Spirale – Eine Einführung

 

Kinder- und Jugendgewalt. Wo liegen die Ursachen?

 

Thema: Jugendgewalt

Hamburger Abendblatt vom 06.07.1998

Eine Serie über Kinder- und Jugendgewalt. Wo liegen die Ursachen?

Was ist zu tun?


Gefangen in einer Spirale der Entwertung

 
 
 
 
Eine Pädagogin beschreibt Hindergründe des Phänomens und stellt Forderungen
 

Von Birgit WARZECHA

 
 
 
Gewalthandlungen von Jugendlichen sind Zeichen sozialer Desintegration. Wir haben es mit einer schleichenden und dramatischen Entwicklung zu tun, die schwierig zu unterscheiden und der noch schwieriger gegenzusteuern ist.
 
In einer Grossstadt wie Hamburg herrscht ein deutliches Gefälle zwischen Arm und Reich. Hier lebt bereits jedes fünfte Kind unter sieben Jahren von der Sozialhilfe. Das familiäre Umfeld ist oft geprügt von Armut, Arbeitslosigkeit der Eltern, schlechten Wohnverhältnissen. Die Eingliederung der Jugendlichen in den Arbeitsmarkt wird zunehmend schwieriger, ebenso der Übergang von der Schule in die Berufsausbildung, gerade für Schüler ohne, aber auch mit Hauptschulabschluss. Vor allem, wenn sie Ausländer sind. Diese Heranwachsenden haben schlechte Karten beim Wettlauf um anerkannte Plätze in der Gesellschaft. Sie ahnen, dass es für sie keinen legalen Weg gibt, der ihnen Anerkennung, finanzielle Absicherung und Konsumteilhabe ermöglicht. Das führt bei manchen zu steigender Schulunlust, Schulschwänzen, psychischen Problemen – und Gewalthandlungen.
 

 
Um vom „Nobody“ zur „Very Important Person“ aufzusteigen, müssen Grenzen überschritten werden. Gewaltausübung bietet sich hier ebenso an wie spektakuläre Aktionen, etwa S-Bahn-Surfen, Auto-Crashing oder Graffitisprayen.
 

 
Kinder und Jugendliche, die Gewaltbereitschaft demonstrieren, sind in der Regel Heranwachsende mit traumatisierenden Sozialisationserfahrungen. So erleben sie etwa in ihrer Familie Vernachlässigung und Gleichgültigkeit, psychische Gewalt als Misshandlung, sexuellen Missbrauch, Drogenabhängigkeit eines oder beider Elternteile, Depression beispielsweise aufgrund von Arbeitslosigkeit. Immer mehr Kinder machen schlimme Trennungserfahrungen, Beziehungen brechen ab. Die Kinder pendeln dann zwischen Ohnmachtsgefühlen und Allmachtsphantasien. Gewalt wird gleichsam als Bewältigungsversuch eingesetzt, um die eigene Lebensgeschichte zum Ausdruck zu bringen.
 

 
Gewalttätige und gewaltbereite Heranwachsende haben oft eine klassische „Massnahmenkarriere“ im schulischen und ausserschulischen Bereich hinter sich. So steht die Sonderschulüberprüfung oft am Ende einer Kette demotivierender und aggressionsfördernder schulischer Erfahrungen, die aus Klassenwiederholung, Klassenwechsel, Unterrichtsausschluss, Schulwechsel, Schulverweis bestehen und dem betreffenden Kind oder Jugendlichen nie die Chance gegeben haben, seine Heimat, seinen Platz in der Gemeinschaft und damit ein kontinuierliches Lern- und Beziehungsumfeld zu finden und mitzugestalten. Solche Heranwachsenden erleben hierdurch tiefe Selbstverletzungen.
 

 
Den schulischen Massnahmen stehen andere im ausserschulischen Bereich gegenüber: Heimeinweisung, Unterbringung bei Pflegepersonen, Sozialpädagogische Familienhilfe, Erziehungsbeistandschaft, Einzelbetreuung, erlebnispädagogische Massnahmen, Kinder- und Jugendpsychiatrie und Ähnliches.
 
Ähnlich ist es auch bei der Eingliederung in den Arbeitsmarkt: Auch hier gibt es Massnahmenkarrieren, die letztendlich zu einer dauerhaften Alimentierung dieser jungen Erwachsenen durch den Staat führen.
Schüler und Schülerinnen mit „Massnahmenkarrieren“ erleben eine Stigmatisierung und eine Spirale der Entwertung. Gewalt und Gewaltbereitschaft sind hier deutliche Signale.
 
Überwiegend geraten männliche Heranwachsende in die Schlagzeilen, Mädchen weit seltener, obwohl hier ein Gewaltpotential besteht.
Ein grosses Problem ist der abwesende Vater. Der Erziehungsalltag wird von Frauen dominiert, als Mütter, Grossmütter, Kindergärtnerinnen, Grundschullehrerinnen, Sozialpädagoginnen. Kein Mann setzt Grenzen und zeigt Wege für eine gelingende psychosexuelle Entwicklung.
Doch Jungen wollen Männer werden, sie orientieren sich dann ein Männlichkeitsvorbildern, die die Medien anbieten. Da lernen sie, welche Eigenschaften zu ihrem Geschlecht gehören. Der angstfreie Held, der Härte gegenüber sich und anderen zeigt und Durchsetzungsvermögen um jeden Preis, bestimmt immer noch das Rollenklischee.
 
Die Angst, diesen vermeintlichen Ansprüchen an Männlichkeit nicht zu genügen, ist um so grösser, je orientierungs- und haltloser der Lebensraum dieser Jugendlichen ist. Männlichen Heranwachsenden ermöglicht Vandalismus, Randale und Gewalt wenigstens die Teilhabe am Bild des negativen Helden. Das väterliche Prinzip begegnet ihm dann oftmals erst im Kontakt mit dem Jugendrichter. So werden männliche Jugendliche in den ersten Lebensjahren eher „übermuttert“, im Bereich der Strafverfolgung „bevätert“.

 
Der Verlust an männlichen Be- und Erziehungspartnern hat negative Konsequenzen für männliche Heranwachsende. Deshalb plädiere ich für den Quotenmann im Kindergarten, in der Grundschule, in der Familienhilfe. Männer müssen sich ihrer Erziehungsverantwortung auch während der Kindheit stellen und nicht erst als Anti-Aggressionstrainer im Jugendstrafvollzug.
 

 
Problematisch erweist sich auch, dass die traditionelle Lebensgemeinschaft Familie an normativer Orientierung für Heranwachsende verliert. Trennungen der Eltern gehören zu Alltagserfahrungen – in Grossstädten wird fast jede zweite Ehe geschieden. Damit eng verbunden ist eine Veränderung im Bindungs- und Beziehungsverhalten. Auch die stabilisierenden Faktoren im Umfeld von Familien, wie nachbarschaftliche Milieus, haben sich verändert.
 

 
Dem Statusverlust der Familie steht der Statusgewinn der Gleichaltrigengruppe und der Medien gegenüber. Das Grossstadtmilieu ermöglicht Heranwachsenden neue Beziehungsnetzwerke, öffentliche Jugendszenen, die unverbindlich genutzt werden können. Solche Szenen bieten Orientierung und Halt in einer immer komplexer werdenden Gesellschaft.
 

 
Vergleichbares gilt für die Medien: Sie bieten Eindeutigkeit bei den Such- und Orientierungsprozessen von Kindern und Jugendlichen. Die Welt eines Rambos oder Terminators ist überschaubar strukturiert ind Gut und Böse, Stark, Schwach, Hässlich, Schön.
 

 
Im Zeitalter der Massenmedien gehören Gewaltdarstellungen zur Wahrnehmungsroutine von Kindern und Jugendlichen. Im fast unübersichtlich grossen Angebot an Video- und Computerspielen kann Morden und Krieg zum Zeitvertreib werden. Mediale Gewalt vermittelt die kulturelle Botschaft, dass alle wichtigen Probleme mit Gewalt gelöst und entschieden werden – mit Erfolgsgarantie!
 

 
Was Kinder und Jugendliche dagegen brauchen, sind Sozialisationsbedingungen, die die väterliche und mütterliche Dimension gewährleisten. Sie brauchen Sicherheit und Verlässlichkeit und Beziehungspartner und -partnerinnen, sie brauchen Kontinuität in der schulischen Entwicklung und eine verbindliche normative Orientierung. Sie brauchen die Gewissheit, einen sozial gesicherten Platz in dieser Gesellschaft einnehmen zu können. Sie brauchen Erwachsene, die bereit und in der Lage sind, ihre Erwachsenenrolle auch zu leben, statt Generationsgrenzen zu verwischen.
 

 
Gewaltbereite und aggressive Kinder und Jugendliche brauchen zudem einen festen institutionellen Rahmen. Sie brauchen überschaubare Regeln, deren Kontrolle und Einhaltung, Konfrontation der Allmachtphantasien mit der Realität, eindeutige und klare Grenzziehungen, Angebote einer Sinnorientierung, autoritativen (nicht autoritären) Umgang der Erwachsenen mit ihnen.
 

 
Neben einer verbesserten Kooperation der Kinder- und Jugendhilfe und der Schule müssen funktionsfähige Netzwerke aufgebaut werden in Zusammenarbeit mit Stadtteilprojekten, Kirchen, Polizei und Justiz. Dafür gibt es positive Beispiele in Frankfurt am Main oder in den Trabantenstädten Frankreichs. Diese neuen Kooperationsformen sind kein Allheilmittel, aber öffentlichkeitswirksame Wege in die richtige Richtung.
 

 
Und die Kommunalpolitik muss sich dieser Aufgabe stellen. Trotz der drastischen finanziellen Einschränkungen trägt sie die Verantwortung für öffentliche Bildung und Erziehung. Dieser Verantwortung hat sie sich zu stellen, materiall, ideell und unabhängig von ideologischen Debatten um offene gegen geschlossene Unterbringung von gewalttätigen Heranwachsenden. Dies sind Scheingefechte, die von der eigentlichen Finanzmisere ablenken. Solche Debatten erzeugen ein handlungsbezogenes Vakuum, das denen schadet, denen es angeblich nutzen soll.
 

 
Als Erziehungswissenschaftlerin wünsche ich mir mehr Mut und Zivilcourage im Umgang mit gewalttätigen Jugendlichen, glaubwürdig Grenzen zu zeigen und glaubwürdig Grenzen auch durchzusetzen. Dies bedeutet, sich ideologischen Tabus zu stellen, auch wenn es eher unpopulär ist.
 
(Siehe auch World vom 01.Juni 1998: Jungen in USA sträflich vernachlässigt“ mit Anmerkung von Dr. Karin Jäckel).
 

 
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TAZ-Bremen Nr. 5577 vom 09.07.1998 Seite 22

 

 

 
Von den Grenzen der Schulpädagogik
 

Das Problem von Jugendtätern sind brutale Erwachsene

 

Hannoveraner Studie über Jugendkriminalität vorgestellt

 

 

 
Wenn 100 Erwachsene zusammentreffen, um über das Thema „Jugendgewalt“ zu diskutieren, kommen Forderungen nach härteren Strafen oder Kinderknast zunehmend schneller auf den Tisch. Nicht so am Dienstag abend im Schlachthof. Dort bilanzierte Moderator Ottmar-Willi Weber von Radio Bremen nach dreistündiger Debatte über „Erfahrungen mit Jugendgewalt“ aus der Schlachthofreihe „Tribüne“: „Schön, dass sich hier alle als Teil des Problems verstehen“.
 

 
Denn das Problem gewalttätiger Jugendlicher sind in der Tat die Erwachsenen. Solche, die zuschlagen – und solche, die wegschauen. Das ergab eine Studie zur Jugendkriminalität des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) in Hannover, die Soziologe Peter Wetzels einleitend vorstellte. Danach wurden in Hannover 52 % repräsentativ befragter Jugendlicher zwischen 14 und 18 Jahren von ihren Eltern geschlagen. Rund 10 % wurden dabei so massiv geprügelt, „dass man von Misshandlung sprechen muss. Dazu zählen Faustschläge und Tritte ins Gesicht, Knochenbrüche und Verbrennungen“. Wer schwer misshandelt wurde, ist unter den Tätern deutlich überrepräsentiert – mit einer Quote von 44 %. Die Studie zeigt: Es gibt einen Zusammenhang zwischen früherer Opfererfahrung und späterer Täterschaft.
 

 
Auch dass überdurchschnittlich viele Söhne nichtdeutscher Eltern unter den Tätern sind, belegt die Studie. Im Detail allerdings stellt sie eine klare Verbindung zwischen Armut, Schulbildung, eigener Gewalterfahrung und späterer Täterkarriere her: Wer ohne Sozialhilfe und ohne Gewalterfahrung aufwächst und noch dazu Schulen „von Realschule an aufwärts“ besucht, wird wesentlich seltender zum Jugendtäter als Kinder, deren eines dieser drei „Merkmale“ fehlt.
 

 
Wer macht was oder warum nicht? Um diese Fragen kreise die Veranstaltung, nahm mal die Eltern, mal die Jugendlichen und öfter mal die Lehrer auf`s Korn. „Wohl weil die Kinder die meiste Zeit in der Schule sind“, versuchte Moderator Weber am Schuluss manchen harten Anwurf gegen „faule“ Lehrer auszubügeln – und rannte bei der stellvertretenden Schulleiterin der Allgemeinen Berufsschulen, Angela Feldhusen, offene Türen ein. Sie sei durchaus dafür, die Tabufrage nach der Lehrerleistung zu stellen. Auch hätten Schulen besonders damit zu kämpfen, „dass sich das Berufsbild des Lehrers schneller gewandelt hat als die dazugehörigen Menschen“. Lehrer/-innen -denen die Politik entsprechende Fortbildungen systematisch vorenthalte- reagierten angesichts von Gewalt „wie alle Menschen manchmal mangelhaft“.
 

 
Von einer Mangelerfahrung konnte die Pädagogin prompt berichten. An ihrer Schule war ein Krach zwischen zwei Schülern vor einigen Tagen zu einem Messerangriff eskaliert. Das Bemühen der Lehrerin auch um den jugendlichen Täter, der seine Familie und einen Rechtsbeistand informieren können sollte, habe die herbeigerufene Polizei aber abgelehnt. Dabei könne nur durch Kooperation aller Beteiligten die Situation bewältigt werden. „Grundsätzlich ist die Schule gefragt, schnell Stellung zu beziehen, ohne auf Richter und Polizei zu warten“, sagte Feldhusen. Schüler/-innen einer Findorffer Schule, die bemängelt hatten, dass ihre Lehrer bei Konflikten in der Schule wegschauen, ermunterte sie: „Tragt die Diskussion in die Schule. Stellt Forderungen“ – und fragte dann selbst die grüne Bürgerschaftsabgeordnete Maria Spieker, die mit auf dem Podium sass: „Was haben die Grünen sich denn zum Thema überlegt? Wo wird investiert?“
 

 
Wenig konkret versuchte die Jugendpolitikerin den Ball zurückzuspielen: Es gebe keine Rezepte, aber viele offene Fragen – auch angesichts der Tatsache, „dass wir wissen, dass Pädagogik an ihre Grenzen stösst“. Doch könne Politik allein die gesellschaftlichen Aufgaben nicht lösen.
 

 
„Sehr wischi-waschi“ sei das gewesen, rügte da sogar der Kriminologe Wetzels – und kassierte Applaus, als er im Hinblick auf besondere Einrichtungen für jugendliche Straftäter forderte: „Bevor irgendeine Einrichtung gebaut wird, muss das Personal vorhanden sein. Bei diesen Kindern geht es um Intensivbetreuung. Wenn man so ein Haus erst hat, werden sie weggeschlossen.“
 

 

 
Die Grünen feiern lustig weiter den Mutti-Kulti um die Allererziehenden; das reicht denen wohl ……
 
Gleichzeitig wollen auch sie Kinderknäste, siehe unten.
 
Da fällt uns nur noch Tucholsky ein: „Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen könnte.
 

 

 
Hamburger Abendblatt
 

Frage an die Jugendrichter – Wo bleibt Ihr Aufschrei ?

 

 

 
Ist die Justiz noch in der Lage, mit jugendlichen Gewalttätern fertig zu werden? Darüber diskutierten Abendblatt-Redakteure mit Richtern und Staatsanwälten. Vereinbarungsgemäss haben die mit der Jugendkriminalität befassten fünf Juristen den Text autorisiert. Das Gespräch wurde noch vor der Bluttat von Tonndorf geführt.

Hamburger Abendblatt
 

Wie kann die Justiz schwerkriminelle Jugendliche wie Crashkid Dennis in den Griff bekommen? Ist die Justiz zu lasch?
 
Monika Schorn, Jugendrichterin am Amtsgericht
Bis zum 14. Lebensjahr war er nicht strafmündig. Danach erst konnte er angeklagt werden wegen Diebstahls mehrerer Autos. Als er nach dem Urteil -ein Jahr auf Bewährung- wieder straffällig wurde, wurde die Bewährung sofort widerrufen. Er hat einen grossen Teil der Strafe abgesessen.
 

 
Reichen die gesetzlichen Handhaben? Sollte die Strafmündigkeit herabgesetzt werden?
 

 

 
Oberstaatsanwältin Doris Alexy-Girardet
 

Die strafrechtliche Verfolgung von Kindern ist keine Lösung. Sie gehören nicht vor Gericht. Hier sind Familie, Schule und andere gefragt.
 

 
Aber wo bleibt Ihr Aufschrei?
 
Sie haben sich arrangiert mit dem Gesetz, wie es ist. Dabei nehmen die Straftaten ständig zu. Die Bürger fühlen sich immer unsicherer, haben immer mehr Angst.

Oberstaatsanwältin Alexy-Girardet
 

 

Die Angst nehmen wir ernst, gerade auch mit Blick auf die gestiegene Gewaltkriminalität. Das Jugendgerichtsgesetz gibt uns vielfältige Reaktionsmöglichkeiten auf Straftaten.
 

 

 
Schildern Sie mal !
 

 
Alexy-Girardet
 

Das Spektrum reicht von der Ermahnung bis zur Jugendstrafe bis zu zehn Jahren.
 

 
Aber in Langenhorn geschah durch die Justiz lange Zeit nichts, bis drei Jugendliche ein Mädchen vergewaltigt haben. Wie lange brauchen Sie, bis die bestraft werden?
 

 
Egbert Walk, Vorsitzender Richter einer Jugendkammer am Landgericht
 

 

In der Sache laufen noch die polizeilichen Ermittlungen. Wir sehen mit Sorge, wie die Brutalität unter Kindern und Jugendlichen zunimmt. Wie kann es sein, dass zehn-, zwölf- oder 14-jährige so aus dem Ruder laufen? Jugendrichter haben das Jugendgerichtsgesetz anzuwenden. Danach steht die Erziehung des Täters im Vordergrund. Daneben spielt die Sühne für begangenes Unrecht eine Rolle. Die Jugendbehörde führt die vom Richter angeordneten erzieherischen Massnahmen durch; Jugendstrafe vollstreckt die Justiz.
 

 
Jugendrichterin Schorn
 

Wichtig wäre auch, den Eltern gefährdeter Kinder frühzeitig Erziehungshilfe zu geben.

 

 

 
Tut die Politik zuwenig?
 
Richter Walk
 

Wenn die Jugendbehörde ihren vielfältigen Aufgaben gerecht werden soll, braucht sie mehr Personal. Nur frühzeitige Intervention verhindert Jugendkriminalität.
 

 
Ist es nicht völlig falsch, wenn die Staatsanwaltschaft straffällige Jugendliche nur mit einem Formlatt („Du wirst einer schweren Straftat beschuldigt“) ermahnt? Papier ist geduldig. Warum wird die Jugendgerichtshilfe immer weniger in Anspruch genommen?
 
Oberstaatsanwalt Jürgen Detken
 

Aufgrund von Forschungen ist sicher, dass es kontraproduktiv ist, wenn man einen Ersttäter mit der formalen Härte des Gesetzes überzieht. Leider kann man der Akte nicht ersehen, welcher Mensch dahinter steht. In etwa 90 % der Fälle macht das Verfahren nachhaltigen Eindruck, ist eine weitere Straffälligkeit nicht zu verzeichnen. Bei etwa 10 % der jungen Straftäter kommt es zu weiteren Straftaten.
 

 
Warum sehen Sie sich die Täter nicht wenigstens an?
 

 
Oberstaatsanwalt Detken
 

Der Täter müsste zwar beim Staatsanwalt erscheinen, aber nicht aussagen. Soll ich einen nicht erschienenen Ersttäter polizeitlich vorführen lassen? Das wäre unverhältnismässig. Ausserdem ist das ein Zeitproblem.
 
Aber die Bevölkerung sieht grosse Probleme. Sie hat keine Angst vor Ladendiebstählen, sondern vor der Zunahme der Gewaltkriminalität.
 

 
Richterin Schorn
Natürlich reagieren wir auf Gewalttaten!
 

 
Da gibt es einen gewalttätigen Jugendlichen, der 46 Strafverfahren am Hals hat.
 

 
Oberstaatsanwältin Alexy-Girardet
Das Problem ist, dass wir oft nicht schnell genug an die gefährdeten Jugendlichen herankommen. Das liegt unter anderem an der Vielzahl der Verfahren und der Überlastung. Das ist gefährlich: Entweder hat der Jugendliche sich gefangen, oder er legt erst richtig los. Wir wünschen uns mehr Täter-Opfer-Ausgleich, damit die Täter frühzeitig mit den Folgen ihrer Taten konfrontiert werden. Das hilft auch den Opern.
 
Wie kann man die Abläufe in der Justiz straffen? Warum folgt die Strafe nicht auf dem Fuss?
 

 
Oberstaatsanwältin Alexy-Girardet
 

Mit dem jetzt pilotierten Computerprogramm „MESTA“ könnten wir die Sachen schneller vor Gericht bringen.
 

 
Wie wollen Sie Jugendliche denn überhaupt erziehen, wenn Sie keinen Zugriff auf Sie haben? In Hamburg gibt es doch keine geschlossenen Jugendeinrichtungen.
 

 
Richter Walk
 

Wenn Jugendstrafe ohne Bewährung verhängt wurde, hat man den Zugriff und kann ein erzieherisches Programm durchführen. In anderen Fällen können Intensivtäter durch eine umfassende Einzelbetreuung erzieherisch erreicht werden.
 

 
Polizeipräsident Uhrlau sagte, die Jugendbeauftragten der Polizei müssten möglicherweise eingespart werden.
 

 
Richterin Schorn
 

Das halte ich für falsch. Sie sind Teil einer wirksamen Prävention.
 

 
Richter Walk
 

Verhinderung von Kriminalität muss in den Familien beginnen, die oft zerrüttet sind. Es gibt immer mehr Verlierer unter den Kindern und Jugendlichen, besonders bei der Berufsausbildung.
 

 
Warum verpflichtet man die Täter nicht zur Wiedergutmachung des Schadens, etwa beim Entfernen von Graffiti?
 

 
Oberstaatsanwalt Detken
 

Das wird auch gemacht, geht aber nicht in jedem Fall, zum Beispiel nicht bei Bahnanlagen. Das Arbeiten mit Chemikalien ist auch nicht ganz ungefährlich.
 

 
Wie können Sie die Jugendkriminalität besser bekämpfen?
 

Rainer Borwitzky, Jugendrichter am Amtsgericht
 
Die allerbesten Erfolge erreicht man durch Vorbeugung. In Zeiten knapper Kassen sollten vorhandene Mittel vorrangig dafür verwandt werden.
 
Richterin Schorn
 

Die Staatsanwaltschaft in Jugendsachen ist eindeutig unterbesetzt. Die Verfahren dauern immer länger.
 

 
Oberstaatsanwalt Detken
Es könnte so weit kommen, dass wir bestimmte Deliktsbereiche wie Ladendiebstahl, Sprayen und Schwarzfahren nicht mehr verfolgen.
 

 
Fühlen Sie sich vom Jugendamt im Stich gelassen?
 
Richter Walk
 

 

Wir müssen stärker zusammenarbeiten.
 
Sollte man ausländische Wiederholungstäter abschieben?
 

 
Richter Borwitzky
 

Das ist Sache der Innenbehörde, nicht der Justiz. Unsere Urteile können aber Grundlage für Abschiebungen sein.
 

 

 
Zum Abschluss: Was kann die Arbeit der Justiz erleichtern?
 

 
Richter Borwitzky
 

Für Prävention müsste mehr Geld ausgegeben werden.
 

Oberstaatsanwalt Detken
Für die Prävention wären die beschlossenen Quartierskonferenzen mit allen beteiligten Institutionen ein wesentlicher Ansatz.
 

Richterin Schorn
Wir brauchen eine stärkere Vernetzung der Behörden, die mit Jugend zu tun haben.
 

 
Oberstaatsanwältin Alexy-Girardet
 

Ich wünsche mir für ein schnelleres Handeln mehr Staatsanwälte.
 
Richter Walk
 

Wir brauchen auch neue und bessere pädagogische Konzepte.
 

 
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AP-Meldung 04.07.1998
 
Auch Grüne lehnen geschlossene Heime nicht mehr ab
 

 
Rechtsexperte Beck: Aber nicht von eigentlichem Problem ablenken – Däubler Gmelin für Gefängnisstrafen
 

 

Frankfurt/Main (AP)
Nach zahlreichen Politikern von Koalition und SPD schliessen auch die Grünen eine Unterbringung minderjähriger Straftäter in geschlossenen Heimen nicht mehr aus. Der rechtspolitische Sprecher ihrer Bundestagsfraktion, Volker Beck, sagte am Samstag in Bonn, selbstverständlich sei dies kein Tabu. Die Heimunterbringung dürfe aber nur in Ausnahmefällen letztes Mittel sein. Die SPD-Rechtsexpertin Herta Däubler-Gmelin forderte ein hartes Durchgreifen. Bei Mord müssten auch Gefängnisstrafen in Frage kommen. Bundesfamilienministerin Claudia Nolte forderte die Länder ohne Heime auf, ihre Haltung zu überdenken.
 
Die Diskussion über die Behandlung junger Krimineller war nach der Tat zweier 16-jähriger angeheizt worden, die einen 73 Jahre alten Ladeninhaber in Hamburg wegen 220 Mark erstochen hatten.
 

 
Beck warnte aber davor, in der Diskussion über eine Heimeinweisung minderjähriger Straftäter vom Kern des Problems abzulenken. „Wir kümmern uns zu wenig um unsere Jugend ….. Wir brauchen einen Ausbau der Jugendhilfe, ein Programm gegen Jugendarbeitslosigkeit und über die Ausbildungsplatzabgabe eine Integration aller ausbildungswilligen Jugendlichen in den Arbeitsmarkt.“
 

 
Die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Däubler-Gmelin sagte im Mitteldeutschen Rundfunk mit Blick auf die Tat in Hamburg: „Wer einen Menschen umbringt, der kriegt lebenslänglich. Punkt. Hier geht es nicht um geschlossene Heime, sondern um Gefängnis.“ In Heime gehörten Kinder, mit denen die Eltern nicht fertig würden. Dort müsse mit ihnen dann gearbeitet werden. Der Tat in Hamburg vorangegangen sei eine lange Reihe von Auffälligkeiten der beiden Täter. Es sei zu fagen, warum Jugendämter und Jugendstrafbehörden nicht schon früher eingegriffen hätten. In die Jugend, besonders die in Ostdeutschland, müsse mehr investiert werden. „Sonst dürfen wir uns nicht wundern, wenn da vieles aus dem Ruder läuft“.
 

 
Die CDU-Politikerin Nolte forderte in der „Nordwest-Zeitung“ (Samstagausgabe) Länder, die bisher „aus ideologischen Gründen“ keine geschlossenen Heime hätten, auf, ihre Haltung zu überdenken. „Es kann doch nicht sein, dass zum Beispiel Niedersachsen junge Mehrfach- oder Intensivtäter in geschlossene Heime nach Bayern schickt.“ Darüber hinaus müssten aber mit erzieherischen massnahmen Straftaten von Anfang an verhindert werden.

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