Selbstmelder auch in der Kinderkommission des Bundestags aufgegriffen werden sollte.

 

Fachaufsicht oder Transparenz?

 

Weit gingen die Ansichten beim zweiten Diskussionspunkt auseinander. Die Frage hiess: Soll einer Oberbehörde die Möglichkeit eröffnet werden, fachaufsichtlich in Verfahren des Jugendamtes einzugreifen? Georg Kolb hob hervor, die Betroffenen stärker zu beteiligen. Er plädierte aber auch für mehr Eigenkontrolle. Kolbs Ansicht: Die Jugendämter sollten stärken ihre Anwaltsfunktion wahrnehmen und nicht nur reagieren, sondern auch agieren, und zwar im Interesse der Jugendlichen wie der Familien. Diesen Aspekt der Eigenkontrolle nahm Wolfgang Raack auf: Der Freiraum der Jugendamtsmitarbeiter müsse erhalten bleiben. Er habe die Erfahrung gemacht, dass sie üblicherweise kompetente Gesprächspartner seien, die sich auch fortbilden würden. Er plädierte für einen „Runden Tisch“, den den Fachverstand und das Zusammenspiel der Kräfte ermöglichen solle. Eine Fachaufsicht lehnte er hingegen ab. Man müsse Jugendamtsmitarbeitern einen Freiraum geben, der nicht dadurch blockiert werden könne, dass Vorgesetzte fachaufsichtlich Weisungen erteilen und Jugendamtsmitarbeiter von Eltern abgelehnt werden könnten.

Helga Biermann forderte die Jugendamtsmitarbeiter auf, „die Fallen im eigenen System“ zu erkennen. Dass das System momentan nicht funktioniere, zeige die Tagung. Die Frage sei eben nicht nur, ob eine Massnahme notwendig sei, sondern ob die getroffene Massnahme dann auch geeignet sei. Diagnosen könnten sich als Fehldiagnosen erweisen. Die Definition des „Kindeswohls“ habe niemand für sich gepachtet. Man solle lieber einmal auf eine Intervention verzichten. Den heftigen Beifall, der sich hier erhob, wies Wolfgang Raack mit den Worten zurück, dass Beifall kein Beweis für die wissenschaftliche Richtigkeit sei. Heinrich Kupffer unterstrich, das Bewusstsein der Mitarbeiter müsste auf gleicher Höhe sein, wie die Tragweite ihrer Entscheidung.

Uwe Jopt wies auf das Problem des Umgangs mit der Macht hin. Eine Kontrolle müsse da einsetzen, wo Macht existiert. Insbesondere sollte die Betroffenen beteiligt werden, damit Fehlentscheidungen verbindlich gemacht würden. Jopt wörtlich: „Ohne Kontrolle geht Macht nicht“.

Heftig reagierte das Plenum insbesondere auf die Ansichten von Wolfgang Raack. Diese Feststellungen seien ein Schlag ins Gesicht der Beteiligten. Kine Kontrolle würde heissen: Die Sozialarbeiter würden sich anmassen, wie Professoren, -rzte und Richter zu handeln.

Wolfgang Raack sprach das Thema „Jugendhilfeausschuss“ an. An diesen sollten sich die Betroffenen wenden: „Nutzen Sie die bestehenden Instrumente erst einmal aus!“, rief er den Anwesenden zu. Scharf waren die Reaktionen dazu aus dem Publikum, die sich in diesem Punkt sehr einig zeigten: Der Jugendhilfeausschuss sei ein Teil des Jugendamtes, denn er sei politisch besetzt. Damit könne er nicht die Funktion eines Beschwerdeausschusses haben. Politikern sei es egal, ob sie im Bau- oder im Jugendhilfeausschuss sässen. Das müsse sich ändern. Auch der Weg, wie der Hilfeplan ausgearbeitet wird, stand unter heftigem Beschuss. Im Gesetz sei vorgeschrieben, die Eltern hinzuzuziehen, in der Praxis könne davon hingegen keine Rede sein. Widersprüchlich würden sich die Jugendämter verhalten: Entweder würde überreagiert oder gar nichts getgan, aber Selbstzufriedenheit herrsche allerorten.

Georg Kolb zeigte sich durch diese Vorwürfe sehr betroffen. Auch ihm würde es nicht leichtfallen, Kindern ihren Eltern wegzunehmen. Er wolle sich nicht als Monster hinstellen lassen, sondern versuche, mit allen Beteiligten zu reden. Helga Biermann gab aus eigener Erfahrung zu bedenken, dass der Jugendhilfeausschuss kein unabhängiges Organ sei. Kontrolle der Jugendämter sei durch dieses Organ nicht zu bewerkstelligen. Man könne nicht warten, bis der Instanzenweg durchschritten sei, das forderte das Schicksal der Kinder selbst. Es sei ein Unding und auch gegen jede psychologische Erfahrung, dass Kleinkinder aus der Familie genommen werden könnten, ohne eine Bindung zur Familie überhaupt aufrecht zu erhalten. Frenetischer Beifall für dieses Statement. Ursula Körber forderte, die Funktionen innerhalb des Jugendamtes zu trennen und die Verfahren transparenter zu machen.

Christine Knappert wies darauf hin, dass nach dem KJHG Wahlmöglichkeiten vorgesehen seien, doch bedauernswerterweise häufig davon kein Gebrauch gemacht werde. Überall da, wo Macht ausgeübt würde, sei auch die Gefahr, dass diese missbraucht würde. Die Betroffenen seien zu beteiligen, sollten erfahren, mit wem sie es zu tun haben. Ehrlichkeit heisse aber auch, die Eltern darauf hinzuweisen, dass im Falle des Scheiterns von Gesprächen eine Entscheidung des Vormundschaftsgerichts herbeigeführt werden. Trotz Krisensituation müsse Transparenz in jeder Phase des Verfahrens herrschen.

Transparenz forderte Knappert auch dann, wenn der Hilfeplan erstellt wird und auch bei dessen Fortschreibung. Damit würden sich KollegInnen manchmal schwer tun. Wie nach dem Gesetz vorgesehen, müsste dieser Plan alle drei bis sechs Monate überprüft werden. Es gehe nicht an, damit länger zu warten: In zwei jahren könne sich viel verändern. Andererseits gab sie auch zu bedenken: Ganz genau werde man eine Kontrolle nicht ausüben können, denn wie intensiv sich der einzelne Mitarbeiter mit der Sache beschäftigt, sei seine eigene Entscheidung.

Wolfgang Raack forderte dazu auf, einen „Runden Tisch“ zu etablieren, aber auch dazu, sich an die Spielregeln zu halten. Probleme in der Gesellschaft müssten siskutiert werden. Es gehe jedoch nicht an, Vertreter einzelner Berufsgruppen als Sündenböcke pauschal abzustempeln.

In ihren Schlussplädoyers fasste vor allem Helga Biermann den gemeinsamen Standpunkt noch einmal zusammen: Von der Defizitorientierung hin zur Ressourcenorientierung. Man solle dazu kommen, die Ressourcen, die in Familien vorhanden sind, zu nutzen. Das Engagement der Eltern sei in Selbsthilfegruppen vorhanden, dies solle man zum Wohl des Kindes einsetzen. Heftiger Beifall des Publikums.

Zum Abschluss wies Dierk Schäfer noch einmal darauf hin, dass hier eigentlich Ohrfeigen an die Falschen verteilt wurden. Es sei schwierig für die anwesenden Berufsvertreter, mit der Betroffenheit, der Wut, aber auch der Ungerechtigkeit von Betroffenen konfrontiert zu werden. Diejenigen, die sich hier der Diskussion stellten, seien engagiert, „Loser“ hingegen, die wagten sich erst gar nicht auf das Podium. Der Gedanke des „Runden Tisches“ sei jedoch bei einer Tagung nur bedingt zu leisten. Das müsste vor Ort bei den Beteiligten fortgesetzt werden.

 

 

Helga Biermann-Himmel, Dipl.-Psychologin, Münster:


„Chancen einer Verständigung von Betroffeneninitiativen und Jugendamt?“

 

 

Expose, Tagung „Kindeswohl – Dilemma und Praxis der Jugendämter„, Ev. Akademie Bad Boll, 4. bis 6. November 1996

1.)Die Verständigungschancen zwischen Jugendämtern und Betroffeneninitiativen im Bereich der Hilfen zur Erziehung sind auf den ersten Blick eher niedrig einzuschätzen:

  • Die individuelle Mitwirkung der Adressaten bei der Planung und Durchführung von Hilfen zur Erziehung ist aus Sicht vieler Jugendämter im KJHG (insbes. §§ 8, 36, 37 KJHG) -im Unterschied etwa zum früheren JWG- bereits hinreichend und umfassend geregelt.
  • Formen kollektiver Verständigung zwischen Behörde und Gruppen von Betroffenen sieht das Gesetz nicht vor, sie widersprechen auch dem bisherigen Selbstverständnis behördlichen und professionellen Handelns.
  • Mit Mitgliedschaft in den Betroffenengruppen ist meist Reaktion auf einen bereits misslungenen Beteiligungs- und Verständigungsprozess. Die Beteiligten werden ihn daher eher als Alternative zu diesem Prozess und nicht als Fortsetzung des Versuchs ansehen.

2.)Die Jugendämter könnten die Existenz von Betroffeneninitiativen jedoch im Hinblick auf die folgenden Funktionen akzeptieren, vielleicht sogar begrüssen:

  • Signalfunktion: Betroffeneninitiativen erinnern allgemein und im Einzelfall an die Asymmetrie der Machtbeziehungen im gemeinsamen Hilfeplanungsprozess (hoheitliche Funktionen und Definitionsmacht des Jugendamtes) und zeigen verlässlich Fehlschläge in der Betroffenenbeteiligung an, die mit den harmonisierenden Arrangements und meist nicht zutreffenden Freiwilligkeitsannahmen des KJHG häufig verschleiert werden. Das gilt auch da, wo sich das Jugendamt mit guten Gründen über die Interessen etwa von Eltern hinwegsetzt.
  • Fürsorgefunktion: Wenn Massnahmen der Jugendämter notwendigerweise Interessen beteiligter Dritter (Eltern, Grosseltern, andere Bezugspersonen von Kindern und Jugendlichen) vernachlässigen, so können in den Initiativen Verluste verarbeitet und beschädigte Selbstbilder wiederhergestellt werden, eine Aufgabe, zu der eigentlich die -mter selbst moralisch aufgerufen wären. Daher muss die Beratung Betroffener durch die Initiative in dieser Situation struktureller Benachteiligung als legitim gelten.
  • Als akzeptierte Institutionen der Konfliktaustragung wären die Betroffeneninitiativen an die Einhaltung allgemeiner Verhaltensregeln gebunden und wären so auch von dem gelegentlichen Verdacht befreit, ungesetzlich zu handeln (z.B. Verstecken von Kindern) oder sogar deviantes Verhalten von Mitgliedern zu decken. Dass die Initiativen darüber hinaus in der Hilfeplanung und -durchführung im Einzelfall positive Funktionen der Unterstützung, Ermutigung und Hilfe (z.B. durch Begleitung zu Gerichten oder Angebote der Bereitschaftspflege) haben können, kann für die Jugendämter nur von Vorteil sein.

3.)Voraussetzungen: Eine Verständigung über strukturelle Merkmale der Situation und objektive Handlungszwänge könnte Grundlage und Thema einer vorsichtigen Annäherung zwischen Jugendämtern und Betroffeneninitiativen sein.

  • Die Jugendämter müssten mit dem neu verordneten Selbstbild des Dienstleistungsbetriebes wirklich Ernst machen und die Betroffeneninitiativen als willkommene Gesprächspartner akzeptieren.

Die Betroffeneninitiativen sollten sich von unfruchtbaren personalisierenden Stereotypen des behördlichen Handelns (Beamtenwillkür und -trägheit, Befangenheit, Unfachlichkeit und andere persönliche Defekte der Fachkräfte beim Jugendamt) trennen zugunsten einer strukturellen Interpretation des Konfliktes. Im Zentrum dieser Analyse würde die Kategorie des Kindeswohls stehen müssen.

4.)“Kindeswohl“ als Konfliktquelle.
Als zentrale Leitvorstellung jugendamtlicher Entscheidungen kann das „Kindeswohl“ nicht in Frage gestellt werden. Es muss jedoch allen Beteiligten bewusst sein, dass der Begriff mangels eindeutiger Erfolgskriterien in der Pädagogik nach wie vor mit Unwägbarkeiten behaftet ist, die Interessenkonflikte nur befördern können:

  • Definitionsprobleme: Als abstrakte und damit auslegbare Kategorie reklamieren sowohl das Jugendamt als auch die Eltern, aber auch die pädagogischen Experten jeglicher Provenienz das „Kindeswohl“ im Konfliktfall mit plausiblen Argumenten für ihren Standpunkt.
  • Positionskämpfe: Die Mehrdeutigkeit des Konzeptes hat einen gelegentlich erbitterten Schulenstreit zur Folge, etwa im Pflegekinderwegen zwischen „Trennungs-“ und „Bindungstheoretikern“. Obwohl die Wissenschaft für die berufliche Praxis ja allenfalls Hypothesen liefern kann, klammern sich manche Fachkräfte, wohl aus verständlichem Sicherheitsbedürfnis, recht rigide an einen spezifischen Ansatz, dem sie ihre Praxis orthodox unterordnen („Wir arbeiten nach Nienstedt und Westermann…“).
  • Diagnoserisiken: Die behauptete Gefährdung des Kindeswohls kann -auch bei präziser und konsistenter Definition des Begriffs- in der Regel nicht unmittelbar beobachtet werden; fast immer muss ein Indizienbeweis geführt werden, der bisweilen Fehldiagnosen unvermeidlich macht. Genau so gross ist aber auch das Risiko, Gefährdungen zu übersehen und nicht rechtzeitig einzugreifen. Da dieser Vorwurf im öffentlichen Bewusstsein schwerer wiegt, neigen Jugendämter eher zum Intervenieren als zum Interventionsverzicht.


Ursula Münz, Flexible Erziehungshilfe für Mädchen (FEM), Waiblingen:

„Wieweit können Modelle der Erziehungshilfe (z.B. FEM) pädagogisch Widerstand gegen unheilvolle Entwicklungen Jugendlicher leisten?
Und wie könnte eine Wiederannäherung an das Elternhaus erreicht werden?“

Expose, Tagung „Kindeswohl – Dilemma und Praxis der Jugendämter„, Ev. Akademie Bad Boll, 4. bis 6. November 1996

Ehrlich gesagt könnten solche Modelle wie FEM keinen grossen Widerstand gegen unheilvolle Entwicklungen unserer Mädchen leisten. Beim Hilfeplangespräch im Jugendamt werden gemeinsam mit den Eltern des Mädchens unsere Ziele für unsere Arbeit definiert. Die Erfahrung hat gezeigt, dass es gut ist, die Ziele nicht zu weit bzw. zu hoch anzusiedeln. Aus diesem Grunde bin ich schon mit sehr kkleinen Fortschritten zufrieden, auch Rückschritte gehören immer wieder zur Entwicklung.

Ich habe etwas Probleme mit dem Wort Widerstände. Ich denke, dass wir in unserer pädagogischen Arbeit recht wenig mit Widerständen erreichen können. Je mehr Widerstand ich leiste, desto eindeutiger will das Mädchen dann z.B. den Freund, den Ausbeuter, die Droge usw.. Wenn ich das Mädchen erst akzeptiere, kann sie ihre Ambivalenz spüren, dass sie z.B. eigentlich doch nicht von ihrem Freund ausgebeutet werden will. Dann kann ich mit ihr arbeiten und Hilfestellungen geben, um gegen ihre unheilvollen Entwicklungen anzukommen. Hierbei kann ich Eckpfeiler setzen, Regelungen festlegen, z.B. eine Hausordnung für unsere Mädchenwohngruppe usw.. nach meiner Meinung kann ich so erreichen, dass das Mädchen selbst aus eigenem Interesse und aus eigener Kraft heraus ihr Leben in die Hand nehmen will und sich ändern möchte.

Es werden immer mehr Schicksalsschläge auf das Mädchen zukommen, die ich nicht alle abwehren werden. Ich lasse sie teilweise bewusst zu; denn nicht pädagogische Worte verändern, sondern vielmehr die Lebenserfahrung selbst. Ich meine damit nicht, dass ich den Schutz, den das Mädchen benötigt, nicht gewährleisten möchte. Ich sehe meine Aufgabe eher darin, wachsam zu sein, um aufzuspüren, was letztendlich wichtig ist für das Mädchen zu erleben. Welche Entwicklung ist unheilvoll, welche heilvoll für das Mädchen? Hier brauche ich viel Einfühlungsvermögen, um das zu erkennen. Ich werde ihren Weg begleiten. Dabei ist es mir wichtig, ihr zu mehr Bewusstheit zu verhelfen, ihr ihre Anteile am Konflikt oder an ihrer unerwünschten Lebenssituation immer wieder aufzuzeigen. Ich werde ihr auch Strukturangebote machen, Hilfeleistungen anbieten, um ihre Situation zu ändern. Doch ich werde ihr ihren Weg nicht vorgeben; denn sie geht den Weg, den sie gehen muss. Es ist manchmal eine Gratwanderung -doch-, der Weg ist das Ziel.

Diese Art von pädagogischer Intervension scheint mir sinnvoller, als mit Widerständen zu handeln, die Rebellion und wiederum Widerstände hervorrufen. Oft sind es die Eltern, die den Wunsch auf Widerstand äussern und sich dann verraten fühlen, wenn ihrem Wunsch nicht Folge geleistet wird. Es sind bestimmt auch Machtspiele, die sich hier einschleichen, z.B. wer schafft es besser, mit dem Mädchen fertig zu werden, usw.. Auch bei unserer Massnahme sind die Eltern die Leistungsempfänger, die Mädchen sind nur die Adressaten.

Es ist im Gesetz verankert, und mir ist es wichtig, mit den Eltern zusammenzusarbeiten. Hierbei ist es notwendig, ehrlich zu sein und alle Fakten, Pläne und Gedanken offen auf den Tisch zu legen. Dabei könnte nur eine äussere Instanz, die nichts mit dem Jugendamt zu tun hat, Hilfestellung leisten, z.B. ein Konfliktmediator, der ganz von aussen kommt.

 

 


Ursula Körber, TU Berlin:

 


„Forschungsprojekt über Verfahren zur Sicherung des Kindeswohls“

 

Expose, Tagung „Kindeswohl – Dilemma und Praxis der Jugendämter„, Ev. Akademie Bad Boll, 4. – 6. November 1996

Sehr geehrte Damen und Herren, im Institut für Sozialpädagogik der Technischen Universität Berlin wird unter Leitung von Prof. Dr. Johannes Münder ein Forschungsprojekt über die „formellen und informellen Verfahren zur Sicherung des Kindeswohls“ durchgeführt, das durch die Volkswagen-Stiftung gefördert wird.

Ausgangspunkt des Forschungsvorhabens ist die Tatsache, dass jährlich in der Bundesrepublik bei den Vormundschaftsgerichten etwa 9.000 Verfahren verhandelt werden, die sich inhaltlich auf das Kindeswohl im Sinne des § 1666 BGB beziehen. Diese Verfahren haben meist schwerwiegende Folgen für die betroffenen Eltern und Kinder, denn bei Problemen wie z.B. Misshandlung, Vernachlässigung oder sexuellem Missbrauch werden die Kinder -gegen den Willen der Eltern- ausserhäuslich untergebracht. Jugendamt und Vormundschafts-/Familiengericht sind von ihrem gesetzlichen Auftrag her wechselseitig verpflichtet, das Kindeswohl bei dessden Befährdung im familialen Konflikt zu sichern.

Unbestimmte Rechtsbegriffe im Familien- und Jugendhilferecht signalisieren, dass es bei der anwendung der Rechtsnormen bei vergleichbaren sozialen Sachverhalt eine erhebliche Spannbreite der Gestaltungsmöglichkeiten gibt. Wie diese Möglichkeiten genutzt werden und wie die Zusammenarbeit beider Institutionen faktisch aussieht, wurde bisher systematisch noch wenig untersucht und ist Gegenstand unseres Forschungsvorhabens.

Um die quantitative Dimension von Anzeigenverhalten der Jugendämter und die gerichtlichen Massnahmen nach § 1666 BGB zu erfassen, wurde die Jugendhilfestatistik der letzten Jahre ausgewertet und festgestellt, dass sowohl das Anzeigenverhalten der Jugendämter zum Entzug der elterlichen Sorge, wie auch die erfolgten Sorgerechtsentziehungen durch die Vormundschaftsgerichte innerhalb der einzelnen Bundesländer stark schwanken. Auffällig ist, dass die Anzahl der Anzeigen im Verhältnis zur Bevölkerung in den Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen in etwa doppelt so hoch ist wie der Bundesdurchschnitt. Auf der anderen Seite zeigen einzelne Bundesländer, die in ihrer Sozial- und Wirtschaftsstruktur ähnlich strukturiert sind, kein quantitativ einheitliches antragsverhalten. Ebenso schwankt die Anzahl der Sorgerechtsentzüge zwischen den einzelnen Bundesländern. So war z.B. in Baden-Württemberg mit 527 gerichtlichen Massnahmen bei 2.037.733 Minderjährigen im Jahre 1994 der niedrigste Wert mit 0,026 % zu verzeichnen, während der durchschnittliche Wert in der Bundesrepublik bei 0,049 % lag.

Im Mittelpunkt unserer Untersuchung steht nunmehr die Frage, in welchen Situationen, wann und in welcher Weise die sozialpädagogischen Fachkräfte der Jugendämter bei einer Kindeswohlgefährdung im familialen Kontext gem. § 1666 BGB Anträge gem. § 50 III SGBG VIII an die Vormundschaftsgerichte richten, um damit formelle Rechtsverfahren einzuleiten. Wichtig wird es sein, herauszuarbeiten, in welchen Intentionen, zu welchen Zeitpunkten welche Anträge die Jugendämter an die Vormundschaftsgerichte richten und welche Rolle die Jugendämter dabei wahrnehmen. Wir gehen davon aus, dass die Tätigkeit der sozialpädagogischen Dienste der Jugendämter durch das Spannungsfeld zwischen Elternrecht, Elternpflicht und dem staatlichen Wächteramt bestimmt wird, wie es durch das SGBG VIII (KJHG) normiert wurde. Die Arbeit der Jugendämter in diesem Bereich könnte deshalb gekennzeichnet werden als ständige Suche nach adäquaten Hilfs- und Unterstützungsangeboten für betroffene Familien ebenso wie durch die Sorge, ob das Wohl der betreffenden Kinder tatsächlich hinreichend gesichert ist. Wie diese Arbeit gelingt, hängt sicherlich sowohl von den zur Verfügung stehenden Ressourcen, dem Grad der Professionalität als auch von Grundwerten der handelnden Fachkräfte ab. Die Deskription und Analyse der Handlungsmuster der Jugendämter aber auch der Vormundschaftsgerichte soll Aufschluss über Sichtweisen, professionalität, Standards und Schwierigkeiten der beteiligten Akteure bei der Sicherung des Kindeswohls geben.

Im Rahmen der Vorarbeiten wurden in juristischen Fachzeitschriften veröffentlichte Gerichtsentscheidungen zu § 1666 BGB ausgewertet. Dabei wurde deutlich, dass die quantitativen Ergebnisse der Entscheidungsauswertung nicht mit der alltäglichen Realität der Jugendämter und Vormundschaftsgerichte übereinstimmen, denn wie eine explorative Untersuchung von JA-Akten zeigte, steht die klassische zivilrechtliche Kinderschutzkonstellation mit den Problemfeldern der Kindesmisshandlung, des sexuellen Missbrauchs, der Vernachlässigung und der Verwahrlosung im Zentrum der Aktivitäten der Jugendhilfe und der VormG, während die Ergebnisse der Entscheidungsauswertung über 50 % der Fälle Zuordnungskonflikte behandelten. Da die veröffentlichten Gerichtsentscheidung nicht unerheblich für die Weiterentwicklung der Rechtsdogmatik sind und insofern auch die Wahrnehmung der gesamten Kinderschutzproblematik beeinflussen, ist das durch die Veröffentlichungspraxis geprägte Bild über die quantitative Verteilung falsch und insofern zu korrigieren.

Kontaktadresse: Technische Universität Berlin, Institut für Sozialpädagogik, Sekr. 4-7, Franklinstrasse 28/29, 10587 Berlin, Tel. 030/314-73274 oder 314-22770

 

 


Ministerialrat Dr. Reinhard Wiesner, Bonn:

 


„Problemaufriss zum Thema „Kontrolle / Arbeit der Jugendämter“

 

Bonn, 02.11.1995 (Beitrag zur Tagung „Kindeswohl….“ in der Evang. Akademie Bad Boll, 4. bis 6. November 1996)

1.Anlass

In den letzten Jahren häufen sich Eingaben von einzelnen Bürgern, aber auch von Initiativen und Personengruppen, die über die Arbeit einzelner Jugendämter Klage führen. Solche Eingaben werden an Abgeordnete in Bund und Ländern, die Kinderkommission des Deutschen Bundestages sowie die Jugendressorts in Bund und Ländern gerichtet. Ein grojsser Teil der Eingaben geht auf die Initiative „Jugendamtsgeschädigte“ zurück, die offensichtlich mit anderen Initiativen in Verbindung steht.

Unter Bezugnahme auf konkrete Einzelfälle greifen die Eingaben regelmässig folgende Aktivitäten der Jugendämter auf:

  • Stellungnahmen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der
    Jugendämter
  • gegenüber den Vormundschaftsgerichten in Zusammen-
        hang mit Verfahren zur Einschränkung oder zum Entzug der
        elterlichen Sorge (§ 1666, 1666 a BGB)
  • gegenüber den Familiengerichten im Zusammenhang mit
        der Entscheidung über die elterliche Sorge nach Trennung
        und Scheidung (§§ 1670, 71 BGB)
  • Die Ausübung der Personensorge (ggfs. nur des Aufenthalts-
    bestimmungsrechts) durch das Jugendamt, wenn es durch
    das Vormundschaftsgericht (im Rahmen eines Verfahrens
    nach §§ 1666, 1666 a BGB) zum Vormund oder Pfleger be-
    stellt worden ist.
  • Die Begleitung von Pflegeverhältnissen durch das Jugendamt,
    insbesondere Beteiligung der Herkunftsfamilie und die Erarbei-
    tung eines gemeinsamen Konzepts mit der Herkunftsfamilie
    und der Pflegefamilie über den Verbleib des Kindes in der
    Pflegefamilie oder die baldige Rückkehr in die Herkunfts-
    familie. Die Schilderung der Einzelfälle lässt nicht erkennen,
  • ob und inwieweit die Kritik begründet ist, weil sich Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter des Jugendamtes im Einzelfall aus
    rechtlichen oder fachlichen Gesichtspunkten falsch verhalten haben,
    oder ob sie von Personen kommt, denen aufgrund von Initiativen des Jugendamts das Vormundschaftsgericht wegen
    sexuellen Missbrauchs / Kindesmisshandlung oder aus anderen Gründen die elterliche Sorge entzogen hat und sie sich deshalb „entrechtet“ fühlen.

Hinsichtlich der ersten Alternative ist zu prüfen, inwiefern die Tätigkeit von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Jugendämter besser qualifiziert werden kann und welche Möglichkeiten externer und interner Kontrolle angesichts der Besonderheit pädagogisch-therapeutischen Handelns denkbar sind.

Hinsichtlich der zweiten Alternative ist zu prüfen, ob und inwieweit die unterschiedlichen Funktionen und Aufgabenstellungen des Jugendamts besser nach aussen transparent gemacht werden können.

2.Das Spannungsverhältnis zwischen Hilfe und Kontrolle

Zwar liegt dem Kinder- und Jugendhilferecht nach seiner Neuordnung ein neues Verständnis von Jugendhilfe zugrunde: Der Schwerpunkt der Aufgaben hat präventiven, familienunterstützenden Charakter. Jugendhilfe begreift sich vor allem als soziale Dienstleistung, weniger als Instanz der Kontrolle und des Eingriffs in das Eltern-Kind-Verhältnis. Diesem Zweck dient die Differenzierung des Leistungsspektrums nach dem KJHG, das sowohl allgemeine Leistungen zur Förderung junger Menschen sowie zur Förderung der Erziehung in der Familie, die Förderung von Kindern in Tageseinrichtungen und in Tagespflege und schliesslich die Hilfe zur Erziehung sowie die Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche umfasst. In diesem Bereich liegt die Letztentscheidung über Inanspruchnahme, Auswahl und Beendigung von Hilfen immer bei den personensorgeberechtigten Eltern. Dies ergibt sich aus dem Primat der elterlichen Erziehungsverantwortung (Art. 6 Abs. 2 Satz 1 GG).

Auch eine offensive, präventive, familienunterstützend angelegte Jugendhilfe kann jedoch aus ihrer Aufgabe, das Kind oder den Jugendlichen vor Gefahren für sein Wohl zu schützen, nicht entlassen werden. Diese Aufgabe ergibt sich bereits aus dem Grundgesetz und begrenzt im Interesse des Kindes die elterliche Erziehungsverantwortung (sog. staatliches Wächteramt – Art. 6 Abs. 2 Satz 2 GG). Die Ausübung des staatlichen Wächteramts kann zur Abwehr von Gefahren für das Kindeswohl im Einzelfall auch Eingriffe in die elterliche Sorge notwendig machen. Dies bedeutet, dass Jugendhilfe auch nach dem Perspektivenwechsel die doppelte Aufgaben von Hilfe und Kontrolle hat, wenngleich sich das Schwergewicht deutlich hin zur Beratung Hilfe und Unterstützung verlagert hat.

Der Schutz des Kindes kann zum Konflikt mit den Eltern führen. Dies gilt auch in solchen Fällen, in denen die Eltern selbst mehr oder weniger freiwillig Hilfe des Jugendamts in Anspruch nehmen. Das Jugendamt mag andere Massnahmen für sinnvoll und geboten erachten als die Eltern. In vielen Fällen wird es zu einer einvernehmlichen Lösung zwischen Jugendamt und Eltern über die Art und Weise der notwendigen Hilfe kommen, weil den Eltern signalisiert wird, dass ihre Weigerung ggfs. die Einschaltung des Vormundschaftsgerichts und damit eine Einschränkung ihrer elterlichen Sorge und die Wegnahme des Kindes oder Jugendlichen gegen ihren Willen zur Folge hat. Hier bedarf es der besonderen Überzeugungskraft von seiten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jugendamts. Es kann aber nicht ausgeschlossen werden, dass sich Eltern unter Druck gesetzt fühlen und die „einvernehmlich“ getroffenen Entscheidungen innerlich nicht mittragen.

Noch brisanter erscheint die Situation, bei der dem Jugendamt Tatsachen bekannt sind, die die Annahme rrechtfertigen, dass die Eltern bzw. ein Elternteil nicht willens oder in der Lage sind, das Wohl des Kindes sicherzustellen – sei es, dass sie/er sich passiv gegenüber schädigenden Einflüssen Dritter verhält, sei es, dass sie/er selbst aktiv eine solche Gefährdung herbeiführt. Zu denken ist hier etwa an den Verdacht des sexuellen Missbrauchs, der Kindesmisshandlung oder sonstigen Vernachlässigung von Kindern und Jugendlichen durch die Eltern. Hier stehen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor mehreren komplexen und schwierigen Fragestellungen:

  • Einerseits den Verdacht zu erhärten oder zu entkräften
  • andererseits: einzuschätzen, ob die Gefahr durch pädagogische und/oder therapeutische Hilfe abgewendet werden kann oder es gerichtlicher Massnahmen (Eingriffe in das elterliche Sorgerecht, Strafanzeige gegenüber dem Missbrauch etc.) bedarf. Erschwert wird die Arbeit auch dadurch, dass diese Fälle sehr schnell öffentlich bekannt werden und – je nach der Tendenz der Diskussion oder der Verteilung der Sympathie – dem Jugendamt der Vorwurf gemacht wird, es greife zu früh oder zu spät ein.


3.Die Aufgabe des Jugendamts bei der Mitwirkung im

gerichtlichen Verfahren
Das Jugendamt ist in allen Verfahren, die die Person des Kindes betreffen, vomVormundschaftsgericht bzw. dem Familiengericht zu hören (§§ 49, 49 a FGG). Im Vordergrund stehen dabei folgende Fälle:

  • Anhörung vor der Regelung der elterlichen Sorge nach Trennung und Scheidung der Eltern (§ 1671, 1672 BGB)
  • Anhörung vor dem (teilweisen) Entzug des elterlichen Sorgerechts (§§ 1666, 1666 a BGB).
      a.)Anhörung vor der Regelung der elterlichen Sorge nach Trennung und Scheidung.

 

      Nach der noch immer herrschenden Praxis erwarten die Familienrichter nicht nur in den Fällen eine Stellungnahme des Jugendamts, in denen ein Elternteil deshalb für die Übernahme der elterlichen Sorge ungeeignet ist, weil er das Wohl des Kindes gefährdet. Sie erhoffen sich vielmehr auch in den Fällen, in denen bei keinem der beiden Elternteile eine solche Gefahr besteht, Hinweise und Vorschläge von seiten des Jugendamts, welcher Elternteil für die Wahrnehmung der elterlichen Sorge nach Trennung und Scheidung besser geeignet sei, um eine möglichst „optimale“ Entscheidung zu treffen. Dieser Auftrag wird aus § 1671 Abs. 2 BGB hergeleitet: „Das Gericht trifft die Regelung, die dem Wohl des Kindes am besten entspricht; hierbei sind die Bindungen des Kindes, insbesondere an seine Eltern und Geschwister, zu berücksichtigen /§ 1671 Abs. 2 BGB).
      Jede wertende Stellungnahme des Jugendamts zugunsten des einen Ehepartners disqualifiziert jedoch zugleich den anderen, auch wenn dies nicht ausdrücklich ausgesprochen wird. Entscheidet später der Richter in dieser Weise, so wird seine Entscheidung auf das Jugendamt zurückgeführt, obwohl es nur eine Stellungnahme im Verfahren abzugeben hat und der Richter sowohl die Eltern wie auch das über 14-jährige Kind persönlich zu hören sowie in der Sache selbst von Amts wegen zu ermitteln hat.
      b.)Anhörung vor dem teilweisen Entzug des elterlichen Sorgerechts (§§ 1666, 1666 a BGB).

 

      Anders als im Verfahren über die Regelung der elterlichen Sorge nach Trennung und Scheidung, wo im Regelfall einer bzw. beide Elternteile die elterliche Sorge behalten, steht am Ende eines Verfahrens nach § 1666 BGB (notwendige Massnahme bei der Gefährdung des Kindeswohls) eine Entscheidung des Vormundschaftsgerichts, die den Eltern bzw. dem Elternteil die elterliche Sorge ganz oder teilweise entzieht und sie insofern auf dritte Personen, einen Vormund oder Pfleger, überträgt. Nach der Vorstellung des Gesetzgebers des BGB sollten Vormund oder Pfleger in erster Linie natürliche Personen sein. Diese Einzelperson sollte dann -je nach dem Umfang der Sorgerechtsübertrag- für den Aufenthalt und die Erziehung des Kindes Verantwortung tragen. In der Praxis wird jedoch -mangels geeigneter Einzelpersonen- fast immer das Jugendamt zum Vormund oder Pfleger bestellt. In einem solchen Geschehen wird das Jugendamt gegenüber der Familie in folgenden drei verschiedenen Funktionen tätig:
  • anfangs versucht es ggfs. durch helfende, familienunterstützende Massnahmen im Einverständnis mit den Eltern den erzieherischen Bedarf zu decken (§ 27 ff SGB VIII),
  • bleiben diese erfolglos oder sind die Eltern damit nicht einverstanden, so sieht sich das Jugendamt gezwungen, eine Entscheidung des Vormundschaftsgericht über den Entzug der elterlichen Sorge herbeizuführen (§ 50 Abs. 3 SGB VIII),
  • das Vormundschaftsgericht entzieht den Eltern bzw. einem Elternteil die elterliche Sorge und überträgt dem Jugendamt die den Eltern entzogenen Aufgaben als Vormund oder Pfleger.

Da in dieser Konstellation nicht mehr Eltern und Jugendamt als Träger sozialer Leistungen gegenüberstehen, sondern das Jugendamt sowohl die Funktion des Personensorgeberechtigten als auch die Funktion der Sozialleistungsbehörde in sich vereinigt, besteht die grosse Gefahr, dass diese unterschiedlichen Funktionen auch organisatorisch und personell nicht voneinander getrennt werden und faktisch die kontrollierende) Rolle der Eltern ausfällt. Nicht mehr vorgeberechtigte Eltern stehen einem „allmächtigen“ Jugendamt gegenüber, das -für diese Eltern nicht unterscheidbar- einmal als Sorgerechtsberechtigter, ein anderes Mal als Sozialleistungsbehörde agiert.

4.Die spezifische Rolle des Jugendamts bei der Begleitung
von Pflegeverhältnissen
Zwar ist das Rechtsinstitut der Pflegekindschaft -anders als die Adoption- von seiner Zielrichtung her „auf Zeit“ angelegt. Die ursprüngliche Zielsetzung muss jedoch auch zum Zeitpunkt der beabsichtigten Beendigung des Pflegeverhältnisses mit dem Wohl des Kindes vereinbar sein. Wenn das Kind sich in der neuen Familie einlebt und die Kontakte zu den Eltern sich verflüchtigen, kann es dahin kommen, dass das elterliche Sorgerecht substanzlos wird, und eine neue soziale Elternschaft der Pflegefamilie entsteht. So schützt § 1632 Abs. 4 BGB ein neues Eltern-Kind-Verhältnis zwischen Pflegefamilie und Pflegekind gegenüber dem Herausgabeverlangen der leiblichen Eltern – und zwar unabhängig vom Anlass für die Inpflegegabe.

Die Unterbringung des Kindes oder Jugendlichen in einer Pflegefamilie oder in einem Heim führt -je nach Dauer des Aufenthalts und der Intensität der Kontakte zu seinen Eltern sowie dem Alter des Kindes- zu einer Trennung des Kindes zu seiner bisherigen Lebenswelt. Der Entfremdungsprozess kann nur bis zu einem bestimmten Zeitpunkt aufgehalten werden. Ab dann wirkt sich die Rückkehr in die Herkunftsfamilie nicht mehr als Heimkehr, sondern als (erneute) Trennung einer nunmehr zu den Pflegeeltern hergestellten Eltern-Kind-Bindung. Umgewöhnungsversuche nach dem Zeitpunkt werden aus kinderpsychologischer Sicht kritisch betrachtet.

Nach der Konzeption der Pflegekindschaft des KJHG steht die Rückkehroption des Kindes in die Herkunftsfamilie im Vordergrund. Sie setzt allerdings voraus, dass die Erziehungsbedingungen in der Herkunftsfamilie „innerhalb eines im Hinblick auf die Entwicklung des Kindes oder Jugendlichen vertretbaren Zeitraums“ soweit verbessert werden, dass sie das Kind oder den Jugendlichen wieder selbst erziehen kann. Erscheint dies nicht erreichbar, so wird das Jugendamt verpflichtet, mit allen Beteiligten (Herkunftsfamilie, Pflegefamilie) ein Konzept zu erarbeiten, das den Verbleib des Kindes oder Jugendlichen in der Pflegefamilie auf Dauer absichert (§§ 33, 37).

Den Fachkräften des Jugendamts obliegt hierbei eine verantwortungsvolle Aufgabe. Soll die Pflegekindschaft sich nicht zu einem Rechtsinstitut verfestigen, das mit der Weggabe des Kindes regelmässig und automatisch zu dessen Verbleib in der Pflegefamilie führt, so kommt dem Jugendamt unbeschadet der sorgerechtlichen Verantwortung der Eltern eine wichtige staltende Funktion zu. Die Herstellung oder Wiederherstellung positiver Rahmenbedingungen in der Herkunftsfamilie hängt nicht allein vom Verhalten der Eltern, sondern in entscheidender Weise von der Haltung des Jugendamts zur Rückführung von Kindern („Philosophie“), aber auch von der Art der Hilfestellung im Einzelfall ab. Da es für das Jugendamt viel aufwendiger und belastender ist, die Herkunftseltern bei der Verbesserung ihrer Gesamtsituation und bei der Pflege beständiger Kontakte zu ihrem Kind ausreichend zu unterstützen, als die Herkunftsfamilie „ihrem Schicksal“ zu überlassen und Kontakte zum Kind zu erschweren, wird befürchtet, dass viele Jugendämter gewollt oder ungewollt die Voraussetzungen für den dauernden Verbleib des Kindes in der Pflegefamilie schaffen.

Ein solches Verhalten wird zudem durch die aktuelle Haushaltssituation bei den kommunalen Gebietskörperschaften begünstigt. Die sozialen Dienste sind nicht ausreichend mit Fachkräften ausgestattet, um sich mit der notwendigen Intensität um den Einzelfall zu kümmern. So kommt es offensichtlich in vielen Fällen nicht zu der vom Gesetz gewollten vertrauensvollen Zusammenarbeit mit der Herkunftsfamilie und der Erarbeitung eines gemeinsamen Konzepts über die Ausgestaltung des Pflegeverhältnisses. Die Herkunftsfamilie fühlt sich vielfach vom Jugendamt allein gelassen, im Extremfall sogar hintergangen, weil sie den Eindruck gewinnt, dass die Fachkräfte nur mit der pflegefamile kooperieren. In Einzelfällen masst sich das Jugendamt sogar die Befugnis an, bindende Besuchsregelungen zu treffen oder Kontakte zwischen Eltern und Kind ganz zu unterbingen. Dies ist jedoch Aufgabe des Vormundschaftsgerichts, wenn es zu keiner einvernehmlichen Lösung unter den Beteiligten kommt.

Aufsicht über die Tätigkeit des Jugendamts
Die unterschiedlichen Funktionen des Jugendamts, nämlich als Sozialleistungsbehörde einerseits sowie als Personensorgeberechtiger (Vormund, Pfleger andererseits) haben auch Auswirkungen auf die Aufsicht:

  • Die Aufgaben der Jugendhilfe werden als Gegenstand der kommunalen Selbstverwaltung ausgeführt. Dies gilt in jedem Fall für die Aufgaben der örtlichen Träger der Jugendhilfe (Kreis, kreisfreie Stadt, kreisangehörige Gemeinde mit eigenem Jugendamt).

Die Entscheidung, ob eine Aufgabe als staatliche Aufgabe bzw. als Aufgabe kommunaler Selbstverwaltung auszuführen ist, obliegt nicht dem Bund, sondern den Ländern. Die Jugendhilfe gehört zu den klassischen Aufgaben kommunaler Selbstverwaltung. Dies wird in den Landesausführungsgesetzen zum SGB VIII ausdrücklich geregelt oder stillschweigend vorausgesetzt.

Die Charakterisierung der Aufgabe als Aufgabe kommunaler Selbstverwaltung hat keine Auswirkungen im Hinblick auf das Rechtsverhältnis zwischen kommunaler Gebietskörperschaft und Bürger, wohl aber auf die Art der staatlichen Aufsicht. Die kommunalen Gebietskörperschaften nehmen ihre Selbstverwaltungsangelegenheiten bzw. weisungsfreien Aufgaben eigenverantwortlich vor, sind aber an das Gesetz gebunden. Die Einhaltung dieser Gesetzesbindung wird durch die staatliche Aufsicht überwacht und erforderlichenfalls durchgesetzt. Sie beschränkt sich folgerichtig auf eine Rechtsmässigkeitskontrolle. Welche Behörde die Aufgaben der Rechtsaufsicht in den einzelnen Längern wahrnimmt, wird im Kommunalverfassungsrecht der Länger (Gemeindeordnung, Kreisordnung) geregelt. Im allgemeinen sind die die Bezirksregierungen/Regierungspräsidenten. Als Behörden der allgemeinen inneren Verwaltung sind sie mit den spezifischen Aufgaben der Jugendhilfe wenig vertraut. Aufsichtsmassnahmen werden daher eher zurückhaltend erfolgen.

Eine Fachaufsicht, die sich nicht nur auf die Rechtmässigkeit, sondern auch auf die Zweckmässigkeit des Verwaltungshandeln erstreckt, steht dem Staat im Hinblick auf die Aufgaben der örtlichen Träger der Jugendhilfe nicht zu. Sie könnte erst recht nicht durch Bundesrecht eingeführt werden, da sie voraussetzt, dass die Aufgaben der Jugendhilfe als staatliche Aufgaben (mit staatlicher Finanzierung) ausgeführt werden – was wiederum von den Ländern zu entscheiden ist.

  • Soweit das Jugendamt als Vormund oder Pfleger tätig wird, unterliegt es wie der Einzelvormund oder Einzelpfleger der Aufsicht des Vormundschaftsgerichts (§ 1837 BGB). „Das Vormundschaftsgericht hat über die gesamte Tätigkeit des Vormund und des Gegenvormunds die Aufsicht zu führen und gegen Pflichtwidrigkeiten durch geeignete Gebote und Verbote einzuschreiten“ (§ 1837 Abs, 2 BGB). Die Eingriffbefugnisse des Vormundschaftsgerichts auf die Weisungsgebundenheit des Beamten/Angestellten im Jugendamt gegenüber dem Amtsleiter.

Die Mittel der Aufsicht des Vormundschaftsgerichts sind allerdings eng beschränkt. Insbesondere kann es zur Befolgung seiner Anordnungen das Jugendamt nicht durch die Festsetzung von Zwangsgeld anhalten. Im Hinblick auf die starke Arbeitsbelastung der Vormundschaftsgerichte ist davon auszugehen, dass es zu entsprechenden Ge- und Verboten im Sinne von § 1837 Abs. 2 BGB gegenüber dem Jugendamt in der Praxis nicht kommt.

6.Besonderheiten pädagogischer Entscheidungen

Unabhängig von der Aufsicht sind die Möglichkeiten der Kontrolle des Jugendamts bzw. der Tätigkeit seiner Fachkräfte eingeschränkt aufgrund der Besonderheiten pädagogischen Handelns.

Das berufliche Handeln sozialpädagogischer Fachkräfte in der Kinder- und Jugendhilfe ist -wie bereits skizziert- in besonderer Weise geprägt als eine dauerhafte und differenzierte Abwägung im Einzelfall zwischen

  • einer Unterstützung der Eltern bei ihren Aufgaben der Erziehung, Versorgung und Pflege ihrer Kinder, insbesondere durch geeignete Massnahmen der Entlastung, Beratung und Hilfe einerseits, sowie andererseits
  • dem Schutz von Kindern vor Gefahren für ihr Wohl, insbesondere vor Gefahren für ihre körperliche, geistige, psychische und soziale Entwicklung, der im Einzelfall im Interesse des Kindes auch eine gerichtliche Durchsetzung von Schutzrechten gegen die Eltern verlangt.

Eine wesentliche Aufgabe sozialpädagogischer Fachkräfte in der Kinder- und Jugendhilfe besteht darin, komplexe Sachverhalte wie

  • die Bedeutung materieller Lebensumstände
  • die Tragfähigkeit familiärer Beziehungen
  • die Veränderungs- und Lernbereitschaft von Eltern und
  • die Belastungsfähigkeit von Kindern

wahrzunehmen, zu verstehen und daraufhin zu deuten, mit welchen Angeboten und ggfls. Interventionen Entwicklung und Förderung ermöglicht und dadurch Schaden abgewendet wird. Ihre Beurteilungen und Entscheidungen dienen also nicht nur dem Verständnis und der Bewertung eines bereits eingetretenen Ereignisses, sondern vor allem der Prognose zukünftiger Entwicklungen. Dabei haben sie den Eigensinn und die Kompetenzen von Eltern und Kindern ebenso zu berücksichtigen wie die begrenzten Hilfemöglichkeiten sozialpädagogischer Einrichtungen und Dienste, die ihnen real zur Verfügung stehen.

Solche sozialpädagogischen Entscheidungen sind deshalb immer prozesshaft, personenbezogen und nur schwer objektivierbar:

  • Es gibt keine eindeutige Zuordnung von Ursache und Wirkung, sondern immer mehrdeutige „Verhältnisse“ und
  • ebensowenig eine eindeutige Zuordnung von Problemen und Lösungen, vielmehr immer Versuche mit hoher Irrtumswahrscheinlichkeit
  • keine starren Muster also, sondern ständige Vergewisserung, Reflexion und ggfls. Neubewertung.

Sozialpädagogische Entscheidungs- und Hilfeprozesse gehen fliessend ineinander über, bedingen sich gegenseitig. Dies bedeutet, dass isolierte Diagnoseinstanzen, die nur feststellen wollen, wie ein Sachverhalt zu beurteilen ist, ohne gleichzeitig bereits eine -nderung -zum Besseren oder Schlechteren- zu bewirken, für sozialpädagogische Untersuchungs- und Entscheidungsprobleme nicht vorstellbar sind.

Um die notwendige Darstellung, Reflexion und Überprüfung fachlicher Entscheidungen gewährleisten zu können, sind vielmehr verbindliche Formen kollegialer Beratung intern im Jugendamt, aber auch durch Heranziehung externer Fachkräfte erforderlich. Hier haben fachliche Absicherung und persönliche Vergewisserung ihren Platz, hier können die verfügbaren Fakten und Informationen gesichtet, geprüft und bewertet, sowie die notwendig subjektiven Einschätzungen und Entscheidungen beraten, ergänzt und ggfls. korrigiert werden. Hierbei wird durch die Intersubjektivität „die einzige mögliche“ Objektivierung von Entscheidungen und Prognosen -soweit im Einzelfall leistbar- hergestellt.

7.Konsequenzen für die Kontrolle pädagogischer

Entscheidungen
Dies bedeutet für die Möglichkeiten und den Umfang einer Kontrolle solcher Entscheidungen: Soweit Aufsichtsbehörden und Gerichte zur Kontrolle des Handelns der Jugendämter angerufen werden, ist zunächst festzustellen, ob und inweiweit die Massnahme den Betroffenen in seinen Rechten verletzt.

Stellungnahmen des Jugendamts gegenüber den Vormundschafts- oder Familiengerichten sind einer verwaltungsgerichtlichen kontrolle nicht zugänglich, da sie selbst keinerlei Aussenwirkung entfalten, sondern lediglich der Meinungsbildung des Gerichts dienen und die Entscheidung ggfls. vorbereiten. Strafrechtliche Massnahmen gegen das Jugendamt (wegen ehrverletzender Behauptungen etc.) sind damit nicht ausgeschlossen.

Aber auch Entscheidungen des Jugendamtes über die Gewährung oder Versagung einer Leistung sind einer gerichtlichen Kontrolle nur beschränkt zugänglich. So können Gerichte (ggfls. unter Zuhilfenahme von Sachverständigen) feststellen, ob die Leistungsvoraussetzungen gegeben sind, nicht aber ob eine begehrte Hilfe im Einzelfall auch geeignet und notwendig ist, weil dies nur im Zusammenwirken zwischen Fachkraft und Hilfesuchenden festgestellt werden kann. Ist eine diesbezügliche Entscheidung des Jugendamtes für das Gericht nicht nachvollziehbar, so kann es die Entscheidung des Jugendamts lediglich aufheben und sie erneut an das Jugendamt zurück verweisen.

Die zu lösende Frage: Welche Hilfe ist die richtige, ist kein Experten-Diagnoseauftrag, sondern die Antwort auf das Ergebnis eines Verständigungsprozesses, der sich an den subjektiven Einschätzungen und Einsichten der beteiligten Kinder, Erwachsenen und Fachkräfte ebenso orientiert wie an ihren individuellen Potentialen und Ressourcen. Notwendig ist ein Verständigungs- und Aushandlungsprozess darüber, was von der unterstützung und Hilfe erhofft und was durch Eingriff und Kontrolle befürchtet, was von den Fachkräften für „notwendig und geeignet“ gehalten sowie darüber, was praktisch realisierbar und durchsetzbar ist. Es gibt keinen objektiven Massstab für die richtige Hilfe. Umso bedeutsamer ist die Einhaltung der Verfahrensregelungen, die das KJHG z.B. bei der Hilfeplanung (§ 36) vorschreibt.

Aus diesen Gründen scheidet grundsätzlich auch eine Kontrolle sozialpädagogischer Entscheidungen und ggfls. ihre Ersetzung durch Vorgesetzte aus.

Prüfungsbedürftig erscheint jedoch insbesondere die Rollenkonfusion innerhalb des Jugendamtes bei gleichzeitiger Tätigkeit als Amtspfleger/Amtsvormund und als Sozialleistungsbehörde. Die unterschiedlichen Aufgaben müssen durch eine organisatorische und personelle Trennung stärker verdeutlicht werden. Ggfls. ist zu prüfen, ob die Aufgaben des Vormunds oder pflegers (als eine Art Anwalt des Kindes) nicht aus der Behörde Jugendamt herausverlagert werden sollten und einer eigenen Instanz übertragen werden sollten.

Im übrigen ist nach anderen Wegen zu suchen, um die Arbeit in den Jugendämtern zu verbessern. Dazu zählen insbesondere

  • Qualifizierung der Hilfeplanung im Einzelfall (§ 36 SGB VIII).
  • Ausreichende Ausstattung der Jugendämter mit Fachkräften, die sich der Komplexität des Einzelfalls widmen können sowie Verringerung der Fallzahlen für Amtsvormünder oder Amtspfleger; diese Bediensteten haben in der Praxis nicht selten 100 und mehr „Mündel“ zu betreuen, von einer persönlichen Betreuung kann unter diesen Umständen nicht die Rede sein.
  • Kontinuierliche Fortbildung der Fachkräfte.
  • Verbesserung der Ausbildungsgänge für sozialpädagogische Berufe.

 

 
Kurze Übersicht über die zuletzt erschienenen Ausgaben
 
1/96Dorfweil `95 „Fundamentaler Konsens“ zw. Evangelikalen und Ökumenikern über Mission40 S.6,– DM
2/96″Feminismus – ein auslaufmodell?“ Gabriele Frohnhaus u.a. vor dem Dt. Ev. Frauenbund50 S.7,– DM
2a/96Mies / Schües: Protest gegen eine interessenbestimmte Bioethik der Zukunftsindustrie10 S.2,– DM
3/96Akten der VELKD und der VELK in der DDR zu Staat und Kirche in der DDR (Prof. Amberg)68 S.9,– DM
4/96Akten der EKD-BEK-Konsultationen: Wie es zur Loccumer Erklärung kam ….. Buchauszüge32 S.6,– DM
5/96Lohngefälle mitten in Europa: Betriebe und Arbeitsmarkt bei Deutschen und Tschechen67 S.9,– DM
5a/96Kirche der Böhmischen Brüder zur Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei8 S.2,– DM
6/9640 Jahre nach „Espelkamp“: Rückblick auf die erste EKD-Synode zum Thema Arbeitswelt44 S.7,– DM
7/96Pfeier: Verantwortungsvoller Journalismus / Schrader: Werben auf Teufel komm` raus?20 S.3,– DM
7a/96Werner Remmer, Bischof Homeyer: Zur Diskussion um den Zölibat, zwei kath. Positionen12 S.3,– DM
8/96″Asiatische Werte“ statt Menschenrechte? W. Heinz: Gibt es ein asiat. Entwicklungsmodell?40 S.6,– DM
8a/96Kirche – Staat: R. Herzog zu christl. Werten, P. Glotz für theol. Fakultäten an Universitäten8 S.2,– DM
9/96Zweimal deutsch-deutsch: Schülertreffen in Görlitz; Vortrag über Pfr. Windschild, Köthen24 S.5,– DM
10/96Wirtschafts- und Sozialpapier (5). „Berliner Konsultation“; Texte v. Diak. Werk, KDA76 S.9,50 DM
11/96Wirtschafts- und Sozialpapier (6), Stellungnahmen von Bundestagsparteien, Frauenarbeit60 S.8,– DM
12/96Die wichtigsten Texte von den Eislebener Luther-Gedenkfeiern39 S.6,– DM
12a/96Kurden in Deutschland: Die Bad Boller Vereinigung vom 17.02.1996, ergänzende Texte8 S.2,– DM
13/96Mit Spannungen leben, Orientierungshilfe der EKD zu „Honosexualität und Kirche“36 S.6,– DM
14/96Bundesregierung und EKD einig über Militärseelsorge in den neuen Ländern28 S.5,– DM
15/96Sonderfonds des ÖRK-antirassismus-Programms, Rück- und Ausblick nach 25 Jahren44 S.7,– DM
15a/96Rückblick auf das Plädoyer des Rates der EKD von 1955 für die Einheitsgewerkschaft12 S.3,– DM
16/96Namibia: Streit um frühere SWAPO-Gefangene; Staatspräsident attackiert Pastor Groth36 S.6,– DM
17/96Europ. Ökumen. Kommission: Wirtschaftsmodell – nachhaltige Entwicklung, krit. Bericht76 S.9,50 DM
18/96Rat der EKD – Evang. Frauenarbeit. Texte zu einer Begegnung20 S.3,– DM
18a/96Bundespräsident Herzog zu Lehren und Erfahrungen aus der SED-Diktatur7 S.2,– DM
19/96Religionskunde statt Religionsunterricht? Einige Stimmen zum LER-Streit im Bundestag etc.48 S.7,– DM
20/96Über Angebote in Deutschland für Folteropfer etc.: Hilfen für Opfer von Gewalt40 S.6,– DM
20a/96EKD u. kath. Bischofskonferenz: Gemeinsames Wort zum Thema „Sterben“8 S.2,– DM
21/96Friedrich Winter: Havemanns Beerdigung aus kirchl. Sicht (incl. Rede Pfr. J. Meinels24 S.6,– DM
21a/96Bewahrung kirchl. Baudenkmäler in den neuen Bundesländern, ev.-kath. Tagung in Dresden24 S.6,– DM
22/96Kirchen und Europäische Union, Gedanken über die künftige Gestaltung der Beziehungen52 S.9,– DM
23/96Wohlfahrtsverb. u. Kirchen beim DGB „Sozialgipfel“, Reden, Text der Sozialstaatscharta32 S.7,– DM
24/96Wirtschafts- und Sozialpapier (7). War der Weg das Ziel? Versuch einer Bilanz in Friedewald30 S.6,– DM
25/96Leben empfangen und Leben planen. Landeskirchl. Studie aus Kassel zu § 218 etc.68 S.9,50 DM
26/96Finanzkrise d. Kirchen: Beschäftigungssicherung trotz Abbau? Tagung d. Kirche i. Rheinland68 S.9,50 DM
26a/96Zum Papstbesuch (1): Interv. mit Bischof Lehmann; Frieling: „mit nicht unter dem Papst“16 S.4,– DM
27/96Wer den Frieden will…“ Tagungsbeiträge zum Thema internationale Konfliktregelung32 S.7,– DM
28/96″Erfurt 96″; Botschaft und einige AG-Berichte, Vorträge Wanke, Hertzsch. C.F. v. Weizs.36 S.7,– DM
29/96Was eint, was trennt Juden und Christen? Ein poln. Weihbischof, ein orth. Rabbiner u. andere36 S.7,– DM
30/96Materialien v. Papstbesuch in Deutschland (2). Einige Texte zum Stichwort Ökumene24 S.6,– DM
30a/96Jürgen Schmude: Referat zum Thema „Protestantismus und Demokratie8 S.2,– DM
31/96Kirchenasyl. Texte zur aktuellen Lage von einer Tagung der Arbeitsgemeinschaft: Asyl in der Kirche60 S.9,– DM
32/96G. Neuscheler: Menschenrechte in Kolumbien. Eine Studie für das DW und Brot für die Welt28 S.6,– DM
33/96Europäische Frauensynode; Resolution und Texte der Hauptvorträge in Gmünden49 S.8,– DM
34/96Eine Auswahl von Texten zum Verhältnis Okumene – Osteuropa von 198959 S.9,– DM
35/96Zum Streit um Goldhagen und sein Buch: opöd-Interview mit Pinchas und Ruth Lapide17 S.4,– DM
36/96Steffen Heitmann: Christenglaube u. Obrigkeit: Kress, Mendt, Grande zu Kirche in Sachsen24 S.6,– DM
37/96Wirtschafts- und Sozialpapier (8), Strohm, Krupp: Reform u. Konsolidierung d. Sozialstaats29 S.6,– DM
38/96Kirchen – Öffentlichkeitsarbeit. Beiträge: P. Philipp (Daimler-Benz), McKinsey, P. Steinacker40 S.7,– DM
38a/96Bericht des IKD-Beauftragten Neukamm: Spätaussiedler – ein Gewinn für unsere Kirchen9 S.2,– DM
39/96Solidarität – Gerchtigkeit – Marktwirtschaft. akt. Beiträge: Neukamm, Huber, Kath. Kongress24 S.6,– DM
40/96Wirtschafts- und Sozialpapier (9), Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen28 S.6,– DM
41/96Europ. Theologenkongress. Sontheimer: Recht – Macht – Gerechtigkeit; Barth: Kirchenasyl20 S.4,– DM
42/96Sexuelle Kinderausbeutung. Bericht, Aufruf, Aktionsplan des Stockholmer Weltkongresses37 S.7,– DM
43/96Zum MR-Sozialpakt „Menschenrechte gegen Armut“ Texte einer Tagung der AG KED64 S.9,50 DM
44/96Reinhard Frieling. Evang. Bund: Ethik und Ökumene. Ökumenischer Lagebericht 199620 S.4,– DM
45/96Oromo-Flüchtlinge aus -thiopien in Djibouti: Bericht und Interviews von P. Niggli u.a.57 S.9,– DM
46/96Nordelb. Synode berät – Zukunft der Kirche. Vorlage, Reden, Entwurf für Grundlagenpapier40 S.7,– DM
46a/96evangelisch aus gutem Grund – R. Wischnath attackiert bestehende Kirchenstrukturen20 S.4,– DM
47/96EKD-Synode `96 (1) Berichte der drei Werke EMW (Auszüge), DW (Auszüge). GEP67 S.9,50 DM
48/96EKD-Synode `96 (2): Ratsbericht 1996: Bericht über die Synodenbeschlüsse von 199532 S.7,– DM
48a/96Kirchliches Rundfunkengagement: Texte des Privatfukforums „Mandat oder Markt?“28 S.5,– DM
49/96EKD-Synode `96 (3): Umstrittene „Theologische Frauenforschung“, Gericht, ergänz. Texte44 S.8,– DM
49a/96EKD-Synode `96 (4): Wicht. Beschlüsse u.a. zu Tschechen – Deutsche – und Militärseelsorge20 S.4,– DM
50a/96EKD-Synode `96 (5): Div. Texte; u.a. Grussworte, EKD-Etat 97, Kirchen im südl. Afrika67 S.9,50 DM
50a/96EKD-Synode `96 (6): Bericht „Zukunft christl. Friedensdienste“, Synodenbeschluss dazu28 S.5,– DM
52/96Nächstenliebe auf dem Markt? – Zum Wettbewerb unter Anbietern sozialer Leistungen56 S.9,– DM
52a/96Finanzref. Kriszeleit: Finanziell schwierige Zeit als Chance für die Kirchenmusik ansehen8 S.2,– DM
    
1/97Gustav-Adolf-Werk. M. Luther-Bund: Lateinamerika – Leben und Wirken der ev. Kirchen72 S.10,– DM
1a/97Karl-Barth-Preis 1996 an Reinhard Henkys. Begrüssung (Berger), Laudatio (Jüngel), Dank12 S.3,– DM
2/97Streit um Versöhnung – Deutsche und Tschechen – Eine kirchl. Tagung Anfang September 199649 S.8,– DM
3/97Noelle-Neumann, Allensbach: Wertewandelt seit 1970, weitere Beiträge einer AEU-Tagung32 S.7,– DM
4/97Salvador de Bahia – Botschaft der Weltmissionskonferenz – Texte zu „Bibel im Kontext“56 S.9,– DM
5/97Church of England – EKD. Bericht der Gemeinsamen Meisen-Kommission über 1991 – 9636 S.7,– DM
6/97″Kindeswohl – Dilemma und Praxis der Jugendämter„, Tagungstexte aus Bad Boll75 S.10,– DM
 

 
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