Falsche Erinnerungen

Falsche Erinnerungen: Eine Einführung

 

Durch Suggestion und Einbildung lassen sich dem Gedächtnis Reminiszenzen von Ereignissen einpflanzen, die nicht so oder überhaupt nicht stattgefunden haben.
 
Darum ist bei manchen Aussagen über traumatische Erlebnisse etwa sexuellen Missbrauch in früher Kindheit Skepsis angebracht.
 
 
Im Jahre 1986 suchte Nadean Cool, eine Schwesternhelferin im US-Bundesstaat Wisconsin, Hilfe bei einem Psychiater, um ihre Reaktion auf eine traumatische Erfahrung ihrer Tochter besser verarbeiten zu können. Der Therapeut setzte Hypnose und andere Suggestionsverfahren ein, um verdrängte Erinnerungen an verstörende Geschehnisse, denen Nadean Cool angeblich selbst ausgesetzt gewesen war, zutage zu fördern.
 
Im Laufe der Therapie kam die Patientin zu der Überzeugung, sie sei Mitglied eines satanischen Kults gewesen: Sie habe Säuglinge verspeist, sei vergewaltigt worden, habe Geschlechtsverkehr mit Tieren gehabt und sei gezwungen worden, den Mord an ihrer achtjährigen Freundin mit anzusehen. Schliesslich glaubte sie, mehr als 120 Persönlichkeiten zu haben -die von Kindern, Erwachsenen, Engeln und sogar einer Ente.
 
All das, so sagte der Psychiater, komme davon, dass sie als Kind auf brutale Weise sexuell missbraucht und körperlich misshandelt worden sei. Er versuchte sich sogar als Exorzist; eine dieser Beschwörungen zur Teufelsaustreibung dauerte fünf Stunden, wobei er die Frau mit Weihwasser besprengte und schrie, Satan solle ihren Körper verlassen.
 
Als Nadean Cool endglich begriff, dass ihr falsche Erinnerungen eingepflanzt worden waren, zeigte sie den Psychiater wegen Kurpfuscherei an. Im März 1997 wurde das Verfahren nach fünfwöchiger Dauer durch einen aussergerichtlichen Vergleich beendet, als der Arzt sich zu 2,4 Millionen Dollar Schadenersatz verpflichtete.
 
Dies ist nicht der einzige Fall, dass sich aufgrund fragwürdiger Pherapiemethoden Erinnerungstäuschungen entwickelten. In Missouri wurde Beth Rutherford 1992 von einem kirchlichen Berater darin bestärkt, ihr Vater -ein Geistlicher- hätte sie im Alter von sieben und vierzehn Jahren regelmässig vergewaltigt; die Mutter sollte manchmal mitgeholfen haben, indem sie die Tochter festhielt. Unter Anleitung des Therapeuten erinnerte Beth Rutherford sich, dass ihr Vater sie zweimal geschwängert und dann gezwungen hätte, den Embryo eigenhändig mit einem Kleiderbügel aus Draht abzutreiben. Als die Vorwürfe publik wurden, musste der Vater von seinem geistlichen Amt zurückzutreten.
 
Später ergab eine medizinische Untersuchung, dass Beth Rutherford im Alter von 22 Jahren noch immer Jungfrau gewesen war und niemals schwanger gewesen sein konnte. Sie verklagte den Therapeuten und erhielt 1996 schliesslich eine Million Dollar Schadenersatz.
 
Etwa ein Jahr zuvor hatten zwei Geschworenengerichte einen Psychiater aus Minnesota für schuldig befunden, zwei Patientinnen, Vynnette Hamanne und Elizabeth Carlson, falsche Erinnerungen suggeriert zu haben. Beide waren unter Hypnose und Verabreichung von Natriumamobarbital (einem starken Beruhigungsmittel) sowie aufgrund irreführender Informationen über die Funktionsweise des Gedächtnisses zu der Überzeugung gekomnmen, auf entsetzliche Weise in der Familie missbraucht worden zu sein. Die Gerichte sprachen den Frauen schliesslich Entschädigungen von 2,67 bzw. 2,5 Millionen Dollar zu.
 
In allen vier Fällen hatten die Geschädigten in der Therapie Erinnerungen an erlittenen Kindesmissbrauch entwickelt und bestritten später deren Echtheit. Wie kann man feststellen, ob die Erinnerung an solch traumatische Erlebnise zutrifft oder nicht?
 
Ohne zusätzliche Anhaltspunkte lüsst sich hier Wahr und Falsch kaum auseinanderhalten. In den genannten Beispielen widersprachen einige Erinnerungen der objektiven Beweislage; so stand dem eindringlichen und detaillierten Vergegenwärtigen von Vergewaltigung und Abtreibung der medizinische Befund auf Jungfräulichkeit entgegen. Aber wie vermag jemand überhaupt derart überzeugend ausgestaltete Erinnerungstäuschungen zu entwickeln? Eine wachsende Anzahl von Studien belegt, dass dies bei manchen Menschen unter geeigneten Umständen ziemlich leicht zu erreichen ist.
 

 
Der Fehlinformationseffekt
 
Meine Forschungen auf diesem Gebiet begannen schon Anfang der siebziger jahre, als ich den sogenannten Fehlinformationsefekt untersuchte: Setzt man die Zeugen eines Geschehens nachträglich neuen und irreführenden Schilderungen des Ereignisses aus, so werden ihre Erinnerungen daran verzerrt.
 
Zum Beispiel beobachteten Versuchspersonen einen simulierten Autounfall an einer Kreuzung mit Stoppschild. Nach Betrachten der Szene wurde der Hälfte der Teilnehmer suggeriert, das Verkehrszeichen sei ein Vorfahrtschild gewesen; wenn man sie später danach fragte, behaupteten sie relativ häufig, eben dies gesehen zu haben. Die übrigen -nicht absichtlich fehlinformierten- Probanden erinnerten sich viel genauer an das Stoppschild.
 
Meine Studenten und ich haben inzwischen mehr als 200 derartige Experimente mit mehr als 20.000 Teilnehmern durchgeführt. Die Versuchspersonen meinten sich an eine auffällige Scheune in einer bukolischen Szenerie zu erinnern, in der es überhaupt kein Gebäude gab, an zerbrochene Gläser und Kassettenrecorder, die man ihnen gar nicht gezeigt hatte, an ein weisstes statt an das blaue Fahrzeug in einer Verbrechensszene sowie an Minnie Mouse, obwohl sie in Wahrheit Mickey Mouse gesehen hatten.
 
Alles in allem beweisen diese Studien, dass Fehlinformation unsere Erinnerungen in gezielter und oft gründlicher Weise zu verzerren vermag -indem wir mit anderen Menschen darüber sprechen, suggestiv befragt werden oder in den Medien auf Berichte über ein Ereignis stossen, das wir selbst miterlebt haben. Nach mehr als zwanzigjähriger Forschung auf diesem Gebiet weiss man recht viel über die Bedingungen, die zur Gedächtnisfälschung beitragen. Zum Beispiel lassen Erinnerungen sich leichter modifizieren, wenn sie im Laufe der Zeit immer mehr verblasst sind.
 

 
Falsche Kindheitserinnerungen
 

Es macht freilich einen grossen Unterschied, ob man bloss ein oder zwei Details in einer ansonsten intakten Erinnerung verändert oder jemandem die komplette Illusion eines tatsächlich nie stattgehabten Ereignisses einpflanzt. Um solche Täuschungen zu erforschen, suchten meine Studenten und ich zunächst Pseudoerinnerungen hervorzurufen, welche die Versuchspersonen möglichst keine übermässigen emotionalen Belastung aussetzten – weder beim Erzeugen noch beim Aufdecken der Täuschung. Doch andererseits wollten wir einen Gedächnisinhalt kreiren, der als tatsächliches Erlebnis zumindest leicht traumatisch gewesen wäre.
 
Meine Mitarbeiterin Jacqueline E. Pickrell und ich beschlossen, den Versuchsteilnehmern zu suggerieren, sie seien im Alter von fünf Jahren in einem grossen Kaufhaus verlorengegangen. Zu diesem Zweck forderten wir unsere Probanden -24 Personen zwischen 18 und 53 Jahren- auf, sich bestimmte Kindheitserlebnisse ins Gedächtnis zu rufen, die uns von einem der engsten Verwandten berichtet worden seien. Wir hatten für jeden Teilnehmer ein kleines Heft vorbereitet, in dem in knappen Worten vier Geschichten erzählt wurden; aber nur drei davon waren wirklich vorgefallen. Das falsche Ereignis konstruierten wir möglichst plausibel anhand von Berichten eines Verwandten, der auch versicherte, dass der Teilnehmer sich als Kind nicht im Kaufhaus verirrt hätte. Unser Szenario enthielt folgende Elemente: Verlorensein für längere Zeit, Weinen, Hilfe und Trost durch eine ältere Frau und glückliche Wiedervereinigung mit der Familie.
 
Nachdem die Probanden alle Geschichten über sich gelesen hatten, schrieben sie auf, woran sie sich bei jeder erinnerten. Wenn ihnen gar nichts einfiel, sollten sie auch dies notieren. Bei zwei nachfolgenden Interviews sagten wir ihnen, uns interessiere, auf wie viele Details sie sich jetzt noch besinnen könnten und inwieweit ihre Erinnerungen sich mit denen ihres Verwandten deckten. Dabei lasen wir den Teilnehmern nicht noch einmal den gesamten Text der Ereignisschilderungen vor, sondern nur Ausschnitte, die als Gedächtnisstütze dienen sollten.
 
Die Versuchspersonen erinnerten sich an etwas von 49 der 72 echten Erlebnisse (68 Prozent) – sowohl unmittelbar nach dem ersten Lesen des Hefts als auch in den späteren Interviews. Aber immerhin 7 der 24 Teilnehmer (29 Prozent) meinten nach Lesen der Geschichten, sich mehr oder weniger vollständig an das eigens für sie konstruierte falsche Ereignis zu erinnern; auch in den beiden Interviews bestanden noch 6 Teilnehmer (25 Prozent) darauf.
 
Statistisch gab es allerdings gewisse Unterschiede zwischen Echt und Falsch: Die Versuchspersonen beschrieben die wirklichen Erlebnisse wortreicher und schätzten sie auch als etwas deutlicher ein. Doch bei vielen unserer Teilnehmer hätte ein Beobachter nur schwer zu beurteilen vermocht, ob sie gerade von einer wahren oder einer gefälschten Erinnerung berichteten.
 
Zweifellos ist das Erlebnis verlorengegangen -so erschreckend es für ein Kind sein mag- nicht dasselbe wie die Erfahrung, missbraucht zu werden. Doch in der Studie ging es gar nicht um die Schwere und Nachhaltigkeit von Situationen im Leben, sondern um das Einprägen einer falschen Erinnerung. Das Versuchsbeispiel führt eine Metholde dafür vor und lässt besser verstehen, wie so etwas in Wirklichkeit geschehen könnte. Die Studie beweist, dass man Menschen dazu bringen kann, sich ihrer Vergangenheit unterschiedlich zu entsinnen – und dass sie sich sogar verleiten lassen, komplette fiktive Ereignisse in ihr Gedächtnis aufzunehmen, als wären sie wirklich geschehen.
 
Andere Forscher sind zu ähnlichen Resultaten gelangt. Ira Hyman, Troy H. Husband und F. James Billing von der Western-Washington-Universität in Bellingham (US-Bundesstaat Washington) forderten College-Studenten auf, Kindheitserlebnisse wachzurufen, von denen ihre Eltern berichtet hätten. Den Studenten wurde gesagt, die Studie solle klären, wie unterschiedlich man sich an gemeinsame Erfahrungen erinnert. Ausser verbürgten Ereignissen wurde jedem Teilnehmer ein frei erfundenes präsentiert: Im Alter von fünf Jahren sei der Betreffende mit hohem Fieber und Ohrenschmerzen für eine Nacht ins Krankenhaus gebracht worden, oder man habe seinen Geburtstag mit einer Pizza-Party und dem Auftritt eines Clowns gefeiert. Die Eltern hatten zuvor bestätigt, dass nichts davon stimmte.
 
Die Studenten erinnerten sich im ersten Interview mehr oder weniger ausführlich an 84 Prozent der wahren Erlebnisse und sogar an 88 Prozent in einem zweiten. Das fiktive Ereignis kam im ersten Interview keinem einzigen Teilnehmer bekannt vor, doch im zweiten gaben immerhin 20 Prozent an, ihnen fiele manches davon wieder ein. Ein Teilnehmer, dem man die nächtliche Notaufnahme eingeredet hatte, meinte sich später an einen Arzt und eine Krankenschwester sowie an einen Freund aus seiner Kirchengemeinde zu erinnern, der ihn im Krankenhaus besucht hätte.
 
In einer anderen Studie präsentierte Hyman zusammen mit wahren Kindheitserlebnissen verschiedene falsche – zum Beispiel, man habe bei einer Hochzeitsfeier den Brauteltern unabsichtlich eine Schüssel voll Punsch über die Kleider gekippt, oder alle Leute hätten aus einem Lebensmittelgeschäft fliehen müssen, weil man versehentlich die Sprinkleranlage ausgelöst habe. Wiederum wusste im ersten Interview niemand von dem fiktiven Ereignis, doch im zweiten meinten 18 und im dritten sogar 25 Prozent der Versuchspersonen, ihnen fiele etwas davon wieder ein.
 
Beispielsweise sagte eine Person im ersten Interview bezüglich der fiktiven Hochzeit: „Ich habe keine Ahnung. Davon habe ich noch nie gehört“. Im zweiten Interview erzählte sie: „Es war eine Hochzeitsfeier im Freien, und ich glaube, wir rannten herum und stiessen etwas um, die Punschschüssel oder so, und wir richteten ein grosses Durcheinander an; natürlich wurden wir auch gehörig ausgeschimpft“.
 

 
Vorstellungsinflation
 

Wenn im Experiment eine Suggestion falsche Kindheitserinnerungen einzupflanzen vermag, muss man sich fragen, ob dasselbe auch ausserhalb von Versuchssituationen gilt – etwa für ein Verhör oder eine psychotherapeutische Sitzung. Massive Beeinflussung durch Polizisten oder Therapeuten dürfte zwar die Ausnahme sein, doch das dringliche Ersuchen, sich eine bestimmte Situation in allen Einzelheiten zu vergegenwärtigen, kommt öfters vor. Wenn Untersuchungsbeamte einen Verdächtigen zu einem Geständnis bewegen wollen, konfrontieren sie ihn mitunter mit Möglichkeiten, wie er an der fraglichen Straftat beteiligt gewesen sein könnte; und manche Therapeuten ermutigen ihre Klienten, sich bestimmte Kindheitsereignisse auszumalen, um vermeintlich verdrängte Erinnerungen freizulegen (Spektrum der Wissenschaft, Februar 1997, Seite 62).
 
Überblickstudien zur Methodik klinischer Psychologen ergeben, dass 11 Prozent von ihnen die Klienten anweisen, „der Phantasie völlig freien Lauf zu lassen“, und 22 Prozent, sie sollten „ihrer Phantasie die Zügel schiessen lassen“. Die amerikanische Therapeutin Wendy Maltz plädiert in einem in den USA populären Buch über Kindesmissbrauch (deutsch als Rowohlt-Taschenbuch unter dem Titel „Sexual Healing – Ein sexuelles Trauma überwinden“) dafür, den Patienten zu sagen: „Nehmen Sie sich Zeit für die Vorstellung, man habe Sie sexuell missbraucht, ohne sich den Kopf darüber zu zerbrechen, ob es ganu so stimm oder nicht. Sie brauchen nichts zu beweisen, und Ihre Vorstellungen brauchen auch keinen Sinn zu ergeben ….. Fragen Sie sich: Welche Tageszeit ist es in Ihrer Vorstellung? Wo sind Sie?Drinnen oder draussen? Was passiert? Sind Sie mit einer oder mehreren Personen zusammen?“
Wendy Maltz empfiehlt dem Therapeuten ausserdem Fragen wie: „Wer könnten die Täter sein? Wann in Ihrem Leben war die Gefahr eines sexuellen Missbrauchs am grössten?“
Weil solche Phantasieübungen immer häufiger eingesetzt werden, begannen mehrere Kollegen und ich über die Konsequenzen nachzudenken. Was geschieht, wenn sich jemand Kindheitserlebnisse ausmalt, die er nie gehabt hat? Verstärkt das blosse Vorstellen einer Erfahrung die Überzeugung, sie sei echt?
Um das herauszufinden, wählten wir ein dreistufiges Verfahren. Zunächst sollten die Versuchspersonen angeben, wie wahrscheinlich sie es fänden, dass ihnen bestimmte Dinge in ihrer Kindheit zugestossen seien: dazu mussten sie 40 Ereignisse auf einer Skala von „ist eindeutig nicht geschehen“ bis „ist eindeutig geschehen“ anordnen. Nach zwei Wochen baten wir sie, sich jeweils einige Ereignisse vorzustellen: dabei wählten wir solche aus, die sie nach ihrer früheren Auskunft gar nicht erlebt hatten. Einige Zeit später wurden die Probanden noch einmal aufgefordert, die ursprüngliche Liste von 40 Kindheitserlebnissen nach deren Wahrscheinlichkeit zu bewerten.
 
In einer dieser Phantasieübungen sollte die Versuchsperson sich zum Beispiel vorstellen, sie hätte zu Hause gespielt, draussen ein merkwürdiges Geräusch gehört, sei zum Fenster gelaufen, gestolpert, gefallen und hätte mit der vorgestreckten Hand die Fensterscheibe zerbrochen. Dabei stellten wir Fragen wie: „Worüber sind Sie gestolpert? Wie fühlten Sie sich dabei?“
In einer Studie gaben 24 Prozent der Teilnehmer, die sich in diese Szene versetzt hatten, später eine erhöhte Wahrscheinlichkeit dafür an, dass sie das alles selbst erlebt hätten: hingegen meinten das nur 12 Prozent derjenigen, die man nicht aufgefordert hatte, sich die Geschichte mit der Fensterscheibe vorzustellen. Diese Vorstellungsinflation (imagination inflation) erreichten wir mit allen acht Ereignissen, die wir den Teilnehmern als Phantasieübung aufgaben.
Für diesen Effekt kommen mehrere Gründe in Frage. Offensichtlich wird einem ein intensiv vorgestelltes Ereignis scheinbar vertrauter, und diese Vertrautheit bringt man dann irrtümlich mit Kindheitserinnerungen in Verbindung statt mit dem Vorstellungsakt. Eine solche Quellenverwechslung -bei der man sich nicht mehr an die Herkunft der Information erinnert- ist in Zusammenhang mit den entlegenen Ereignissen der Kindheit oft besonders ausgeprägt.
 
Lyn Goff und Henry I. Roedinger III von der Washington-Universität in Saint-Louis (Missouri) haben statt Kindheitserlebnisse aktuelle Erfahrungen untersucht und einen direkten Zusammenhang zwischen imaginären handlungen und Erinnerungsfälschungen hergestellt. In der ersten Sitzung beschrieb man den Teilnehmern bestimmte einfache Tätigkeiten -auf den Tisch klopfen, einen Hefter hochheben, einen Zahnstocher zerbrechen, die Finger kreuzen, mit den Augen rollen- und gab ihnen nun entweder auf, die Handlung wirklich auszuführen, sie sich nur vorzustellen oder bloss passiv der Beschreibung zu lauschen.
In der zweiten Sitzung sollten die Versuchspersonen sich einige der zuvor nicht ausgeführten Tätigkeiten vorstellen.
In der letzten Sitzung wurden sie schliesslich gefragt, welche Handlungen sie in der ersten Sitzung tatsächlich getätigt hätten.
Dabei zeigte sich: Je öfter die Teilnehmer eine nicht ausgeführte Handlung imaginiert hatten, mit desto grösserer Wahrscheinlichkeit bildeten sie sich später ein, sie zuvor auch wirklich ausgeführt zu haben.
 

 

Unmögliche Erinnerungen
 

Dass ein Erwachsener sich an echte Episoden aus seinem ersten Lebensjahr zu erinnern vermag, ist höchst unwahrscheinlich -unter anderem, weil der für das Langzeitgedächtnis besonders wichtige Hippocampus noch nicht genügend ausgereift ist. Nicholas Spanos und seine Mitarbeiter an der Carleton-Universität in Ottawa (Kanada) suchten absichtlich solch unmögliche Erinnerungen zu erzeugen: Sie suggerierten den Versuchsteilnehmern, besonders gute Augenkoordination und visuelle Wahrnehmungsfähigkeit zu haben, weil in den ersten Tagen nach ihrer Geburt ein buntes Mobile über dem Säuglingsbett gehangen hätte.
Um das vermeintliche Erlebnis wachzurufen, versetzte man die eine Hälfte der Probanden unter Hypnose bis zum ersten Tag ihres Lebens zurück und fragte sie, woran sie sich erinnerten. Die andere Hälfte nahm an einer sogenannten gelenkten Gedächtnis-Umstrukturierung teil, bei der die Versuchspersonen ins frühkindliche Stadium regredieren und damalige Erfahrungen in der Vorstellung neu durchleben sollen.
Die allermeisten Teilnehmer sprachen auf diese Gedächtnisfälschungen an. Sowohl die hypnotisierten als auch die gelenkten berichteten von postnalalen Erlebnissen -letztere sogar etwas häufiger (95 gegenüber 70 Prozent). Ziemlich viele Mitglieder beider Gruppen meinten sich an das bunte Mobile zu erinnern: 56 Prozent der gelenkten, 46 Prozent der hypnotisierten; die übrigen erzählten dafür häufig von -rzten, Krankenschwestern, hellem Licht, Säuglingsbetten und Gesichtsmasken. In beiden Gruppen waren 49 Prozent der Personen, die von frühkindlichen Erlebnissen berichteten, von deren Echtheit überzeugt, während nur 16 Prozent meinten, dabei handle es sich um pure Phantasien.
 
Auch diese Resultate bestätigen, dass man vielen Menschen auf relativ einfache Weise komplexe, lebhafte und detailreiche Erinnerungstäuschungen einzuprägen vermag. Offensichtlich ist Hypnose dafür gar nicht nötig.
 

 

Die Produktion von Erinnerungstäuschungen
 

Das Erzeugen einer falschen Erinnerung -etwa an Verlorengehen im Supermarkt- funktioniert, wenn jemand anderer, meist ein Familienmitglied, behauptet, das Ereignis habe wirklich stattgefunden. Die Bestärkung durch einen vermeintlichen Augenzeugen ist ein wirksames Täuschungsmittel. Oft genügt schon die Behauptung, der Betreffende sei bei einer Tat gesehen worden, um ihn zu einem falschen Geständnis zu verleiten.
 
Diesen Effekt hat Saul M. Kassin am Williams-College in Williamstown (Massachusetts) demonstriert, indem er Personen fälschlich beschuldigen liess, sie hätten durch Drücken einer bestimmten Tastenkombination einen Computer ruiniert. Anfangs wiesen die nichtsahnenden Teilnehmer den Vorwurf zurück; doch als eine Verbündete des Versuchsleiters behauptete, sie habe das Drücken der falschen Tasten genau gesehen, unterschrieben viele sogar ein Geständnis, entwickelten Schuldgefühle und erfanden mit der Zeit zu der vermeintlichen Tat passende Umstände. Demnach lassen Menschen sich durch fingierte Indizien dazu bringen, die Schuld für eine nie begangene Tat zu übernehmen; sie schmücken sogar die falschen Erinnerungen mit Details aus, die sie in ihren Schuldgefühlen bestärken.
 
Allmählich zeichnet sich ab, auf welche Weise bei Erwachsenen komplette, gefühlsbesetzte und aktiv ausgeschmückte Erinnerungstäuschungen erzeugt werden können: Erstens wird entsprechender sozialer Druck ausgeübt – beispielsweise schon dadurch, dass ein Versuchsleiter von den Teilnehmern verlangt, überhaupt etwas aus dem Gedächtnis mitzuteilen. Zweitens werden Menschen, denen das Erinnern schwerfällt, ausdrücklich ermuntert, sich bestimmte Ereignisse vorzustellen; und schliesslich ermutigt man sie, nicht über deren Realitätsgehalt nachzudenken. Wenn diese äusseren Faktoren zusammenwirken, treten täuschend echte Erinnerungen besonders leicht auf – nicht nur in experimentellen, sondern auch in therapeutischen oder ganz alltäglichen Situationen.
 
Das Konstrukt entstht demnach aus der Kombination echter Erinnerungen mit Fremdsuggestionen. Dabei vergessen die Betroffenen oft, woher die Information stammt – ein klassisches Beispiel für Quellenverwechslung: Inhalt und Herkunft der Information fallen auseinander.
 
Dass man manchen Menschen fiktive Kindheitserlebnisse einzuprägen vermag, bedeutet gewiss nicht, dass alle Gedächtnisinhalte, die unter Suggestion auftauchen, zwangsläufig falsch seien. Die Experimente stellen zwar die Gültigkeit lange verschütteter Erinnerungen -beispielsweise an wiederholte traumatische Erfahrungen- in Frage, doch sie widerlegen sie keineswegs völlig. Doch ohne Bestätigung durch zusätzliche Fakten vermag selbst der erfahrene Gutachter echte Erinnerungen kaum von suggerierten zu unterscheiden.
 
Wie solche Täuschungen im einzelnen entstehen und woran man sie erkennt, wird künftig noch genauer zu untersuchen sein. Auch müssen wir herausfinden, welche Persönlichkeitstypen für diese Suggestionen besonders anfällig beziehungsweise dagegen resistent sind. Die bisherigen Resultate sollten jedenfalls eine Warnung sein: Vor allem Psychotherapeuten müssen stets bedenken, wie stark sie das Gedächtnis ihrer Klienten beeinflussen können und wie dringend nötig Zurückhaltung gerade in Situationen ist, in denen man vermeintlich verdrängte Geschehnisse durch freies Schweifen der Einbildungskraft zutage zu fördern sucht.
 
Elizabeth F. Loftus ist Professorin für Psychologie und ausserordentliche Professorin für Jura an der Universität von Washington in Seattle.
Sie promovierte 1970 in Psychologie an der Stanford-Universität in Kalifornien. Ihre Forschung konzentriert sich auf das menschliche Gedächtnis sowie auf Zeugenaussagen im Strafprozess. Sie hat 18 Bücher und mehr als 250 wissenschaftliche Artikel veröffentlicht; in Hunderten von Strafverfahren -unter anderen einigen spektakulären Prozessen um Kindesmissbrauch- war sie als Gutachterin tätig. Für ihr Buch „Eyewitness Testimony“ erhielt sie den National Media Award der American Psychological Foundation. Die Universitäten Miami (US-Bundesstaat Florida) und Leiden (Niederlande) sowie das John-Jay-College of Criminal Justice der Städtischen Universität New York verliehen ihr Ehrendoktorate. Kürzlich wurde sie zur Präsidentin der American Psychological Siciety gewählt.
 

 

Literaturhinweise:
 

  • „Weisse Handschuhe“. Wie das Gedächtnis Lebensgeschichten schreibt. Von John Kotre. Hanser Verlag, München 1996.
  • „Fehldiagnose: Sexueller Missbrauch“. Von Michael D. Yapko. Knaur Verlag, München 1996.
  • „Die therapierte Erinnerung“. Vom Mythos der Verdrängung bei Anklagen wegen sexuellen Missbrauchs. Von Elizabeth F. Loftus und Katherine Ketcham. Ingrid Klein Verlag, Hamburg 1995.
  • „The Social Psychology of False Confessions; Compliance, Internalization and Confabulation“. Von Saul M. Kassin und Katherine L. Kiechel in: Psychological Science. Band 7, Heft 3, Seiten 125 bis 128, Mai 1996.
  • „Imagination Inflation“. Imagining a Childhood Event inflates Confidence that lt Occurred. Von Maryanne Garry. Charles G. Manning, Elizabeth F. Loftus und Steven J. Sherman in: Psychonomie Bulletin and Review. Band 3, Heft 2, Seiten 208 bis 214. Juni 1996.
  • „Remembering Our Past“: Studies in Autobiographical Memory. Herausgegeben von David C. Rubin. Cambridge University Press. 1996.
  • „Searching of Memory“: The Brain, the Mind, and the Past. Von Daniel L. Schacter, Basic Books, 1996.

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