PAS – Früherkennung

Früherkennung P.A.S: Eine Einführung

 

PAS, das zur Zeit meist diskutierte Phänomen in der Eltern-Kind-Beziehung nach Trennung.
 

 
Der Beitrag ist ein klares Plädoyer, die Erkenntnisse aus dieser Erscheinung frühzeitig zur Vermeidung von grossen Schäden für Kind und Eltern.
 

 

 
Inhalt und Gliederung:
 
Im Januar dieses Jahres erschien im Amtsvormund der erste Artikel der Autoren über das PAS. PAS bedeutet die kompromisslose Zuwendung eines Kindes zu einem -dem guten, geliebten- Elternteil und die ebenso kompromisslose Abwendung vom anderen -dem bösen, gehassten- Elternteil. PAS entsteht in hoch konflikthaften Trennungs- oder Scheidungsgeschichten. Äussere Bedingungen der Familie können PAS schüren. Zum Beispiel ist ein Umzug mit den Kindern ans andere Ende des Landes eine erfolgversprechende Methode, die Eltern-Kind-Entfremdung voranzutreiben. Die gefährliche Koalition mit einem Elternteil gegen den anderen wirkt da am schnellsten, wo die Kinder spüren, dass ihnen Liebe und Zuwendung des betreuenden Elternteils nur solange sicher sind, wie sie dessen Abneigung gegen den anderen Elternteil übernehmen.
 
Mit dieser Arbeit legen die Autoren einen Beitrag zur Psychodynamik, Prävention und Nachsorge vor. Sie stellen hier zwei Leitsätze voran:

  • 1. Für optimale Entwicklungsbedingungen braucht ein Kind die Zuwendung, Fürsorge und Förderung durch beide Eltern.
     
  • 2. Die Sicherung oder Wiederherstellung eines Maximums an geliebter Beziehung des Kindes zu seinen beiden Eltern ist die vorrangige Aufgabe der psychosozialen Dienste und Familiengerichte. Wir fassen die wesentlichen Aussagen des Artikels zusammen.

 
Motive für programmierende, entfremdete Eltern sind die Angst, die Kinder an den Partner zu verlieren oder die alleinige Schuldzuweisung für das Scheitern der Ehe an den Partner. Interventionsmöglichkeiten bestehen in frühzeitiger Beratung und Aufklärung bis zur therapeutischen Hilfe. Diese Massnahmen sollten von einer kontinuierlichen Wiederanbahnung des Kontakts zum abgelehnten Elternteil begleitet werden.
 

 
Aktive Zurückweisung eines Elternteils ist für Kinder schlimmer als allein der Verlust des Elternteils, weil sie sowohl ihre Schuldgefühle als auch den Elternteil in der eigenen Person verdrängen müssen. PAS-Kinder zeigen typische Symptome: Das Ausblenden früherer schöner, gemeinsamer Erlebnisse; Rationalisierungen, um die Ablehnung zu begründen; die Ausschliesslichkeit, mit der ein Elternteil nur gut, der andere nur schlecht ist. Die fast reflexartige Parteinahme der Kinder für den betreuenden Elternteil; die Ausdehnung der Ablehnung auf den Familien- und Freundeskreis des zurückgewiesenen Elternteils; der Hinweis auf ihre „eigene Meinung“; die Verwendung sogenannter geborgter Szenarien, deren Bedeutung sie nicht kennen können; und trotz Ablehnung und Verunglimpfung eines Elternteils unangemessene Forderungen an ihn nach Geld und Geschenken.
 

 
Hilfe für die Kinder ist eine Nachreifung im geschützten, therapeutischen Rahmen, verbunden mit der Loslösung vom dürftigen Elternteil und der Erlaubnis zur Wiederaufnahme der Beziehung zum anderen Elternteil. Dabei bedürfen auch die Eltern der Unterstützung. In schweren Fällen kommt eine systematische Familientherapie in Betracht. Möglichkeiten sind Vorträge und Diskussionen in Kirchen, Betrieben, Schulen, Kindergärten, Universitäten, Beratung durch Sozialarbeiter, Mediatoren, Therapeuten oder kooperative Rechtsanwälte und psychologische Interventionen durch Familientherapeuten oder psychologische Sachverständige, unter Umständen auch auf richterliche Anordnung.
 

 
In einigen Fällen hat die deutsche Rechtsprechung rasch auf die Erstveröffentlichung der Autoren reagiert und wegweisende Urteile ausgesprochen. So steht in einem Beschluss des OLG Nürnberg vom Juni 1998 (10 UF 441/98) der bemerkenswerte Satz: „Dass zur Eignung zur Übernahme elterliche Sorge auch gehört, dass der betreuende Elternteil den anderen Elternteil vom Umgang mit dem Kind nicht ausschliesst.“
 

 
In vielen anderen Fällen aber haben die Gerichte von PAS bisher keine Notiz genommen und Sachverständige das Vorliegen von PAS nicht erkannt. Die Verfasser stellen eine Reihe von Forderungen an kindschaftsrechtliche Verfahren auf: Die Beteiligten müssen mit PAS vertraut gemacht werden. Schon bei ersten Anzeichen eines späteren Umgangsproblematik wie Anträge auf Alleinsorge, häufiges Ausfallen von Umgangsterminen oder Ausgrenzung nicht-verheirateter Väter müssen die Kinder schnellstmöglichst gehört werden. Die Verfahren müssen rasch geführt werden. Der Reformgesetzgeber hat es versäumt, durch Fristsetzungen Verfahrensbeschleunigung zu sichern. Aufträge von Gutachtern müssen mit einer Terminsetzung vergeben werden. Der Gesetzgeber hat es ferner versäumt, den Gerichten die Möglichkeit zu geben, sich trennende Eltern zu Vermittlungsgesprächen zu verpflichten und Therapiemassnahmen für PAS-geschädigte Kinder anzuordnen. Die Bereitschaft eines Elternteils zur Teilnahme an Beratungen und Therapiemassnahmen könnte neben der Bindungstoleranz zu einem wichtigen Kriterium für Sorgerechtsentscheidungen werden.
 

 
Der Artikel zielt auf die Prävention und Früherkennung von PAS. Die darin empfohlenen Beratungs- und Informationsangebote an Eltern mögen in einer Frühphase der Trennung wirksam sein. In der Mehrzahl der PAS-Fälle, wo die Entfremdung seit Jahren vorangetrieben und verfestigt worden ist, werden Beratungsangebote nichts nützen. Denn es kennzeichnet entfremdende Elternteile, dass sie für Interventionsbemühungen von aussen unzugänglich und uneinsichtig sind. Wie solchen Eltern zu begegnen und oft und ggfls. wie den langzeit geschädigten Kindern zu helfen ist, wäre eine künftige Untersuchung wert.
 

 
Auf zwei neuere Untersuchungen zum Thema „Scheidungsfamilien“ sei hingewiesen.
 

Annette Nab-Peters: „Familien nach der Scheidung“
Verlag Antje Kunstmann, München, 1995, 29,80 TA/I
 
Ursula Ofuatey-Kodjoe, Simone Wiesler:
„Die psychosoziale Situation nicht sorgeberechtigter Väter“. Diplomarbeit an der Abteilung für klinische und Entwicklungspsychologie der Universität Freiburg, April 1994.
 
Das neue deutsche Kindschaftsrecht (seit 01.07.1998) stellt nun immerhin in º 1684 BGB das Recht des Kindes auf Umgang fest.

  • 1. Das Kind hat das Recht auf Umgang mit jedem Elternteil, jeder Elternteil ist zum Umgang mit dem Kind verpflichtet und berechtigt.
    Eine konkrete Festsetzung eines Minimalumgang und von Massnahmen bei Nichteinhalten der Regelungen, wie in amerikanischen Statuten, ist aber nicht erfolgt. Es heisst lediglich:
     
  • 2. Die Eltern haben alles zu unterlassen, was das Verhältnis des Kindes zum jeweils anderen Eltern beeinträchtigt oder die Erziehung erschwert. Entsprechendes gilt, wenn sich das Kind in der Obhut einer anderen Person befindet.
     
  • 3. Das Familiengericht kann über den Umfang des Umgangsrechts entscheiden und seine Ausübung, auch gegenüber Dritten, näher regeln. Es kann die Beteiligten zur Anordnung zur Erfüllung der in Absatz 2 geregelten Pflicht anhalten.

 

 


Urteile:

 

 
Einer der Hauptfaktoren bei PAS, neben der Reaktion des Kindes, ist die bewusste oder teils unbewusste Programmierung des Kindes durch einen Elternteil, mit dem Ziel, die Bindung zum anderen Elternteil zu zerstören. Diesem entfremdenden Elternteil fehlt es also an Bindungstoleranz und möglicherweise sogar an der Erziehungsfähigkeit. Am deutlichsten tritt das Verhalten dieses Elternteils in Fällen beharrlicher Umgangsvereitelung (vgl. Klenner, FamRZ 1995,) zutage. Gerichtliche Entscheidungen, die die Konsequenzen derartigen Verhaltens für das Kindeswohl klar umreissen, ohne schon explizit PAS zu erwähnen, bezeichnen Kodjoe und Göppel als vereinzelte „Leuchttürme“ in der deutschen Sorge- und Umgangsrechtsprechung. Die erwähnten drei der folgenden Entscheidungen:
 

1. OLG Bamberg vom 23.07.1985 – 7 UF 42/85 (FamRZ 1985, 1175 – 1178).
 
Das Gericht bestätigte die Übertragung des Aufenthaltsbestimmungsrecht auf den Vater, da es das Wohl des Kindes „durch die beschränkte Erziehungsfähigkeit der Mutter, die ihr Kind ohne jede Vaterbeziehung heranwachsen lassen will, erheblich gefährdet“ sah.
 

 
2. OLG München vom 12.04.1991 – 26 UF 1464/89 (FamRZ 1991, 1343 – 1344).
 
Wer den anderen Elternteil durch gezielte Bemerkungen abwertet, dessen Post an das Kind zensiert, lässt in hohem Masse die erforderliche Bindungstoleranz vermissen. Das OLG bestätigte die erstinstanzliche Entscheidung, dem Vater das Sorgerecht zu übertragen, nachdem die Mutter nahezu zwei Jahre systematisch jeglichen Kontakt des Kindes zum Vater unterbunden und die Untersuchung durch den beauftragten Sachverständigen verhindert hatte. Damit habe sie ihre Erziehungsfähigkeit in einem für das Kind äusserst wichtigen Bereich in Frage gestellt. Das Kontinuitätsprinzip darf nicht dazu führen, dass eine zwar gleichmässige, aber schädliche Entwicklung und Vernachlässigung anderer, insbesondere zukunftsgerichteter Aspekte des Kindeswohl fortgesetzt wird.
 

 
3. OLG Celle vom 25.10.1993 – 19 UF 208/93 (FamRZ 1994, 924 – 926).
 
Der Beschluss bestätigt die Entscheidung des Amtsgerichts, nachdem das Sorgerecht dem anderen Elternteil übertragen wird und das Kind herauszugeben ist. Die Entscheidung stützt sich im wesentlichen auf zwei Punkte:
 

1. Die Lebensplanung der Mutter ist „unabsehbar und schwer durchsichtig“. Der Senat schliesst sich dieser Auffassung an, sieht allerdings auch Gefahren beim Vater wegen seiner beruflichen Perspektiven.
2. Ein wichtiges Entscheidungskriterium für den Senat war daher die vom Sachverständigen festgestellte geringere Bindungstoleranz der Mutter. Diese beeinträchtige durch ihre -gegenüber dem Vater- stark restriktives Verhalten das Kindeswohl, etwa dadurch, dass sie bei Beginn der Auseinandersetzung regelmässig die Umgangsregelung problematisiere. Denn das Umgangsrecht ist ein Ausschnitt aus dem natürlichen, durch Artikel 6 GG geschützten Elternrecht.
 
Deshalb ist das Verhalten der Eltern bezüglich des Umgangs des Kindes mit dem jeweils anderen Eltern, die sog. Bindungstoleranz, eines der massgeblichen Kriterien für die Beurteilung, bei welchem Elternteil das Kind nach der Trennung besser aufgehoben ist. Das kann im besonderen Fall dazu führen, dass einem Elternteil, der ansonsten ungünstigere Rahmenbedingungen aufzuweisen hat, das Sorgerecht übertragen wird, wenn dadurch gewährleistet erscheint, dass das Kind die Bindungen zum anderen Elternteil bewahren und fortentwickeln kann, während andererseits auch einem Elternteil das Sorgerecht entzogen werden kann, wenn ungeachtet sonst günstiger Umstände das Kindeswohl dadurch Schaden nimmt, dass er die natürlichen Bindungen des Kindes zum anderen Elternteil behindert oder sogar zu zerstören droht.
 

4. OLG Celle vom 12.06.1995 – 10 UF 195/94
(Vorinstanz: AG Hannover, 612 F 3091/92)
Entnommen aus FamRZ 1998 (16), S. 1045:
Nr. 651 OLG Celle – BGB ºº 1671 (a.R.),
1696 (10 ZS Familiensache – Beschluss vom
16.06.1995 – 10 UF 195/94)
 

      1. Eine Abänderung der Sorgerechtsentscheidung ist wegen fehlender Erziehungseignung des betreuenden Elternteils zum Wohl des Kindes erforderlich, wenn er hartnäckig bestrebt ist, das Kind dem anderen Elternteil zu entfremden, beharrlich das Umgangsrecht zwischen dem anderen Elternteil und dem Kind verweigert sowie den Vorwurf sexuellen Missbrauchs aufrechterhält, obwohl eine eingehende Beweisaufnahme den Verdacht nicht bestätigt hat.

    2. Dem zwischenzeitlich im Kleinkindalter weitgehend entwachsenen ist der Wechsel der primären Bezugsperson und des persönlichen Umfelds zuzumuten, weil nur so ein Recht auf Aufrechterhaltung seiner persönlichen Beziehungen zu beiden Elternteilen verwirklicht werden kann. Leitsätze des Einsenders, mitgeteilt von RA. G. Rüxe, Bielefeld.

 
5. AG Potsdam – Entscheidung 44 F 87/93 (FamRZ 1996, 422 – 424).
 
Das Sorgerecht wurde dem Vater übertragen, weil das Gericht davon ausging, dass es dieser in Zukunft im Sinne von elterlicher Verantwortung vergleichsweise stärker an den objektiven Interessen des Kindes und seiner Bedürfnisse orientiert, unter Zurückstellung eigener Interessen, ausüben wird, als es der Antragstellerin möglich war und ist. Die Mutter hatte sich einer Kompromisslösung widersetzt, wonach beide Eltern das gemeinsame Sorgerecht ausüben, der Lebensmittelpunkt des 9-jährigen Sohnes bei der Mutter bleiben und zur Verbesserung der Kontaktsituation zwischen dem Sohn und dem Vater sowie zur Verbesserung der Kommunikation zwischen den Eltern Beratungsgespräche stattfinden sollten.
 
6. AG Potsdam, Beschl. vom 29.10.1997 – 44 F 497/95-50 (rechtskräftig, Beschwerde zurückgewiesen durch das OLG Brandenburg vom 02.03.1998, 10 UF 159/97)
 
Von der Relevanz gemeinsamer Sorge. Gemeinsames Sorgerecht auch bei Kopfschütteln der Mutter. Sorgerecht ist auf dem Hintergrund der Verfassung (Art. 6 Abs. 2 Seite 1 GG) kein isolierter Rechtsanspruch eines Elternteils, am Kind mit der Konsequenz, dass ihm allein das Recht zugewiesen ist, nach eigenem Gutdünken über die für das Kind wichtigen Fragen zu entscheiden bzw. diese zu bestimmen.
Vielmehr handelt es sich ausdrücklich dem Kind gegenüber um eine Pflichtposition, und ist diese nach Art. 6 auch nicht einem Elternteil zugewiesen, sondern obliegt von vornherein beiden Elternteilen gemeinsam („Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht und die zuförderst ihnen obliegende Pflicht …“, Artikel 6 Abs. 2 Seite 1 GG).
Was das bedeutet, hat das Bundesverfassungsgericht ins einer Entscheidung vom 03.11.1982, FamRZ 1982, 1179 ff., 1182 f) hervorgehoben:
„Das verfassungsrechtlich gewährleistete Elternrecht setzt danach voraus, dass die Eltern bereit und in der Lage sind, ihr Erziehungsrecht zum Wohl des Kindes wahrzunehmen: Nur unter dieser Voraussetzung kann davon ausgegangen werden, dass der mit dem Elternrecht verbundenen Verantwortung entsprochen wird…..“ Für den Trennungsfall der Eltern hat das Bundesverfassungsgericht das Interesse des Kindes und die daraus resultierende Pflichteinstellung der Eltern näher umrissen. Wenn danach die Dauerhaftigkeit familiärer Sozialbeziehungen zu Vater und Mutter und zu dem dazugehörigen Umfeld von entscheidender Bedeutung für die psychische Gesundheit des späteren Erwachsenen ist, dann ergibt sich daraus für die Eltern, dass sie verpflichtet sind und bleiben, die Beziehungen des Kindes zu dem jeweils anderen Elternteil zu tolerieren und aktiv zu unterstützen. Das bedeutet folgerichtig, dass gleichzeitig die Elternteile verpflichtet sind, ihre möglicherweise insoweit entgegenstehenden eigenen subjektiven Interessen auf möglichst vollständige Ausgrenzung des anderen Elternteils aus dem eigenen Lebensbereich zurückzustellen. Die Eltern bleiben dem Kind gegenüber kindheitslang verpflichtet, gewissermassen stets aufs Neue, wie das Bundesverfassungsgericht ausführt, „eine vernünftige, den Interessen des Kindes entsprechende Lösung für seine Pflege und Erziehung sowie seine weiteren persönlichen Beziehungen zu ihnen zu finden“ (a.a.O.S. 1182).
 
Hierbei ist jeder Elternteil auf die Kooperation des anderen angewiesen. Ein Rückzug eines Elternteils aus dieser grundsätzlich geforderten Kooperationsbereitschaft im Interesse des Kindes hat für das Kind in aller Regel unmittelbare gravierende Auswirkungen. Das Kind, das liebevolle Bindungen an beide Eltern eingegangen ist und deren Erleben in ihrer auch gerade geschlechtsspezifischen Unterschiedlichkeit es zu einem gesunden Wachstum dringend benötigt, wird in erhebliche Konflikte gestürzt. Das Beharren der Kindesmutter auf der einseitigen Sorgerechtsübertragung zu ihren Gunsten ist unter den gegebenen Umständen nicht an den Kindesinteressen und -bedürfnissen orientiert, sondern birgt, wenn ihr gefolgt würde, eher die Gefahr, dass die Kindesmutter bei wichtigen Entscheidungen und Fragen des elterlichen Sorgerechts den für K. wichtigen Vater ausblendet, klärende Gespräche und ggfls. auch friedliche Auseinandersetzungen vermeidet und diese Fragen gewissermassen im Alleingang entscheidet, statt sich auch weiterhin um Konfliktauflösung und Kooperation zu bemühen. Damit aber würde die Gefahr bestehen, dass die Gefahr, wie sich bereits abzeichnet, von K. zum Vater zunehmend erschwert werden. Mit der Beibehaltung der gemeinsamen Elternverantwortung wird dem entgegengewirkt und auch der Kindesmutter verdeutlicht, dass sie auf die Kooperation des Kindesvaters angewiesen ist und bleibt. Sollten die Kontakte von K. zum Vater sich zukünftig unabhängig von der jetzt getroffenen Regelung tatsächlich vermindern oder die Beziehungen zum Vater aufgrund des Problems des Dazwischenstehens zunehmend schwieriger gestalten, könnte eine genauere Untersuchung der Gründe angezeigt und eine Sorgerechtsübertragung auf den Vater bei ggfls. festgestellter Bindungsintoleranz der Mutter geboten sein (vgl. OLG Celle a.a.O.). Die Beibehaltung der gemeinsamen elterlichen Sorge wird im übrigen von der inzwischen auch vom Bundesrat verabschiedeten Kindschaftsrechtsreform, die am 01.07.1998 in Kraft getreten ist, getragen. Danach ist dem Antrag auf alleiniges Sorgerecht nur dann stattzugeben, wenn zu erwarten ist, dass die Aufhebung der gemeinsamen Sorge und die Übertragung auf den Antragsteller dem Wohl des Kindes am besten entspricht (º 1671 Abs. 2. Nr. 2 BGB n.F.).
 

 

7. OLG München – ºº 1634, 1671 BGB
Beschluss vom 08.05.1996 – 12 WF 712/96
(FamRZ 1997, 45)
 

 

      1. Die Verhinderung des Umgangsrechts kann einen Grund darstellen, die Erziehungsfähigkeit des betreuenden Elternteils zu verneinen.

      2. Soweit Kinder in Sorge- und Umgangsrechtsverfahren nicht bereit sind, sich vom Sachverständigen anhören zu lassen, muss das Familiengericht ggfls. in Anwesenheit des Sachverständigen alle für die Entscheidung notwendigen Anhörungen selbst durchführen, wobei neben der Anhörung des Kindes, der Eltern und des Jugendamtes zum Entwicklungsstand des Kindes insbesondere eine Anhörung des Lehrers, Hausarztes und Verwandter, die mit dem Kind Kontakt pflegen, in Betracht kommt.

    Nachdem fehlende Mitarbeit oder Verhinderung des Umgangsrechts einen Grund darstellen kann, die Erziehungseignung der Antragsgegnerin zu verneinen, muss das Familiengericht aufgrund der Amtsermittlung prüfen, ob die Voraussetzungen für eine -nderung der Sorgerechtsentscheidung nach º 1696 BGB vorliegen.

8. OLG Nürnberg vom 15.06.1998 – 10 UF 441/98

Die elterliche Sorge wird wegen Umgangsvereitelung und dem Beharren der Mutter auf einen unbegründeten Vorwurf des sexuellen Missbrauchs dem Vater übertragen, nachdem sie zunächst die Mutter ausübte.
 
Aus der Entscheidung:
Zur Vermeidung von Wiederholungen nimmt der Senat zunächst Bezug auf das angefochtene Urteil, dem er in vollem Umfang beitritt.
Der Senat ist der Überzeugung, dass das Verhalten der Antragstellerin in der Vergangenheit gezeigt hat, dass sie zur Zeit nicht oder nur erheblich eingeschränkt geeignet ist, die elterliche Sorge für K. zu übernehmen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass zur Eignung der Übernahme einer elterlichen Sorge auch gehört, dass der betreuende Elternteil den anderen Elternteil vom Umgang mit dem Kind nicht ausschliesst. Dies ist jedoch durch die Antragstellerin solange geschehen, der Antragstellerin durch das Erstgericht klargemacht wurde, dass die Gefahr der Fortsetzung ihres Verhaltens besteht, dass die elterliche Sorge dem Antragsgegner übertragen würde. Erst ab diesem Zeitpunkt war die Antragstellerin -nach Überzeugung des Senats sah sie sich dazu gezwungen- bereit, dem Antragsgegner Umgangsrecht mit der Tochter K. einzuräumen. Nachdem der Anragstellerin im Termin vom ….. August 1997 klargemacht wurde, dass das Gericht beabsichtigt, dem Vater die elterliche Sorge zu übertragen, begann die Antragstellerin durch Anfragen bei mehr oder minder kompetenten Stellen gegen den Antragsgegner einen Verdacht des sexuellen Missbrauchs des Kindes auszusprechen. Dies zu einem Zeitpunkt, zu dem durch verschiedene Gutachten bereits dargelegt war, dass ein derartiger Missbrauch mit einer Sicherheit nicht stattgefunden hat, „wie sie in einem strafrechtlichen Verfahren zur Verteilung eines Angeklagten erforderlich wäre“ (vgl. Seite 11 des angefochtenen Urteils). Erst zu diesem Zeitpunkt sah sich die Antragstellerin offenbar veranlasst, diesen Vorwurf Personen mitzuteilen, bei denen sie davon ausgehen musste, dass ihre Mitteilung zumindest zu einem Ermittlungsverfahren gegen den Antragsgegner führen würde.
 
Aus der Entscheidung des Amtsgerichts:
Der Antragsgegner ist uneingeschränkt erziehungsfähig, insbesondere steht zur vollen Überzeugung des Gerichts fest, dass ein sexueller Missbrauch des Kindes durch den Antragsgegner nicht stattfand. Die Bindung zwischen ihm und K. ist von hoher Qualität. Der Antragsgegner ist besser geeignet, die Entwicklung Ks. zu einer gesunden, eigenständigen und selbstbewussten Persönlichkeit zu fördern und ist auch bereit und in der Lage, Eltern- und Kindebene zu trennen und die Bindung Ks. an die Mutter zu akzeptieren. Dem gegenüber ist die Erziehungsfähigkeit der Antragstellerin teilweise eingeschränkt, da sie entweder nicht willens oder nicht in der Lage ist, die Bindung des Kindes zu seinem Vater zu akzeptieren und den Kontakt mit ihm zu fördern. Stattdessen hält sie hartnäckig an ihrer Überzeugung fest, dass ein sexueller Missbrauch Ks. durch den Antragsgegner sehr wahrscheinlich ist und verschliesst die Augen vor objektiven, den Antragsgegner entlastenden Gutachten und Angaben neutraler Zeugen. Ferner überidentifiziert sich die Antragstellerin mit dem Kind. Daher besteht die begründete Gefahr, dass bei K. schwere Entwicklungsstörungen auftreten, falls der Antragstellerin die elterliche Sorge übertragen würde.
 
Die vorgenannten Defizite der Erziehungseignung und -fähigkeit der Antragstellerin wiegen so schwer, dass diese weder durch ihre möglicherweise etwas stärkere Bindung zu K. noch durch den Besitz der Kontinuität aufgewogen werden können, zumal der Antragsgegner ebenfalls eine sehr gute Bindung zu K. hat und diese auch als ihr 1. Lebensjahr im Anwesen des Antragsgegners gebracht hat, wohin sie nunmehr zurückkehren kann.
 
Die zum Teil massiven Verhaltensauffälligkeiten von K. lassen sich zwanglos und naheliegend mit den Konflikten in der Elternebene und dem daraus resultierenden Loyalitätskonflikt Ks. gegenüber der sie betreuenden Mutter erklären.
 
Aufgrund all dieser Umstände besteht die begründete Gefahr, dass K. bei einem Verbleiben bei der Mutter in ihrer Entwicklung schwer geschädigt würde.
Zunächst wäre zu befürchten, dass die Beziehung zum Vater, die bereits gelitten hat, aber aufgrund ihrer hohen Qualität noch erhalten ist, völlig unterbrochen und von der Antragstellerin vernichtet würde. Dieses Aufwachsen ohne den biologischen Vater, einhergehend mit der mangelnden Fähigkeit der Antragstellerin, ausreichend zwischen ihren eigenen Bedürfnissen und denen des Kindes zu trennen, lässt befürchten, dass K. ein sozial auffälliger, von mangelndem Selbstbewusstsein geprägter Mensch werden könnte. Insbesondere aber besteht die begründete Gefahr, dass K. in ihrem späteren Erwachsenenleben nachhaltige Schwierigkeiten haben wird, eine partnerschaftliche Beziehung einzugehen und glücklich zu führen. Dies umso mehr, als dass zu befürchten ist, dass K. von ihrer Mutter weiterhin in der Annahme erzogen wird, dass ihr Vater sie sexuell missbraucht habe.
 
Das Gericht hat bei seiner Entscheidung nicht verkannt, dass die Antragstellerin mittlerweile die bessere Bindung zu K. aufweist und insbesondere der Grundsatz der Kontinuität für ein Verbleiben bei der Mutter spricht. Dies ist in der Tat ein ernstzunehmender und schwerwiegender Gesichtspunkt. Das Gericht hält es auch für wahrscheinlich, dass es nach Vollzug der Sorgerechtsentscheidung zunächst zu einer Verunsicherung Ks. kommen wird. Die Gefahr, aus einer dauerhaften und nachhaltigen Traumatisierung K. ist, durch die Mitnahme der Mutter mit der Folge von Entwicklungsstörungen schätzt das Gericht jedoch wesentlich geringer ein als die o.g. Gefahr, denen K. bei einem Verbleib bei der Mutter ausgesetzt ist.
 
Ähnliche Entscheidungen wurden durch das Bezirksgericht Erfurth -BGB ºº 1691 2, 1671 V; ZPO 620; 3 Zs- Familiensache, Beschluss vom 13.05.1993 -3 WF 164-92 (FamRZ 1994, 921-922) getroffen.
 
Dem OLG Hamburg -BGB 1634, 1671 V, 3. Familiensache, Beschluss vom 02.08.1995 -12 UF 85/94 (FamRZ 1996, 422 – 424) entschieden.


The Parental Alienation Syndrome (PAS)

 

von Ursula O.-Kodjoe * und Dr. jur. Peter Koeppel **

 

 

Gliederung

  • I. Einführung 3.8. Geborgte Szenarien
  • II. PAS aus psychologischer Sicht 4. Diagnostik und Befragung
  • 1. Vom Kontakt zum Kontaktabbruch 5. Therapie- und Interventionsmöglichkeiten
  • 2. Psychodynamik III. PAS im Recht
  • 2.1. Psychodynamik des programmierenden Elternteils 1. PAS in der US-amerikanischen und kanadischen Rechtsprechung
  • 2.2. Psychodynamik der Kinder 2. Weitere Hinweise auf US-amerikanische Rechtsentwicklungen
  • 3. Symptomatik der Kinder 3. Die Beachtung von PAS in der deutschen kindschaftsrechtlichen Praxis
  • 3.1. Zurückweisungs- und Herabsetzungskampagne 4. Gedanken zur Rechtsfortentwicklung
  • 3.2. Absurde Rationalisierungen 4.1. Rechtliche Subsumption von PAS
  • 3.3. Fehlen normaler Ambivalenz 4.2. PAS und das deutsche familienpsychologische Gutachterwesen
  • 3.4. Reflexartige Parteinahme 4.3. Zur Frage einer Pflichtberatung von Eltern bei Trennung / Scheidung
  • 3.5. Ausweitung der Feindseligkeit auf die erweiterte Familie 4.4. Die Anhörung des Kindes/Jugendlichen vor Gericht
  • 3.6. Das Phänomen der „eigenen Meinung“ 4.5. Gemeinsame elterliche Sorge und PAS
  • 3.7. Abwesenheit von Schuldgefühlen IV. Eine Schlussbemerkung

 

 
I. Einführung
 

Was bedeutet Parental Alienation Syndrome (im folgenden PAS)?

 

Pas bedeutet die kompromisslose Zuwendung eines Kindes zu einem -ödem guten, geliebten- Elternteil und die ebenso kompromisslose Abwendung vom anderen -dem bösen, gehassten- Elternteil im Kontext von Sorge- und Umgangsrechtskonflikten der Eltern 1).
Drei Faktoren zusammen bewirken die aggressive Ablehnung und Zurückweisung eines Elternteils und tragen bei zur Entstehung dessen, was Richard A. Gardner 2) bereits 1984 als Parental Alienation beschrieb:
 

  • 1. Die teils bewusste, teils unbewusste Programmierung 3) (Gehirnwäsche, Manipulation) durch den ständig betreuenden Elternteil, die zum Ziel hat, die Liebe des Kindes zum anderen Elternteil zu verstören und diesen aus dem Leben des Kindes zu eliminieren.
  • 2. Vor diesem Hintergrund entstandene eigene Geschichten und Szenarien der Kinder, die damit noch über das Ziel der Manipulationen des programmierenden Elternteils hinausschiessen.
  • 3. -ussere, situative Lebensbedingungen der Familie, wie: Finanzielle Möglichkeiten (Wegziehen mit den Kindern ins Ausland), Unterstützung bei der Programmierung der Kinder durch Angehörige etc.

 

 
Auf der Suche nach einer adäquaten Übersetzung von PAS stiessen die Verfasser auf einige Schwierigkeiten, da alienation 4) nicht nur für das deutsche Wort Entfremdung steht, sondern auch andere Konnotationen wie Distanzierung, Abweisung, Zurückweisung und Abneigung enthält.
Denkbare Bezeichnungen für die Manifestationen der betroffenen Kinder wären:
„Reaktive Eltern-Ablehnung“ bzw. „Induzierte Eltern-Kind-Entfremdung“

 

 
Die Übersetzung mit „Eltern-Feindbild-Sydrom“ ist missverständlich: Es geht nicht um verfeindete Eltern und deren Symptomatik, sondern um Verhaltensweisen von Kindern, die in einem Elternteil ihren erklärten Feind sehen. Dabei handelt es sich auch nicht um die feindselige Ablehnung eines Elternteils, der sein Kind tatsächlich misshandelt oder missbraucht. Die von PAS betroffenen Elternteile sind „normale“ Väter und Mütter, die ihre Kinder lieben und von ihren Kindern geliebt wurden. Die Zurückweisung gilt demjenigen Elternteil, mit dem das Kind nicht mehr in häuslicher Gemeinschaft lebt, der nicht- oder gemeinsam sorgeberechtigt ist und das Recht auf Umgang hat(te).
Auf die (umstrittene) Verwendung des Begriffes „Syndrom“ als einem Komplex von Einzelsymptomen, der ein typisches Krankheitsbild ergibt, soll hier nicht näher eingegangen werden. Der vorliegende Artikel hat die Darstellung der Inhalte zum Gegenstand, die Diskussion der Begrifflichkeiten würde seinen Rahmen sprengen. Daher einigten sich die Verfasser, es vorerst bei dem international gebräuchlichen „PAS“ zu belassen.
Als Standardwerk für PAS gilt Richard A. Gardner: The Parental Alienation Syndrome – A. Guide For Mental Health and Legal Professionals, 1992 5). Bei einem persönlichen Gespräch mit Dr. Gardner anlässlich einer Internationalen Kinderrechte-Konferenz in Atlanta, 1994, erklärte er der Verfassern, in Deutschland bestehe offenbar kein grösseres Interesse an seinem Werk, daher sei es bislang auch nicht übersetzt worden.
Während Gardner als der Wortschöpfer des Begriffs Parental Alienation Syndrome gilt, findet sich zu PAS in der amerikanischen Fachliteratur eine Fülle von Büchern sowie insbesondere von Veröffentlichungen in Fachzeitschriften.
Aus der psychologischen Fachliteratur sind hervorzuheben: Cartwrigth 6) und Dunne *** & Hendrick 7). Neben Gardner besonders erwähnenswert sind die Buchautoren Stahl 8) und Bricklin 9). Zahlreiche Veröffentlichungen sind in Koautorenschaft von Psychologen oder Psychiatern und Familienrechtspraktikern entstanden und teilweise in juristischen Publikationen erschienen 10). PAS gilt, wie unten dargelegt, vor amerikanischen Familiengerichten als anerkannt.
Umsomehr erstaunt es, dass das erwähnte Werk von Gardner oder der Begriff des Parental Alienation Syndrome in Deutschland bisher so gut wie unbekannt sind. Die Verfasser konnten trotz eifriger Suche und Kenntnis vieler Sachverständigengutachten weder in fachpsychologischen Aufsätzen noch in Literaturangaben zu Gutachten 11) einen Hinweis auf die amerikanischen PAS-Forschungsergebnisse finden. Einzig Klenner 12) gibt in seiner lesenswerten 13) Abhandlung zu den Umgangsvereitelungsritualen einen Literaturhinweis auf Gardner 14).
 

 

II. PAS aus Psychologischer Sicht

 

 
1. Vom Kontakt zum Kontaktabbruch
 

Das Phänomen ist allen scheidungsbegleitenden Professionen bestens bekannt: Zu Beginn der Familientrennung funktioniert der Umgang mehr oder weniger gut, der nicht betreuende Elternteil sieht sein Kind ein paar Mal, plötzlich treten (un)merklich Umgangsstörungen auf. Das Kind ist immer öfter an den Umgangswochenenden krank und kann nicht, Kindergeburtstage an diesen Wochenenden häufen sich. Immer mehr Termine fallen aus und werden nicht nachgeholt. Diese Störungen werden für die Kontinuität der Beziehung mit dem nicht betreuenden Elternteil allmählich bedrohlich, sie nehmen die Form massiverer Umgangsbehinderungen an.
 

Attraktive Konkurrenzangebote werden vom betreuenden Elternteil gemacht, langgehegte Kinderwünsche just an diesen Tagen erfüllt, lieber Besuch eingeladen. Die Kinder geraten in Konflikt. Sie identifizieren sich mit den Bedürfnissen desjenigen, mit dem sie zusammenleben; die Angst, diesen Elternteil zu verlieren, macht sich breit. Findet der Umgang weiterhin statt, wenn auch nicht mehr unbelastet, dann werden andere Mittel eingesetzt, um die alleinige Verfügungsgewalt über das Kind zu erreichen: Um die Umgangsverhinderung voranzutreiben, wird der nichtbetreuende Elternteil für Schulprobleme, körperliche Symptome, Trennungsreaktionen verantwortlich gemacht, sie werden als Argumente gegen den Umgang des Kindes mit ihm benutzt. Erzieher und Lehrer werden instrumentalisiert und zu Bündnispartnern. Die angebotene Lösung heisst: Es muss Ruhe einkehren, der Umgang muss 3 Monate (1/2 Jahr, 1 Jahr) ausgesetzt werden. Ist dieses Ziel erreicht (und es wird allzu oft erreicht!), vollzieht sich während der verordneten Beziehungspause der Kontaktabbruch häufig „fast von selbst“. Die Argumentation lautet dann: Die Beziehung ist abgerissen, die Bindung besteht kaum mehr, ein oder zwei Wiederannäherungsversuche erweisen sich als erfolglos. Häufig haben die Kinder die Beziehung mittlerweile resigniert aufgegeben, sie sind zerrieben durch den Streit, den sie nicht mehr ertragen und vor dem sie tatsächlich endlich Ruhe haben wollen. Die Flucht in bessere, schönere Phantasiewelten kann hier ihren Ursprung haben.
 

Zur Besiegelung und rechtlichen Absicherung des Kontaktabbruches werden in hoch konflikthaften Fällen die „unfehlbaren“ Argumente als letzte Karte ausgespielt: Kindesmisshandlung oder sexueller Kindesmissbrauch. Keine der involvierten Professionen kann und darf diesen Verdacht ignorieren. Fatal für die Eltern-Kind-Beziehung ist jedoch, dass auch bei noch so eindeutigen Glaubwürdigkeitsgutachten, die den Vorwurf als unhaltbar aufdecken, die Chancen des fälschlich Verdächtigten auf einen normalen Umgang mit seinem Kind äusserst gering sind.
 

Die Reaktionen von Kindern und Jugendlichen zeigen sich je nach Alter und Entwicklungsstand: Verhaltensstörungen, Leistungsstörungen und Entwicklungsstörungen sind zu verstehen als verzweifelte Bewältigungsversuche und Appelle der betroffenen Kinder.
 

Wenn der Umgang zum Problem wird, werden Kinder -gleich welchen Alters- damit konfrontiert. Je jünger, desto suggestibler und beeinflussbarer sind sie. PAS wurde bei Kindern ab dem 2. Lebensjahr bis zur Volljährigkeit diagnostiziert. Die Folgen der Traumatisierung reichen bis weit ins Erwachsenenalter hinein.
 

Das Kontinuum von Umgangskonflikten geht von leichten Störungen am Anfang bis zum zielgerichtet betriebenen Kontaktabbruch am Ende. An fast jeder Stelle dieses Kontinuums kann PAS einsetzen und durch die aktive Ablehnungshaltung der Kinder den Prozess beschleunigen. Dadurch, dass sie von einem Elternteil auf dessen eigene destruktive Gefühle eingeschworen sind, werden sie zu Komplizen einer ungerechtfertigten Kampagne von Verleumdungen, Verunglimpfungen und Entwürdigungen gegen den anderen Elternteil. Die Gehirnwäsche ist dabei so umfassend und „kindgerecht“, dass die ihr unterzogenen Kinder eigene Energien mobilisieren und die Ablehnung des Zielobjekts zusätzlich „auf ihre Weise“ betreiben.
 

In etwa 90 % der Fälle von PAS programmiert die betreuende Mutter das Kind, in den restlichen 10 % programmiert der Vater gegen die Mutter. Plötzlich und ohne ersichtlich, triftigen Grund weigert sich ein Kind, einen Elternteil (jemals) wiederzusehen. Trotz bestehendem Umgangsrecht scheint „nichts zu machen“ zu sein. Zur bekannten Argumentation „Wenn die Mutter nicht will….“ gesellt sich „Wenn das Kind nicht will ….“ Sozialpädagogen von Jugendamt/ASD, Familienrichter und Sachverständige kapitulieren früher oder später nun auch vor diesen eindrucksvollen Demonstrationen des vermeintlichen Kindeswillens 15).
 

 

Folgende Fragen sind zu stellen:

  • Wodurch ist das Kind so traumatisiert, dass es dieses Verhalten zeigt?
  • Was ist zu tun, um weitergehende Schädigungen zu verhindern?
  • Wie kann die Beziehung des Kindes zum abgelehnten Elternteil wiederhergestellt werden?
  • Wie kann gegen weitere traumatisierende Manipulationen eines Elternteils vorgegangen werden?
      
    2. Psychodynamik
     

    2.1. Psychodynamik des programmierenden Elternteils
     

    Trennung und Scheidung stehen nach dem Tod eines Kindes an zweiter Stelle traumatisierender Lebensereignisse. Die Statistik zeigt, dass auch bei relativ friedlich verlaufenden Trennungen die Beteiligten 3 bis 5 Jahre brauchen, bis sie die Krise überwunden haben. Wie jede Lebenskrise, so rührt auch die Scheidung unbewältigte Gefühle und Themen aus der Vergangenheit (vor der Ehezeit) auf. Diese Gefühle addieren sich zu den gegenwärtigen und erklären die Intensität des emotionalen Erlebens und Verhaltens. Verteidigung der primären Bindung
     

    Eltern, die ihre Kinder gegen den anderen programmieren, handeln primär aus der panischen Angst heraus, auch die Kinder zu verlieren. Um diesem zu entgehen, bilden sie zusammen mit ihren Kindern eine enge Koalition, zu der niemand anderer Zugang hat: „Wir gegen den Rest der Welt“. Die daraus entstehende Eltern-Kind-Bindung ist naturgemäss stärker als alle anderen Bindungen der Kinder, aber sie ist eine pathogene Angst-Bindung, die Ausschliesslichkeit fordert. Die daraus resultierende overprotectiveness, die Überbehütung, die im Gewand inniger Liebe, Besorgnis und Aufmerksamkeit für das Kind daherkommt, verbirgt nur unvollkommen die egoistische Komponente des ausschliesslichen Besitzanspruchs. Ein inhärenter Bestandteil von PAS ist die „folie a deux“, in die ein Elternteil das Kind zu seinem und dem Schaden des anderen Elternteils verwickelt, und zu der das Kind eigene Beiträge beisteuert.
     

    Unbezähmbarer Ärger und Wut auf den verlorenen Partner können in Form einer Reaktionsbildung dazu dienen, nicht eingestandene Liebesgefühle zu bewältigen, die bei dem verlassenen Partner (uneingestanden) noch immer lebendig sind und nach Ausagieren drängen. Nach aussen werden alle Manöver im Namen der Liebe zu den Kindern produziert – wirkliche Liebe zu den Kindern achtet jedoch immer auch die anderen Bindungen und Beziehungen der Kinder in ihrem Leben, vor allem die zu seinem abwesenden anderen Elternteil. Mit Hilfe der Projektion können dem anderen Elternteil die eigenen Anteile am Scheitern der Ehebeziehung angelastet werden. Sie müssen damit bei sich selbst nicht gesehen, eingestanden und bearbeitet werden. Während der aktuellen Krisenzeit hat der Abwehrmechanismus der nachehelichen Projektion entlastende Funktion und schützt das beschädigte Selbstwertgefühl. Im Lauf der persönlichen Weiterentwicklung kann die eigene Realität überdacht und korrigiert werden. Bei PAS wird die Projektion jedoch nicht nur aufrechterhalten, sondern darüber hinaus auf die Kinder ausgedehnt. „Du bist an allem Schuld, Papa.“ eine paranoide Projektion liegt da vor, wo entgegen aller realen Gegebenheiten eigene uneingestandene, unerlaubte Wünsche und Strebungen auf den anderen projiziert und in ihm mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpft weden. Folgerichtig finden sich bei PAS häufig falsche Anschuldigungen sexuellen Missbrauchs, die der programmierende Elternteil gegen den anderen erhebt.
     

    Die normale Verarbeitung der emotionalen Turbulenzen bei einer Trennung, wie Trauerarbeit, Angstbewältigung, Verstehen, Verzeihen und die Schaffung einer neuen Basis von Respekt und Vertrauen findet bei programmierenden Eltern nicht statt.
     

    Im folgenden sind deren spezifische Reaktionen schematisch dargestellt; die Übergänge sind fliessend:
     
    Emotionales Erleben bei Trennung und Scheidung 16) Programmierende Eltern
     

    Trennung, Ängste bis Panik, Ausgrenzende Bindung an Kinder, ausschliesslicher Besitzanspruch,
    Verlust, Verlassenheit, Trauer und Zorn bis Depression, Aggression, Overprotectiveness aus 
    eigener Bedürftigkeit, Reaktionsbildung, Unerfüllte Erwartungen, Enttäuschung, Verletzungen 
    bis Wut, Rachsucht, Nacheheliche Projektion, die die Kinder mit einbezieht, Ausagieren, 
    Wettstreit, Rivalität, Egoismusbis, Habgier, Machtkampf, Erpressungsmanöver, Gegnerschaft, 
    Misstrauen bis Paranoia 17), Paranoide, Projektion, Destruktion, Hass, ...
    

     

     

    2.3. Psychodynamik der Kinder
     

    Die Fähigkeit, zwischen verschiedenen mentalen „Bildern im Kopf“ zu unterscheiden, beginnt mit ca. 3 Jahren und ist mit dem 10. Lebensjahr voll ausgebildet. Bis dahin können Kinder nicht zuverlässig unterscheiden zwischen 1. eigener Wahrnehmung, 2. eigenen Phantasien und 3. Geschichten, die ihnen jemand erzählte. Dieser Entwicklungsprozess der Realitätsprüfung 18) wird nachhaltig gestört, wenn die Diskrepanzen zwischen dem, was das Kind wahrnimmt und dem, was ihm erzählt wird, nicht bemerkt und aufgelöst werden dürfen. Erfundene Gefahren und unwahre Behauptungen über den anderen Elternteil nehmen einem Kind das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung, die ganz anders ist: Bis jetzt hatte sich Sarah nie vor dem Vater gefürchtet und die Zeit mit ihm immer sehr genossen….
     

    Nun spürt sie den Zwang, die falsche Realität anzunehmen, um die Beziehung zur Mutter nicht aufs Spiel zu setzen, mit der sie tagtäglich zusammenlebt. Daher wird sie ihre Realitätsprüfung aufgeben, sie ist gezwungen, sich die irrealen, manipulativen Geschichten zu eigen zu machen, um die Verlustangst zu bewältigen. Von nun an ist der Vater „irgendwie gefährlich geworden“. Der als gut erfahrene Vater wird jedoch im Kind nicht gelöscht, sondern dissoziiert, d.h. abgespalten. Es kommt innerhalb der Psyche des Kindes zu Spaltungsmechanismen.
     

     

    Verlustangst

     

    Nach den Erfahrungen der Elterntrennung mit oftmals jahrelangen Streitereien und mit Auszug eines Elternteils, ist das Kind beherrscht von der Angst, nun auch den anderen zu verlieren. Kinder erleben das in etwa so: „Die Mutter hat den Vater weggeschickt; wird sie mich auch wegschicken?“ oder „Der Vater ist gegangen; wird die Mutter eines Tages auch gehen?“ Das Kind schlägt sich aus Sicherheitsbedürfnis und Abhängigkeitsgründen auf die Seite dessen, mit dem es lebt. Zu annähernd 90 % ist dies die Mutter. Ist es deren Intention, den Vater auszugrenzen, so hat sie relativ leichtes Spiel. Je jünger das Kind, desto schneller ergreift es ihre Partei. Dadurch wird das Kind zumindest vorübergehend und oberflächlich aus der Unerträglichkeit des Loyalitätskonflikts befreit.
    In einer späteren Entwicklungsphase und mit zunehmender Fähigkeit der Realitätsprüfung wird der Loyalitätskonflikt jedoch tiefer und traumatisierender. Es entwickeln sich heftige Schuldgefühle, die therapeutisch ausserordentlich schwer zugänglich sind. Traumatisierungen, die auf realen Ereignissen basieren, sind therapeutisch über Erinnerung und Durchleben aufzulösen. Dieser therapeutische Ansatz ist jedoch bei programmierten Traumatisierungen, die reales mit irrealem vermischen, wenig erfolgreich 20).

     

    Zur eigenen Sicherheit: Identifikation mit dem Aggressor

     

    Kinder sind im gegnerschaftlich ausgetragenen Elternkonflikt in einer schwachen, machtlosen Position. Um sich stärker zu fühlen, bietet es sich an, die Position der vermeintlich stärkeren Elternteils mit einzunehmen. Dies geschieht auch zur Abwehr der starken -ngste, die dieser im Kind auslöst. Die Person, die unablässig gegen den anderen Elternteil agiert, wird unterstützt, um nicht selbst zur Zielscheibe ihres unberechenbaren Zorns zu werden.
     

     

    Tolerierte Form der Spannungsabfuhr

     

    Elterntrennung ist mit angstmachenden und zutiefst frustrierenden Erfahrungen verbunden, Verunsicherung, Nichtverstehen, Verlassenheit lösen bei Kindern Gefühle von Traurigkeit, Einsamkeit, Wut und Zorn aus. Die Entwicklung eines PAS kann dazu dienen, die aufgestauten Gefühle gegen den anderen Elternteil abzureagieren. Diese kanalisierte Form wird vom betreuenden Elternteil nicht nur erlaubt, sondern geradezu herausgefordert.
    Hier liegt eine der Quellen der „eigenen Geschichten“, die Kinder zusätzlich produzieren und für die sie auf die eine oder andere Weise belohnt werden.
     

     

    Übertragung von Emotionen

     

    Emotionen wirken ansteckend. Kinder, die in einem Klima leben, das vor Ablehnung und Wut gegen einen Elternteil „vibrieren“, übernehmen diese Einstimmung sehr schnell. Sie agieren die vermittelten Gefühle aus, ohne zu wissen, warum sie so aufgeladen sind.
     

     

    3. Symptomatik der Kinder

     

    Das nachfolgende Beispiel verdeutlicht die aufgelisteten Symptome 21).
    Daniel (10) und Sarah (6) kommen mit ihrem Vater von einem Ferienaufenthalt zurück, den alle drei sehr genossen hatten. In der Nacht entbrennt ein Streit zwischen den Eltern. Die Mutter holt die Kinder aus den Betten und verlässt mit ihnen das Haus der Familie. Der Vater sieht beide Kinder noch einige Male vor Gericht und beim Therapeuten – sonst nicht mehr. Die Kinder weigern sich, ihn weiterhin zu besuchen. Sie steigen nicht aus dem Auto der Mutter aus, die demonstrativ vorfährt, um dem Vater deren Widerstand vorzuführen.
    Die Kinder beschuldigen den Vater, er sei ein Dieb, ein Lügner und ein Betrüger. Er hat keine Chance, nachzufragen, zu erklären, richtigzustellen, denn seine Kinder weigern sich, am Telefon mit ihm zu sprechen. Sie weigern sich, ihre Grosseltern zu besuchen, bei denen sie häufig und gerne das Wochenende verbracht hatten. Päckchen und Briefe des Patenonkels (Freund des Vaters) werden kommentarlos zurückgeschickt.
    Diese beiden Kinder zeigen Symptome des PAS-Syndroms. Sie haben in weniger als vier Wochen eine Entwicklung durchlaufen, die in der totalen, feindseligen Ablehnung des Vaters samt seiner Familienangehörigen und Freunde mündet.
    Die Manifestationen von PAS variieren in Stärke und Ausprägung. Nicht jedes Kind zeigt alle der aufgelisteten Symptome. Es wird zwischen schwacher, mittelstarker und starker Kategorie unterschieden, deren Abgrenzung vor allem für die angezeigten therapeutischen und rechtlichen Interventionen von Bedeutung ist. Je mehr der genannten Symptome ein Kind aufweist, desto erfolgreicher war die Programmierung und desto stärker ist die Ausprägung von PAS einzustufen.
     

     

    3.1. Zurückweisungs- und Herabsetzungskampagne

     

    Symptomatisch ist die fast vollständige Ausblendung früherer, schöner gemeinsamer Erfahrungen mit dem abgelehnten Elternteil. Es ist, als ob dieser Teil der kindlichen Geschichte niemals existiert hätte. Der Vater wird ohne grosse Verlegenheit und ohne Schuldgefühle zur Unperson gemacht:
     

    Ich hasse ihn und ich will ihn in meinem ganzen Leben nie wieder sehen.
     

    Über eine liebevolle Mutter wird ohne Zögern gesagt:
     

    Sie ist gemein und dumm und es ist mir egal, ob ich sie wiedersehe.
     

    Die Ablehnung versetzt die Kinder in grosse innere Spannung, daher spulen sie bei Befragung ihr Programm gebetsmühlenartig ab. Der Vater wird als zunehmend gefährlich eingestuft, es wird ihm „alles zugetraut“, auch dass er für das körperliche und psychische Wohlbefinden von Mutter und Kindern eine ernste Bedrohung darstellt. Auf Befragen können Kinder in aller Regel nicht konkretes erzählen und verschanzen sich hinter einem unumstösslichen: „Das ist so. Ich weiss es.“ In erpresserischer Weise werden Bedingungen an den Umgang geknüpft, die nicht aus der Wunschliste von Kindern stammen: „Wenn Du uns mehr Geld gibst, dann….“ Zuweilen wird dieses Verhalten auf Befragende ausgedehnt, sie sollen versprechen, das Kind vor dem abgelehnten Elternteil zu schützen, es nicht mehr zu ihm gehen lassen.
    Im gewählten Beispiel liess sich Daniel vom Gutachter versprechen, dass seine Mutter auf alle Fälle das Sorgerecht behalten würde. Erst danach war er überhaupt zur Zusammenarbeit bereit.
     

     

    3.2. Absurde Rationalisierungen

     

    Die Kinder produzieren für ihre feindselige Haltung irrationale und absurde Rechtfertigungen. Alltägliche bis triviale Ereignisse werden herangezogen, häufig unterstützt vom programmierenden Elternteil.
     

    Er hat immer so laut gekaut“ oder „Sie will immer, dass wir sagen, wozu wir Lust haben„. Richtigstellungen von Ereignissen oder Korrekturen von Fehlinformationen können von den Kindern nicht angenommen werden. „Papa sagt, es stimmt nicht, was Mama sagt. Ich will ihn nicht mehr sehen.“ Die Liebe und das Interesse von Eltern wird ignoriert und gegen sie umgedeutet: „Mama kam zum Schultheater, aber sie sollte das nicht.“ Bei Daniel wurde aus einer schulpsychologisch angezeigten Untersuchung wegen Legasthenie: „Der Papa hat ein Attest geschrieben, dass wir geistig behindert sind“. Dem wurde von der Mutter nicht widersprochen.
     

     

    3.3. Fehlen normaler Ambivalenz

     

    Jede menschliche Beziehung ist ambivalent und Eltern-Kind-Beziehungen machen da keine Ausnahme. Gemischte Gefühle haben bei PAS-Kindern jedoch keinen Raum. Ein Elternteil ist nur gut, der andere ist nur schlecht. Diese Kinder sind nicht in der Lage, aufzuzählen, was sie an ihren beiden Eltern gut finden und was weniger gut. Sie beten eine lange Litanei von positiven, lieben und guten Eigenschaften des einen und eine Liste von negativen, bösen und schlechten Eigenschaften des anderen herunter. In diese Rubrik gehört auch die zuvor genannte Amnesie aller schönen gemeinsamen Erlebnisse. Das Symptom mangelnder Ambivalenz ist eine typische Manifestation von PAS – hier ist die Hellhörigkeit des Befragenden angezeigt.
     

     

    3.4. Reflexartige Parteinahme

     

    Bei Anhörung der ganzen Familie fällt auf, dass die Kinder reflexartig für den programmierenden Elternteil Partei ergreifen, spontan, ohne weitere Überlegungen und ohne Einwände beachten zu können. Häufig geschieht dies noch bevor dieser überhaupt etwas sagt. Wenn einmal feststeht, dass der Vater ein Lügner ist, dann kann er berichtigen, solange er will. Konkrete Ereignisse werden einfach nicht erinnert: „Ich kann mich gerade nicht erinnern; aber ich weiss ganz sicher, dass er lügt“.
     

     

    3.5. Ausweitung der Feinseligkeit auf die erweiterte Familie

     

    Grosseltern, Verwandte und Freunde des abgelehnten Elternteils werden in die aggressive Zurückweisung einbezogen mit den gleichen Rationalisierungen wie oben beschrieben. Familienangehörige sind in einer ausweglosen Lage: Versuchen die Grosseltern, zwischen ihrem Sohn/ihrer Tochter und dem Enkelkind zu vermitteln, wird ihnen Einmischung vorgeworfen und sie werden abgelehnt – halten sie sich vorsichtig heraus, so wird ihnen das zum Vorwurf gemacht und als Grund für die Zurückweisung benutzt.
    Im Fall Daniel wurden Grosseltern, Patenonkel, alle anderen Familienangehörige und die Freund des Vaters von dem 10-jährigen selbst von der Kommunionsfeier explizit ausgeladen.
     

     

    3.6. Das Phänomen der „eigenen Meinung“

     

    Viele PAS-Kinder wissen schon mit 3 bis 4 Jahren, dass alles, was sie sagen, ausschliesslich ihre eigene Meinung ist und sie betonen dies auch ständig. Die programmierenden Eltern zeigen sich besonders stolz auf ihre unabhängigen Kinder, die sich über alles eine eigene Meinung bilden und mutig genug sind, diese auch zu äussern. Oftmals fordern sie die Kinder vehement auf, die „Wahrheit“ zu sagen. Die erwartete Antwort kommt mit Sicherheit, denn kein Kind kann den Zorn und die Enttäuschung des betreuenden Elternteils riskieren. An diesem Punkt zeigt die Programmierung ihre grössten Erfolge: die Kinder haben verlernt, ihrer eigenen Wahrnehmung zu trauen und sie zu benennen. Die gegensätzlichen Botschaften, die sie erhalten (doeblebind) können sie nicht erkennen und nicht auflösen. Die verbale Aufforderung: „Geh mit Deinem Vater/Deiner Mutter“, widerspricht der nonverbalen „Wenn Du mich liebhast, dann bleibst Du bei mir“. Diese wird sehr viel stärker aufgenommen und wird vermittelt in Mimik, Gestik, Körperhaltung, Stimmlage, Sprechgeschwindigkeit, Lautstärke und Tonhöhe. Der Vorteil dieser Kommunikationsform ist, dass sie äusserst wirksam, also erfolgversprechend – jedoch kaum nachweisbar ist. Da zumindest Teile davon unbewusst und automatisch ablaufen, ist es müssig, via Appell an die Einsicht des manipulierenden Elternteils dieses Verhalten verändern zu wollen. Die Vehemenz, mit der die verwirrten auf ihrer „eigenen Meinung“ bestehen, macht die Problematik der landläufigen Erforschung des Kindeswillens an dieser Stelle überdeutlich.
     

     

    3.7. Abwesenheit von Schuldgefühlen

     

    PAS-Kinder sehen nichts Falsches darin, einen Elternteil hemmungslos abzulehnen und zu verunglimpfen. Gleichzeitig stellen sie Forderungen nach finanzieller Unterstützung, nach besonderen Zuwendungen und Geschenken und empfinden dies als ihr gutes Recht. Dankbarkeit zeigen sie nicht. Nur bei sehr kleinen Kindern ist dieses Verhalten mit kognitiver Unreife zu erklären, bei grösseren handelt es sich wohl eher um „Lernen am (elterlichen) Modell“ im Sinne von: Geschieht ihm/ihr ganz recht, er/sie hat es nicht anders verdient.
     

     

    3.8. Geborgte Szenarien

     

     

    PAS-Kinder beziehen aus der Erwachsenenwelt und der Erwachsenensprache den Stoff für ihre Ausführungen. Es handelt sich hier um die Übernahme geborgter Szenarien. Meist genügt die aufmerksame Nachfrage: „Was meinst Du damit?“ um festzustellen, dass das Kind keine Ahnung hat, wovon es spricht. Schulkinder, die sich darüber beschweren, dass ihre Mutter versucht, sie mit Geschenken und Spielsachen zu „bestechen“, werden Mühe haben, dies näher zu erklären.
    Ein Elternteil, der am Telefon regelmässig aufschreit: „Hör auf, uns zu belästigen.“ gibt die Vorlage für das Kleinkind, das sich auf Befragen dann „belästigt“ fühlt. Kinder, die einen Elternteil als Betrüger etc. beschuldigen, sollten nachdrücklich aufgefordert werden, die von ihnen benutzten Begriffe zu definieren und Beispiele aus ihrem eigenen Erleben (mit dem Betrüger) dazu zu erzählen.
     

     

    4. Diagnostik und Befragung

     

    Die nachfolgenden Punkte zum Erkennen von PAS gelten sowohl für die richterliche Anhörung als auch für die Evaluation durch einen Sachverständigen.
     

    Voraussetzung für eine zielführende Evaluation, die die Interessen des Kindes, seine psychische Unversehrtheit und seine Rechte auf ungehinderten Umgang mit beiden Elternteilen wahrt, ist eine adäquate (richterliche) Fragestellung.
     

    Es geht darum, zu ergründen, worauf die massive Ablehnung eines Elternteils durch sein Kind zurückzuführen ist.
     

    Den Eltern muss vermittelt werden, dass sie sich nicht ohne Konsequenzen entziehen können, weder der Befragung durch den Richter, noch den Untersuchungsbedingungen des Sachverständigen. Ein Elternteil, der sich weigert, das Kind zu einem gemeinsamen Treffen mit dem anderen mitzubringen, gibt dadurch wichtige Anhaltspunkte; auch für das Vorliegen von PAS.
     

    Ein häufig vernachlässigter Punkt bei der Befragung und Anhörung von Kindern sind die Umgebungsbedingungen. Derjenige Elternteil, der die Kinder bringt, „steuert“ die Anhörung, je näher er sich räumlich aufhält, umso intensiver. Daher sollten die Bedingungen so beschaffen sein, dass die Eltern möglichst das Gebäude verlassen, in dem die Kinder befragt werden. Ansonsten bietet es sich an, das Kind einmal zu befragen, wenn es von der Mutter und einmal, wenn es vom Vater gebracht wird. Ein Vergleich der Ergebnisse kann wichtige Informationen liefern. Desgleichen eine dritte Befragung kurz vor dem Familieninterview, d.h. während beide Eltern sich im Wartezimmer aufhalten. Häufigere Interviews mit einem dann schon vertrauten Gegenüber sind für Kinder umso angezeigter, je jünger sie sind.
     

    Nach der Aufwärmphase mit unverfänglichen Fragen an das Kind zur Reduktion von Spannung, Angst und Abwehr (Name, Alter, Adresse, Schule etc.) ergeben sich weitere Fragen, bzw. insbesondere Nachfragen aus den Symptomen von PAS, wie oben beschrieben.
     

    Der Schwerpunkt der Befragung liegt auf der Verhaltens- und Interaktionsbeobachtung aller Beteiligten. Einzelgespräche mit beiden Eltern, mit jedem Kind allein, Gespräche mit Kind und jedem Elternteil allein, ein Elterngespräch sowie ein Familiengespräch sind die Mindestanforderungen, um PAS zu diagnostizieren. Geschwister werden nicht zusammen befragt, da sie sich gegenseitig beeinflussen, meist übt ein älteres Kind auf die jüngeren Druck aus, sich in einer bestimmten Weise (oder gar nicht) zu äussern. Diskrepanzen zwischen den Kinderaussagen können schliesslich Aufschluss geben über reale oder phantasierte Ereignisse.
     

     

    5. Therapie- und Interventionsmöglichkeiten

     

    Nach bisherigen Erfahrungen beschränken sich die Therapiemöglichkeiten von PAS-Familien auf die Familientherapie. Diese kann erfolgreich sein, vorausgesetzt alle Familienmitglieder nehmen daran teil. Einzeltherapien haben sich als wenig effizient erwiesen und konnten die Dysfunktionalität das PAS-Familien nicht aufheben. Programmierende Eltern sind weder Unmenschen noch von Natur aus bösartig. Sie haben die Lebenskrise Scheidung (und davorliegende Krisen) pathologisch verarbeitet und nehmen nicht wahr, was sie tun. Da sie die verheerenden Verletzungen nicht sehen, die sie bei ihren Kindern anrichten, sehen sie auch nicht die Notwendigkeit, Hilfe in Form von Beratung und/oder Therapie in Anspruch zu nehmen. Als erste Wahl erscheint bei Verdacht auf PAS die Aussetzung des Verfahrens mit der Aufforderung zur Familientherapie. Solange jedoch die richterliche Aufforderung zur Therapie als „Zwangstherapie“ in Deutschland abgelehnt werden kann, solange es keine Beratungsverpflichtung für betroffene Eltern gibt, besteht wenig Aussicht auf eine Verbesserung der Lage der Kinder mit PAS. Hier liegt die Aufgabe und Verantwortung aller Scheidungsbegleiter, die sich dem Wohl des Kindes verpflichtet haben. Oftmals erscheint es als die bequemste Lösung, dem Willen des Kindes nachzugeben, zumal er sich so überzeugend äussert. Damit lassen sich jedoch auch Richter, Sozialpädagogen und Sachverständige in das dysfunktionale System des programmierenden Elternteils einbinden und erweitern die „folie Ó 2“ zu einer „folie Ó 3, 4 etc.“. Das gilt es mit geeigneten Massnahmen zu verhindern. Ein gerichtlich angeordneter (und durchgesetzter!) Umgang verschafft den Kindern die Nische, die sie brauchen: sie müssen zum abgelehnten Elternteil gehen, sie verraten den geliebten Elternteil nicht.
     

     
    Im Gegenteil, sie wenden die Gefahr empfindlicher Konsequenzen für ihn ab 22). Bei schweren Ausprägungen von PAS hat die Praxis gezeigt, dass die Übertragung des Sorgerechts auf den abgelehnten Elternteil und die Herausnahme des Kindes aus der programmierenden Umgebung nach kurzer Zeit zu einer Normalisierung der Eltern-Kind-Beziehung führt und ein grosszügiger Umgang mit dem (vormals) programmierenden Elternteil möglich wird.
     

    Eine solche Entscheidung setzt jedoch bei allen am Verfahren beteiligten Berufsgruppen die Kenntnis von PAS voraus. In hoch konflikthaften Fällen wäre der persönliche Austausch aller Entscheidungsträger und -mitträger dabei dem Schriftwechsel entschieden vorzuziehen. Das Konzept der disziplinübergreifenden Zusammenarbeit am runden Tisch existiert seit langem auch hierzulande 23). Es müsste nur flächendeckend umgesetzt werden.
    Die Ablehnung von Vater oder Mutter ohne triftigen Grund ist den Bedürfnissen eines jeden Kindes diametral entgegengesetzt. Kinder brauchen beide Eltern für eine gesunde psychische und physische Entwicklung. Diese Forschungsevidenz ist mittlerweile Allgemeinwissen. Kinder -auch Kinder mit PAS- lieben beide Eltern und wollen beide Eltern lieben dürfen. Unter der aufgezwungenen Ablehnung lebt die Liebe des Kindes und die Sehnsucht nach dem anderen Elternteil weiter.
     

     

     

    III. PAS im Recht

     

     

    1. PAS in der US-amerikanischen und kanadischen Rechtsprechung

     

    PAS hat schon vor Jahren in die Rechtsprechung sowohl US-amerikanischer als auch kanadischer Gerichte wie auch Obergerichte in Sorge- und Umgangsrechtsverfahren Eingang gefunden 24).
    Von besonderem Interesse sind folgende Gerichtsentscheidungen:
     

        1. Schutz v. Schutz, District Court of Appeal of Florida vom 09.02.1988 25). Die erstinstanzliche Verpflichtung der Mutter, alles in ihren Kräften stehende zu tun, um die in ihrer Obhut befindlichen Kinder in Liebe zu ihrem Vater zu erziehen, verletzt nicht die Verfassungsrechte (First Amendment) der Mutter.
        2. Berufungsgericht der Provinz Quebec vom 17.11.1994, No: 200-09-00440-948 (200-112-042928-904): Das Gericht bezieht sich ausdrücklich auf das o.g. Werk von R. Gardner sowie auf A.F. Goldwater „Le syndrome d`alienation parentale dans Developpements recents en droit familial (1991)“ und gibt eine klare Definition von PAS. Inhaltlich wird eine erstinstanzliche Sorgerechtsentscheidung bestätigt, welche wegen Vorliegens von PAS das Sorgerecht von der Mutter auf den Vater übertrug 26).

     

     
    Auch aus Grossbritannien 27) liegen Urteile zweiter Instanz vor, welche nach Feststellung von PAS bei Scheidungskindern mit harten Konsequenzen gegen den programmierenden Elternteil entschieden haben.
     

    2. Weitere Hinweise auf US-amerikanische Rechtsentwicklungen 28).

     

    PAS spielt eine erhebliche Rolle in der Fortentwicklung des US-amerikanischen Familien- bzw. Kindschaftsrechts 29).
     

    • In Florida bestimmt das Umgangsdurchsetzungsgesetz von 1996 Massnahmen zur Durchsetzung eines freien und häufigen Umgangs: verhinderter Umgang muss zu dem Zugangsberechtigten genehmen Zeiten nachgeholt werden. – Umgangskosten können dem Sorgeberechtigten auferlegt werden, wenn die Entfernung mehr als 100 km beträgt. – Ein Wechsel des Sorgerechts bzw. des Hauptwohnortes des Kindes kann angeordnet werden. – Übernachtbesuche können nicht aus Gründen des Alters oder Geschlecht des Kindes abgelehnt werden. – Bei Umgangsvereitelung können die Gerichts- und Anwaltskosten voll dem Sorgeberechtigten auferlegt werden. – Ebenso können Kurze über Elternverantwortung sowie Arbeit zum Gemeinwohl und andere Sanktionen angeordnet werden.
    • In Kalifornieren und Utah gilt als Normalfall die gemeinsame elterliche Sorge; wenn diese nicht durchführbar, erhält derjenige Elternteil das Sorgerecht, der am besten den konfliktfreien und häufigen Umgang der Kinder mit dem anderen Elternteil garantiert.
    • In den Staaten New York und Utah besteht die Verpflichtung scheidungswilliger Eltern zu Mediation und Kursen über Scheidungsfolgen für Kinder.
    • Nach dem Gesetz des Staates Utah sind bei Umgangsvereitelung Pflichtkurs über Umgangsrecht, Auferlegung von Gerichtskosten, Überwachung des Umgangsrechts, Sorgerechtswechsel etc. vorgesehen.
    • In Florida müssen sich Eltern von Kindern bis zu 17 Jahren bei Trennung bzw. Scheidung einer Pflichtberatung unterziehen.

     

     
    Vereinigungen von Familienrechtsanwälten veranstalten spezielle Fortbildungsseminare über das Parental Alienation Syndrome sowie über die Abwehr von Missbrauchsverdächtigungen in Sorge- und Umgangsrechtsfällen 30).

    3. Die Beachtung von PAS in der deutschen kindschaftsrechtlichen Praxis
     

    Da PAS bisher keinen Eingang in deutsche Gutachten fand, findet der Begriff des Parental Alienation Syndrome bisher nach Kenntnis der Verfasser noch in keiner deutschen kindschaftsrechtlichen Entscheidung Erwähnung. Dennoch haben sich deutsche Familien- und Vormundschaftsgerichte naturgemäss ständig in Sorge- und Umgangsrechtsverfahren mit den gleichen Problemen auseinanderzusetzen, welche auch in den USA und andernorts eine kominierende Rolle spielen. Ohne das von Gardner zuerst vorgestellte und von anderen Humanwissenschaftlern sowie Gerichten in den USA weiterentwickelte Instrumentarium von PAS zu kennen, kamen einzelne deutsche Obergerichte zu teilweise verblüffend ähnlichen Ergebnissen, insbesondere in Fällen konsequenten Umgangsboykotts.
     
    Aus der oberlandesgerichtlichen Rechtsprechung hervorzuheben sind:
     

        1. OLG Bamberg vom 23.07.1985 31). Das Gericht bestätigte die Übertragung des Aufenthaltsbestimmungsrecht auf den Vater, da es das Wohl des Kindes „durch die beschränkte Erziehungsfähigkeit und das Erziehungsziel der Mutter, die ihr Kind ohne jede Vaterbeziehung heranwachsen lassen will, erheblich gefährdet“ sah. 23.07.1985
        2. OLG München vom 12.04.1991 32). Das OLG bestätigte die erstinstanzliche Entscheidung, dem Vater das Sorgerecht zu übertragen, nachdem die Mutter nahezu zwei Jahre systematisch jeglichen Kontakt des Kindes zum Vater unterbunden und die Untersuchung durch den beauftragten Sachverständigen verhindert hatte. Damit habe sie ihre Erziehungseignung in einem für das Kind äusserst wichtigen Bereich in Frage gestellt. Das Kontinuitätsprinzip darf nicht dazu führen, dass eine zwar gleichmässige, aber schädliche Entwicklung unter Vernachlässigung anderer, insbesondere zukunftsgerichteter Aspekte des Kindeswohls vorgeführt wird. 23.07.1985
      3. OLG Celle vom 25.10.1993 33). Auch hier wird die erstinstanzliche Sorgerechtsentscheidung zugunsten des Vaters bestätigt, nachdem die Mutter die Umgangsregelung regelmässig problematisierte. Es liege im wohlverstandenen Interesse des Kindes, die Bindungen auch zum nichtsorgeberechtigten Elternteil aufrechtzuerhalten, weshalb das diesbezügliche Verhalten des sorgeberechtigten Elternteils -die sogenannte Bindungstoleranz- eines der massgeblichen Kriterien für die Beurteilung für die Sorgerechtsübertragung ist. Dies auch dann, wenn der andere Elternteil ansonsten ungünstigere Rahmenbedingungen aufzuweisen hat, wenn gewährleistet erscheint, dass das Kind die Bindungen zum anderen Elternteil bewahren und fortentwickeln kann. 23.07.1985

     

     
    Solche Entscheidungen 34), welche quasi als vereinzelte Leuchttürme in der deutschen Sorge- und Umgangsrechtsprechung stehen, können jedoch nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass eine unübersehbare Zahl von Sorge- und Umgangsrechtsbeschlüssen ergeht, in denen Gerichte wegen konsequenter Ablehnung eines Elternteils, dem sich meist auch das (PAS-geschädigte) Kind anschliesst, vor den Fakten kapitulieren. „Wenn die Mutter nicht will, kann man doch nichts machen!“ – Oder neuerdings: „Das Kind lehnt den Vater total ab, will ihn nie wieder sehen, da kann man es doch nicht zum Umgang zwingen. Oder wollen Sie es etwa mit dem Gerichtsvollzieher holen?“
     
    Die eigentliche Problematik liegt in der mangelnden Aus- und Fortbildung der Familienrichter hinsichtlich Pädagogik und Psychologie, so wie sie bereits vom Bundesverfassungsgericht 1980 für erforderlich gehalten wurde 35). Deshalb ist der Richter abhängig von den Stellungnahmen der Helfersysteme.
     
    Aber auch die zur fachlichen Unterstützung der Gerichte berufenen Sozialpädagogen aus Jugendamt / ASD sind aufgrund ihrer Ausbildung schwerlich in der Lage, Abläufe von PAS, wie sie oben ausführlich dargestellt sind, in den von ihnen beratenen Familien zu erkennen und richtig zu deuten, geschweige denn gegenzusteuern.
     
    Auch in den strittigen Fällen eingeschalteten Sachverständigen muss es mangels näherer Kenntnisse an der richtigen Deutung der eigendynamischen Abläufe von PAS fehlen. Zu therapeutischen Massnahmen werden sie mangels ausdrücklich in der ZPO gegebener Rechtsgrundlage 36) ohnehin nicht beauftragt 37).
     

     

     
    4. Gedanken zur Rechtsfortentwicklung
    4.1. Rechtliche Subsumption von PAS

        Rechtlich lässt sich zumindest der mittelschwere und schwere Fall von PAS nach º 1666 I BGB als seelische Kindeswohlgefährdung durch missbräuchliche Ausübung der elterlichen Sorge subsumieren 38). Für die Rechtsfortentwicklung vonnöten wäre hierzu eine klar oberlandesgerichtliche Präzedenzentscheidung. Dadurch könnte künftig vielen Kindern im elterlichen Trennungskonflikt Instrumentalisierung und seelische Beeinträchtigung erspart werden. Das bisherige Fehlen einer solchen Entscheidung wird dem Mitverfasser von Seiten befragter Richter damit begründet, dass es sehr schwer sei, in der Kindesanhörung die erkennbare Ablehnung des anderen Elternteils als Ergebnis einer Programmierung festzustellen.
        Überlegenswert ist, ob und ggfls. welche Sanktionen und Ansprüche sich bei richterlicher Feststellung von PAS insbesondere für das Kind, daneben auch für den durch PAS verletzten Elternteil ergeben könnten. Zu denken wäre hier an Schadenersatz- und Schmerzensgeldansprüche, auch wenn dieser Gedanke heute noch ungewöhnlich erscheinen mag 39).

    4.2. PAS und das deutsche familienpsychologische Gutachterwesen

        Jüngst betont Joest Martinius 40): „In der Wahl seines Therapeuten kann man nicht vorsichtig genug sein.“ Das Gleiche dürfte für die Auswahl des Sachverständigen durch Familiengerichte in kindschaftsrechtlichen Verfahren gelten. Rechtlich gesehen soll der SV dem Gericht nur Vorschläge unterbreiten, tatsächlich aber gibt er demGericht die sorge- oder umgangsrechtliche Entscheidung vor. Und nur die wenigsten Familienrichter besitzen die psychologischen Fachkenntnisse 41), um wissenschaftlich mangelhafte gutachterliche Empfehlungen als solche erkennen zu können. Sie müssen sich auf den Sachverständigen als ihren Gehilfen nach ZPO verlassen. Es ergibt sich dadurch eine Verlagerung der Verantwortlichkeit vom Richter auf den Sachverständigen, die gesetzlich nicht gewollt ist.
        Wenn ein so breites Feld internationaler wissenschaftlicher Erkenntnisse wie das in dieser Ausarbeitung aufgezeigte den in kindschaftsrechtlichen Verfahren heute oft hauptberuflich tätigen Sachverständigen entweder nicht bekannt ist oder wissentlich den Entscheidungsträgern vorenthalten wird 42), so sind berechtigte Zweifel an der wissenschaftlichen Arbeitsweise des einschlägigen deutschen Gutachterwesens erlaubt. Bei aller Zurückhaltung lässt sich die Situation in Deutschland so auf den Punkt bringen.
        Die im Kindschaftsrecht tätigen Sachverständigen haben, was den Stand der fachpsychologischen und fachpsychiatrischen Erkenntnisse in den USA 43) anbetrifft, u.E. gegenüber ihren richterlichen Auftraggebern eine fachliche Informations-Bringschuld, der sie bisher nicht nachgekommen sind.

    4.3. Zur Frage einer Pflichtberatung von Eltern bei Trennung/Scheidung

        Wie oben dargestellt, steigt in den USA die Zahl der Einzelstaaten, die die Beratungspflicht von Eltern bei Trennung/Scheidung gesetzlich einführen, um ihnen ihre fortwährende gemeinsame elterliche Verantwortung für die Kinder nahezubringen: die Erfahrungen damit sind gut.
        In Deutschland wurde dem Schwangerschaftsabbruch eine Pflichtberatung gesetzlich vorangestellt. Hingegen hat der Gesetzgeber im Rahmen der jüngst verabschiedeten Kindschaftsrechtsreform eine Pflichtberatung für Eltern bei Trennung/Scheidung nicht eingeführt. Wir sind der Auffassung, dass auf Dauer kein Weg an einer solchen Pflichtberatung vorbeigehen dürfte, wenn wir die Ziele der Reform ernst nehmen, den Kindern wo immer möglich beide Elternteile über deren Trennung hinaus zu erhalten. Verfassungsrechtlich geht u.E. der Schutz des Kindes und seines Rechtes auf Entfaltung seiner Persönlichkeit dem Freiheitsrecht der Eltern vor, da letzteres pflichtgebunden ist 44).

    4.4. Die Anhörung des Kindes (Jugendlichen) vor Gericht:

        Die Kindesanhörung durch den Richter gewinnt mit der Kindschaftsrechtsreform ein noch grösseres Gewicht, nachdem in dem neuen º 1684 I BGB 45) das Umgangsrecht als ein Recht sowohl des Kindes als auch der Eltern definiert ist. Auch wegen der zunehmenden Bedeutung bzw. Beachtung der UN-Kinderrechtekonvention 46) wird die Kindesanhörung in Zukunft eine noch stärkere Rolle in Sorge- und Umgangsrechtsverfahren spielen.
        Es besteht grundsätzlich bei allen Alleinsorgerechtsanträgen verheirateter oder unverheirateter Elternteile die Gefahr, dass ein Kind von dem betreuenden Elternteil gegen den abwesenden Elternteil beeinflusst wird. Die Möglichkeiten solcher Beeinflussung oder auch Instrumentalisierung des Kindes zur Durchsetzung elterlicher Machtansprüche sind weit gefächert und werden bei Klenner 47) ausführlich beschrieben. Wegen der für den Verfahrensausgang so entscheidenden Kindesanhörung sind nach unserer Auffassung folgende Forderungen zu stellen:
        • Die Anhörung muss schnellstmöglich nach Trennung der Eltern erfolgen, um die Möglichkeit der elterlichen Einwirkung auf das Kind so kurz wie möglich zu halten.
        • Der anhörende Richter muss genügend Kenntnisse der Psychologie und Pädagogik besitzen, um das Kind sachgemäss zu befragen und dessen Antworten auch im Lichte von PAS zu deuten 48).
        • Die Anhörung des Kindes muss durch vollständiges Tonbandprotokoll festgehalten werden. Nur so lässt sich später fachlich überprüfen, inwieweit die Antworten des Kindes Merkmale von vorangegangenem PAS aufzeigen 49).
        Zur dritten Forderung sei angemerkt: Selbstverständlich wäre ein Video-Tonband-Protokoll noch aufschlussreicher, jedoch dürfte dies an den technischen bzw. finanziellen Möglichkeiten der Gerichten scheitern. Langfristig sollte man daran denken, bei jedem Gericht einen zentralen Kinder-Anhörungs-Raum mit Videotechnik auszustatten.
        Wir gehen davon aus, dass die Kindesanhörung in Zukunft zum Dreh- und Angelpunkt aller Sorge- und Umgangsrechtsverfahren werden wird. Sie darf jedoch nicht zu Einfallstor bzw. Einladung vorgangehender PAS-relevanter Instrumentalisierung von Kindern werden. Wenn im Einzelfall dennoch der Anhörung eine PAS-entsprechende Beeinflussung vorangeht, so muss der psychologische Sachverstand des anhörenden Richters ausreichen, um PAS zu erkennen und muss das Beschwerdegericht in der Lage sein, mittels nachprüfbaren Tonbandprotokolls der erstinstanzlichen Kindesanhörung seine eigenen Schlüsse zu ziehen.

    4.5. Gemeinsame elterliche Sorge und PAS

        Wie aus den USA berichtet, stiegen die Fälle von PAS signifikant an, wenn in Einzelstaaten die gemeinsame Sorge gesetzlicher Regelfall wurde, um gerade dies im Einzelfall durch Instrumentalisierung der Kinder zu verhindern. Ähnliches ist im Hinblick auf das baldige Inkrafttreten der Kindschaftsrechtsreform bei uns zu befürchten. Schon jetzt erleben Gutachter wie auch Familienrichter bei der Kindesbefragung, dass das Kind (!) eine Entscheidung zugunsten der Alleinsorge eines Elternteils fordert.
        Ganz grundsätzlich erscheint uns die Überbetonung des Kontinuitätsprinzips bei der Sorgerechtsentscheidung falsch oder zumindest überholt. Nach künftigem Recht hat jedes Kind ein eigenes Recht auf beide Eltern; seine Beziehung zum abwesenden (nicht ständig betreuenden) Elternteil wird gesetzlich noch stärker als bisher 50) geschützt. Der programmierende Elternteil verletzt sowohl seine Sorgepflicht als auch ein ausdrückliches Recht des Kindes, m.a.W. er oder sie missbraucht das Kind aus egoistischen Motiven.
        Anstelle des Kontinuitätsprinzips sollte die Bindungstoleranz, d.h. die Fähigkeit, die Bindung des Kindes an den anderen Elternteil zu respektieren, zum wichtigsten Kriterium der Sorgerechtsentscheidung immer dann werden, wenn die gemeinsame Sorge aufgrund eines Alleinsorgeantrages nicht automatisch weiter gelten soll.
      Bindungstoleranz kann als der -wahrscheinlich entscheidende- Teil des Förderprinzips gesehen werden. Denn mit Bindungstoleranz fördert ein Elternteil die psychische (seelische) Gesundheit seines Kindes, weil er dessen Beziehung zum anderen (abwesenden) Elternteil respektiert. Der Kontakt zu beiden Elternteilen nach Trennung/Scheidung und die Förderung durch beide Elternteile sind für das Wohl des Kindes nach heute wissenschaftlich nicht mehr bestreitbarer Ansicht nicht nur kurzfristig, sondern vielmehr langfristig bzw. lebenslang bedeutend. Deshalb müssen wir auch Kritik anmelden am heutigen Verständnis des Kindeswohlbegriffs, solange dieser als Ergebnis einer Analyse von Vergangenheit und Gegenwart von Kind-Eltern-Beziehungen oder -bindungen verstanden wird. Nach unserer Auffassung ist unter Kindeswohl nicht nur das kurz-, sondern vor allem das mittel- und langfristige Interesse des Kindes an einer gesunden Entwicklung und an seiner späteren Beziehungsfähigkeit zu verstehen.

     

     

    IV. Eine Schlussbemerkung
     

    Das hier vorgestellte Parental Alienation Syndrome (PAS) wie auch die richterlichen und teilweise bereits gesetzlichen Antworten darauf stammen ausschliesslich aus angelsächsischen Ländern.
     

    Die in Deutschland lebenden Kinder unterscheiden sich von den Kindern aus Ländern mit angelsächsischer Rechtskultur zwar in ihrer kulturell bedingten Sozialisation, jedoch nicht in ihrem emotionalen Grundbedürfnis nach einer von Liebe getragenen lebenslangen Beziehung zu beiden Elternteilen.
     
    Somit sind die von Gardner et al. erarbeiteten Erkenntnisse auf unser Land übertragbar. Auch bei uns sollten die Kinder durch Gesetz und Rechtsprechung konsequenter als bisher davor geschützt werden, durch PAS nachhaltige Schäden in ihrer Entwicklung zu erleiden.
     

    Anhang
    Erläuterungen / Erklärungen

     

     
    *) Diplompsychologin, Dipl. Sozialarbeiterin und Mediatorin, Schwerpunkte Trennungs- und Scheidungsberatung. Öffentlichkeitsarbeit und Familienforschung, Freiburg.
     
    **) Rechtsanwalt mit dem Tätigkeitsschwerpunkt „Kindschaftsrecht unter
    Einbezug völkerrechtlicher Normen“, München.
     
    ***) Die Verfasser danken Herrn Dr. C. T. Dum für seine wertvolle Unter-
    stützung bei der Recherchenarbeit im Internet.
     

    • 1. PAS findet sich bei Trennungskindern geschiedener Eltern ebenso wie bei Kindern unverheirateter Eltern.
    • 2. Gardner ist klinischer Professor für Kinderpsychiatrie an der Columbia-University, war Fakultätsmitglied am William A. White Psychoanalytic Institute und arbeitet seit Jahren mit Scheidungseltern und -kindern. Nach eigenen Angaben ist er in ca. 300 Fällen vor Gerichten in 24 Staaten der USA als Gutachter bzw. sachverständiger Zeuge aufgetreten. Weitere Einzelheiten zur Biographie von Gardner finden sich in dessen homepage http://www.rgardner.com/pages/evsum.html (an dieser Stelle muss darauf aufmerksam gemacht werden, dass sowohl Internet-Adressen als auch -inhalte ständiger Veränderung unterliegen).
    • 3. Hier im Sinne von systematischer verbaler und non-verbaler Beeinflussung, auch Gehirnwäsche, Manipulation gebraucht.
    • 4. Alienation: 1. Entfremdung, 2. Distanzierung, 3. Psychologie: Alienation, Pons Globalwörterbuch (Collins), Ernst-Klett-Verlag, Stuttgart 1993.
    • 5. – 1992 by, Creative Therapeutics: 155 County Road, Cressdikk, New Jersey 07626-0317, ISBN 0-933812-24-S; eine Neuauflage ist für Ende 1997 angekündigt.
    • 6. Glenn F. Cartwright (1993). „Expanding the parameters of parental alienation syndrome“ in American Journal of Family Therapy, 21 (3) 205-215. Der Auto beklagt, dass die langsamen Gerichtsverfahren das Problem von PAS verstärken, weil die Verlängerung von PAS beim Kind andere mentale Beschwerden hervorrufen könne und zu wenig über die langfristigen Folgen bei von PAS betroffenen Kindern und Familien bekannt sei.
    • 7. John Dunnc und Marscha Hedrick (1994), „The parental alienation syndrom: An analysis of siyteen selected cases“. Journal of Divoree & Remarriage, 21 (3/4). 21-38. Es werden 16 Fälle von Scheidungskindern zwischen 0 und 14 Jahren analysiert, welche mehrheitlich die Kriterien von PAS gemäss Gardner erfüllen. Dabei erscheint PAS primär als pathologisches Problem des entfremdenden (programmierenden) Elternteils. ***) Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in diesem Beitrag -in Anlehnung an die deutsche Gesetzessprache- jeweils nur die männliche Form (Singular bzw. Plural) verwendet. Damit ist keinesfalls eine Desavouierung des weiblichen Geschlechts beabsichtigt.
    • 8. P.M. Stahl (1994). „Conducting Child Custody Evaluations: A. Comprehensive Guide“, London. Sage Publication – Das Buch wendet sich an Gutachter, Rechtsanwälte und Richter und befasst sich ausdrücklich auch mit PAS.
    • 9. Barry Bricklin (1995). „The Custody Evaluation Handbook“, Research based solutions and applications, Brunder Mazel (Village Publishing), New York.
    • 10. u.a. (in chronologischer Reihenfolge: l Nancy R. Palmer, Legal Recognition of the Parental Alienation Syndrome. The American Journal of Family Therapy (1989) 16(4) 331-363 l S.S. Clawar und B.V. Rivlin (1991): Children Held HostagÞ: Dealing with Programmed and Brainwashed Children, Chicago, Illinois, American Bar Association l C.H. Sanders (1993): When you suspect the worst: bad-faith relocation. fabricated child sexual abuse and pacental alienation. Family Advocate, winter 54-56. l P. Ward and J.C. Harvey (1993), Family wars: the alienation of children. New Hampshire Bar Journal. March: 30 l Mary Lund: A. Therapist`s View of Parental Alienation Syndrome, in Family and Conciliation Courts Review, (1995) 33(3) p. 308 l M. Jones. M. Lund and M. Sullivan (1996). Dealing with Parental Alienation in High Conflict Custody Cases, Presentation at Conference of the Association of Family and Conciliation Courts, San Danielio, Texas. l M.R. Walsh and J.M. Bone (1997), Parental Alienation Syndrome: An Ageold Custody Problem. The Florida Bar Journal. LXXI (6): 93-96. l D.C. Rund (1997), The spectrum of parental alienation syndrome (part. 1). American Journal of Forensic Psychology, 15 (3), 23-52 l Weitere Literaturhinweise finden sich im Internet unter http://www.rgardner.com/refs/pas.html.
    • 11. In einer privatgutachterlichen Stellungnahme von B. Schade findet sich zur Bewertung einer Missbrauchsverdächtigung ein Literaturhinweis auf Gardner.
    • 12. „Rituale der Umgangsvereitelung bei getrenntlebenden geschiedenen Eltern in: FamRZ 1995, 1529.
    • 13. so ausdrücklich Paland/Diederichsen, 56. Aufl. in Anm. 15 zu º 1634 BGB
    • 14. vgl. Klenner aaO.. dortige Fussnote 8
    • 15. zur Suche nach dem „wahren“ Kindeswillen siehe U.-J. Jopt: Im Namen des Kindes, Hamburg 1992, S. 86 f.
    • 16. Yahm, H.: Emotional Aspects of Divorce For Adults (1994) from a handout provided by Lenard Marlow, Esq. Author of „The handbook of Divorce Mediation“.
    • 17. Paranoia im obigen Zusammenhang: Verfolgungs- und Beeinflussungswahn: alles, was der andere tut und nicht tut, wird als gegen einen selbst interpretiert. Das verletzte Ich ist im Zentrum der Wahrnehmung.
    • 18. Beres, D., „Perception, Imagination and Reality“, International Journal of Psychoanalysis, Vol. 49 (1960).
    • 19. Davison, G. C. & Neule, J. M., Klinische Psychologie, Verlagsunion: München (1988).
    • 20. Garma, A; „The Genesis of Reality Testing“ Psychoanalytic Quarterly, Vol 15, ppa 161-188 (1964).
    • 21. Das Beispiel ist einem aktuellen Fall entnommen; die Namen wurden anonymisiert.
    • 22. Weitere Ausführungen zur juristischen Problematik s. im juristischen Teil III.
    • 23. Eine Anregung aus dem New York Law Journal vom 01.08.1997: „In guten Krankenhäusern sind für die vielfältigen Bedürfnisse schwerkranker Patienten Sozialpädagogen angestellt. Das Rechtssystem ist reif für ähnliche Hilfestellungen. Richter und Familienanwälte brauchen Unterstützung wie nie zuvor. Ausgebildete Entwicklungspsychologen, Mediatoren und Scheidungsberater sollten als Ansprechpartner für Eltern und Kinder zur Verfügung stehen. Diese bei Gericht ganztags angestellten Familienberater können zusammen mit dem Familienrichtern ein wirksames Arbeitsbündnis eingehen. Sorge- und Umgangsrechtsthemen und die Programmierung von Kindern können gemeinsam zügig bearbeitet und damit verhindert werden, dass daraus die Art von hochstrittigem Fall wird, als dessen Opfer letztendlich die Kinder zurückbleiben“ (inhaltlich zusammengefasst und übersetzt von der Verfasserin).
    • 24. Gardner verweist im Internet auf eine lange Liste von Entscheidungen amerikanischer Gerichte, die sich PAS beschäftigt haben.
    • 25. Southern Reporter, 2d Series. 874 ff.
    • 26. Diese Entscheidung ist in deutscher Übersetzung im vorliegenden Heft abgedruckt, vgl.: s. nachfolgend.
    • 27. Court of Appeal vom 07.02.1989, Cox v. Cox, Family Law 1990, 220-I; 235
    • 28. Eine ähnliche Rechtsentwicklung wie in den aufgezeigten Einzelstaaten der USA findet sich in Australien.
    • 29. In den USA ist diese Rechtsmaterie einzelstaatlich geregelt.
    • 30. So beispielsweise das Advanced-Lebel Family Law Seminar der American Academy of Matrimonial Lawyers in Michigan vom 18.04.1997.
    • 31. 7 UF 42/85 in: FamRZ 1985, 1175
    • 32. FamRZ 1991, 1343
    • 33. 19 UF 208/93 in: FamRZ 1994, 924 – ähnlich auch OLG Celle vom 12.06.1995 – 10 UF 195/93 (u.W. nicht veröffentlicht).
    • 34. Einzelne weitere Entscheidungen wären es wert gewesen, hier ebenfalls aufgeführt zu werden, was Jedoch Platzmangel nicht erlaubte; wir bitten diese Gerichte um Verständnis.
    • 35. BVerfG vom 05.11.1980 – 1 BvR 349/80 – NJW 1981, 217 ff = FamRZ 1981, 124 ff.
    • 36. Nach Ansicht des Verfassers ergibt sich aus Art. 2 und 6 GG eine Rechtsgrundlage in Verfassungsrang für den Familienrichter und damit in Delegation auch für dessen sachverständigen Gehilfen, Schaden vom Kind abzuwenden, im akuten Fall auch durch geeignete therapeutische Massnahmen. Vgl. auch Art. 3 KRK – Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass in jüngster Zeit einige Familien- und Vormundschaftsgerichte dazu übergehen, geeignete Sachverständige dahingehend zu beauftragen, sich um Akzeptanz für gemeinsame Sorge zu bemühen und im Falle des Scheiterns über die Gründe des Scheiterns zu berichten.
    • 37. In dieser Aufzählung der bezüglich PAS defizitär wirkenden Verfahrensbeteiligten fehlen noch die bevollmächtigten Rechtsanwälte: Sie springen ihren Mandanten im Kampf ums Kind leider allzu oft mit der Ölkanne anstelle des Feuerlöschers zur Seite, weil sie sich nach den geltenden deutschen Standesregeln nicht wie beispielsweise ihre britischen Kollegen dazu verpflichtet haben, in allen Verfahren, an denen ein Kind beteiligt ist, dessen Interessen im Zweifel über die des Mandanten zu stellen.
    • 38. In den USA wird PAS als emotionaler Kindesmissbrauch verstanden.
    • 39. Nach jüngster Rechtsprechung kann eine fortgesetzte schuldhafte Vereitelung des Umgangsrechts zu einer Herabsetzung des Anspruches auf Trennungsunterhalt wegen Verwirkung gem. º 1579 Nr. 6 BGB führen: vgl. OLG Nürnberg Ez FamR aktuell 1996, 282; OLG München, OLG-Rp München 1997, 45.
    • 40. Direktor des Instituts für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität München, in: Das Recht des Kindes auf seine Natur. Südd. Zeitung vom 25./26.10.1987, S. VI.
    • 41. Vgl. Fn 35. Das BVerfG führt wörtlich aus: „Das Problem der kindgerechten Anhörung kann danach letztlich nicht vom Gesetzgeber gelöst werden. Es ist vielmehr die schwere Aufgabe des Familienrichters, die Anhörung möglichst weitgehend entsprechend den individuellen Verhältnissen zu gestalten.“ und verweist auf BT-Dr. 8/2788. S. 42 „dass die an Familien- und Vormundschaftsgerichten tätigen Richter durch Aus- und Weiterbildung mit den Grundzügen der Pädagogik und der Psychologie vertraut gemacht und dadurch befähigt werden sollten, in grösserem Umfang als bisher die betroffenen Kinder und Jugendlichen selbst zu hören“.
    • 42. Gem. º 410 I ZPO werden Sachverständige nach „bestem Wissen“ und Gewissen tätig!
    • 43. Wie auch anderen angelsächsischen Ländern.
    • 44. Hierzu ausführlich C. Rummel: Die Liebe, die Reform des Kindschaftsrechts und das ganz normale Chaos der Liebe; in: ZfJ 1997, 202 (210).
    • 45. „Das Kind hat das Recht auf Umgang mit jedem Elternteil; jeder Elternteil ist zum Umgang mit dem Kind verpflichtet und berechtigt.“ – Wenn das Kind auf sein subjektives Recht auf Umgang seinerseits verzichtet oder diesen ablehnt, so kann das nichts an dem verfassungsrechtlich geschützten Recht eines Elternteils auf Umgang ändern.
    • 46. Gem. Art. 12 II KRK ist das Kind in Sorge- und Umgangsrechtsverfahren zu hören.
    • 47. Vgl. Fn. 12.
    • 48. Die Verpflichtung zur Aus- und Weiterbildung in Pädagogik und Psychologie nach BVerfG gewinnt damit noch an Bedeutung; vgl. Fn. 41.
    • 49. Hiermit soll kein Misstrauen gegenüber anhörenden Richtern zum Ausdruck gebracht werden. Diese Forderung ergibt sich u.E. vielmehr in einem demokratischen Rechtsstaat aus dem Öffentlichkeitsgebot bzw. Transparenzgebot, dessen Beachtung Voraussetzung für die Nachvollziehbarkeit richterlicher Entscheidungen durch alle Verfahrensbeteiligten ist.
    • 50. Vgl. die Wohlverhaltenspflicht des º 1634 I Satz 2 BGB.

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