PAS – Gute Mama, böser Papa

Gute Mama, böser Papa

Süddeutsche Zeitung vom 09./10.Mai 1998 -Wochenendbeilage- Seite VI
 

 
Christine Brinck
 

 

 
Guter Papa, böse Mama, oder auch umgekehrt.

Kinder haben ein Recht auf beide Eltern und das Recht, beide zu lieben.

PAS, ein Begriff für ein Trauma.
 
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Als Monsieur Denis Supersac seine Tochter Jeanette drei Jahre nach ihrer Entführung in einem Augsburger Gerichtssaal wiedersah, sagte das Kind nicht einmal „Guten Tag.“ Es wollte von seinem Vater nichts mehr wissen. Jeanette sehnte sich weder nach dem Bruder noch nach dem alten Zuhause in Frankreich. Sie wollte nur bei der deutschen Mutter und Großmutter sein. Ist das normal? Die Gerichtsgutachter fanden die Ausgrenzung eines Elternteils ganz in Ordnung und sprachen der Mutter, die das Kind entführt hatte, das alleinige Sorgerecht zu. Es gibt Psychologen und Juristen, die diese Ausgrenzung anormal finden – und Länder, die sie sogar juristisch ahnden.
 
Die Ausgrenzung eines Elternteils -meistens des Vaters- ist eine täglich und überall angewandte elterliche Praxis vor, während und nach Sorgerechtsstreitigkeiten. Zuerst beschrieben hat dieses Phänomen der amerikanische Kinderpsychiater Richard A. Gardner. Er natte es das Parental Alienation Syndrom (PAS). Das ist auch der Titel seines 1992 erschienenen Standardwerkes.
 
PAS bedeutet die kompromißlose Zuwendung eines Kindes zu einem -dem guten, geliebten- Elternteil und die ebenso kompromißlose Abwendung vom anderen, dem „bösen“ und gehaßten (PAS darf aber nicht verwechselt werden mit der feindseligen Ablehnung durch ein Kind, das wirklich mißhandelt oder mißbraucht worden ist). Die Abweisung gilt stets dem Elternteil, mit dem das Kind nicht mehr zusammenlebt, der nicht das exklusive Sorgerecht, nur Besuchsrecht, hat.
 
Auch wenn der Begriff in Deutschland nicht geläufig ist, so ist den mit Scheidung befaßten Berufsgruppen das Szenario bestens bekannt. Nach der Trennung funktioniert der Kontakt noch einigermaßen, doch dann setzen mehr und mehr die Rituale der Umgangsverweigerung ein. Wenn der Vater kommt, ist das Kind krank oder gerade auf einem Kindergeburtstag. Oder es ist, leider, wichtiger Familienbesuch eingetroffen. Mit verführerischen Gegenangeboten konkurriert der betreuende Elternteil um die Gunst des Kindes. Geht der Vater/die Mutter immer nur zu McDonald`s, hat die liebe Mama/der gute Papi sich das Kindertheater, die GoKart-Bahn oder das Rockkonzert ausgedacht. Die nächste Eskalationsstufe ist die räumliche Trennung: Entzug durch Wegzug. Nicht nur der physische Kontakt wird verweigert, auch alle anderen Kontakte wie Telefongespräche, Briefe und Geschenksendungen werden gekappt.
 
Berühmt wurde durch Fernsehen und Zeitungsberichte der Fall der Französin Catherine Laylle, deren Kinder von dem deutschen Vater entführt worden waren. In einem Dokumentarbericht konnte man die aufgelöste Mutter mit Teddybären für ihre Buben im Arm um das Haus herumlaufen sehen, in dem ihre Kinder lebten. Sie rief ihre Kosenamen, aber Türen und Fenster blieben geschlossen. Der Vater vereitelte seit der Entführung jede Berührung.
 
Die allfällige Begründung lautet stets: Die Kinder wollen den Vater/die Mutter nicht sehen und nicht sprechen. Diese von den Gerichten schnell als glaubwürdiger Kindeswille mißdeutete Abweisung aber ist Produkt einer Prozedur, die auch als Gehirnwäsche oder Programmierung in die Psycholiteratur eingegangen ist.
 
Wieso weist das Kind einen Elternteil ab? In einem jüngst erschienenen Artikel der Freiburger Psychologin Ursula O. Kodjoe und des Münchner Rechtsanwalts und Kindschaftsrechtsexperten Peter Koeppel („The Parental Alienation Syndrome“, in „Amtsvormund 1/98“) heißt es: „Nach den Erfahrungen der Elterntrennung und dem Auszug eines Elternteils ist das Kind beherrscht von der Angst, nun auch den anderen zu verlieren. Kinder erleben das in etwa so: „Die Mutter hat den Vater weggeschickt; wird sie mich auch wegschicken?“ oder „Der Vater ist gegangen; wird die Mutter eines Tages auch gehen?“ Das Kind schlägt sich aus Sicherheitsbedürfnis und Abhängigkeitsgründen auf die Seite dessen, mit dem es lebt.
 
Je jünger das Kind, desto ehe ergreift es die Partei des nahen Elternteils und wird dadurch „zumindest vorübergehend und oberflächlich aus der Unerträglichkeit des Loyalitätskonflikts befreit“. Ist das Kind freilich älter und zur Realitätsprüfung fähig, wird der Loyalitätskonflikt „tiefer und traumatisierender“. „Die Ablehnung“, schreiben die Autoren, „versetzt die Kinder in große innere Spannung, daher spulen sie bei Befragung ihr Programm gebetsmühlenhaft ab.“ Die monotone Formel, zugleich ausweichend und felsenfest, lautet: „Das ist so. Ich weiß es.“ Als Monsieur Supersac noch einmal kurz mit seiner Tochter im Gerichtssaal sprechen konnte, sagte er ihr: „Es stimmt doch nicht, daß ich Dich geschlagen habe.“ Sie habe ihn zögernd angeschaut, berichtet der Vater, sich aber dann nach ihrer Großmutter umgeschaut. Die sagte: „Es stimmt.“ Das Kind wiederholte: „Doch, es stimmt.“
 
PAS-Kinder, schreibt die Psychologin Kodjoe, „sehen nichts Falsches darin, einen Elternteil hemmungslos abzulehnen und zu verunglimpfen.“ Catherine Laylles älterer Sohn stieß seine Mutter mit den Händen zurück, als er sie nach Monaten zum ersten Mal wieder sah. Vom Richter befragt, warum er nicht zur Mutter nach London zurück wolle, sagte er immer wieder: „Weil ich ein Deutscher bin.“ Diese Betonung seines Deutschtums hätte, wenn schon nicht den Richter, die Profis vom Jugendamt hellhörig machen müssen. Ein Neunjähriger, der mit einer französischen Mutter aufwuchs, in die französische Schule geht und fließend drei Sprachen spricht, outet sich für gewöhnlich nicht als Nationalist. Also doch Programmierung?
 
Wie erkennt man das Parental Alienation Syndrome? Zu allererst sollten Richter und sachverständige Gutachter wissen, daß es PAS gibt. Dann gilt es zu ergründen, warum ein Elternteil so massiv abgelehnt wird. Am besten befragt man die Kinder – einmal mit der Mutter, einmal mit dem Vater, und bei drittenmal soll das Kind allein gehört werden. Geschwister sollten nie zusammen befragt werden, weil meist das ältere auf das jüngere Kind Druck ausübt.
 
Was tut ein Richter, ein Psychologe, wenn Verdacht auf PAS besteht? Idealerweise sollte das Verfahren ausgesetzt und eine Familientherapie angesetzt werden. Indes besteht in Deutschland keine Beratungspflicht und somit wenig Aussicht auf die Verbesserung der Lage von PAS-Kindern. Einzeltherapien können das Problem nicht knacken, schreibt Kodjoe. Ohnehin sind Schuldgefühle, die durch programmierte Traumatisierung beim Kind erzeugt werden, therapeutisch schwer zugänglich.
 
Die amtlichen Scheidungsbegleiter leisten häufig „Amtshilfe“ bei der Kindesentfremdung. Die einen machen es sich zu bequem: „Dann kehrt endlich Ruhe ein.“ Andere resignieren: „Wenn die Mutter nicht will, kann man doch nichts machen.“ Häufig beruf man sich auf den angeblichen Kindeswillen, weil man nicht hinter die Fassade blickt. Dabei gebe es eine simple Lösung, schreibt Kodjoe. Ein gerichtlich angeordneter und durchgesetzter „Umgang“ verschafft den Kindern „die Nische, die sie brauchen“. Dann „müssen sie zum angelehnten Elternteil gehen (und) verraten den geliebten Elternteil nicht.“
 
Aus der Rechtsprechung in den USA, in England und sogar Tschechien weiß man, daß in schwierigen Fällen die Übertragung des Sorgerechts auf den ausgegrenzten Elternteil zur Normalisierung der Eltern-Kind-Beziehung führt und später sogar großzügiger Umgang mit dem anderen Elternteil möglich ist. Auch wenn PAS noch nicht ins deutsche Gutachterwesen eingegangen ist, so haben doch bisweilen Gerichte den Umgangsboykott eines Elternteils richtig interpretiert. So sah schon 1985 das Oberlandesgericht Bamberg das Wohl des Kindes „erheblich gefährdet durch…das Erziehungsziel der Mutter, die ihr Kind ohne jede Vaterbeziehung heranwachsen lassen will.“ Freilich ragen solche Entscheidungen wie „vereinzelte Leuchttürme“ (Koeppel) aus der Sorgerechtslandschaft. Das größte Problem sei die fehlende Beratungspflicht. Was beim Schwangerschaftsabbruch Vorschrift ist, wird bei Trennung und Scheidung ängstlich gemieden.
 
„Die Ablehnung des Vaters oder der Mutter ohne triftigen Grund ist den Berüfnissen eines jeden Kindes diametral entgegengesetzt“, schreibt die Psychologin Kodjoe. Kinder haben ein Recht auf beide Eltern. Sie brauchen beide für eine gesunde physische und psychische Entwicklung. Das ist wissenschaftlich längst belegt. „Kinder -auch Kinder mit PAS- lieben beide Eltern und wollen beide Eltern lieben dürfen. Unter der aufgezwungenen Ablehnung leben die Liebe und die Sehnsucht des Kindes nach dem anderen Elternteil weiter.“
 
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Leserbriefe an die „Süddeutsche“ per eMail redaktion@sueddeutsche.de oder per Fax 089/2183-787.
 

 
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Leserbriefe Süddeutsche vom 16./17. Mai 1998
 

 
Deutsche Familiengerichte produzieren Scheidungswaisen am Fließband.
 

 
Christine Brinck sei Dank. Denn mit ihrem fortschrittlichen Bericht über das PAS-Syndron kann sie bei deutschen Jugendämtern und Familiengerichten Entwicklungshilfe leisten. Die Ausgrenzung eines Elternteils, in Deutschland meist immer der Vater, hat menschenverachtende Formen angenommen, daß Millionen von Kindern einen Elternteil nur noch vom Photo her kennen.
 
Das Rezept ist einfach: Man nehme das Kind und setze die Gebetsmühle an, wie schlecht und böse doch der Elternteil ist, mit dem das Kind nicht mehr zusammenlebt. Diese Gehirnwäsche am Kind wird hochgeschaukelt bis zur letzten Waffe der Ausgrenzung, die Einbringung des „Mißbrauchs mit dem Mißbrauch“.
 
Nachdem das Kind im wahrsten Sinne bekloppt gemacht worden ist, setzt dann der mittelalterliche deutsche Amtsschimmel bei Trennung und Scheidung ein, um zu prüfen, wer das Sorgerecht und wer das Besuchsrecht oder auch keines von beiden erhält. Das Jugendamt geht in die Wohnung des Elternteil, wo das Kind lebt, und befragt das Kind über den ausgesperrten Elternteil. Diese Befragung findet fast immer in der Gegenwart des betreuenden Elternteils statt und das Kind hat keine Chance, wirkliche Gefühle zu äußern, da im Hintergrund die erhobene Hand und die Strafen laufen, wenn das Kind anders antworten sollte. Zudem ist die Meinung des zu betreuenden Elternteils so eingebleut, daß es gar nicht mehr anders kann. Somit wird die Ablehnung und die negative Aussage über den ausgesperrten Elternteil für bare Münze gehalten und vom Jugendamt als Kindesmeinung festgeschrieben. Diese falsche Beobachtung des Jugendamtes wird dem zuständigen Rochter oder Richterin vorgetragen und wird somit als Meinung des Kindes im Beschluß oft festgeschrieben. Im Beschluß steht dann nachzulesen, wie traditionell in Deutschland üblich, die Mutter erhält das Sorgerecht und der Umgang mit dem Vater wird auf unbestimmte Zeit ausgesetzt, das Kind will ja nicht. Die Akte ist somit vom Tisch. Somit haben Millionen von Kindern in Deutschland per Amtshilfe einen Elternteil meist für immer verloren.
 
Bekanntlich ist Deutschland Schlußlicht und somit ein Entwicklungsland im Kindschaftsrecht. In den USA ist man soweit, daß Richter bei einem PAS-Syndrom sofort einschreiben. Hier in Deutschland ist es die große Unbekannte, wie kann man auch an der deutschen Praxis zum Umgangs- oder Sorgerecht „Made in Germany“ zweifeln, wo seit 1977 Trennungs- und Scheidungswaisen am Fließband produziert werden. Wenn dann noch hinzukommt, wie erst neulich in München geschehen, daß eine Richterin ganz neu in Familienangelegenheiten tätig wird und vorher nur im Strafrecht tätig war: Die Mutter hatte die Kinder traumatisiert und den ausgesperrten Elternteil verteufelt, bis hin zum Mißbrauchsvorwurf.
 
Alles stellte sich im Gutachten als Taktik der Mutter heraus, die mit verschiedenen Helfersystemen selbst noch an ihre Gespinste glaubte. Das Jugendamt befragte die Kinder. Die waren total gegen den Vater aufgehetzt, und somit konnte die Richterin die Akte schnell schließen und den Umgang aussetzen, denn die Kinder wollen ja nicht. In den USA und anderen firtschrittlichen Ländern würde dieser Fall eine Sorgerechtsumkehr bedeuten.
 
Für das neue Kindschaftsrecht sollte es Pflichtlektüre an Familiengerichten und in Jugendämtern werden, sich mit PAS und den Folgen auseinanderzusetzen. Es wäre fatal, wenn Kinder mit dem Horrorbild des ausgegrenzten Elternteils auf Jahre leben mäßten.
 
Ursula Petering, Herzebrock-Clarholz
 

Resonanzen unserer Leser:
 
Vielen Damen und Herren beim Jugendamt/ASD und bei Gericht, denen dieser Partikel über Parental Alienation (PAS) ins Gewissen geschrieben wird, ist das Phänomen sehr wohl schon längst bekannt. Nicht nur, daß sie nichts gegen die Entfremdung unternehmen, wie es das KJHG vorschreibt, nein, sie benutzen die Entfremdung sogar, um ihren eigenen zum Teil seltsamen Interessen zuzuarbeiten.
 
In einer mit bekannten Trennungsgeschichte wurde der Antrag auf Umgangsregelung einfach, wie ich glaube, gezielt so lange liegengelassen und monatelang gewartet, bis sich die Tochter gegen den Vater geäußert hat. Der bekannte Herr Dr. J. vom Evangelischen Beratungszentrum war als Familientherapeut im Spiel – nicht nur Münchner Fachleute wissen um Abgang und seine Flucht nach England. Die Mutter hat sich im späteren Verlauf des Verfahrens als für die Erziehung ungeeignet herausgestellt, aber die Tochter wurde natürlich nicht zum Vater nach Hause motiviert, sondern vom ASD München in ein Heim gegeben. Der angeblich freie Wille des unmündigen Kindes, den Vater nicht sehen zu wollen und das allseits bereits Argument „Das Kind in Ruhe lassen“, wurde als bequeme Grundlage für die Jugendamtsempfehlungen und Für die richterlichen Entscheidungen genommen. Die Bereitschaft des Vaters, Verantwortung zu übernehmen, wurde einfach unter den Tisch gefegt. Das erste Heim kassierte 399,90 DM pro Tag, das jetzige Heim immerhin auch noch satzte 234,50 DM pro Tag. Daß der innere Kummer, nämlich der Elternverlust, dem Mädchen aufs Gemüt schlägt und bereits gigantische gesundheitliche Schäden nach sich gezogen hat, interessiert keinen der maßgeblichen Helfer. Hauptsache, der Rubel rollt und deren Arbeitsplätze bleiben gesichert.
 
Josef Krammel, Pullach

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Süddeutsche vom 18. Mai 1998
 

 
Kinder im Konflikt Wenn Müttern oder Vätern wirklich klar wäre, was offene oder versteckte Beeinflussung der Kinder gegen den anderen Elternteil bei den Kindern auslöst und in was für zusätzliche, schlimme Konflikte sie ihre Kinder damit bringen, würden viele es wohl nicht tun. Daher ist Aufklärung über PAS und Bewußtmachen der Folgen aus meiner Sicht ein ganz wichtiger Beitrag, der wohl alle mit dem Thema befaßten nur sehr, sehr nachdenklich machen kann.
 
Simone Pöhlmann, Rechtsanwältin und Mediatorin, München
 
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Süddeutsche vom 20./21. Mai 1998
 
Zuviel Verantwortung auf die Familiengerichte abgewälzt
 
Seite vielen Jahren kämpfe ich als Familienrichter um vernünftige Umgangsregelungen. Beim Versuch einer gütlichen Einigung erlebe ich Mütter, die klammern oder sich für vergangenes Unrecht rächen wollen, aber auch Väter, die nur auf ihrem Recht bestehen, sich aber andererseits um die Zahlung des Unterhalts drücken und bei Ausübung des Umgangs keine Gelegenheit auslassen, der Mutter Prügel zwischen die Beine zu werfen und sie zu kränken. Beispiele, wie Eltern durch ihr Verhalten eine vernünftige Umgangsregelung fast unmöglich machen, gibt es zur Genüge. Machen es sich da nicht viele zu leicht, wenn sie die Verantwortung für das Scheitern auf das Familiengericht schieben? Die Hauptverantwortung tragen doch in aller Regel die Eltern selbst, und zwar meines Erachtens häufiger als angenommen beide Eltern. Sie tragen ja auch die Verantwortung für die Hauptursache, nämlich Trennung und Scheidung, für die der Familienrichter nun wirklich nichts kann.
 
Die Überschrift „Deutsche Familiengerichte produzieren Scheidungswaisen am Fließband“ könnte von dieser Verantwortung ablenken. Müßte die Überschrift nicht lauten: „Eltern produzieren Scheidungswaisen am Fließband, und Familienrichter können nicht helfen“? Ich will mich damit nicht aus meiner Verantwortung als Familienrichter stehlen, ich wehre mich aber entschieden dagegen, daß sich umgekehrt Eltern mit dem Verweis auf die Verantwortung des Familiengerichts aus ihrer eigenen, viel größeren Verantwortung stehlen.
 
Die Tendenz dazu besteht: Wenn es um das Schicksal von Kindern aus gescheiterten Partnerschaften geht, steht fast immer die Tätigkeit der Familiengerichte im Mittelpunkt, während das Verhalten der Eltern nur am Rande erwähnt wird. Im Interesse der betroffenen Kinder denke ich, daß der Schwerpunkt der Diskussion verlagert werden sollte.
 
Martin Gleixner, Direktor des Amtsgerichts Freising
 
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Süddeutsche vom 23./24. Mai 1998
 
Kinder als Waffen im Krieg der Geschlechter
 
Den Artikel habe ich auch hier in den USA mit Interesse gelesen. Gerichtsfälle über Kinderobhut nach Ehescheidung sind in den letzten Jahren in den Staaten gewaltig gestiegen, damit natürlich auch die Häufigkeit des Parental Alienation Syndrome (PAS). Dr. Richard Gardner, der schon seit über zehn Jahren darüber schreibt, wird von „bösen Eltern“ (oft Vätern) als Retter und Held angesehen. „Gute Eltern“ (meistens Mütter), die ihre Kinder dem anderen Elternteil entfremdet haben, betrachten ihn als Frauenhasser.
 
In meiner psychotherapeutischen Praxis erlebe ich oft die Auswirkungen von PAS. Mädchen wachsen mit großer Angst vor Männern auf; Jungen wundern sich, was es eigentlich heißt, ein Mann zu sein. Dr. Gardner hat Recht, wenn er sagt, daß PAS ein Auswuchs der finanziellen Ungleichheiten zwischen Mann und Frau, besonders nach der Ehetrennung, ist. Familienrichter sollten das besonders bedenken.
 
Schon in primitiven Gesellschaften wußten Eltern, Kompromisse zu finden. Unsere Kinder können nicht gesund aufwachsen mit Eltern, die sie als Waffen im Krieg der Geschlechter gebrauchen.
 
Dr. Gisela Kehl, Familienpsychologin und Gerichtssachverständige, New York, USA
 
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Weitere Beiträge zum Thema von Christine Brinck:
 

  • Rabenvati ist doch der Beste – „Ein Kind ohne Vater ist wie ein Fisch ohne Flossen“ (6/94)
     
  • „Wo ist Vati?“ – Der Trend zur Ein-Eltern-Familie ist ungebrochen. Dabei zeigen neueste Forschungen: Kinder ohne Vater haben es ungleich schwerer im Leben. DIE SEELENNÖTE der Scheidungs- und Trennungskinder wurden lange Zeit schöngeredet (1/95).
     
  • Warum können Eltern nicht kündigen, Frau von Renesse? – Interview von Christine Brinck (5/96)
     
  • Kindschaftsrecht und Völkerrecht „Grenzenlose Brutalität“ – Deutschland, Schlußlicht im europäischen Vergleich (6/96)
     
  • Bei den Kindern hört Europa auf – Wenn es ums Sorgerecht geht, entscheiden viele deutsche Gerichte nationalistisch (6/96)
  • Nicht ohne meine Kinder – Vom zähen Kampf um entführte Kinder aus Ehen mit ausländischen Partnern (1/97)
     
  • Rezension von Karin Jäckel – Der gebrauchte Mann (5/97.
     
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    Online-Veröffentlichungen von Ursula Ofuatey-Kodjoe
     
  • Die psychosoziale Situation nichtsorgeberechtigter Väter – Diplomarbeit an der Abteilung für Klinische und Entwicklungspsychologie der Universität Freiburg, April 1994
     
  • Zum Wohle des Kindes. Je jünger, desto weniger Kontakt? – Zur Fragwürdigkeit von Faustregeln.
     
  • Scheidung aus der Sicht der Kinder.
     
  • Rechte des Kindes auf seine Beziehung zu beiden Eltern – Elternverantwortung nach der Partnerschaft.
     
  • Gliederung des Aufsatzes von Kodjoe/Koeppel, „Parental Alienation Syndron“ + Leitsätze zum Urteil aus Quèbec.
     
  • Leserbrief an den SPIEGEL zum Thema „Die vaterlose Gesellschaft.

 
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Veröffentlichungen von Dr. Peter Koeppel
 
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paPPa.com informiert: DER SPIEGEL vom 30.05.1998

SPIEGEL-GESPRÄCH (Hervorhebungen durch paPPa.com)
 
„Alle sind völlig überfordert“.
 
Die Frankfurter Jugendhilfeexpertin Gisela Zenz über kriminelle Kinder und die Hilflosigkeit von Justiz und Bürokratie.
 

 
Zenz, 59, lehrt Familien- und Jugendhilferecht im Fachbereich Erziehungswissenschaft der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt/Main. Die Juristin und Psychoanalytikerin schrieb das Standardwerk „Kindesmißhandlung und Kindesrechte“.
 

 
SPIEGEL:   Frau Professor Zenz, Gewalttaten von Kindern und Jugendlichen, wie zuletzt der Sexualmord eines 16-jährigen an einer Schülerin in Doberstau, machen Juristen und Sozialarbeiter ratlos. Dabei hat Deutschland die meisten Richter und wahrscheinlich das umfangreichste Jugendhilfegesetz der Welt. Wie erklären Sie Ihren Studenten diese Diskrepanz?
ZENZ:   Richter und Sozialarbeiter können weder die menschliche Natur verändern noch gesellschaftliche Verhältnisse, die Gewaltbereitschaft fördern. Im Einzelfall können sie allerdings manches verhindern, wenn sie früh genug zur Stelle sind und sehen lernen, was sich in den Familien entwickelt.

 
SPIEGEL:   Der Staat muß Problemfamilien stärker unter Aufsicht nehmen?
ZENZ:   Tatsache ist, daß viele Kinder, die irgendwann einmal mit Gewalttaten auffallen, vorher jahrelang bei der Jugendhilfe und den Gerichten bekannt waren. Man kennt ihre Familien genau.

 
SPIEGEL:   ….. aber hat keine Mittel, etwas zu tun?
ZENZ:   Im Jugendhilfegesetz steht wirklich allerhand Vernünftiges drin, was man tun kann. Man kann eine Situationsanalyse zusammen mit Experten und der Familie erstellen, dann eine Prognose abgeben, schließlich Hilfsmaßnahmen treffen, die gezielt auf einzelne Problemkinder abgestimmt sind.

 
SPIEGEL:   Kaum zu glauben, daß in der überlasteten Jugendhilfebürokratie jemand Zeit dafür hat.
ZENZ:   Genaue Analysen und Prognosen werden tatsächlich nur ganz selten erstellt. Zum einen aus Mangel an Geld und Personal, zum anderen ist es die Jugendbürokratie nicht gewohnt, koordiniert, zügig und zielgerichtet zu arbeiten.

 
SPIEGEL:   Das klingt so, als stehe die Jugendhilfe vor neuen Problemen. Aber kriminelle Kinder gibt es schon immer.
ZENZ:   Und es gibt auch eine Menge Beratungseinrichtungen, Therapien und Erziehungshilfen. Das ganze Feld ist aber unübersichtlich, und es ist für einen Sozialarbeiter sehr schwierig, zu tun, was das Gesetz verlangt: die Fachkräfte der unterschiedlichen Disziplinen, also auch Kinderpsychologen und -psychiater, mit den Beteiligten an einen Tisch zu bringen. Deshalb werden gerade die schwierigsten Fälle hin- und hergeschoben, von Instanz zu Instanz. Alle sind völlig überfordert.

 
SPIEGEL:   Das Grundgesetz verpflichtet den Staat, als „Wächter“ die Erziehung der Kinder zu kontrollieren. Fühlt sich niemand verantwortlich für sie?
ZENZ:   Selbst engagierte Eltern befinden sich oft in auswegloser Situation. Ich denke da an den Fall einer Mutter, die mit ihren Sorgen über das hochaggressive Verhalten ihrer beiden zehn und zwölf Jahre alten Söhne eine wahre Odyssee durch die Hilfsinstanzen erlebt hat. In der Schule fand man bei dem älteren bereits ein Messer.

 
SPIEGEL:   Was hat die Frau unternommen, um ihren Kindern zu helfen?
ZENZ:   Sie ist zu einer Erziehungsberatungsstelle gegangen; dort hat man eine Weile mit ihr in Beratuangsgesprächen gearbeitet, aber es änderte sich nichts. Da hat die Erziehungsberaterin gesagt: Gehen Sie zum Allgemeinen Sozialdienst – früher hieß das Familienfürsorge. Die Sozialarbeiterin dort hatte keine Zeit. Schließlich ist die Erziehungsberatin mit der Mutter aufs Jugendamt gegangen. Ergebnis: Eine Sozialarbeiterin sollte mehrmals pro Woche in der Familie vorbeischauen.

 
SPIEGEL:   Was sollte die Sozialarbeiterin konkret tun?
ZENZ:   Gespräche führen, in Konflikten vermitteln. Diese Familienhilfe ist eine gute Idee der siebziger Jahre und wird bis heute erfolgreich praktiziert. Aber die Resultate sind oft auch dürftig, weil die Sozialarbeiterinnen vielfach die schwersten Fälle der völlig zerrütteten Familien zugewiesen bekommen und damit alleine stehen.

 
SPIEGEL:   Hat denn in Ihrem Falle die Sozialarbeiterin etwas bewirkt?
ZENZ:   Sie ging eine Weile in die Familie, teilte dann aber ihren Vorgesetzten mit, ihre Arbeit mit den beiden aggressiven Jungen sei sinnlos, sie werde ihre Familienbesuche einstellen. Das Jugendamt schickte daraufhin die Mutter zum Psychiatrischen Dienst, wo sie……

 
SPIEGEL:   ….. keinen Termin bekam.
ZENZ:   Richtig, denn auch die Gesundheitsämter der Gemeinden, zu denen diese Dienste gehören, sind völlig überlastet und verfügen im übrigen selten über Kinderpsychiater. Die Mutter hörte schließlich gar nichts mehr vom Jugendamt.

 
SPIEGEL:   Die Kinder sind dann bald über 14, also strafmündig und womöglich ein Fall für die Justiz. Was wird Ihrer Meinung nach aus ihnen?
ZENZ:   Von solchen Fällen hört man leider oft dann erst wieder, wenn es eine Explosion, eine Gewalttat, gibt. Zum Glück ist in diesem Fall die Erziehungsberaterin am Ball geblieben und versucht weiter, Hilfe zu vermitteln.

 
SPIEGEL:   Das Gesetz gesteht den Eltern einklagbare Ansprüche auf Erziehungshilfe zu. Wenn Eltern hin und her geschickt werden, ziehen sie dann nicht vor Gericht?
ZENZ:   Die Eltern wagen oft keine Klage, aus Angst, daß sie es sich mit dem Jugendamt verderben. Die Kommunen bauen auf diesen Mechanismus, sie ruhen sich aus auf der Angst der Betroffenen. Ablehnende Bescheide mit Rechtsmittelbelehrung an die Adresse der Eltern sind eine seltene Ausnahme. Die Mutter mit den beiden Söhnen hat übrigens sogar Rechtsmittel eingelegt.

 
SPIEGEL:   Und verloren?
ZENZ:   Sie wurde abgewiesen und fühlt sich seitdem von den Jugendamtsmitarbeitern regelrecht boykottiert.

 
SPIEGEL:   Die letzte Verantwortung für das Wohl der Kinder ist in die Hände der Vormundschaftsgerichte gelegt. Können sie helfen, wenn die Jugendämter versagen?
ZENZ:   Die Gerichte sind auf die Zuarbeit der Jugendämter angewiesen. Aber auch wenn ein Sozialarbeiter sich an das Gericht wendet, kann er Pech haben. Er trifft nicht selten auf einen jungen Vormundschaftsrichter, der von Psychologie nichts versteht und auch nichts von Sozialpädagogik oder der inneren Dynamik einer Familie. Wahrscheinlich hat er in seiner Ausbildung viel über Aktienrecht gelernt. Jugendhilferecht jedenfalls gibt es in der juristischen Ausbildung nicht.

 
SPIEGEL:   Immerhin können diese Richter die Elternrechte einschränken und die Verantwortung über Kinder auf einen Amtsvormund übertragen.
ZENZ:   In der gerichtlichen Praxis kommt das selten vor. Da gibt es auch Probleme, denn ein einziger Amtsvormund muß bis zu 60 solcher Vormundschaften führen. Da ist er in jedem Einzelfall überfordert.

 
SPIEGEL:   Aber der Amtsvormund könnte mit mehr Nachdruck als die Eltern die Interessen der Minderjährigen gegenüber dem Jugendamt vertreten.
ZENZ:   Eben nicht. Das Jugendamt ist ja der Arbeitgeber des Vormunds. Wenn der -was er darf- für seine Mündel gegen die eigene Behörde prozessiert, kann er sich da noch in der Kantine sehen lassen? Geklagt wird kaum mal.

 
SPIEGEL:   Perfekt organisierte Verantwortungslosigkeit?
ZENZ:   So könnte man sagen. Es müßte eine kompetente Stelle geschaffen werden, die umfassend die Interessen der Kinder beim Weg durch die Hilfsinstanzen vertritt. Diese Stelle müßte unabhängig von allen Leistungsträgern und Gerichten sämtliche Chancen wahrnehmen, die Kinder in dieser Gesellschaft haben. Daß ratlose Eltern sich auf Wallfahrt durch die Instanzen begeben müssen und Kinder desinteressierter Eltern keinen persönlichen Vertreter ihrer Interessen haben, ist verhängnisvoll.

 
SPIEGEL:   Wo aber liegt die Grenze zwischen staatlicher Einmischung in die Familien und notwendiger staatlicher Fürsorge für die Kinder?
ZENZ:   Zu früh, zu spät, zuviel oder zuwenig, das ist das quälende Dilemma, über das in der Jugendhilfe weltweit diskutiert wird. Leider verläuft die Entwicklung in extremen Ausschlägen. Bis in die sechziger Jahre blühte noch großer Respekt vor dem Elternrecht. In die Erziehung einzugreifen, war ein Sakrileg, selbst wenn das Wohl der Kinder es geboten hätte. In den siebziger Jahren kippte das zum Teil ins andere Extrem.

 
SPIEGEL:   Was war der Anlaß?
ZENZ:   Die Psychologie wurde populär – und damit die Bücher, in denen eindringlich beschrieben wird, wie durchtbar die Kindheit in schwer gestörten Familien ist. Zugleich entdeckten die Juristen, daß auch Kinder Grundrechte haben, die der Staat -notfalls gegen die Eltern- schützen sollte. Die Sensibilisierung fürs Kindeswohl brachte manche Überreaktion mit sich. Kinderrechtsexperten erschraken, und abermals kehrte sich die Tendenz um.

 
SPIEGEL:   Jetzt ist die Familie wieder heilig, auch wenn sie für Kinder zur Hölle geworden ist?
ZENZ:   Es gibt zur Zeit die Tendenz, Kinder so lange wie möglich in Problemfamilien zu belassen. Das Motto ist: Beratung, Unterstützung, nur keine Trennung. Diese Einstellung wird von Teilen der Jugendhilfe eisern vertreten, selbst da, wo keine Erfolgsaussichten mehr erkennbar sind.

 
SPIEGEL:   Ist ein schlechtes Elternhaus besser als gar keines?
ZENZ:   Eine schlechte Familie besser als ein gutes Heim? Nein. Denken Sie an schwer mißhandelte Kinder oder an Alkoholikerfamilien, in denen die Kinder Gewalttätigkeiten der Eltern miterleben, oft über Jahre: Wenige Kinder finden von sich aus den Weg zur Polizei. Eher schon findet die Polizei Kinder vor, wenn sie Vater oder Mutter betrunken nach Hause bringen. Manchmal schafft es die Mutter gerade noch, sich ins Bett zu legen, und das sieben-,achtjährige Kind muß sich dann um sie kümmern.

 
SPIEGEL:   Jedenfalls ist es allemal billiger, wenn die Kinder in ihren Familien bleiben, als teure Pflegeplätze für sie zu finden oder sie in Heimen unterzubringen oder sie in Therapie zu nehmen.
ZENZ:   Da trifft sich der Familiensinn mit dem Sparwillen der Kommunen. auf den ersten Blick scheint es die billigste Lösung zu sein, das Problem ein paar Jahre in der Schwebe zu halten. Oft geht das nach außen hin auch eine Weile gut, ehe es ein Unglück gibt.

 
SPIEGEL:   Aber die Jugendhelfer müssen doch merken, daß ihre Arbeit in den Familien oft vergebens ist.
ZENZ:   Nicht wenige leiden auch darunter. Aber viele bauen mit am Tabu Familie. Jeder hat ja heute selbst oder im engsten Bekanntenkreis Familientragödien bei Trennung oder Scheidung erlebt. Um so schwerer fällt da die Entscheidung, Kinder aus einer Familie herauszuholen. Die Kinder fallen Ihnen ja nicht um den Hals und sagen: Gut, daß Du mich endlich befreist. Fast alle Kinder sind dagegen, leiden unter der Trennung, auch wenn es ihnen bei Vater und Mutter schrecklich schlecht ergangen ist. Von den Richtern, die darüber entscheiden müssen, schläft keiner gut.

 
SPIEGEL:   Wenn nun ein entschlossener Sozialarbeiter und ein umsichtiger Richter aggressive Kinder rechtzeitig aus hochproblematischen Familien herausholen – was soll dann mit den Kindern geschehen?
ZENZ:   Wenn etwa Kinderpsychiater mit Sonder- und Heilpädagogen oder Kindertherapeuten zusammenarbeiten, können sie meist zimelich genau sagen, was diese Kinder benötigen. Wir brauchen aber mehr Richter, die Hilfspläne anfordern – und gelernt haben, sie zu beurteilen – und Jugendämter, die Hilfsmöglichkeiten suchen und finanzieren.

 
SPIEGEL:   Woran denken Sie?
ZENZ:   Für kleine Kinder an Pflegefamilien, für ältere auch an Heime, denn es gibt mittlerweile sehr qualifizierte Einrichtungen, in denen die Kinder gut aufwachsen und sich wohl fühlen können.
 
SPIEGEL:   Heim – das klingt eher abschreckend.
ZENZ:   Gerade für ältere, schwer traumatisierte Kinder sind Heime oft besser geeignet. Pflegefamilien ohne spezielle Qualifikation und Unterstützung sind damit häufig überfordert.

 
SPIEGEL:   Sie meinen im Ernst, daß Kindern in Heimen besser geholfen werden kann als in der privaten Atmosphäre einer Familie?
ZENZ:   Es gibt Kleinstheime, in denen nur sechs bis acht problembeladene Kinder betreut werden. Wenn die Betreuung angemessen sein soll, kostet das natürlich Geld.

 
SPIEGEL:   Finden sich Finanziers für solche Heime?
ZENZ:   Die Kommunen, die zur Zeit mehr um Selbsterhaltung als um Selbstverwaltung kämpfen, wollen dafür nicht mehr aufkommen. Sie kürzen die Fördermittel oder schieben Heime in Freie Trägerschaft ab und versuchen dann, die Pflegesätze herunterzudrücken. So werden die Hilfsangebote für die Kinder immer magerer.

 
SPIEGEL:   Natürlich wird jeder, der um öffentliche Subventionen kämpft, seine Einrichtung für ganz und gar unverzichtbar hinstellen.
ZENZ:   Manche sind es auch. Da werden zum Beispiel jetzt Notaufnahmeheime, die personalintensiv arbeiten müssen, mit Schließung bedroht. Das ist aber eine gute Möglichkeit, Kinder von der Straße zu holen. Und dort finden auch Jugendliche Unterschlupf, die von selbst kommen, weil sie von zu Hause wegwollen. Für den Umgang mit ihnen braucht es gut geschultes Personal und Erfahrung. Wenn die Betreuer nicht richtig reagieren, sind diese Jugendlichen sehr schnell wieder weg.

 
SPIEGEL:   Vielleicht wäre die Bereitschaft, Geld in die Jugendhilfe zu investieren, größer, wenn Sozialtherapeuten und Sozialarbeiter klare Konzepte und Erfolge vorweisen könnten.

ZENZ:   Die gibt es durchaus. Aber es gibt auch gravierende Mängel in der Aushildung von Sozialarbeitern und Sozialpädagogen.

 
SPIEGEL:   Deren Ausbildung ist auch Ihre Aufgabe als Professorin.
 
ZENZ:   Die Ausbildung macht mir wirklich Sorgen. Einserseits gibt es da die Tendenz zu angeblich schnell wirkenden Patentrezepten im Umgang mit Problemkindern. Die Kommunen, in Finanznot und unter Erfolgsdruck, greifen gern nach solchen Billigmethoden. Andererseits scheitert eine gründliche Ausbildung immer wieder auch an unklaren Konzepten und an der völlig unzureichenden Ausstattung der Hochschulen.

 
SPIEGEL:   Könnte es sein, daß viele Ihrer Kollegen im stillen vor den kriminellen Kindern längst kapituliert haben?
ZENZ:   Ich sehe eher Zeichen von Resignation gegenüber den falschen Versprechungen einer Politik, der die Jugendhilfe immer dann kurzfristig wichtig wird, wenn in der Öffentlichkeit von „kriminellen Kindern“ die Rede ist. Übrigens war Deutschland in der Jugendhilfe zu Beginn dieses Jahrhunderts führend in Europa, als etwa in den zwanziger Jahren flächendeckend Jugendämter eingerichtet wurden. Doch die guten Ansätze sind immer wieder an Halbheiten gescheitert, das heißt, an der mangelnden Bereitschaft, Geld auszugeben.

 
SPIEGEL:   Frau Zenz, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

 

 
Das Gespräch führten die Redakteure Thomas Darnstädt und Gerhard Spörl.
 
DER SPIEGEL, 23/1998 – Vervielfältigung nur mit Genehmigung des SPIEGEL-Verlags.

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