Tagung I

Landesjugendamt Tagungsunterlagen

„Anforderungen an die Fachkräfte in der Arbeit mit der Herkunftsfamilie bei Hilfen zur Erziehung ausserhalb der eigenen Familie“

2./3. September 1996

Kath. Akademie Schwerte

Landschaftsverband Westfalen-Lippe

Tagungsunterlagen“Anforderungen an die Fachkräfte in der Arbeit
mit der Herkunftsfamilie bei Hilfen zur Erziehung
ausserhalb der eigenen Familie“ am 02. und 03.09.1996
in der Kath. Akademie SchwerteInhaltsangabe: Seite:
1. Einladung zur Arbeitstagung
2. Unterlagen von Reinhart Wolff
        a) Vom Kind zum Kontext: Kein Kind kommt allein!Zur Rolle der Herkunftsfamilie in der Arbeit mit fremduntergebrachtenKindern und Jugendlichen von Reinhart WolffVortrag und Folien
        b) Entwicklung, Erfahrung und Beziehungsmuster:Psychische Gesundheit aus bindungstheoretischer Sichtvon Patrizia M. Crittenden(Abdruck nur zum persönliche Gebrauch der Seminarteilnehmer)

 

3. Thesenpapier von Hans Schindler

4. Literaturhinweis

5. Arbeitsgruppenunterlagen

 

L a n d e s j u g e n d a m t

Einladung
zur
Arbeitstagung

„Anforderungen an die Fachkräfte in der Arbeit mit der Herkunftsfamilie bei Hilfen zur Erziehung ausserhalb der eigenen Familie“

für Fachkräfte der Adoptions-,
Pflegekinderdienste, Allgemeinen sozialen Diensten
und der Heimerziehung

am
02. und 03.09.1996

in der
Kath. Akademie Schwerte

Kardinal-Jäger-Haus
Bergerhof Weg 24
58209 Schwerte

Landschaftsverband Westfalen Lippe

Die §§ 36 und 37 SGB VIII enthalten grundlagende Aussagen zu Anforderungen, die Fachkräfte zu berücksichtigen haben, wenn personensorgeberechtigte Hilfe zur Erziehung gewährt werden soll. Ein wesentlicher Faktor ist die Arbeit mit der Herkunftsfamilie in Bezug auf Verbesserungen der Erziehungsbedingungen in der Familie und die Förderung der Beziehung von Kindern oder Jugendlichen zur Herkunftsfamilie. Im anderen Fall -wenn eine nachhaltige Verbesserung der Erziehungsbedingungen in der Herkunftsfamilie innerhalb eines vertretbaren Zeitraums nicht erreicht wird, soll mit den beteiligten Personen eine andere, dem Wohl des Kindes oder Jugendlichen förderliche und auf Dauer angelegte Lebensperspektive erarbeitet werden.

Gleichgültig, welche der beiden Alternativen dieses Gesetzes zum Tragen kommt, erfordert die Arbeit mit der Herkunftsfamilie ein hohes Mass an Sensibilität und Einfühlungsvermögen und stellt grosse fachliche Anforderungen.

Dabei muss beachtet werden, dass die Herkunftsfamilie nicht isoliert in Bezug auf das Kind gesehen werden darf, sondern im Gesamtsystem aller Personen im unmittelbaren Lebenszusammenhang. Dies betrifft sowohl das sensible Dreieck Kind-Pflegefamilie-Herkunftsfamilie als auch das Verhältnis von Kindern / Jugendlichen, Einrichtungen und der Herkunftsfamilie.

Die unterschiedlichen Erwartungshaltungen und Einstellungen bei Herkunftsfamilien und Pflegefamilien bzw. das professionelle Gefälle zwischen Erziehern in Einrichtungen und der Herkunftsfamilie verlangt im Hinblick auf die Elternarbeit ein grosses Mass an Offenheit und Transparenz. Abgesehen von fachlicher Kompetenz ist hier auch Empathie gefragt.

Für die Organisationsstruktur der jeweiligen sozialen Dienste ergeben sich daraus Konsequenzen. Die Struktur muss darauf ausgerichtet sein, ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen den Pflegeeltern bzw. Erziehern in Einrichtungen, den Herkunftselternb, den Kindern oder Jugendlichen und dem Jugendamt herzustellen und zu fördern.

Den häufig unterschiedlichen Erwartungen im Hinblick auf die Perspektive der Hilfe -hier insbesondere die Dauer der Hilfe- ist dadurch entgegenzuwirken, dass die Betreuung der am Erziehungsprozess beteiligten Personen und Institutionen in enger Kooperation und Koordination stattfindet.

Prof. Reinhart Wolff (Alice-Salomon-Fachhochschule, Berlin) wird in seinem Vortrag grundsätzliche und fachliche Aspekte dr Arbeit mit Herkunftseltern sowie die Bedeutung der Herkunftsfamilie für fremduntergebrachte Kinder in Hilfe zur Erziehung ansprechen.

In einem zweiten Referat wird hans Schindler (Diplom-Psychologe und Familientherapeut, Bremen) theoretische und praktische Ansätze der Elternarbeit vorstellen.

Die anschliessenden Arbeitsgruppen bieten Raum zur Erarbeitung und Entwicklung von Umsetzungsstrategien für ein konkretes Vorgehen im Rahmen der Hilfeplanung und Familienarbeit.


Tagungsprogramm

Montag, 02.09.1996

      9.30 Uhr Stehkaffee
      10.00 Uhr Begrüssung und Einführung
      10.15 Uhr Vom Kind zum Kontext: Kein Kind kommt allein!Zur Rolle der Herkunftsfamilie in der Arbeit mit fremduntergebrachten Kindern und Jugendlichen.Prof. Reinhart Wolff, Alice-Salomon-Fachhochschule, BerlinRückfragen und Diskussion
      11.30 Uhr Mit Herkunftseltern arbeiten – theoretische und praktische Ansätze der Elternarbeit.Hans Schindler, Bremer Institut für systemische Therapie und Supervision.Rückfragen und Diskussion
      12.30 Uhr Mittagessen
      14.00 Uhr ArbeitsgruppenMöglichkeiten, Ansätze und Barrieren der Arbeit mit der HerkunftsfamilieAnalyse dr Situation vor Ort und Entwicklung konkreter Strategien der Elternarbeit im Rahmen der Hilfeplanung und Familienarbeit.AG 1 = Cornelia Dittrich, Arbeitskreis zur Förderung von Pflegekindern e.V. BerlinAG 2 = Bernd Hemker, Sozialarbeiter und Supervisor, UnnaAG 3 = Hans Gudermann, Familiengherapeut und Supervisor, Münster
      15.30 Uhr Nachmittagskaffee
      16.00 Uhr Arbeitsgruppen
      18.00 Uhr Abendessen

Dienstag, 03.09.1996

      8.00 Uhr Frühstück
      9.00 Uhr Arbeitsgruppen
      12.30 Uhr Mittagessen
      14.00 Uhr ArbeitsgruppenZusammenfassung der Ergebnisse der Gruppenarbeit
      15.00 Uhr Plenum:Einbringen der Erfahrungen aus den Arbeitsgruppen in das Plenum und Diskussion
    16.00 Uhr Abschlusskaffee

Anmeldeschluss: Wir bitten um Anmeldung auf dem beiliegenden Formblatt zum 28.08.1996.Die Teilnehmerzahl ist begrenzt; es werden nur Anmeldungen für beide Tage berücksichtigt.
Kosten: Die Teilnehmergebühren betragen 20.00 DM. Für Unterkunft und Verpflegung werden zusätzlich 96,30 DM berechnet.
Ansprechpartner: organisatorisch Elke Richau, Tel. 0251 591-4559 inhaltlich Martin Lengemann, Tel. 0251 591-5786Raimund Wiedau, Tel. 0251 591-4585
Anreise mit der Bahn: Bahnhof Schwerte (Schnellzugstation, direkte Verbindung nach Köln, Siegen, Kassel, Hannover, Münster usw). Vom Bahnhof mit dem Bus 471 (nach Dortmund-Hörde) bis Haltestelle „Bergstrasse“, dort auf der gegenüberliegenden Strassenseite in die Bergstrasse, nach 300 m links in der Bergerhof Weg, 7 Min. Fussweg bis zur Akademie. Taxistand am Bahnhof Schwerte. Zur Akademie ca. 10,00 DM.Hauptbahnhof Dortmund, U-Bahn (U 41 Richtung Hörde) und Omnibus-Verbindung (Linie 471) bis Haltestelle Bergstrasse „Am Schwerter Wald“. Fussweg s.o. Taxistand am Hauptbahnhof Dortmund. Zur Akademie ca. 30,00 DM.
Anreise mit dem Pkw: Abfahrt Schwerte der BAB Leverkusen-Kamener Kreuz (A 1), von dort 300 m in Richtung Dortmund (nicht stadteinwärts nach Schwerte), dann links in die Bergstrasse, nach 300 m wieder links in den Bergerhof Weg.

An den
Landschaftsverband WestfalenÄlippe
Älandesjugendamt- (Name der Einrichtung/Dienststelle)
Fortbildungsreferat
48133 Münster
(Strasse / Postfach)

(Postleitzahl / Ort(

(Telefon / Telefax)

Fortbildungsveranstaltungen / Fachtagungen / Arbeitstagungen des Landesjugendamtes 1996 (bitte pro Veranstaltung und Person eine separate Anmeldung) bitte mit Schreibmaschine oder in Druckschrift ausfüllen.

Verbindliche Anmeldung für Fortbildungsveranstaltung Nr. 50-06-02

 

Thema: Anforderungen an die Fachkräfte der Arbeit mit der Herkunftsfamilie bei Hilfen zur Erziehung ausserhalb der eigenen Familie

Datum: 02. – 03.09.1996

Name: Vorname:

o beruflich o ehrenamtl.
ausgeübte Tätigkeit

Anstellungsträger:

(Unterschrift)

Bitte beachten:

  • Die Teilnehmerzusage / – absage wird direkt in die Einrichtung bzw. Dienststelle verschickt.
  • Personenbezogene Daten werden elektronisch gespeichert.

Vom Kind zum Kontext: Kein Kind kommt allein!
Zur Rolle der Herkunftsfamilie in der Arbeit mit fremduntergebrachten Kindern und Jugendlichen.

Reinhart Wolff 1)

1. Die Ausgangslage: Konfliktgeschehen Fremdunterbringung
In einer Fallkonferenz in Ost-Berlin sprechen Heimerzieherinnen über Familien, deren Kinder sie betreuen. Wir rekonstruieren in der Gruppe, wie es zur Fremdunterbringung gekommen war und welche Konflikte sich ergeben hatten.

Ursula 1), eine erfahrene Erzieherin, stellt die Familie A vor. Sie zeichnet ein Genogramm.

1) Alle Namen sind verändert

Sarah, die älteste Tochter, das zweite Kind, jetzt 16 Jahre alt, sei vor 6 Jahren zusammen mit ihren beiden jüngeren Geschwistern, 13 und 11 Jahre alt, ins Heim gekommen. Seit zwei Jahren seien die Jüngeren allerdings in einer Adoptionsfamilie, wo der Bruder auch einen neuen Vornamen bekommen hätte. Der Älteste, ein Brude, lebe bei der Grossmutter väterlicherseits, die damals bei den Sozialbehörden interveniert hätte und auf das grosse Chaos in der Familie, insbesondere den Alkoholismus der Eltern, hingewiesen hätten. Inzwischen hätten die Eltern sich getrennt. Der Vater hätte eine Arbeit gefunden und eine neue Frau, mit der er eine 4-jährige Tochter hätte. Die Mutter, eine Alkoholikerin, leben mit einem 15 Jahre jüngeren Mann, der auch Alkoholiker sei, zusammen, mit dem sie einen jetzt 4-jährigen Sohn habe. Hier ginge das Chaos fort.

Sarah, die früher ein Eltern-Kind (nämlich in einer „Mutterrolle“) gewesen sei, fühle sich als Bindeglied der beiden neuen Familien. Sie sei sauer (und wohl auch neidisch) auf ihre beiden Geschwister in der Adoptionsfamilie und sorge sich um den vernachlässigten Stiefbruder. Da die Adoptionsfamilie jetzt in eine andere Stadt ziehe, überlege Sarah, ob sie die Familie noch einmal zu einem Treffen zusammenbringen soll. Sie fühle sich verantwortlich für die anderen. Ihrer eigenen Entwicklung stehe sie eher ratlos gegenüber. Einen tragfähigen Kontakt zwischen Heim und Herkunftsfamilie habe es faktisch nicht gegeben. Mit der Mutter habe niemand gearbeitet. Von den Sozialarbeiterinnen im Jugendamt sei keine Unterstützung zu erwarten.

Die Frage der Erzieherin ist, wie sie nun weiterarbeiten könnte.

Barbara berichtet von Familie B. Während sie das Genogramm an die Tafel mal, müssen die Kolleginnen lachen.

Jacqueline, jetzt 16 Jahre alt, sei freiwillig vor einem Jahr ins Heim gekommen, nachdem sie von ihrer Mutter misshandelt und mit einem Messer bedroht worden war: Ihre beiden jüngeren Brüder, jetzt 10 und 7, die beide von verschiedenen Männern stammten, seien 1993 auch für einige Monate im Heim gewesen. Dem einen von beiden hätte die Mutter im Suff in die Backe gebissen. Jetzt seien diese Kinder aber wieder bei der Mutter, die nach der Scheidung vom zweiten Mann allein oder mit wechselnden Männern zusammenlebe. Der Stiefvater und „Schein“-vater habe erneut geheiratet.

Zu diesem neuen Paar fühle sich Jacqueline nun hingezogen. Ob man es verantworten könne, dass die Jugendliche dorthin entlassen werden könne, ist die Frage. Auch würden sich die Erzieherinnen Sorgen um die beiden jüngeren Brüder machen. Ob die Sozialarbeiter Kontakt mit dr Mutter hätten, wisse man nicht. Jedenfalls habe es damals, als die Kinder ins Heim gekommen seien, keine Gespräche gegeben.

Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter überall können sicher von zahlreichen ähnlichen Fällen berichten. Ihre Analyse kann ein Licht auf die Konfliktstrukturen werden, die im Umfeld der Fremdplazierung von Kindern typischerweise eine Rolle spielen. Ich möchte sie kurz charakterisieren:

      1. Die Mitarbeiterinnen des Heims, häufig wenig vom Erfolg ihrer eigenen Arbeit überzeugt, scheinen am Ende eines jahrelangen Entwicklungsprozesses zu stehen, der sich ihnen wie ein unaufgelöstes Knäuel darstellt. Merkwürdig vage und ungreifbar sind ihre Kontakte mit der Herkunftsfamilie sowie den anderen Diensten, die die Heimeinweisung veranlassten und die jetzt die Kosten der Fremdunterbringung tragen. Man könnte die vorherrschende Konfliktstruktur im Feld der stationären Erziehungshilfe als einen „no-contact-conflict“, als „Konflikt-ohne-Kontakt“ kennzeichnen.
      2. Die Kinder und Jugendlichen sind -oft noch nach Jahren- in Trennungs- und Bindungskonflikte mit ihrer Herkunftsfamilie verstrickt, selbst wenn die Familienstrukturen sich inzwischen verändert haben, Eltern sich trennten, neue Familien entstanden und Kinder erneut gefährdet sind, weil alte Konflikte wieder aufbrechen und offenbar auch nicht bearbeitet werden.
      3. Was die Familie betrifft, so haben sie sich nicht selten in einer aggressiven, feindseiligen Haltung gegen das Heim verkrampft oder sie sind einfach abgetaucht oder verschwunden, obwohl die Kinder sich ihnen nach wie vor verzweifelt verbunden fühlen, sich um sie sorgen, ihre alten „Verantwortungsrollen“ in der Ferne des Heims weiterleben. Selten gibt es für die Familien eine therapeutische Beratung, eine Begleitung während der Aufnahme und des Lebens eine Kindes in einer stationären Erziehungseinrichtung.
      4. Die Sozialen Dienste scheinen zwischen allen Kontexten hin- und hergerissen zu sein, ist ein-kind-orientierter Ambivalenz-Konflikt typisch, der nach administrativen Verfahrensregeln bearbeitet wird und der in der Regel auf ein Mitagieren hinausläuft. Ohne wirklichen Kontakt mit den Betroffenen wird sprunghaft gehandelt, ein autoritärer staatlicher Dezisionismus, vorgeblich, aber tatsächlich nur selten, „im besten Interesse des Kindes“.
      5. Es bleibt schliesslich, die Reaktion der Íffentlichkeit in den Blick zu nehmen. Auch ihre Reaktionen sind hochgradig ambivalent. Bei schweren Kindesmisshandlungen und Vernachlässigungen fordert sie strafe-orientiert die sofortige Herausnahme des Kinder und gleichzeitig kommt es zu einer ständigen Denunziation der Erziehung ausserhalb der Familie, der Heime, zieht sich durch den gesamten öffentlichen Diskurs ein anti-institutioneller Familialismus, der die Arbeit vieler stationärer Erziehungseinrichtungen immer wieder ganz grundsätzlich in Frage stellt und dieskreditiert. Kein Wunder, dass viele professionelle Erzieher ihrerseits in einen institutionellen Anti-Familialismus verfallen. In der DDR sprach man sogar gerne von den sogenannten „familiengelösten“ Kindern, hatte die Institution die Familie auch konzeptionell ersetzt. Aber auch in den alten Bundesländern gibt es eine antifamiliale Einstellung, durchzieht ein institutioneller Anti-Familialismus selbst die sog. „Arbeit mit der Familie“.

2. Das problematische Erbe: Historische und konzeptuelle Gesichtspunkte

Jeder, der heute über die Fremdplazierung von nicht versyorgten, misshandelten, entwicklungsgestörten, verlassenen Kindern nachdenkt, steht im Strom der Geschichte moderner Jugendhilfe, die auf die Gefährdung von Kindern im Zuge der „Freisetzung“ der Lohnarbeiter aus feudalen Abhängigkeiten und des entstehenden Massenelendes durch kapitalistische Ausbeutung und industrielle und technologische Umbrüche mit der Politik der „Kinderrettung“ antwortete, dem Konzept des „staatlichen Wächteramtes“, das sich nicht selten humanistisch gab und stets moralistisch aufgeladen war, im Kern jedoch auf einen armenpolizeilichen Staatsinterventionismus und nicht selten auf eine Rekrutierung von billigen Arbeitskräften hinauslief 2). In der ländlichen Gegend, in der ich aufgewachsen bin, im oberen Edertal in Hessen, hat man die Tendenz auf die unnachahmliche Formel gebracht – man muss das im örtlichen Dialekt aussprechen. „Lieber ¦nen Kind genomme(n), als en Schwein gemäst (d.h. gemästet).“

Trotz erheblicher Veränderung in Zahl und Qualität stationärer Erziehungsangebote und im übrigen trotz eines Schwankens zwischen einer periodischen Favorisierung seis der Familienpflege seis der Erziehung in Heimen bzw. Anstalten, hat sich dieses Konzept autoritäter stationärer Unterbringung proletarischer und deklassierter Kinder bis in die heutige Zeit erhalten. Sie war gemeint als strafe-orientierte Marginlisierung, als Abschiebung und „Containment“ der devianten Minderjährigen, die man als „gefährdet“ und häufig auch als „gefährlich“ ansah, und so wurde sie auch von den unteren Schichten verstanden, nicht als Hilfe, sondern als ein „Eingriff von oben“, als „categorical intervention“, Kinderschutz als Intervention mit einer „orientation automatique“ 3).

2) Charles Gershenson, langjähriger Forschungsdirektor im US-Children¦s Bureau in Washinghon, D.C., hat in seinem Hauptreferat auf dem Hamburger Weltkongress über Kindesmisshandlung und Vernachlässigung im September 1990 auf die Tausenden von Kindern aus Europa hingewiesen, die im 19. Jahrhundert von Europa in die USA geschafft wurden, um dort als landwirtschaftliche Arbeitskräfte Verwendung zu inden. – Noch bis in die Zeit nach dem 2. Weltkrieg wurde eine solche offizielle interkontinentale Kinder-verschickung, beispielsweise von England nach Australien, praktiziert. Vgl. Coldrey, Barry M.: Child Migration an the Western Australian Boys Homes. Melbourne: Tamanaraik Press, 1991, auch: Vortrag auf dem 4. Europ. Kongress über Kindesmisshandlung und Vernachlässigung, Padua (Abano Terne), 1993.

3) Es ist dies ein Begriff, der von Maud Mannoni geprägt wurde. Sie sagt in einem Gespräch mit GÚrard Miller: „Das ist das Drama der Ambulanzen und der anderen Institutionen; es gibt keine Nachfrage mehr, die Leute werden automisch orientiert.“ In: „Herbert Nagel / Monika Seifert (Hg): Inflation der Therapieformen. Gruppen- und Einzeltherapien in der sozialpädagogischen und klinischen Praxis. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1979. S. 234-243, hier S. 242.

Dabei machte es in den Arbeiterschichten kaum einen Unterschied, ob solcher interventionistischer Kinderschutz als staatliche Aktion oder als Massnahme eines freien Wohlfahrtsverbandes, wie beispielsweise der Kinderschutz-Vereinigungen, daherkam. Man erlebte den Zwang und die verordnete Herausnahme der Kinder als feindselige Handlung, die paradoxerweise häufig dazu führte, dass sich die entdeckten und von Massnahmen betroffenen Familien erst im Abwehrkampf gegen „das Amt“ wieder zusammenschlossen, eine Pseudo-Einheit als Bollwerk gegen die phantasierten und realen Aussen- und Klassenfeinde.

Diese Tradition interventionistischen Kinderschutzes ist von dem amerikanischen Sozialwissenschaftler Leroy H. Pelton als „dual role structure“, als Kinderschutz mit dem doppelten Mandat von Hilfe und Repression 4), kritisiert worden. Sie führt, wie Pelton überzeugend zeigen konnte, zu einer „Rollendiffusion“ zwischen den Klienten und den psycho-sozialen Helfern, einer regelrechten konzeptuellen Schizophrenie, die die sozialen Dienste im Kern ihrer Professionalität in Frage stellt, ja sabotiert und zerstört, die eigentlich darauf abzielt, eine soziale Dienstleistung anzubieten, einen Beziehungskontext, in dem Beratung und Hilfe, Psychotherapie und Unterstützung in dr Erziehung, Veränderung durch Konfliktbearbeitung und Verstehen allererst möglich werden.

Das moderne Dilemma der Jugendhilfe, der Dienste zum Schutz der Kinder und der Unterstützung von Familien, besteht geradezu darin, das Wohl des Kindes im Grundsatz (und nicht etwa als die grosse Ausnahme) mit Repression und Zwangsmassnahmen erreichen zu wollen.
Die Frage ist nicht, ob die Gesellschaft ein Recht habe zu strafen oder nicht, sondern ob die Hilfesysteme mit dem Straf- und Verfolgungssystemen verknüpft und zu Interventionsapparaten der Devianzkontrolle und Abschreckung transformiert weden, wodurch ihre Erfolglosigkeit geradezu vorprogrammiert wird.

Auch das Angebot einer Kinder fördernden Heimerziehung oder Familienpflege, eines Ortes zum Leben ausserhalb der Herkunftsfamilie, ist aufgrund einer solchen konzeptuellen Widersprüchlichkeit immer wieder vom Scheitern bedroht, wird auch die Arbeit einer Heimerzieherin oder von Pflegeeltern immer wieder zu einer „profession impossible“, einem „unmöglichen Beruf“.

Er wird hingegen zu einer erfüllten Erfahrung, wenn wir den gesamten Zusammenhang der Lebhensgeschichte des Kindes, der die Unterbringung auslösenden Krise, des Unterbringungsprozesses und der Bedingungen und Erfahrungen am neuen Lebensort als ein Feld komplexer Wirkungszusammenhänge verstehen. Darum soll es im nächsten Abschnitt gehen.

4) Vgl. Pelton, L.H.: For Reasons of Poverty. A Critical Analysis of the Public Child Welfare System in the United States. New York, Westport; London: Praeger, 1989; und Pelton, L.H.: Resolving the Crisis in Child Welfare. Simply Expanding the System is not Enough. Public Welfare, vol. 48, Fall 1990, 19-25 und 45.

3. Herkunftsfamilie, Entwicklungsvoraussetzungen und Unterbringungsprozess

Alle drei Aspekte -Herkunftsfamilie, Entwicklungsvoraussetzungen und Unterbringungsprozess- zu berücksichtigen, ist das Ergebnis einer jahrzehntelangen Forschungsentwicklung, dass es nämlich ganz unfruchtbar ist, die traumatischen Familienerfahrungen gegen die positiven oder negativen Fremdunterbringungsschicksale der Kinder aufzurechnen. Evaluationsforschungen haben nämlich erwiesen, dass Fremdunterbringungen umso erfolgreicher sind (d.h. bessere Entwicklungsergebnisse sowie häufigere gelungene Rückgliederungen bewirken), je mehr Eltern und Kinder wissen, worum es eigentlich geht (Problembewusstsein), je intensiver sie am Unterbringungsprozess beteiligt sind und je häufiger die Herkunftsfamilie mit ihren fremduntergebrachten Kindern Kontakt hat 5).

Die neue Theorieentwicklung betont, dass die kindliche Entwicklung nicht mehr nur noch eindimensional, also weder als blosse Konstitution (Natur), noch auch als blosse Einwirkung von aussen (worauf beispielsweise trauma-theoretische Konzepte setzen, die heute wieder Konjunktur haben) verstanden werden kann. Neuere Theoriekonstruktionen können zeigen: Genetische (biologische, konstitutionelle) Voraussetzungen zusammen mit einer Vielzahl von Ereignissen und Erfahrungen mit den ersten Pflegepersonen ebenso wie mit den weiteren Lebensumständen (zu denen wir freilich als Helfer und Fachleute gehören), nicht zuletzt Interaktions- und Sinnstrukturen bilden ein komplexes Geflecht von Einflussfaktoren, in denen sich Kinder entwickeln.

Im mehrdimensionalen Feld werden wir zu einem Selbst im Milieu der anderen.

Im Dreieck von –»  SelbstObjekt  –»  Affektivität entwickeln Kinder ihre Persönlichkeit

6). Um die Dynamik im Unterbringungsprozess, die Vorgeschichte und die weitere Perspektive zu verstehen, müssen wir die Beziehungen in diesem Dreieck ausloten.

5) Panshel, D. / Shinn, E.: Children in foster care: A longitudinal inver¦stigation. New York: Cloumbia Univ. Press, 1978. Vgl. auch: Lindsey, D.: The Welfare of Children. New York; Oxford: Oxford Univ. Press, 1994, S. 33 f.

6) Vgl. den Beitrag von Michael B. Buchholz: Die unbewusste Familie. Berlin; Heidelberg, u.a.: Springer, 1986, der hier an das Konzept von Otto F. Kernberg: Objektbeziehungen und die Praxis der Psychoanalyse. Stuttgart: Klett-Cotta, 1989 (4. Auflage) (amerik.: New York, 1976) anknüpft.

Wir können dann fragen, unter welchen Bedingungen ein bestimmtes Selbst entstanden ist, mit welchen Objektbeziehungsmöglichkeiten und mit welcher Affektivität. Und je nachdem, von welcher Seite wir schauen, wird sichdas, was wir wahrnehmen, verändern. Wir können beispielsweise ausgehen von der emotionalen Befindlichkeit eines kleinen Kindes und können dann bestimmte Objektbeziehungsverhältnisse ausmachen. Oder wir können die Selbststrukturen anschauen und dann die Objektbeziehungen in den Blick nehmen, oder von den Objektbeziehungen und Objektbeziehungsvorstellungen auf affektive Strukturen schliessen.

Wenn wir über die vielfältigen Beziehungen in diesem Dreieck nichts aussagen können, sollten wir die Einleitung von Erziehungshilfe lieber unterlassen.

Wie sehen nun aber der familiale Kontext, die Entwicklungsvoraussetzungen, die Bedürfnisse und Entbehrungen, die Traumata dieser Kinder aus, die wir ausserhalb ihrer eigenen Familie unterbringen?

Die meisten Minderjährigen, die heute von der Jugendhilfe in Erziehungshilfe-einrichtungen untergebracht werden, sind misshandelte und vor allem vernachlässigte Kinder (ca. 50 %). Weitere 25 % kommen aus Familien chronisch Sucht- und Drogenabhängiger; und die restlichen 25 % haben chronisch psychisch kranke Eltern oder sind elterlos.

      1. Was den familialen Hintergrund betrifft, so kommen viele dieser Kinder (mit wachsender Tendenz) aus fragmentierten Familien (Eineltern-Familien, Trennungsfamilien bzw. Familien, deren Familiengründung faktisch misslungen ist, sog. „no-families“).
      2. Die meisten dieser Kinder haben seelisch kranke Eltern gehabt („No-parent-families“). Sie kommen aus Familien, die nach einer Rollenumkehr im Eltern-Kind-Verhältnis auf dem Kopf stehen.
      3. Es handelt sich in der grossen Mehrheit um Kinder armer Familien (arbeitsloser, mittelloser, auch wohnungsloser bzw. in miserablen Verhältnissen lebender Familien); wie in neueren amerikanischen Untersuchungen gezeigt wurde, ist Armut immer noch das sicherste Kriterium für Fremdunterbringungen überhaupt.
      4. Es handelt sich häufig um Familien mit jungen oder Teenage-Müttern, die zudem oft erhebliche schulische und berufliche Bildungsdefizite haben.

Kinder, die in einem solchen Milieu aufwachsen, haben keine günstigen Entwicklungschancen. So treffen wir in diesem Milieu auch auf viele primär gestörte Kinder, die in ihrem Ich-Aufbau, in ihren Selbst-Strukturen, beeinträchtigt sind. Wiederholte Beziehungsbrüche bzw. diffuse Sinnstrukturen in den Herkunftsfamilien haben zu einer Reihe erheblicher Entwicklungsbeeinträchtigungen geführt:

  • zu multiplen Ich-Defiziten, zu Bindungsabwehr und Bindungsangst,
  • zu Persönlichkeitsstrukturen, die implusives Agieren nahelegen.Solche Kinder neigen dazu, ihre eigenen körperlichen Sicherheitsbedürfnisse zu missachten und sich immer wieder riskant in gefährliche Situationen zu stürzen, was Chicchetti und Carlson als „Misshandlungsreaktivität“ gekennzeichnet haben (ein sadistisches Ausagieren bei gleichzeitiger Beeinträchtigung der Selbst-Strukturen; diffuse Grenzen zwischen dem Selbst und den anderen mit ständigen Fehlwahrnehmungen der Signale aus dem weiteren sozialen Kontext 7).Das ist der Kern der typischen Beziehungsstörungen, die bei Kindern eine Rolle spielen, für die wir Erziehungshilfe ausserhalb der Familie für angezeigt halten. Sie sind gekennzeichnet von:
  • einem Mangel an kognitiven und affektiven Orientierungen (aufgrund neurobiologischer Frühschädigungen, erfahrener Elternlosigkeit und aufgrund von Misshandlungs- und Vernachlässigungserfahrungen);
  • erheblichen Schwierigkeiten, Beziehungen, Gefühle der Zusammengehörigkeit, der Verbundenheit zu entwickeln und zu erhalten;
  • einer bemerkenswerten Identitätsdiffusion (mit vor allem vielfälgigen projektiven Vorstellungen, ja paranoiden Tendenzen).

Sie gehören, nach der Typenbildung der Bindungstheorie, sowohl zu den sogenannten A-Kindern („den unsicher-vermeidenden Kindern“) als auch zu den C-Kindern (§den unsicher-ambivalent gebundenen Kindern“) und den D-Kindern („den hochunsicher gebundenen oder desintegrierter A/C-Kindern“). Patricia M. Crittenden 8) hat die Bindungsmuster im Schulalter veranschaulicht.

Warum solche Störungen gegenwärtig zunehmen, kann ich in diesem Zusammenhang nicht ausführen. Ich möchte aber darauf hinweisen: Solche Kinder werden erhebliche Fremdunterbringungsprobleme auf, wie ich im weiteren herausarbeiten möchte.

7) Dante Cicchetti & Vicki Carlson (Eds.): Child Maltreatment. Theory and Research von the Causes and Consequences of Child Abuse and Neglect. Cambridge; New York: Cambridge University Press, 1989.

8) Crittenden, P.M.: Entwicklung, Erfahrung und Beziehungsmuster: Psychische Gesundheit aus bindungstheoretischer Sicht. In: Prax. Kinderpsychol. Kinderpsychiat. 45: 147-155 (1996), hier S. 151

4. Beziehungsprobleme im Unterbringungsprozess

Ich will fünf beziehungsmässige Problemlagen herausstellen, die im Unterbringungsprozess eine Rollen spielen. Sie sind thesenhaft zusammengefasst und spitzen gewissermassen die Herausforderung zu, die auf die Fachkräfte bei der Fremdunterbringung von Kindern und Jugendlichen zukommen.

      1. Aus der Ausgangsproblematik der nicht gelungenen Konstituierung der Herkunftsfamilien mit erheblicher Beziehungsgestörtheit dieser Kinder entsteht ein negatives Hilfeparadox 9). So notwendig dieser Familien und diese Kinder nämlich Hilfe brauchen, so schwierig ist es ihnen andererseits, Hilfe überhaupt anzunehmen oder gar zu suchen. Das Hilfeparadox besteht regelrecht darin, dass je grösser die Beziehungsproblematik, der Beziehungsabriss, ist, es der Jugendhilfe umso weniger gelingt, mit Hilfsangeboten zu landen.
      2. Parallel dazu gibt es ein Kindeswunschparadox: 10) Je stärker unbewusst (d.h. phantasiemässig aufgeladen) der Kindeswunsch ist, umso häufiger scheitert er an der oft harten Realität.
      3. Die Familien kennzeichnet ein Muster der Bindungsvermeider und der Angstbindung. Einerseits vermeiden diese Familien (Eltern wie Kinder) einen offenen Kontakt (zumal mit Autoritätspersonen), andererseits agieren sie nicht selten aggressiv, weil sie grosse Angst in Beziehungen mit anderen erleben. Das führt zu einem komplexen Widerstand gegen Hilfsangebote, Kinder ausserhalb der Familie unterzubringen, der auf der Seite der Hilfesysteme oft mit Unterbringungsmanipulationen übersprungen wird. (So wird anstelle der Familie oder hinter dem Rücken der Familie gehandelt, mit der eine Kooperation nicht zu gelingen scheint). Das führt nicht selten zu einem Katze- und Maus-Spiel von Helfern und Familie, bis die Familie schliesslich mit der Unterbringungsentscheidung ohne vorherige Klärung des gesamtes Problemkontextes konfrontiert wird.
      4. Dabei entsteht eine Problem- und Indikationsdiffusität, macht man sich nicht klar, worum es eigentlich geht, was die bestehende Störung tatsächlich ist, welche Gefährdung überhaupt vorliegt, wie gross die Selbst- und Fremdgefährdung ist, was die Vorgeschichte und die aktuelle Situation kennzeichnet. Das ist besonders problematisch, weil die ambulanten Fachkräfte daneben häufig unsicher sind, ob sie auch über gute stationäre Erziehungshilfeangebote verfügen, die für das betroffene Kind geeignet wären. Es kommt also zu einer doppelten Unsicherheit (was die Problemeinschätzung und die Qualität der Fremdunterbringungsmöglichkeiten betrifft). Daraus folgt nicht selten ein „Deal“: Kann ich schon aufgrund des mangelhaften Kontaktes mit der Familie die Problemkonstellation nicht genau einschätzen und habe ich bereits ein schlechtes Gewissen, das Kind da oder dort unterzubringen, dann soll die Familie wenigstens nicht auf mich wütend sein, sondern verstehen, dass ich doch nur ihr Bestes will. Und wenn ich jetzt schon das Kind fremdunterbringe, dann werde ich der Familie bereits jetzt versprechen, dass dies nur für kurze Dauer sein werde und dass das Kind ja in Zukunft wieder in die Familie zurückkomme. Solche widersprüchlichen Haltungen sind keine gute Grundlage für Krisenhilfe und Fremdunterbringung.
      5. Da wir in unserem Hilfesystem immer noch grosse Kooperationsprobleme (mit der Familie und untereinander) haben, stark reaktiv eingestellt sind und im Nachhinein operieren, verfehlen wir nicht selten ein kooperatives und frühes, präventives Hilfeangebot, das die gesamte Familie und alle Betroffenen früh in den Hilfeprozess im nahen Umfeld einbezieht. So setzen Fremdunterbringungsprozesse immer wieder erst dann ein, wenn bereits viel geschehen ist und bereits alle Brücken für einen Neuanfang in der Familie abgebrochen zu sein scheinen.

9) Ich nehme mit diesem Begriff eine Anregung meines Freundes Michael B. Buchholz (Göttingen) auf, der in diesem Zusammenhang von einem „Beziehungskontext negativer Bewertung“ gesprochen hat.

10) Nicht Kinderwunsch, sondern Kindeswunsch heisst es im Deutschen. Das Problem besteht allerdings darin, dass es sich hier oft um tatsächliche Kinderwünsche, d.h. um infantile Wünsche handelt, die dann an der Realität scheitern.

5. Die neue Philosophie der Fremdunterbringung

Die hier angedeuteten Schwierigkeiten, die vielfältigen Krisem him Hilfesystem selbst, ihre geringen Erfolgen, haben allerdings auch immer wieder neue kreative Indeen angestossen, die engagierte Reformer beflügelt und vorangetrieben haben. Und natürlich, gestatten Sie mir diese Nebenbemerkung, hängt alles davon ab, ob wir die Zahl solcher innovatoren, sozialer Erfinder, vergrössern können, denn ohne besonders motivierte und engatierte Menschen, Marx hat sie einmal Lokomotiven der Geschichte genannt, kommt es nicht zu produktiven Veränderungen der Verhältnisse, nirgendwo.
Diese Reformansätze, was die Fremdunterbringung von Kindern betrifft, haben auch eine neue Philosophie der Fremdunterbringung hervorgebracht. Ich will ihre Kennzeichen umreissen:

1. Die neue Philosophie ist ein allgemeines Konzept. Es verfügt über eine hinreichend grosse Breite und ist insofern anschlussfähig an andere Theorien, beispielsweise an Kontext- und Systemtheorien.
2. Sie thematisiert und versteht Probleme von Kindern und ihrer Familie als im Kontext von Lebensgeschichte und Lebensverhältnissen entstandene Konfliktstrukturen. Insofern ist sie politisch, sozio-kulturell und beziehungsdynamisch angelegt. Denn individuelle Selbstproduktion und der Prozess vergesellschafteter Hilfen bedingen sich wechselseitig. Aufwachsen gelingt in der Moderne nur in einem unterstützenden Milieu der anderen und Individuation geligt nur dann, wenn man sich selbst als das Milieu des Anderen erfahren kann, wenn Gegenseitigkeit gelingt.

Auf dieser Grundlage können wir die Eckpfeiler der neuen Hilfephilosophie präzise bezeichnen:

  • Hilfe ist nur produktiv, wenn Gegenseitigkeit ermöglicht, Machtungleichgewichte aufgehoben, Beziehungsbalance zwischen den Bürgern und den Fachleuten hergestellt wird.
  • Hilfe ist nur erfolgreich, wenn sie akzeptiert, wenn sie gewollt wird, wenn man sie wählen und zurückweisen kann. Nur dann nämlich gibt es den Austausch von Geben und Nahmen, den Dialog. Freiwilligkeit, Wahlmöglichkeit ist die Essenz jeder wirklichen Hilfe.
  • Hilfe ist ein Akt der Solidarität und insofern immer eine konkrete Kritik bestehender Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Sie kann in der modernen Demokratie nur gelingen als civil-rights-Pakt zur Sicherung konstitutioneller Freiheitsrechte.
  • Hilfe scheitert, wenn sie verschwistert ist mit Manipulation und Repression. Sie setzt auf Verständung und das Angebot einer offenen Beziehung. auf diese Weise werden die eigenen Kräfte der Menschen gestärkt, können Selbstverantwortung und Selbstorganisation wachsen.

Dem entspricht ein neues methodisches Konzept: Anstatt reaktiv in Familien, ungebeten, ermittelnd einzufallen, nachdem Fremdmelder andere Bürger als auffällig oder hilfebedürftig gemeldet haben und dann die Täter zu erfassen und die Opfer zu „retten“, um schliesslich Massnahmen zu ergreifen und anstelle der Betroffenen zu handeln, hat „klientenfreundliche Sozialarbeit“ andere methodische Ziele: sie ist pro-aktive und päventiv orientiert, baut auf non-punitive (nicht-strafe-orientierte), verstehende, unterstützende Hilfsangebote, sie arbeitet am Konflikt, anstatt ihn bloss zu verdrängen bzw. manipulativ einzuschränken.

Der Massstab der Qualität ihrer Angebote ist keineswegs strittig: Nur die Programme sind akzeptabel, die für uns selbst akzeptabel sind, die wir selbst gerne nutzen würden. (Das ist im übrigen in der Gastronomie völlig unbestritten, wo es im übrigen zahlreiche Führer durch das Gelände der privilegierten Kultur gibt; merkwürdig nur, warum es noch keinen Guide Michelin der Sozialarbeit und der Heimerziehung gibt. Am Preis der Fremdunterbringung eines Kindes kann s nicht liegen, der kann nämlich mit den Preisen der Spitzengastronomie mithalten.)

6. Einige methodische Anregungen zur Praxis der Fremdunterbringung

Ein Kind ausserhalb seiner Herkunftsfamilie unterzubringen, bedeutet notwendigerweise eine Trennung von einem Kontext, der nicht allein prä- und postnatal vorgegeben ist, sondern prägende positive wie negative Kindheitserfahrungen ausmacht, mit tiefen bewussten und unbewussten Identifizierungen, Übertragungen und Gegenübertragungen, Beziehungsmustern.

Trennung kann Trauma und zugleich eine Chance sein. Insofern beschwört eine Trennung immer einen Ambivalenzkonflikt herauf, zwischen der Vergangenheit und Gegenwart, der Gegenwart und Zukunft, zwischen den Kindern und den Eltern, den Geschwistern untereinander, zwischen den Helfern und der Familie, einen Ambivalenzkonflikt der Helfer untereinander, aber auch zwischen Selbstbezug und Objektbezug, zwischen einer Wgolden fantasy“ und destruktiver, aggressiver Gegenübertragung 11).

11) Vgl. in diesem Zusammenhang den wichtigen Beitrag von Cohen, Yecheskel: The „Golden Fantasy“ and Countertransference. Residential Treatment of the Abused Child. Int. J. Psychoanalysis, Vol. 337-350.

Grundsätzlich kommt es daher darauf an, alle Fragen der Fremdunterbringung im Kontext des folgenden Dreiecks zu verstehen und zu behandeln:

Die Familie / die Kinder

Ambulante Dienste Stationäre Einrichtungen
(Jugendamt / Beratungsstellen) bzw. Pflegefamilien

Zugleich spielt ein zweites Dreieck, die Zeitdimension und Entwicklungsperspektive kennzeichnend, eine Rolle:

Vergangenheit
(Regression)

Gegenwart Zukunft
(Aktueller Entwicklungsstand) (Progression)

Im einzelnen haben sich methodisch die folgenden Schritte bewährt:

1. Vor jeder Fremdunterbringung ist es notwendig, eine genaue Fokal-Analyse durchzuführen.

2. Vor jeder Fremdunterbringung muss familien-dialogisch die Indikation für eine Fremdunterbringung abgeklärt werden.

3. Jeder Fremdunterbringung muss die partnerschaftliche und gegenseitige Abklärung und Auswahl der Einrichtung vorausgehen, die für die Fremdunterbringung bzw. für die Aufnahme eines Kindes in Frage kommt. (Notfalls muss eine übergangsmässige Unterbringung gefunden werden).

4. Jede Fremdunterbringung muss von einer weiteren Beratung (der Familie wie der stationären Einrichtung bzw. der Pflegefamilie) begleitet sein. Mit der Fremdunterbringung darf die Hilfe für die Familie und die Eltern nicht enden, sie muss vielmehr mit einer klaren Zeitperspektive geradezu intensiviert werden.

Alle vier Gesichtspunkte will ich im weiteren erläutern:

6.1. Die Fokal-Analyse – ein wichtiges Instrument der ambulanten Dienste

In der Hektik des Alltags, überhäuft mit Arbeit, mit knappen Ressourcen, fällt es nicht selten schwer, die Übersicht zu behalten und Fälle im beruflichen Alltag nüchtern sowie präzise einzuschätzen. Immer wieder wird einfach darauf losgearbeitet bzw. man lässt alles laufen und ist dann plötzlich mit einer Krise konfrontiert, die nicht wenige erheblich unter Druck setzt. Dann nehmen sich viele Kollegen nach meiner Erfahrung oft zu wenig Zeit, die Situation genauer zu untersuchen.

Natürlich hat man in der Regel nicht wochenlang Zeit, ein Familienproblem in allen seinen Verästelungen zu untersuchen. Dann kann eine Brennpunkt-Analyse weiterführen, die sich auf das Wesentliche konzentriert, allerdings immer noch mehr an wichtigen Informationen und Gesichtspunkten beisteuert, als normalerweise vorhanden sind. Es ist nachgerade erstaunlich, mit wie wenigen Daten und Überlegungen manche sozialen Dienste auszukommen meinen und dann Fremdunterbringungen gewissermassen ins Blaue hinein betreiben.

Zur Brennpunkt- (oder Fokal-) Analyse gehören 5 Gesichtspunkte:

 

      (1) Die Klärung des Zugangs

 

 

      (2) Die Beschreibung des vorliegenden Problems / Konflikts

 

 

      (3) Die Wahrnehmung bestehender Symptome und ihrer Bedeutung

 

 

      (4) Die Feststellung des Leidens, der Belastungen sowie vorhandener Kräfte

 

 

      (5) Die Klärung bestehender Hilfeerwartungen und Prozessphantasien

 

 

Ich möchte die einzelnen Aspekte weiter erläutern:

 

Klärung des Zugangs

 

      (1) Wer kommt? (Selbstmelder / Fremdmelder / Kollege)

 

 

      (2) Warum und mit welcher Perspektive, Intention?

 

 

      (3) Was zeigt sich als hintergründige Problematik?

 

 

      (4) Mit wem habe ich zu tun? Wer ist mein Klient?

 

 

    (5) Was ist mein Problem? Was ist meine erste Hypothese?

Beschreibung des Problems / Konflikts

      (1) Was wird von wem als problematisch vorgetragen?

 

      Gibt es überhaupt ein Problem?

 

 

      (2) Wer ist Problemträger (Problembesitzer)?

 

 

      (3) Was zeigt sich als Problem?

 

      Welches aktuelle Konfliktbild wird deutlich?

 

 

      (4) Vor welchem Rätsel steht die Familie?

 

 

    (5) Wie gross ist die eigene Problemannahme der Klienten?

Symptome / Problemanzeigen

      (1) Welche Symptome gibt es (am Körper, im Verhalten, im

 

      Beziehungsgefüge)?

 

 

      (2) Warum bestehen die Symptome jetzt? Wie chronisch sind sie?

 

 

      (3) Welche Metaphernstruktur / Theatralik deutet sich in den

 

      Symptomen an?

 

 

    (4) Welche Sinnstruktur kann erschlossen werden?

Leiden und Kräfte

Leiden

 

      (1) Wer leidet?

 

 

      (2) Woran?

 

 

      (3) Wie sehr?

 

 

      (4) Wie lange?

 

 

      (5) Wie bewusst?

 

 

      (6) Welche Kräfte gibt es?

 

 

      Kräfte

 

 

      Hilfeerwartung / Prozessphantasien

 

 

      (1) Wird Hilfe überhaupt erwartet oder sogar abgelehnt?

 

 

      (2) Welche Hilfe wird erwartet?

 

 

      (3) Von wem?

 

 

      (4) Wie wird der eigene Part im Hilfeprozess gesehen?

 

 

      (5) Welche Prozessphantasien bestehen?

 

 

    Hilfekonzept

Vorsicht:

Hilfeerwartungen stellen Prozessphantasien dar – Nicht alle Prozessphantasien laufen auf Hilfeerwartungen hinaus!

6.2 Die Indikation- eine sichere Basis für die Fremdunterbringung

Fremdunterbringungen haben ein Muster. Sie werden einerseits nicht selten überstürzt und unter grossem Handlungsdruck ins Werk gesetzt (finden Fremdunterbringungen „zu früh“ statt); andererseits entschliesst man sich oft erst nach langem Abwarten und zumeist ohne dass es nennenswerte ambulante Hilfen gegeben hat, ein Kind ausserhalb der Familie unterzubringen (finden Fremdunterbringungen „zu spät“ statt).

Für beide handlungsmuster gilt:
Die Abklärung der Indikation für eine Fremdunterbringung ist in der Regel ungenügend. Vor allem wird sie nur selten im Dialog mit den Familien, das nenne ich familien-dialogisch, entwickelt, sondern stellt eine Erhebung von aussen dar, ist ein „expert assessment“.

Eine nicht sichere Indikation und die Nicht-Einbeziehung der Familie in den Prozess der Abklärung ist aber die denkbar schlechteste Grundlage für die Fremdunterbringung eines Kindes ausserhalb der Familie: Beides stellt geradezu eine Aufforderung zum Agieren dar. Wenn man die Gründe nicht weiss, warum man nicht mehr in der Familie leben kann und wer an der Klärung darüber nicht beteiligt ist, neigt dazu, die Fremdunterbringung zu sabotieren und ihren Erfolg zu untergraben.

Produktiver ist es, wenn man die folgenden Schritte unternimmt:

      1. Man muss klären, ob eine Fremdunterbringung überhaupt notwendig ist bzw. wie gross das Risiko der weiteren Gefährdung des Kindes in der Familie ist.

 

      2. Wenn das Risiko zu gross ist, muss man herausarbeiten, welche konkreten Gründe für eine Fremdunterbringung gegeben sind.

 

      3. Schliesslich muss geklärt werden, welche Fremdunterbringung indiziert ist (beispielsweise ob Familienpflege oder Heimerziehung bzw. therapeutische stationäre Behandlung indiziert sind).

 

Generell muss man jedoch im Blick haben, dass alle Indikationen kontextabhängig sind. Sie hängen ab, von der Familie selbst, der Zahl und Qualität ambulanter Hilfen, nicht zuletzt von der Anzahl und Qualität ausserfamilialer stationärer Hilfen. Jede indikationsstellung ist insofern relativ.

Lassen Sie mich einige Gesichtspunkte konkretisieren:

 

Risikoeinschätzung:

> sehr gut                                                  mangelhaft
> 1                  2          3          4                        5

Gewährleistung
des Kindeswohls

Problemannahme

Hilfeannahme

Summe = ……………. : 3 = (Risikorate)

Faktoren, die bei der Einschätzung der Gewährleistung des Kindeswohls eine Rolle spielen:

  • Ausmass / Schwere der Beeinträchtigung, Schädigung
  • Häufigkeit / Chronizität der Schädigung
  • Selbsthilfekompetenz des Kindes, Widerstandsfähigkeit (Alter, Fähigkeiten, „Resilience“)
  • Verlässlichkeit der Versorgung durch die Sorgeberechtigten
  • Qualität und Umfang des Helferkontakts, anderer Unterstützungssysteme

Merke: Bei Werten über 4 (vier) muss man die Frage der Fremdunterbringung prüfen.

Allgemeine Gründe für Fremdunterbringung:

  • 1. Tod, Verlust, Flucht der Eltern.
  • 2. Schwere psychische Krankheit und chronische Suchtabhängigkeit der Eltern bei gleichzeitigem Fehlen guter ambulanter Hilfen.
  • 3. Schwere chronische Kindesmisshandlung, insbesondere Vernachlässigung und Failure-to-thrive junger Kinder.
  • 4. Erhebliche, unumkehrbare Pubertäts- und Ablösungskonflikte auf dem Hintergrund familialer Beziehungsstörungen (häufig bei neuzusammengesetzten Familien).
  • 5. Chronische schwere Erziehungsschwierigkeiten der Eltern mit der Folge erheblicher Entwicklungsverzögerung der Kinder.

Wenn diese Fragen geklärt sind, ist es sinnvoll zu entscheiden, welche Form der Unterbringung in Frage kommt. Die folgenden Folien sollen eine erste Orientierung geben:

Allgemeine Indikationen für Familienpflege

  • Säuglinge, Kleinkinder, Vorschulkinder
  • Kinder mit langfristiger Unterbringungsperspektive
  • Kinder, die eine intensive, kontinuierliche Einzelförderung bzw. -pflege brauchen.

Allgemeine Indikationen für Heimerziehung

  • Geschwistergruppen
  • Ältere Kinder (ältere Schulkinder / Heranwachsende / Jugendliche / junge Erwachsene)
  • Kinder, deren Probleme nur im Kontext einer Gemeinschaft bzw. einer speziellen fachlichen Hilfe bewältigt werden können.6.3 Eine Fremdunterbringung ist ein ProzessViele Kollegen sind der Meinung, Fremdunterbringungen müsse man einfach entscheiden, man müsse eine Massnahme treffen. Es ist sicher inzwischen schon deutlich geworden, dass eine solche Vorgehensweise „unterkomplex“ ist. Neue klientenfreundliche Sozialarbeit geht davon aus:Die Fremdunterbringung eines Kindes ist ein Prozess !

    Wer sich am Anfang Zeit nimmt, hat am Ende Zeit gewonnen.

     

    Die folgenden Schritte haben sich als sinnvoll erwiesen:

        (1) Erstkontakt / Klärung des aktuellen Konflikts und der Familien-
        situation.
        (2) Fokal-Analyse und dialogische Indiationsabklärung, u.U. über-
        gangsmässige Unterbringung; jedenfalls Vereinbarung einer
        kurz- bzw. mittelfristigen Familienberatung.
        (3) Gemeinsame Entscheidung (nie ohne die Familie und alle
        beteiligten Helfer) u.U.: Übergangsmässige Unterbringung /
        eventuelle Entscheidung des Vormundschaftsgerichts.
        (3) Suche einer Möglichkeit des Lebens ausserhalb der Familie
        und gemeinsamer Besuch (mindestens zwei Möglichkeiten
        besuchen!).
        (4) Entscheidung des Kindes und der Familie / Entscheidung der
        aufnehmenden Einrichtung.
        (5) Vereinbarung des Aufnahmetermins und Aufnahme.
        (6) Beginn der die Fremdunterbringung begleitenden Familien-
      beratung / Regelmässige Helferkonferenzen und Supervisionen.

    Vielleicht sind die Überlegungen, die ich Ihnen vorgetragen habe, für ihre weitere Arbeit von Nutzen. Sie sind kein Rezept gegen alle Misslichkeiten der täglichen Arbeit. Die kann es auch gar nicht geben, zumal in der Arbeit mit Menschen nichts von vornherein klar oder instrumentell verfügbar ist.

    Sicher ist allerdings: Wir arbeiten zufriedener und mit grösserem Erfolg, wenn wir Kinder und ihre Familien im Kontext ihrer Geschichte und sozialen Lebensverhältnisse verstehen, wenn wir uns auf ihre Lebenswelt und ihren Alltag beziehen, und wenn wir auf ihre eigenen Kräfte bauen, nicht zuletzt, wenn wir uns, unsere Kollegen und unsere Klienten achten und schätzen. Der Titel eines neuen Beitrages zur Reform der Sozialen Dienste in Berlin lautet: „Solidarität und Selbstverantwortung“. Das ist auch ein gutes Motto für neue, klientenfreundliche Sozialarbeit.

    1. Es handelt sich um einen Vortrag auf der Tagung des Landesjugendamtes WestfalenÄlippe über „Anforderungen an die Fachkräfte in der Arbeit mit der Herkunftsfamilie bei Hilfen zur Erziehung ausserhalb der eigenen Familie“ am 2. September 1996 in Schwerte (Ruhr). Der Autor ist Hochschullehrer für Erziehungswissenschaft und Soziologie an der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin. Lohmühlenstrasse 65, 12435 Berlin-Treptor, Tel. 030-617 33 735 / 739 – Fax: 030-617 33 737.

     

    Vom Kind zum Kontext:
    Kein Kind kommt allein!

    Zur Rolle der Herkunftsfamilie in der Arbeit mit fremduntergebrachten Kindern und Jugendlichen.

        1. Die Ausgangslage: Konfliktgeschehen Fremdunterbringung
        2. Das problematische Erbe: Historische und konzeptuelle Gesuchspunkte
        3. Herkunftsfamilie, Entwicklungsvoraussetzungen und Unterbringungsprozess
        4. Beziehungsprobleme im Unterbringungsprozess
        5. Die neue Philosophie der Fremdunterbringung
      6. Einige methodische Anregungen zur Praxis der Fremdunterbringung.

    Konfliktstrukren im Umfeld der Fremdplazierung

        1. Die Mitarbeiterinnen des Heims, häufig wenig vom Erfolg ihrer eigenen Arbeit überzeugt, scheinen am Ende eines jahrelangen Entwicklungsprozesses zu stehen, der sich ihnen wie ein unaufgelöstes Knäuel darstellt. Merkwürdig vage und ungreifbar sind ihre Kontakte mit der Herkunftsfamilie sowie den anderen Diensten, die die Eimeinweisung veranlassten und die jetzt die Kosten der Fremdunterbringung tragen. Man könnte die vorherrschende Konfliktstruktur im Feld der stationären Erziehungshilfe als einen „no-contact-conflict“, als „Konflikt ohne Kontakt“ kennzeichnen.
        2. Die Kinder und Jugendlichen sind -oft noch nach Jahren- in Trennungs- und Bindungskonflikte mit ihrer Herkunftsfamilie
        v e r s t r i c k t , selbst wenn die Familienstrukturen sich inzwischen verändert haben, Eltern sich trennten, neue Familien entstanden und Kinder erneut gefährdet sind, weil alte Konflikte wieder aufbrechen und offenbar auch nicht bearbeitet werden.
        3. Was die Familien betrifft, so haben sie sich nicht selten in einer aggressiven, feindseligen Haltung gegen das Heim verkrampft oder sie sind einfach abgetaucht oder verschwunden, obwohl die Kinder sich ihnen nach wie vor verzweifelt verbunden wühlen, sich um sie sorgen, ihre alten „Verantwortungsrollen“ in der Ferne des Heims weiterleben.“ Selten bibt es für die Familien eine therapeutische Beratung, eine Begleitung während der Aufnahme und des Lebens eines Kindes in einer stationären Erziehungseinrichtung.
        4. Die Sozialen Dienste scheinen zwischen allen Kontexten hin- und hergerissen zu sein, ist ein kind-orientierter Ambivalenz-Konflikt typisch, der nach administrativen Verfahrensregeln bearbeitet wird und der in der Regel auf ein Mitagieren hinausläuft. Ohne wirklichen Kontakt mit den Betroffenen wird sprunghaft gehandelt, ein autoritärer staatlicher Dezisionismus, vorgeblich, aber tatsächlich nur selten „im besten Interesse des Kindes“.
      5. Die Reaktion der Íffentlichkeit: Auch ihre Reaktionen sind hochgradig ambivalent. Bei schweren Kindesmisshandlungen und Vernachlässigungen fordert sie strafe-orientiert die sofortige Herausnahme der Kinder und gleichzeitit kommt es zu einer ständigen Denunziation der Erziehung ausserhalb der Familie.

    Das problematische Erbe

    Durch den gesamten öffentlichen Diskurs zieht sich ein anti-institutioneller Familialismus, der die Arbeit vieler stationärer Erziehungseinrichtungen immer wieder ganz grundsätzlich in Frage stellt und diskreditiert. Kein Wunder, dass viele professionellen Erzieher ihrerseits in einen institutionellen Anti-Familialismus verfallen.

    Die Politik der „Kinderrettung“, das Konzept des „staatlichen Wächteramtes“, das sich nicht selten humanistisch gab und stets moralistisch aufgeladen war, lief im Kern jedoch auf einen armenpolizeilichen Staatsinterventionismus und nicht selten auf eine Rekrutierung von billigen Arbeitskräften hinaus.


    Das konzeptionelle Dilemma

    Trotz erheblicher Veränderung in Zahl und Qualität stationärer Erziehungsangebote und im übrigen trotz eines Schwankens zwischen einer periodischen Favorisierung seis der Familienpflege seis der Erziehung in Heimen bzw. Anstalten, hat sich dieses Konzept autoritärer stationärer Unterbringung proletarischer und deklassierter Kinder bis in die heutige Zeit erhalten.

    Das moderne Dilemma der Jugendhilfe, der Dienste zum Schutz der Kinder und der Unterstützung von Familien, besteht geradezu darin, das Wohl des Kindes im Grundsatz (und nicht etwa als die grosse Ausnahme) mit Repression und Zwangsmassnahmen erreichen zu wollen.

    Die Chance von Reform und Innovation

    Die Arbeit mit fremduntergebrachten Kindern und Jugendlichen wird hingegen zu einer erfüllten Erfahrung, wenn wir den gesamten Zusammenhang der Lebensgeschichte des Kindes, der die Unterbringung auslösenden Krise, des Unterbringungsprozesses und der Bedingungen und Erfahrungen am neuen Lebensort als ein Feld komplexer Wirkungszusammenhänge verstehen.

    Der zentrale Forschungsbefund:

    Þ Fremdunterbringungen sind umso verfolgreicher (d.h. es werden bessere Entwicklungsergebnisse sowie häufiger gelungene Rückgliederungen bewirkt), je mehr Eltern und Kinder wissen, worum es eigentlich geht (Problembewusstsein), je intensiver sie am Unterbringungsprozess beteiligt sind (Partizipation) und je häufiger die Herkunftsfamilie mit ihren fremduntergebrachten Kindern Kontakt hat (Kontakthäufigkeit).

    Das komplexe Geflecht von Faktoren

    Genetische (biologische, konstitutionelle) Voraussetzungen zusammen mit einer Vielzahl von Ereignissen und Erfahrungen mit den ersten Pflegepersonen ebenso wie mit den weiteren Lebensumständen (zu denen wir freilich als Helfer und Fachleute gehören), nicht zuletzt Interaktions- und Sinnstrukturen, bilden ein komplexes Geflecht von Einflussfaktoren, in denen sich Kinder entwickeln.

    Im mehrdimensionalen Feld werden wir zu einem Selbst im Milieu der anderen.

    Im Dreieck von –»  SelbstObjekt  –»  Affektivität entwickeln Kinder ihre Persönlichkeit

    Der familiale Kontext

    1. Viele dieser Kinder kommen (mit wachsender Tendenz) aus fragmentierten Familien (Eineltern-Familien, Trennungsfamilien bzw. Familien, deren Familiengründung faktisch misslungen ist, sog. „no-families“).

    2. Die meisten dieser Kinder haben seelisch keine Eltern gehabt („No-parent-families“). Sie kommen aus Familien, die nach einer Rollenumkehr im Eltern-Kind-Verhältnis auf dem Kopf stehen.

    3. Es handelt sich in der grossen Mehrheit um Kinder armer Familien (arbeitsloser, mittelloser, auch wohnungsloser bzw. in miserablen Verhältnissen lebender Familien); wie in neueren amerikanischen Untersuchungen gezeigt wurde, ist Armut immer noch das sicherste Kriterium für Fremdunterbringungen überhaupt.

    4. Es handelt sich häufig um Familien mit jungen oder Teenage-Müttern, die zudem oft erhebliche schulische und berufliche Bildungsdefizite haben.

    • Kinder, die in einem solchen Milieu aufwachsen, haben keine günstigen Entwicklungschancen.
    • Kennzeichnend ist:
      – neben multiplen Ich-Defiziten
      – eine sog. „Misshandlungsreaktivität“ (ein sadistisches Ausagieren bei gleichzeitiger Beeinträchtigung der Selbst-Strukturen;
      – diffuse Grenzen zwischen dem Selbst und den anderen mit ständigen Fehlwahrnehmungen der Signale aus dem weiteren sozialen Kontext).Das ist der Kern der typischen Beziehungsstörungen, die bei Kindern eine Rolle spielen, für die wir Erziehungshilfe ausserhalb der Familie für angezeigt halten:
    • ein Mangel an kognitiven und affektiven Orientierung (aufgrund neurobiologischer Frühschädigungen, erfahrener Elternlosigkeit und aufgrund von Misshandlungs- und Vernachlässigungserfahrungen).
    • erhebliche Schwierigkeiten, Beziehungen, Gefühle der Zusammengehörigkeit, der Verbundenheit zu entwickeln und zu erhalten.
    • eine bemerkenswerte Identitätsdiffusion (mit vor allem vielfältigen projektiven, ja paranoiden Tendenzen).BindungsmusterFremduntergebrachte Kinder und Jugendliche gehören, nach der Typenbildung der Bindungstheorie, in der Regel- sowohl zu den sogenannten A-Kindern („den unsicher-vermeidenden Kindern“)- als auch zu den C-Kindern („den unsicher-ambivalent gebundenen Kindern“) und zu den D-Kindern („den hochunsicher gebundenen oder desintegrierter A/C-Kindern“).

      Patricia M. Crittenden hat die typischen Bindungsmuster von Kindern im Schulalter veranschaulicht.

      Die beziehungsmässigen Problemlagen, die im Unterbringungsprozess eine Rolle spielen.

      1. Aus der Ausgangsproblematik der nicht gelungenen Konstituierung der Herkunftsfamilien mit erheblicher Beziehungsgestörtheit dieser Kinder entsteht ein negatives Hilfeparadox. So notwendig diese Familien und dieser Kinder nämlich Hilfe brauchen, so schwierig ist es ihnen andererseits, Hilfe überhaupt anzunehmen oder gar zu suchen. Das Hilfeparadox besteht regelrecht darin, dass, je grösser die Beziehungsproblematik und der Beziehungsabriss ist, es der Jugendhilfe umso weniger gelingt, mit Hilfsangeboten zu landen.

      2. Parallel dazu gibt es ein Kindeswunschparadox: Je stärker unbewusst (d. h. phantasiemässig aufgeladen) der Kindeswunsch ist, umso häufiger scheitert er an der oft harten Realität.

      3. Die Familien kennzeichnet ein Muster der Bindungsvermeidung und der Angstbindung. Einerseits vermeiden diese Familien (Eltern wie Kinder) einen offenen Kontakt (zumal mit Autoritätspersonen), andererseits agieren sie nicht selten aggressiv, weil sie grosse Angst in Beziehungen mit anderen erleben.

      Das führt zu einem komplexen Widerstand gegen Hilfsangebote, Kinder ausserhalb der Familie unterzubringen, der auf der Seite der Hilfesysteme oft mit Unterbringungsmanipulationen übersprungen wird.

      4. Dabei entsteht eine Problem- und Indikationsdiffusität, macht man sich nicht klar, worum es eigentlich geht, was die bestehende Störung tatsächlich ist, welche Gefährdung überhaupt vorliegt, wie gross die Selbst- und Fremdgefährdung ist, was die Vorgeschichte und die aktuelle Situation kennzeichnet.
      Das ist besonders problematisch, weil die ambulanten Fachkräfte daneben häufig unsicher sind, ob sie auch über gute stationäre Erziehungshilfeangebote verfügen, die für das betroffene Kind geeignet wären. Es kommt also zu einer doppelten Unsicherheit (was die Problemeinschätzung und die Qualität der Fremdunterbringungsmöglichkeiten betrifft).

      5. Da wir in unserem Hilfesystem immer noch grosse Kooperationsprobleme (mit der Familie und untereinander) haben, stark reaktiv eingestellt sind und im Nachhinein operieren, verfehlen wir nicht selten ein kooperatives und frühes, präventives Hilfeangebot, das die gesamte Familie und alle Betroffenen früh in den Hilfeprozess im nahen Umfeld einbezieht.

      So setzen Fremdunterbringungsprozesse immer wieder erst dann ein, wenn bereits viel geschehen ist und nicht selten bereits alle Brücken für einen Neuanfang in der Familie abgebrochen zu seinen scheinen.

     

Die neue Hilfe-Philosophie

Die neue Philosophie ist ein allgemeines Konzept

Sie thematisiert und versteht Probleme von Kindern und ihrer Familien als im Kontext von Lebensgeschichte und Lebensverhältnissen entstandene Konfliktstrukturen.

Eckpfeiler der neuen Hilfsphilosophie

  • Hilfe ist nur produktiv, wenn Gegenseitigkeit ermöglicht, Machtungleichgewicht aufgehoben, beziehungsbalance zwischen den Bürgern und den Fachleuten hergestellt wird.
  • Hilfe ist nur erfolgreich, wenn sie akzeptiert, wenn sie gewollt wird, wenn man sie wählen und zurückweisen kann. Nur dann nämlich gibt es den Austausch von Geben und Nehmen, den Dialog. Freiwilligkeit, Wahlmöglichkeit ist die Essenz jeder wirklichen Hilfe.
  • Hilfe ist ein Akt der solidarität und insofern immer eine konkrete Kritik bestehender Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Sie kann in der modernen Demokratie nur gelingen als civil-rights-Pakt zur Sicherung konstitutioneller Freiheitsrecht.
  • Hilfe scheitert, wenn sie verschwistert ist mit Manipulation und Repression. Sie setzt auf Verständnis und das Angebot einer offenen Beziehung. Auf diese Weise werden die eigenen Kräfte der Menschen gestärkt, können Selbstverantwortung und Selbstorganisation wachsen.

Ein neues methodisches Konzept:

Neue Jugendhilfe ist pro-aktiv und präventiv orientiert, baut auf non-punitive, verstehende, unterstützende Hilfsangebote, sie arbeitet am Konflikt, anstatt ihn bloss zu verdrängen bzw. manipulativ einzuschränken.

Der Massstab der Qualität ihrer Angebote:

Nur die Programme sind akzeptabel, die für uns selbst akzeptabel sind, die wir selbst gerne nutzen würden.

Methodische Hinweise:
Anregungen zur Praxis der Fremdunterbringung

Die Familie /
die Kinder

Ambulante Dienste Stationäre Einrichtungen bzw. Adoptions- und Pflegefamilien
(Jugendamt/Beratungsstellen)

Vergangenheit

(Regression)

Gegenwart Zukunft

(Aktueller Entwicklungsstand) (Progression)

Im einzelnen haben sich methodisch die folgenden Schritte bewährt:

 

      1. Vor jeder Fremdunterbringung ist es notwendig, die genaue Fokal-Analyse durchzuführen.

 

 

      2. Vor jeder Fremdunterbringung muss familien-dialogisch die Indikation für eine Fremdunterbringung abgeklärt werden.

 

 

      3. Jeder Fremdunterbringung muss die partnerschaftliche und gegenseitige Abklärung und Auswahl der Einrichtung vorausgehen, die für die Fremdunterbringung bzw. für die Aufnahme eines Kindes in Frage kommt. Notfalls muss eine übergangsmässige Unterbringung gefunden werden.

 

 

      4. Jede Fremdunterbringung muss von einer weiteren Beratung (der Familie wie der stationären Einrichtung bzw. der Pflegefamilie) begleitet sein. Mit der Fremdunterbringung darf die Hilfe für die Familie und die Eltern nicht enden, sie muss vielmehr mit einer klaren Zeitperspektive geradezu intensiviert werden.

 

 

      Zur Brennpunkt- (oder Fokal-) Analyse gehören 5 Gesichtspunkte:

 

 

      1. Die Klärung des Zugangs.

 

 

      2. Die Beschreibung des vorliegenden Problems/Konflikts.

 

 

      3. Die Wahrnehmung bestehender Symptome und ihrer Bedeutung.

 

 

      4. Die Feststellung des Leidens, der Belastung sowie vorhandender Kräfte.

 

 

      5. Die Klärung bestehender Hilfeerwartungen und Prozessphantasien.

 

 

      Klärung des Zugangs:

 

 

      1. Wer kommt? (Selbstmelder / Fremdmelder / Kollege).

 

 

      2. Warum und mit welcher Perspektive, mit welcher Intention?

 

 

      3. Was zeit sich als hintergründige Problematik?

 

 

      4. Mit wem habe ich zu tun? Wer ist mein Klient?

 

 

      5. Was ist mein Problem? Was ist meine erste Hypothese?

 

 

      Beschreibung des Problems/Konflikts:

 

 

      1. Was wird von wem als problematisch vorgetragen?

 

      Gibt es überhaupt ein Problem?

 

 

      2. Wer ist Problemträger (Problembesitzer)?

 

 

      3. Was zeigt sich als Problem?

 

      Welches aktuelle Konfliktbild wird deutlich?

 

 

      4. Vor welchem Rätsel steht die Familie?

 

 

      5. Wie gross ist die eigene Problemannahme der

 

      Klienten?

 

 

      Syptome / Problemanzeichen:

 

 

      1. Welche Symptome gibt es (am Körper, im Verhalten,

 

      im Beziehungsgefüge)?

 

 

      2. Warum bestehen die Symptome jetzt? Wie chronisch

 

      sind sie?

 

 

      3. Welche Metaphernstruktur / Theatralik deutet sich in

 

      den Symptomen an?

 

 

      4. Welche Sinnstruktur kann erschlossen werden?

 

 

 

      Leiden und Kräfte:

 

 

      Leiden:

 

 

      1. Wer leidet?

 

 

      2. Woran?

 

 

      3. Wie sehr?

 

 

      4. Wie lange?

 

 

      5. Wie bewusst?

 

 

      6. Welche Kräfte gibt es?

 

 

 

      Hilfeerwartungen / Prozessphantasien:

 

 

      1. Wird Hilfe überhaupt erwartet oder sogar abgelehnt?

 

 

      2. Welche Hilfe wird erwartet?

 

 

      3. Von wem?

 

 

      4. Wie wird der eigene Part im Hilfeprozess gesehen?

 

 

      5. Welche Prozessphantasien bestehen?

 

 

 

      Hilfekonzept:

 

 

      Vorsicht…….

 

 

  • Hilfeerwartungen stellen Prozessphantasien dar
  • Nicht alle Prozessphantasien laufen auf Hilfeerwartungen hinaus.Die Indikation – eine sichere Basis
    für die Fremdunterbringung1. Man muss klären, ob eine Fremdunterbringung überhaupt notwendig ist bzw. wie gross das Risiko der weiteren Gefährdung des Kindes in der Familie ist.2. Wenn das Risiko zu gross ist, muss man herausarbeiten, welche konkreten Gründe für eine Fremdunterbringung gegeben sind.

3. Schliesslich muss geklärt werden, welche Fremdunterbringung indiziert ist (beispielsweise ob Familienpflege oder Heimerziehung bzw. ob eine therapeutische stationäre Behandlung indiziert ist).

Risikoeinschätzung:

Sehr gut Mangelhaft
1 2 3 4 5

Gewährleistung des Kindeswohl

Problemannahme

Hilfeannahme

Summe = …………… : 3 = (Risikorate)

Faktoren, die bei der Einschätzung der Gewährleistung des Kindeswohls eine Rolle spielen:

  • Ausmass / Schwere der Beeinträchtigung, Schädigung
  • Häufigkeit / Chronizität der Schädigung
  • Selbsthilfekompetenz des Kindes, Widerstandsfähigkeit (Alter, Fähigkeiten, „Resilience“)
  • Verlässlichkeit der Versorgung durch die Sorgeberechtigten
  • Qualität und Umfang des Helferkontakts, anderer Unterstützungssysteme.Merke:
    Bei Werten unter 4 (vier) muss man die Frage der Fremdunterbringung prüfen.Allgemeine Gründe für Fremdunterbringung:1. Tod, Verlust, Flucht der Eltern.

 

2. Schwere psychische Krankheit und chronische Suchtabhängigkeit der Eltern bei gleichzeitigem Fehlen guter ambulanter Hilfen.

3. Schwere chronische Kindesmisshandlung, insbesondere Vernachlässigung und Failure-to-thrive junger Kinder.

4. Erhebliche, unumkehrbare Pubertäts- und Ablösungskonflikte auf dem Hintergrund familialer Beziehungsstörungen (häufig bei neu zusammengesetzten Familien).

5. Chronische, schwere Erziehungsschwierigkeiten der Eltern mit der Folge erhebliche Entwicklungsverzögerung der Kinder.

Allgemeine Indikationen für Familienpflege:

  • Säuglinge, Kleinkinder, Vorschulkinder
  • Kinder mit langfristiger Unterbringungsperspektive
  • Kinder, die eine intensive, kontinuierliche Einzelförderung bzw. -pflege brauchen.

 

Allgemeine Indikationen für Heimerziehung:

  • Geschwistergruppen
  • Ältere Kinder (ältere Schulkinder / Heranwachsende / Jugendliche / junge Erwachsene)
  • Kinder, deren probleme nur im Kontext einer Gemeinschaft bzw. einer speziellen fachlichen Hilfe bewältigt werden können.Handlungskonzept:Achenbach, T.M. / Howell, C.T. / Quay, H.C. / Connors, C.K (1991): National survey of competencies among four- to sixteen-year-olds: Parents` reports of normal and clincal samples. Monographs of the Society for Research in Child Development. Serial No. 225, Vol. 56, no. 3. –
        1. Erstkontakt / Klärung des aktuellen Konflikts und der
        Familiensituation.
        2. Fokal-Analyse und dialogische Indikationsabklärung,
        u.U. übergangsmässige Unterbringung; jedenfalls
        Vereinbarung einer kurz- bzw. mittelfristigen Familien-
        beratung.
        3. Gemeinsame Entscheidung (nie ohne die Familie und
        alle beteiligten Helfer) u.U.: Übergangsmässige Unter-
        bringung / eventuell Entscheidung des Vormund-
        schaftsgerichtes.
        4. Suche einer Möglichkeit des Lebens ausserhalb der
        Familie und gemeinsamer Besuch (mindestens zwei
        Möglichkeiten besuchen!).
        5. Entscheidung des Kindes und der Familie / Entschei-
        dung der aufnehmenden Einrichtung.
        6. Vereinbarung des Aufnahmetermins und Aufnahme.
        7. Beginn der die Fremdunterbringung begleitenden
        Familienberatung / Regelmässige Helferkonferenzen
      und Supervisionen.

    Die Fremdunterbringung eines Kindes ist ein Prozess !

    Wer sich am Anfang Zeit nimmt, hat am Ende Zeit gewonnen!

    Entwicklung, Erfahrung und Beziehungsmuster:
    Psychische Gesundheit aus bindungstheoretischer Sicht 1).

    Der Beitrag wurde von Oliver Blaurock und Michael Huss, Berlin, aus dem Englichen übersetzt. Es handelt sich dabei um einen Vortrag während der XXIV. Tagung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie im April 1995 in Würzburg.

    Patricia M. Crittenden


    Zusammenfassung:

    In diesem Artikel bringt die Autorin verschiedene theoretische Perspektiven zusammen und erarbeitet daraus ein verständlicheres Modell gesunder und gestörter Entwicklungsverläufe. Darin bezieht sie Erbinformationen, Reifungsprozesse sowie individuelle Erfahrungen als Einflussgrössen auf verschiedene Anpassungsverhalten mit ein. Insbesondere Unterschiede in frühen Bindungsbeziehungen werden in Begriffen von erlernten kognitiven und affektiven Informationsverarbeitungsmustern und erlernten Verhaltensstretegien zur Provokation von Fürsorgeverhalten zusammengefasst. Das Modell beschreibt Kognition als sich selbst korrigierend und somit in der Lage, differenzierte, flexible Muster in Denken und Handeln zu erarbeiten.

    Psychologie ist durch eine Vielzahl an Theorien gekennzeichnet, die die menschliche Entwicklung aufgrund empirischer Erkenntnisse beschreiben. Leider sind diese Theorien auf enge Geltungsbereiche begrenzt und konkurrieren inhaltlich meist miteinander. Zu selten setzen sie normale mit abweichenden Entwicklungsprozessen in Beziehung. In diesem Beitrag wird versucht, verschiedene theoretische Perspektiven zu vereinen, um so ein umfassenderes Modell gesunder und gestörter Entwicklungsverläufe zu erarbeiten.

    1. Das Gehirn
    Aus Sicht der biologischen Evolutionsforschung hängt menschliches Überleben von dem Vermögen ab, Fürsorgeverhalten bei anderen hervorzurufen, sich um sich selbst zu kümmern und sich fortzupflanzen. Das Gehirn hat sich so entwickelt, dass es in der Lage ist, Informationen von und über Menschen zu erfassen, zu unterscheiden und zu organisieren (Luria 1973). Darüber hinaus zeigen Menschen artspezifische Verhaltensmuster, mit denen sie Fürsorgeverhalten auslösen (Eibl-Eibesfeld 1979) und sexuellen Kontakt aufnehmen. Die Differenzierung dieser einfachen Funktionen spiegelt sich in der Weiterentwicklung von Hirnstruktur und -funktion wider.

    1.1. Das Gehirn eines Reptils
    Die grundlegenden Überlebensreflexe sind dem Hirnstamm zugeordnet, während die Fähigkeit, aus Erfahrung zu lernen, mit dem später entwickelten Mittelhirn verbunden ist (McLean 1990). Arten, die über ein Mittelhirn verfügen, sind in der Lage, ihre motorischen Aktivitäten, einschliesslich des Paarungsverhaltens, zu koordinieren und auf sensomotorischer Ebene aus Erlebtem zu lernen (SKINNER 1938). Diese Arten verfügen über Lernmöglichkeiten, mit denen sie sich anhand von Hinweisreizen auf nachfolgende Ereignisse einstellen können. Das Erlernen zeitlicher Zusammenhänge befähigt Organismen, nach Bedingungen zu suchen, die ihnen Sicherheit geben und in denen Befrohliches vermieden werden kann. Dieser Prozess verläuft in der Regel ereignisadäquat, kann aber auch zu falschen Assoziationen führen. In Lernvorgängen, die den Umweltbedingungen nicht entsprechen, mögen Präsdispositionen psychischer Störungen liegen. Fehlerhaft Assoziationen treten bevorzugt unter bedrohlichen Umständen auf, deren Wiederholung keinesfalls riskiert werden darf. Lernvorgänge, die es dem Organismus ermöglichen, sich auf vorhersagbare Ereignisse einzustellen, nenne ich „kognitiv“.

    1.2. Das Limbische System und der Paläokortex
    Das Limbische System ist mit dem Affekt assoziiert. Es erlaubt höherentwickelten Organismen, ohne entsprechende Vorerfahrung gefährliche Situationen mittels sensorischer Informationen zu identifizieren (BOWLBY 1973, McLEAN 1973). Das „warnende Gefühl“ wird dabei als ungerichtete Angst empfunden, hervorgerufen durch Umstände mit Bedrohungscharakter, wie Dunkelheit, laute Geräusche, eine unbekannte Umgebung oder Alleinsein (BOWLBY 1973; CRITTENDEN, im Druck a; SELIGMAN 1971). Entscheidend in bezug auf Angstgefühle sind distale sensorische Signale: optische, akustische und vor allem olfaktosche Reize. Die entsprechenden Anteile des sensorischen Systems finden sich auf neurologischer Ebene im limbischen System verankert. Gefühle von Wohlbehagen werden dagegen über sicher erscheinende Umgebungseindrücke, wie z.b. Licht, sich wiederholende Verhaltensmuster, die Gegenwart anderer Menschen oder engen Körperkontakt, hervorgerufen. Von einer vertrauten Person gewiegt zu werden, vermittelt im besonderen Masse ein Gefühl der Geborgenheit. Angst wie auch Geborgenheit werden auf mentaler Ebene mit der Anwesenheit tatsächlicher Gefahr bzw. Sicherheit in Verbindung gebracht. Gleich kognitiven Informationen können sie einer Fehleinschätzung unterliegen. Werden solche Fehler nicht korrigiert, können sie zur Entwicklung von Angst- oder Zwangsstörungen führen. Informationen über Gefühle nenne ich „Affekt“.

    1.3. Der Neokortex
    Die Hirnrinde hochentwickelter Arten integriert die Informationen aus den Bereichen untergeordneter Hirnstrukturen. Hierdurch wird eine exaktere Repräsentation der Realität erreicht, was wiederum zur Ausbildung verfeinerter, flexiblerer Verhaltensstrategien führt. Mentale Prozesse richten sich auf Diskrepanzen, wie zum Beispiel zwischen der kognitiven und affektiven Wahrnehmung einer bedrohlichen Situation. Dies erleichtert die Korrektur von Verzerrungen zwischen der Wahrnehmung kognitiver und affektiver Informationen (LASHLEY 1958/1960). Ebenso kann eine durch unpassende Objekte hervorgerufene sexuelle Erregung inhibiert werden, indem entsprechende Informationen kortikal verarbeitet werden. Da der Kortex überwiegend nach der Geburt reift, erfährt die mentale Fähigkeit, Widerspräche zu erkennen und aufzulösen, im Verlauf der Kindheit dramatische Veränderungen.

    1.4. Individuelle Unterschiede geistiger Funktionen
    Individuelle Unterschiede im Denken und Verhalten können anhand von drei Hauptmuster 2) erlernter geistiger und verhaltensbezogener Flexibilität beschrieben werden, welche als sukzessive Stadien mit der neurologischen Reifung verbunden sind (BOWLBY 1980; CRITTENDEN 1994). In jeder Reifeperiode stehen besagte drei Hauptmuster in enger Beziehung zu
    1. befriedigenden oder problematischen Beziehungen,
    2. dem Gebrauch von Bindungspersonen durch Kinder zur unterstützung ihrer Selbstentwicklung (VYGOTSKII 1987) und
    3. dem Risiko der Entwicklung psychischer Störungen und Verhaltensauffälligkeiten (CRITTENDEN, im Druck a, b).

    2) Anmerkung (HUSS): CRITTENDEN nimmt hier Bezug auf die Theorie der sozial-emotionalen Bindung (attachment), wie die von JOHN BOWLBY unter Berücksichtigung psychoanalytischer und ethologischer Ansätze entwickelt und von MARY AINSWORTH empirisch fundiert wurde (siehe entsprechende Literaturhinweise im Text). Im Sinne der „klassischen“ Bindungstheorie werden drei Bindungsqualitäten unterschieden: unsicher-vermeidende Kinder (sogenannte A-Kinder) meiden in Testsituationen auffallend die Nähe der Mutter, bevorzugen diese nicht gegenüber fremden Personen und zeigen äusserlich wenig Belastungszeichen, wenn sie in einem unbekannten Raum alleingelassen werden. Neuere Untersuchungen (SPANGLER u. GROSSMANN 1993) weisen darauf hin, dass psysiologische Stress-Parameter, wie etwa das freie Cortisol im Speichel, bei unsicher gebundenen Kindern signifikant erhöht sind. Sicher begundene Kinder (sogenannte B-Kinder) suchen bei Belastung den Kontakt zur Bindungsperson und zeigen sowohl hinsichtlich ihrer kognitiven als auch ihrer sozioemotionalen Fähigkeiten meist positivere Entwicklungsverläufe. Unsicher-ambivalent gebundene Kinder (sogenannte C-Kinder) fordern bei Belastung übermässig starke Kontakte zur Bindungsperson, weisen diese jedoch ambivalent in aggressiver oder passiver Weise zurück (SPANGLER u. GROSSMANN, K.E. (1993). Biobehavioral organization in security and insecurity attached infants. Child Development 64, 1439-1449).

    2. Das Säuglingsalter

    2.1. Individuelle Unterschiede in den Antworten der Bezugs-
    personen auf die Signale des Säuglings
    Säuglinge lernen aus sensomotorischen Erfahrungen (PIAGET 1952), insbesondere aus Erfahrungen von ihren Bezugspersonen (BOWLBY 1969/1982; VAGOTSKII 1987). Reagieren diese auf das kindliche Verhalten, vor allem auf Signale von Traurigkeit, in vorhersagbarer Weise beruhigend, so lernt das Kind sowohl emotionalen als auch kognitiven Vorgängen Bedeutung beizumessen. Solche Kinder sind sicher gebunden und können ihr Verhalten auf der Grundlage von Informationen emotionaler und kognitiver Wahrnehmung regulieren. Sie befinden sich in einem psychischen Gleichgewicht (CRITTENDEN, im Druck a). Gemäss der Bindungstheorie gehören sie zu den Typ B-Säuglingen.

    Andere Eltern lehnen die Bedürfnisse ihrer Kinder nach Zuneigung und körperliche Nähe auf ebenso vorhersagbare Weise ab. Diese Kinder (bindungstheoretisch sogenannte „Typ A-Säuglinge“) müssen Affektäusserungen zurückhalten, wollen sie strafende oder ablehnende Reaktionen vermeiden. Typ A-Säuglinge lernen somit

    1. ihre Bezugspersonen abzulehnen,
    2. kognitive Informationen effektiv zu nutzen und
    3. Affektäusserungen zu misstrauen. Auf mentaler Ebene „wehren“ sie sich gegen Affekte.

    Bei einer dritten Gruppe von Säuglingen finden wir Bezugspersonen mit inkonsistentem Verhalten, deren Zuneidung als unvorhersagbare affektive Signale im Sinne intermittierender Verstärker übermittelt wird. Diese Kinder sind sehr belastet, jedoch nicht in der Lage, ihr Verhalten weder im affektiven noch im kognitiven Bereich zu orgqanisieren. So sind sie unfähig, das Verhalten ihrer Erziehungspersonen vorauszusehen oder gar zu ändern. Im Alter von etwa sieben bis neun Monaten zeigen diese Kinder Angst vor den Bezugspersonen in Form dreier abgrenzbarer Emotionen 3). Aggression gegen die Bezugsperson, Angst, von ihr verlassen zu werden und Verlangen nach ihrer Zuneigung. Es inkonsistentes Verstärkermuster bewirkt, dass das Verhalten über einen langen Zeitraum auf angespanntem Niveau aufrechterhalten wird. Dies gilt auch für welchselnde Verstärker, wie Bestrafung und Belohnung unvereinbarer Verhaltensweisen. Dies hat Auswirkungen auf die Psychopathologie des Typ C-Verhaltens sowie dessen psychotherapeutische Behandlung.

    3) Ich benutze das Wort „Emotionen“ in bezug auf integrierte kognitiv-affektive Strukturen, in denen affektive Informationen kognitiv an dasjenige Individuum gebunden ist, welches das Gefühl hervorruft oder ändern könnte. Daher wird Wut (ein Gefühl) zur Emotion von Aggressivität, wenn diese Wut gegen eine bestimmte Person gerichtet ist.

    2.2. Die Grenzen mentaler Funktionen beim Säugling
    Zwei Drittel aller Säuglinge verhalten sich so, als seien ihre Mütter einfühlsam, ein Drittel, als zeigten sich ihre Mütter ablehnend und nur einzelne Fälle, als sei das Verhalten der Mütter inkonsistent (AINSWORTH 1985). Das sensomotorische Denken scheint die Realität zu dichotomisieren (FISCHER 1980), so dass mütterliches Verhalten als weniger inkonsistent wahrgenommen wird, als es tatsächlich ist.

    Im Vorschulalter werden die internen Repräsentationsmodelle dann modifiziert, um

    1. das Mass an Variationen mütterlichen Verhaltens angemessener zu verarbeiten,
    2. Typ A-Kindern zu ermöglichen, Zuneigung von ablehnenden Bezugspersonen einzufordern und
    3. Typ C-Kinder zur Entwicklung von Reaktionsstrategien zu befähigen, welche die Auftretenswahrscheinlichkeit von Verhaltensweisen der Bezugspersonen zu verändern.

    3. Die Vorschuljahre

    3.1. Intuitive Wahrnehmung und Scheu
    In den Vorschuljahren entwickeln Kinder eine intuitive Logik (PIAGET 1952) und Scheu (MARVIN 1977). In Anlehnung an Beobachtungen bei anderen Arten (EIBL-EIBESFELD 1979) kann scheues Verhalten als Signal zur Abwendung von Aggressionen (Zeigen von Hals oder Bauch) sowie zur Provokation von Fürsorgeverhalten (Mundöffnen mit bedeckten Zähnen, Auge-in-Auge-Kontakt) beschrieben werden. Diese Signale versetzen Kinder in die Lage, Rangfolgen oder Auseinandersetzungen zu regulieren.

    Mit scheuem Verhalten verfügen Kinder inkonsistenter Eltern über eine Strategie, mit Hilfe derer sie elterliches Verhalten im Sinne einer Nötigungsstrategie zu regulieren ermöglichen. Insbesondere Typ C-Kinder spalten ihre ambivalenten Gefühle von Wut, Angst und Zuneigung auf. Sie verhalten sich einerseits aggressiv und andererseits entwaffnend-ängstlich und verlangen nach Tzuneigung. Jedes dieser Gefühle tritt in übertriebener Form zutage, und Aggression wie Unterwürfigkeit alternieren entsprechend dem Wechsel zwischen besänftigendem und bedrohendem Verhalten der Eltern. Auf diese Weise lernen sie, überzogene affektive Signale voneinander zu trennen und im Wechsel einzusetzen, um so zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse zu gelangen. Da ihre Eltern oft Drohungen, Tricks oder leere Versprechen benutzen, um ihre Kinder gefügig zu machen, machen sie die Erfahrung, Informationen auf kognitiver Ebene zu misstrauen.

    3.2. Vermeidend gebundene Kinder und unechter Affekt
    Da Vermeidungsverhalten bei Kindern im Vorschulalter von ihren Müttern als schlechtes Benehmen betrachtet wird, ruft es verletzende oder strafende mütterliche Reaktionen hervor. Typ A-Kinder versuchen, gerade dieser Form von Reaktion aus dem Weg zu gehen. Deshalb ändern sie ihr Verhalten dahingehend, dass es nicht als offensichtlich vermeidend erkannt wird. Als Konsequenz entwickeln sie eine neutral-vermeidende Grundhaltung.

    Darüber hinaus können einige Typ A-Kinder lernen, andere, subtilere Abwehrstrategien zu nutzen. Gehemmte Typ A-Kinder zeigen übertriebene Affekte, um mütterliche Zuneigung zu gewinnen. Bei desinteressierten, zurückgezogenen Müttern benutzen diese Kinder falsch-positive Affekte, um ihre aufmerksamkeit zu erhalten. Andere A-Kinder weisen einen zwangshaften Gehorsam auf, der sie vor Anfeindungen der sie misshandelnden Bezugspersonen schützen soll. In allen Fällen orientieren vermeidend-gebundene Kinder ihr Verhalten an erlernten Bedingungsgefügen, d.h. mittels kognitiver Informationsverarbeitrung, und halten ihre wirklichen Gefühle von Wut, Angst und Verlangen zurück, um sie teilweise gegen unechte Emotionen zu ersetzen.

    3.3. Sicher-gebundene Kinder und welchselseitige
    Kommunikation
    Typ B-Kinder lernen

    1. effektiv mit Bezugspersonen über ihre Gefühle, Intentionen und Erwartungen zu kommunizieren,
    2. über Differenzen in verschiedenen Konzepten zu verhandeln und
    3. an gemeinsamen Konzepten, die für ein Gefühl der Sicherheit im Umgang mit ihren Bezugspersonen relevant sind, Anteil zu nehmen.

    Auf diese Weise etablieren sie zielorientierte Partnerschaften mit Bindungspersonen, die ihnen ermöglichen, sich auf psychologischer Ebene einandere nahe zu fühlen, auch über eine physische Distanz hinweg (BOWBLY 1969/1980). Da sie über ein Gefühl von Sicherheit verfügen, sind sie in der Lage, die Welt und mit ihr neue Beziehungen zu entdecken und zugleich das Gefühl beruhigender Vertrautheit mit ihren Bindungspersonen zu geniessen.

    3.4. Psychopathologische Risiken
    Für beide Gruppen, Kinder mit vermeidendem (Typ A) und Kinder mit ambivalentem Bindungsverhalten (Typ C) tragen Anpassungsstrategien in der Auseinandersetzung mit ihren Bezugspersonen das Risiko der Entwicklung psychischer Störungen in sich. Im Falle der vermeidend-gebundenen Kinder beinhaltet dieses Risiko die Entwicklung eines falschen Selbst, eines mangelhaften Zugangs zu wahren Gefühlen (somit auch zu gefahrenbezogenen Gefühlen), von Isolation und Rückzugsverhalten, Rollentausch und Eltern erfreuende Leistungsorientierung. Kinder mit ambivalentem Bindungsverhalten laufen Gefahr,

    a) zwischen ernsthafter und unbedeutender Bedrohung ihrer Sicherheit nicht unverscheiden zu können,

    b) Verhaltensstörungen, provokatives sowie riskantes Verhalten (vor allem bei Jungen) zu zeigen, um die Aufmerksamkeit ihrer Eltern zu erlangen,

    c) psychosomatische Störungen, Hilflosigkeit und Annahme einer Opferrolle (in erster Linie bei Mädchen) zu zeigen, um elterlichen Schutz zu erhalten,

    d) agitierte Angstzustände zu entwickeln,

    e) ein exzessives, wahlloses Interesse an Beziehungen auszuleben sowie

    f) manchmal unintendiert durch scheues Verhalten zum Opfer sexuellen Missbrauchs oder aufgrund aggressiven Verhaltens körperlich misshandelt zu werden.

    In diesem Zusammenhang soll angemerkt werden, dass scheues Verhalten mit der Intention, Zuneidung zu gewinnen, dem Flirtverhalten, welches sexuellem Handeln vorausgeht, sehr ähnelt. Kindliches Verhalten kann somit in der Wahrnehmung von Erwachsenen als Suche nach sexueller Aufmerksamkeit fehlgedeutet werden.

    4. Das Schulalter

    4.1. Konkrete logische Operationen und falsche Kognitionen

    Kinder im Schulalter gehen Beziehungen zu „besten“ Freundinnen und Freunden ein, ihr soziales Interesse richtet sich auf gleichgeschlechtliche Bezugsgruppen und sie entdecken schulische und sportliche Kompetenzen ausserhalb des Einflussbereiches ihrer Eltern. Mit dem Beginn des logischen Denkens bei Schulkindern können wir davon ausgehen, dass sie die wachsende kortikale Kontrolle über ihr Handeln zu nutzen verstehen. Kinder mit ambivalentem Bindungsverhalten lernen diesbezüglich, die sie täuschende falsche Logik ihrer Eltern, welche gegen sie gewandt wurde, selbst zu nutzen. Darüber hinaus sind einige Kinder darauf fixiert, solches Täuschungsverhalten damit zu kombinieren, Angriffe gegen sie mit Strafen zu beantworten oder aber, auf der anderen Seite, andere dazu zu nötigen, sich um sie zu kümmern. So vervollständigt sich das Modell, in dem Typ A-Kinder

    a) ihre adäquate Kognition nutzen und ihre gehemmten wirklichen Gefühlsregungen durch unechte Affekte ersetzen,

    b) sicher-gebundene Kinder (Typ B) in der Lage sind, tatsächliche Affektregungen mit realitätskonformer Kognition zu integrieren und

    c) Typ C-Kinder ihre wirklichen Gefühle zeigen, aber falsche Kognitionen in entsprechende Erwartungen umzusetzen.

    4.2. Psychopathologie
    In der Schulzeit werden Jungen mit ambivalentem Bindungsverhalten oft unter den Begriff der „Störung des Sozialverhaltens“, der „Lern- und Aufmerksamkeitsstörung“ und/oder des „hyperaktiven Verhaltens“ erfasst (ACHENBACH et al. 1991). Manche von ihnen geraten in Jugendbanden, in denen ein enges Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Mitgliedern besteht. Dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit grenzt nicht zur Bande gehörende Jungen aus und fördert so die Angst vor ihnen. Es kommt zu Gewaltbereitschaft in der Auseinandersetzung mit anderen, um sich selbst und die Bande zu verteidigen, sowie dem Unvermögen, zwischen unbedeutender und ernsthafter Bedrohung zu unterscheiden und letztlich zu einer Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls durch gemeinsames Ausagieren aggressiven, betrügerischen und delinquenten Verhaltens.

    Mädchen mit ambivalentem Bindungsverhalten werden dagegen oft übersehen oder als zänkisch oder eifersüchtig oder lediglich als schüchtern und unreif eingeschätzt. Sie haben alle Probleme, die auch Jungen zeigen. Anstatt sich jedoch offen aggressiv zu verhalten, stören sie andere oder geben sich entwaffnend hilflos. Diese vermeintliche Hilflosigkeit erhöht jedoch ihr Risiko, missbraucht zu werden. Vermeidend-gebundene Kinder werden kaum als gestört wahrgenommen, da sie in ihrem Verhalten dazu tendieren, negative Affekte zu unterdrücken und falsch-positive Affekte zu zeigen. Sie versuchen „alles richtig zu machen“, um damit den Erwachsenen zu gefallen. Einige von ihnen neigen jedoch zu einem ausgeprägten Rückzug in ihr Inneres und sind depressiv verstimmt. Ihre Probleme im Hinblick auf intime Beziehungen zeigen sich vor allen in der Adoleszenz oder im Erwachsenenalter.

    5. Adoleszenz

    Formale Operationen und Sexualität: Auf kognitiver Ebehe sind Jugendliche dazu in der Lage, mit formaler Logik umzugehend, während sie sich auf affektivem Niveau im Prozess der sexuellen Entwicklung befinden. Sie entwickeln zunehmend die Fähigkeit zur Integration von Informationen und erweitern die Bedeutung der zu integrierenden Information. Gleichzeitig schafft die wachsende Unabhängigkeit der Adoleszenten von elterlicher Fürsorge und Reglementierung ein Bedürfnis, eben diese Integrationsleistungen zu vollbringen. Bezogen auf den Bereich ihrer eigenständigen Entwicklung bedeutet dies,

    1. erste Liebesbeziehungen als Vorläufer Erwachsenenpartnerschaften einzugehen,
    2. ihre persönlichen Wertvorstellungen und deren Auswirkungen insbesondere auf das nicht fremdbestimmte Verhalten für sich abzuklären sowie
    3. insbesondere unter Gleichaltrigen Aufrichtige von denjenigen zu unterscheiden, die systematisch Informationen in manipulativer Absicht verzerren.

    Werden solche Integrationsvorgänge verhindert, insbesondere durch schwerwiegende oder chronische Bedrohungserlebnisse, dann kann dies tiefgreifende Effekte in der persönlichen Integrität zur Folge haben. In günstigeren Verläufen zeigen diese Jugendlichen dann Probleme, intime Beziehungen einzugehen oder aufrechtzuerhalten.

    Bei einigen Typ A-Adoleszenten kann die Kombination falscher Affekte mit Sexualität zu promiskuitivem Verhalten führen, d.h. zu intimen Verhältnissen, bei denen neurophysiologisch eine Übereinstimmung entsteht, während die Partner auf psychologischer Ebene föllig getrennt bleiben.

    Manche Typ C-Adoleszenten sind geradezu davon besessen, bestimmte Beziehungen für sich zu erhalten, indem sie eifersüchtig werden und stets Angst haben, von der Partnerin oder dem Partner hintergangen zu werden. Gleichzeitig verspüren sie den Drang, selbst Affären zu haben, als Schutz für den Fall, dass sie verlassen werden. Solche Beziehungen sind anfangs oft sehr romantisch, später werden sie zunehmend von Streit oder sogar Gewalttätigkeit geprägt sein, wenn die Partner sich gegenseitig misstrauen.

    In schwerwiegenderen Fällen können isolierte Typ A-Jugendliche ein vor allem gegen sich selbst gerichtetes gewalttätiges Verhalten zeigen, während Typ C-Jugendliche ihr Täuschungsverhalten für gefährliche, dissoziale Absichten einsetzen können.

    Ein weiterer Verlauf innerhalb des Integrationsprozesses der Adoleszenz verbindet die subtilen wie auch gefährlichen Verzerrungen einer falschen Affektivität und Wahrnehmung zu einem gemeinsamen überlagerten Muster.

    6. Das Erwachsenenalter

    Mentale Kompetenz und Sexualität der Adoleszenz kommen bei der Gewältigung von Aufgaben des Erwachsenenalters zusammen:

    1. Die Suche nach einem/r gegengeschlechtlichen Partner/in, sowohl als B indungspersonen wie auch als Sexualpartner/in.
    2. Die Integration von Verhalten und Werten, um für eigene Kinder sorgen und sie beschützen zu können.

    Jenseits der sicher behüteten Kindheit müssen sich auch Typ B-Individuen darauf einstellen, in manipulativer Absicht verzerrte Informationen anderer wahrzunehmen und entsprechend darauf zu reagieren. Erwachsene, die Informationen adäquat integrieren und flexible Verhaltensstrategien entwickeln können, führt die Bewältigung dieser Aufgaben zu persönlicher Integrität. Jene, deren Informationsintegration nur unvollständig, aber ohne Einsatz falscher Informationen gelingt, werden zwischenmenschliche Beziehungen als schwierig und unbefriedigend erleben, ohne zu verstehen, warum ihre Probleme immer wieder auftreten werden.

    Werden Informationen systematisch verzerrt, insbesondere wenn die tatsächliche „Bedrohlichkeit“ eine solche Verzerrung nicht erwarten lässt, kann es zum Auftreten problematischer Verhaltensmuster kommen. Diese haben dann nicht nur Auswirkungen auf die persönliche Anpassungsfähigkeit und Zufriedenheit des Individuums, sondern ebenso auf die psychologische wie auch körperliche Sicherheit anderer. Vor allem falsch-positive Affekte, unechte Zuneigung und Einverständnis einiger Typ A-Persönlichkeiten können potentielle Partner und Partnerinnen hinsichtlich ihrer Unterstützung irreführen und gleichzeitig tiefsitzenden -rger überspielen, was letzten Endes die Beziehung zerstören und den Partner oder die Partnerin gefährden kann.

    Ironischerweise werden Typ C-Persönlichkeiten, die übermässig auf dargestellte Affekte vertrauen, am ehesten von den unechten Affekten der Typ A-Persönlichkeiten angesprochen und getäuscht. Umgekehrt können Typ C-Persönlichkeiten von ihren verführerischen wie fürsorglichen Eigenschaften voneinander angezogen werden, ohne die Eifersucht hinter dem äusseren Erscheinungsbild wahrzunehmen. Kommt es zu Konflikten, treten Muster tiefen Misstrauens und Gewalt in den Vordergrund. Beide Partner geraten in eine Spirale von wütender Aggression, ängstlicher Unterwürfigkeit und kurzsichtiger Versöhnung. Durch ihr geringes Vertrauen in situationsbezogene Informationen und dem naiven Glauben in die Gefühlsäusserungen werden sie bereitwillig Erfahrungen aus ihrer gemeinsamen Vergangenheit vergessen und ihre aggressive Beziehung von vorn beginnen. Wieder andere Typ C-Persönlichkeiten, insbesondere diejenigen mit ausgeprägterer -ngstlichkeit (paranoide Persönlichkeitsstruktur) und Aggressivität, können sehr bedrohlich werden. Verführerisch appellieren sie an die Gefühle anderer, häufig unter vorgetäuschter Hilflosigkeit. Gleichzeitig stellen sie mit Hilfe subtiler Rationalisierungen deren Wahrnehmung in Frage und verstricken sie damit in einen gefährlichen Prozess, dem sie sich nicht ohne Verletzung entziehen können.

    Im folgenden stelle ich einige Thesen vor über mögliche Zusammenhänge zwischen dem Verfehlen adäquater Repräsentation von Realität und einer Vielzahl psychopathologischer Manifestationen (CRITTENDEN, im Druck a, b).

    6.1. Depression
    Sowohl vermeidend als auch ambivalent gebundene Menschen haben ein grösseres Risiko, depressiv zu werden, als sicher gebundene Individuen. In Anlehnung an GUT (1989) definieren wir Depression als Antwort auf die Konfrontation mit einem unlösbaren Problem, welches dennoch gelöst werden muss, bevor das Leben weitergehen kann.

    Da Typ A-Persönlichkeiten Gefühle vermeiden, können sie ihr Leben nur so lange bewältigen, bis bestimmte Bedindungen eine wirkliche affektive Reaktion von ihnen abverlangen. Lassen sie sich auf Gefühle ein, kann eine depressive Reaktion die Folge sein. Menschen mit ambivalentem Bindungsverhalten entwickeln dagegen möglicherweise eine Depression, wenn von ihnen verlangt wird, sich kognitiven Prozessen und festgelegten Strukturen anzupassen.

    Typ B-Persönlichkeiten haben Zugang zu beiden Informationsebenen. Dies ermöglicht ihnen, scheinbar unlösbare Probleme zu überwinden, und versetzt sie in die Lage, flexible kognitive Lösungsstrategien zu entwickeln.

    6.2. Andere psychische Störungen
    Weitere Risiken vermeidend gebundener Individuen bestehen im Hinblick auf

    1. promiskuitives Verhalten,
    2. Scheidungen,
    3. Zwangsstörungen,
    4. Suizid,
    5. psychosomatische Erkrankungen,
    6. wahnhaftes Misstrauen in die Gefühle anderer,
    7. sexueller Missbrauch von Kindern, die für affektinhibierte Erwachsene auf andere Weise unerreichbar scheinen, und
    8. Misshandlung von Kindern zur Strafe für das Missachten übermässig rigider Verhaltensregeln.

    Menschen mit ambivalentem Bindungsverhalten laufen Gefahr, in potentiell gewalttätige Beziehungsstrukturen zu geraten, die charakterisiert sind durch

    1. Trennungen, Versöhnungen, Eifersucht und Betrügen,
    2. Gewaltbereitschaft und kriminelle Handlungen,
    3. Suiziddrohungen und -versuche,
    4. psychosomatische Erkrankungen, Essstörungen und Alkoholismus als Versuch der Selbsttröstung,
    5. paranoide Störungen mit Verschwörungstheorien,
    6. sexuelen Missbrauch von Kindern als Resultat der Unfähigkeit, mit sexuellen Gefühlen umgehen zu können, und
    7. körperliche Misshandlung von Kindern als Folge unkontrollierbarer Wut und Angst.

    Abschliessend sei festgestellt, dass Menschen, die sowohl A- als auch C-Eigenschaften in sich vereinigen, zwischen vermeidendem und ambivalentem Bindungsverhalten schwanken, mit den jeweils davon ausgehenden Risiken psychopathologischer Entwicklung. Möglicherweise kann dies in einigen Fällen die Entwicklung einer bipolaren affektiven Störung fördern. Bei sehr ausgeprägter Problematik kann sich die psychopathologische Entwicklung mit Kombination unechter Affekte und falscher Wahrnehmung auf mentaler sowie mit entwaffnendem Nötigungsverhalten, krankhafter Aufopferung und Fügsamkeit mit bedrohlicher Aggressivität auf der Verhaltensebene vollziehen (CRITTENDEN, im Druck a, b)

    7. Schlussfolgerungen

    Ich habe versucht, ein Modell zu entwickeln, in dem artspezifische Erbinformationen, Reifungsprozesse und unterschiedliche individuelle Erfahrungen auf die Entwicklung individueller Unterschiede im Anpassungsverhalten Einfluss nehmen. Insbesondere Unterschiede in frühen Bindungsbeziehungen werden in Begriffe von erlernten Informationsverarbeitungsmustern und erlernten Verhaltensstrategien zur Provokation von Fürsorgeverhalten von Bindungspersonen neu zusammengefasst. Auch wenn einige Entwicklungsverläufe abweichende Prozesse beinhalten, so verbessern sie doch alle die Überlebensmöglichkeiten des Kindes in Anbetracht der aktuellen Lebensumstände (BOWLBY 1979). Weiterhin beschreibt dieses Modell die Kognition als sich selbst korrigierend und in der Lage, differenzierte, flexible Muster in Denken und Handeln zu erarbeiten. Es zeigt, dass sowohl fortschreitende Kontinuität als auch Veränderung in bezug auf Entwicklung zu erwarten sind. Doch ist das Modell, so wie es hier dargestellt wird, kein abgeschlossenes. Intelligenz, Sexualität, genetische Unterschiede (im Sinne von Dispositionen) und kulturelle Einflüsse wirken auf die individuelle Entwicklung ein. Trotz seiner Begrenztheit regt das Modell eine neue Sichtweise sowohl auf Gesunde als auch auf die Diagnostik psychischer Störungen an. Es existieren bereits Verfahren, welche zu der hier beschriebenen Theorie in Beziehung stehen. Der Care-Index für Kleinkinder (CRITTENDEN 1981, 1988), der „Fremde Situationstest“ (FST) für Einjährige (AINSWORTH et al. 1978), „Preschool Assessment of Attachment“ (PAA) für zwei für fünf Jahre alter Kinder (CRITTENDEN 1992) und das „Adult Attachment Interview“ (AAI) für Erwachsene (GOLDWYN, im Druck). Verfahren für weitere Altersgruppen, vor allem des Schulalters und der Adoleszenz stehen noch nicht zur Verfügung. Auch wenn ihre Aussagekraft jenseits des Kleinkindalters eingeschränkt ist, so unterstützen die mit diesen Instrumenten erhobenen Daten doch das vorgeschlagene theoretische Konzept (CRITTENDEN u. CLAUSSEN 1994; CRITTENDEN et al. 1991; ZIEGENHAIN u. RAUH 1993; TETI et al., im Druck).

    Abschliessend sei gesagt, dass als theoretischer Grundstein die Bindungstheorie, wie sie hier dargestellt wurde, offen ist für Hypothesengenerierung und Testung, ihre Überarbeitung anhand empirischer Erkenntnisse und Erweiterung durch Integration anderer Theorien.

    Summary
    Evolution, Experience, and Intimate Relationships: An Attachment Persepctive on Mental Health.
    In this article the author begins to integrate differen z theoretical perspectives in order to develop a more comprehensive model of normative and disordered pathways of development, in which genetic heritage, maturation, and individual differences in experience all play a role in the development of individual differences in adaption. Specifically, differences in early attachment relationships are recondeptualized in terms of learned patterns of processing of cognitive and affective information and learned behavioral strategies for eliciting caregiving from attachment figures. In this model the basic nature of the mind is to be self-correcting so as to yield increasingly sophisticated and adaptive mental and behavioral patterns.

    Literatur:

  • Ainsworth, M.D.S. (1985): Patterns of infant-mother-attachment: Antecedents and effects on development. Bulletin of the New York Academy of Medicine 61, 771-791.
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  • Bowlby, J. (1980): Attachment and loss. Vol. III: Loss. New York: Basic Books.
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  • Vygotskii, L.S. (1987): The collected works of L.S. Vygotskii. R.W. Rieber / A.S. Carlton (Eds), translated by N. Minick. New York: Plenum Press.
  • Ziegenhain, U. / Rauh, H. (1993): Attachment classifications: Ainsworth, Main and Crittenden in comparison. paper presented at the VI. European Conference of Developmental Psychology, Bonn.Anschrift der Verfasserin:
    Patricia M. Crittenden, Ph.D., Family Relations Institute, 9481 SW 147 St., Miami, Fl 33176, USAAutoren und Autorinnen dieses Heftes:
  • Christina Berger, geb. 1967, Dipl.-Psychologin, seit 1994 wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem von der VW-Stiftung geförderten Forschungsprojekt zu sexuellem Missbrauch von Kindern an der Abteilung für Psychiatrie und Neurologie des Kindes- und Jugendalters, Virchow-Klinikum der Humboldt-Universität zu Berlin.
  • Patricia M. Crittenden, Ph. D., Studium dr Psychologie, Promotion bei Mary Ainsworth über Bindungsqualität bei Risikokindern, Entwicklung des „Preschool Assessment of Attachment (PAA)“ und des „CARE-Index for Young Infants“; Arbeitsschwerpunkte: Bindungstheorie und Kindesmisshandlung.
  • Dorothee Doerfel-Baasen, Dipl.-Psychologin, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Berliner Wendekinder“.
  • Jörg M. Fegert, geb. 1956, Dr. med., Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Oberarzt an der Abteilung für Psychiatrie und Neurologie des Kindes- und Jugendalters des Virchow-Klinikums, Medizinische Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin; Arbeitsschwerpunkte: Kindesmisshandlung, Neurodermitis und kindliches Verhalten, Migration, Versorgungsepidemiologie.
  • Michael Huss, geb. 1964, Dipl.-Psychologe, cand. phil., Studium der Medizin, Psychologie und Philosophie, z.Zt. als Arzt im Praktikum in der Abteilung für Psychiatrie und Neurologie des Kindes- und Jugendalters, Virchow-Klinikum der Humboldt-Universität zu Berlin; Arbeitsschwerpunkte: Scheidung, Entwicklungspsychopathologie, Methodik.
  • Kurt Keppner, Dr. phil., Dipl.-Psychologe, Senior Research Scientist am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin; Arbeitsschwerpunkte: frühkindliche und adoleszente Entwicklung, Zusammenführung von Entwicklungspsychologie und Familienforschung.
  • Ulrike Lehmkuhl, Prol. Dr. med., Dipl.-Psychologin, Psychoanalytikerin, Lehrstuhl für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Humboldt-Universität zu Berlin, seit 1991 Leiterin der dortigen Abteilung für Psychiatrie und Neurologie des Kindes- und Jugendalters, zuvor Oberärztin an der Kinder- und jugendpsychiatrischen Universitätsklinik in Heidelberg.
  • Bernd Müller, geb. 1954, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Entwicklungspsychologie, Sozialpsychologie und Methoder der Psychologie der Freien Universität Berlin; Arbeitsschwerpunkte: sozial-emotionale und kognitive Entwicklung in der frühen Kindheit sowie Kindheit im gesellschaftlichen Wandel.
  • Ivo Raschke, Dr. rer. nat, Dipl.-Psychologe, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt „Berliner Wendekinder“; Arbeitsschwerpunkt: Entwicklungspsychologie im Kindesalter.

 

Zusammenfassende Thesen
 

      1. Auch die Kinder aus Familien mit Gewalt- und Missbrauchserfahrung sind oft stärker an ihre Herkunftsfamilie gebunden, als es für Aussenstehende (z.B. Helferinnen) vorstellbar ist. Wenn diese Bindungen und Loyalitäten nicht berücksichtigt werden, besteht die Gefahr, die betroffenen Kinder in einen Konflikt zu bringen. Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung zu unterstützen, ohne sie von ihren Wurzeln abzuschneiden, heisst dann, sich aktiv auf ihre Familienwirklichkeit zu beziehen und hier möglichst Veränderungsarbeit zu leisten und sie bei der Verarbeitung von traumatischen Erfahrungen zu unterstützen.
      2. Heimeinrichtungen bzw. ihre Mitarbeiterinnen, die sich eine Selbstdefinition als „Retter“ und „Anwalt des Kindes“ geben, geraten mit hoher Wahrscheinlichkeit in ein konkurrierendes Verhältnis zu den Eltern.
      Dem gegenüber ist eine Orientierung an den Ressourcen statt an den Defiziten der Familien eine gute Grundlage für eine Zusammenarbeit mit den Familien. Wichtig ist auch das Wissen um die eigenen Grenzen.
      3. Symptome von Kindern wie auch Symptome von Eltern können als bis bisher bestmögliche Lösung in einer für alle schwierigen Situation angesehen werden. Eine solche Sichtweise macht einen Unterschied zu den reinen Defizitbetrachtungen. Das Verhalten von Kindern und Eltern erscheint dann als passend zum jeweiligen familiären Kontext. Wichtig ist hier, nach dem spezifischen (u.U. verrückten) Sinn zu suchen.
      4. Familienarbeit kann nicht einfach zur bisherigen Heimarbeit hinzugefügt werden. Die Mitarbeiterinnen müssen sich selbst anders definieren und müssen auch den Eltern allgemein mit einer anderen Sichtweise gegenübertreten.
      5. Zur Entwicklung einer konstruktiven Zusammenarbeit mit den Familien der Kinder und Jugendlichen wie auch mit anderen HelferInnen ist es sinnvoll, andere Modelle als das eindimensionale „Ursache-Wirkungs-Modell“ (wenn … dann) zu benutzen.
      Als Alternativen stehen u.a. zur Verfügung:
  • Das zirkuläre Modell
    Verhaltensweisen der verschiedenen Mitglieder bedingen sich gegenseitig. Es gibt immer nur standpunktabhängige Sichtweisen davon, was die Ursache für etwas ist.
  • Die Mehrgenerationenperspektive
    Diejenigen, die heute als machtvoll, als Bedingungen für andere schaffend gesehen werden (Eltern, Grosseltern), haben selbst unter den Bedingungen, die andere geschaffen haben (in ihrer Kindheit), ihre Sicht- und Handlungsweisen entwickelt.
  • Systemerweiterung
    Das jeweilige Familiensystem ist selbst Teil grösserer Systeme und die Transaktionen in der Familie sind auch durch die Regeln in diesen grösseren Systemen ganz wesentlich mitbestimmt.
     
    7. die Familienarbeit kann ganz unterschiedliche Themen umfassen. In einigen Familien wird die gesamte Beziehungskonstellation zum Thema, und die Eltern suchen auch nach Unterstützung zur Klärung von Partnerschaftsfragen, in anderen Familien stehen Themen der Eltern-Kind-Beziehung im Vordergrund.
     
    8. Es erscheint nicht unerheblich, wer die Familiengespräche führt. Wenn in Heimeinrichtungen die Familiengespräche von den pädagogischen MitarbeiterInnen geführt werden, führt dies auch sonst zum Abbruch von Hierarchien und zu einer veränderten Arbeitsmotivation.
     
    9. Ernüchternd ist die Feststellung, dass lebende Systeme letztlich nicht gezielt instruiert werden können. Insofern sind auch alle pädagogischen Prozesse nur bedingt planbar. Eine solche Einsicht verdammt nicht zur Passivität, verpflichtet aber zur Bescheidenheit. Wir können Anstösse geben, müssen flexibel reagieren und Krisen als Chancen sehen.
     
    10. Wenn wir die bestehenden familiären Bindungen nicht würdigen, tragen wir zu einer Entwurzelung der Kinder und Jugendlichen bei. Oft erscheint es leichter, einen Neuanfang zu organisieren. Aber wir müssen uns fragen, wieviel Neuanfänge hält ein Mensch aus?
     
    Literaturhinweis:
  • Michael Durrant / Auf die Stärken kannst Du bauen Verlag modernes lernen / 1996 Dortmund
  • Hans Schindler (Hrsg.) / Un-heimliches Heim / Von der Familie ins Heim zurück!?! Verlag modernes lernen / 1996 Dortmund
      AG I
    Themensammlung + Gewichtung
     
  • Ungeteilte Focussierung auf Elternarbeit Theorie ss
  • Praxis Verwerfung? 2 x
  • Dienstleistung: freundlich-höflich-realistisch-kompetent 3 x
  • Differenzierung Elternarbeit + Zusammenführung mit Eltern 2 x
  • Notwendige Zeit nehmen 1 x
  • Reicht unser fachliches Handwerkszeug für die Problemanalyse? 1 x
  • Risikoabwägung vor Fremdunterbringung 1 x
  • Konkurrenz Pflegefamilie / Herkunftsfamilie Stärkeres Abgrenzen der HE im Pflegekinderbereich 4 x
  • Gestaltung der Hilfeplanung 2 x
  • Unklarheit: Wer arbeitet mit wem? 2 x
  • Erfolgsindikatoren: Problembewusstsein (Eltern / Kind) Partizipation (Eltern / Kind) Kontakthäufigkeit (Eltern / Kind) 5 x
  • Doppelmandat: Welche Rolle ist gefragt bei besonderen Problemlagen? 3 x
     
     
    AG I, Kleingruppen Thema 2
     
    Besuchskontakte
    Therapeutischer Ansatz für Familie
    Elternarbeit Heilplanung
    Motivation entwickeln
     
    Zusammenarbeit mit Eltern vorläufiger HP Hilfeplan
     
    JugendamtPflegekinderdienstfreie Träger Einrichtung Pflegefamilie
    gesetzliche VerpflichtungBindungstheorie Westermann/Nienstedt Regelung im HPBesuchskontakte Regelung im HPBesuchskontakte
    entwicklungs-psycholo-gische Aspekte
    pädagogische GesichtspunkteEthik
  • Kann Elternarbeit verwirkt werden?
  • Verlust auf Erziehungsrecht bedeutet nicht, kein Anspruch auf ElternarbeitElternarbeit
  • RückführungElternarbeit
  • andere Lebensform
    Finanzielle Aspekte sprechen für Elternarbeit
  • Rückführung
     
     
    Wer arbeitet mit wem?
     
    Konflikt zwischen Jugendamt – Pflegekinderdienst Herkunftsfamilie Pflegefamilie
     
    Genaue Aufgabenbeschreibung + Aufgabenverteilung
    Pflegekinderdienst muss Pflegeeltern auf Arbeit mit Herkunftsfamilie vorbereiten. Wichtiges Instrument:
     
    – H P –
     
    Pflegekinderdienst Jugendamt Herkunftsfamilie + Pflegefamilie
     
     
    Pflegefamilie schliesst EA aus !
     
    Jeder, der das Kind betreut, hat eine Verpflichtung zur Arbeit mit der Herkunftsfamilie.
     
     
    AG I, Kleingruppen Thema 4:
     
    3-faches Mandat:
    Anwalt des Kindes, der Herkunftsfamilie, der Pflegefamilie
     
    Akzeptanz der HE durch PE und SA
    Frühzeitiges Kennenlernen beider Eltern kein Konkurrenzdenken
     
    qualifizierte Werbung von PE
    (Herkunftsfamilie nicht ausklammern)
    besser strukturierte Vorbereitung und begleitende Schulungen für PE.
     
    Klärungsphase:
    Motivation für Hilfestellung auf Zeit.
     
    Auswahlkriterien
     
     
    AG I, Kleingruppen Thema 5:
     
    Kontakthäufigkeit:
     
  • Widerstand von einer Seite (Angst….) schliesst Kontakte aus.
  • Elternrecht vor Kindesrecht? (altersabhängig?)
  • Begleitende Kontakte auf „neutralem Boden“.
    Wer begleitet?
  • Interessenvertretung / Parteilichkeit für das Kind?
  • „Herkunftsfamilie“ bei Pflegeeltern thematisieren – wie?
  • Kontakte bei Dauerpflege, wenn keine Bindung zu
    leiblichen Eltern / Mutter
  • Problematik „Verwandtenpflege“
  • Teilhabe der leiblichen Eltern / Mutter am Entwicklungsprozess
  • Zeit lassen für Vorbereitung der Fremdplazierung
  • Beteiligung / Partizipation der Eltern
  • „Zwischenstation“ nach der Herausnahme – Heim
    – Bereitschaftspflegefamilie?
  • Wer betreut die Herkunftsfamilie nach der Herausnahme des Kindes?
     
     
    AG I – Zusammenfassung
     
    § 5
  • Wunsch + Wahlrecht
    § 8
  • Beteiligungsrechte Minderjähriger
    § 36
  • Hilfeplan
    § 27
  • gesetzlicher Hilfeanspruch (Personensorge-
    berechtigte)
    § 37
  • Mitwirkung (Verfahrensgestaltung)
     
     
    Frau Neumann + Anita (4 Jahre)
    ss
  • Kontaktaufnahme durch Jugendamt
  • Erstgespräch
  • geeignete / notwendige Hilfe
    – Fallbesprechung
    – Hilfsangebot
     
     
    Art der Kontaktaufnahme
  • innere Vorbereitung der Eltern (nicht überrumpeln)
  • gibt es „vertraute“ Kommunikationspartner der Eltern (nutzen!)
  • bewusste Auswahl (mehrere Angebote) des Ortes
  • Persönliches Anschreiben
  • bewusst überlegen, was Frau Neumann motivieren kann
  • Offenlegung der Informationswege
  • Aufgabenabgrenzung gegen andere Berufsgruppen
  • Vorbehalte der Mutter gegen „Behörden“ wahrnehmen und berücksichtigen.
     
    Erstgespräch
  • gemeinsame Kommunikationsebene herstellen
  • Aufgabenbeschreibung: Was geht nicht; was kann ich anbieten; Erläuterung des rechtlichen Anspruchs
  • Problemanalyse mit der Mutter
  • Problembewusstsein Ja / Nein
  • „Auftragserteilung“ durch die Mutter Ja / Nein
  • Ressourcen zur Selbsthilfe?
  • Brauchen wir ein weiteres Gespräch?
  • Ende (1666 BGB)
     
    Vorbereitung und Auswahl der Hilfen
  • Risikoabwägung
     
  • Fallbesprechung im Team
  • Hilfeangebote
  • Wunsch- / Wahlrecht der Kindesmutter
  • Mitwirkung bei der Ausgestaltung der Hilfe
  • Anita Situation erklären
  • Anitas Beteiligung wahrnehmen / sichern
    1. Vorstellung PF-Mutter Ja/Nein
    Anita: Vorstellung der PF Ja/Nein
  • Beziehungsstörungen bearbeiten bei Kind / Mutter
    Konflikt bzw. Interessenkollision
     
     
    AG II
    Zusammenfassung
     
    – Es gibt nicht „das Konzept“
    – Verschiedene Arten
    – Zielsetzungen
    – Ausgangssituationen
    – Zuständigkeiten
     
    Im Hilfeplan sind festgehalten
    Forderung
     
    Beteiligte müssen sich über die Elternarbeit verständigen.
     
    – Zugangswese:
    – Bedürfnis der Eltern
    – Selbstreflektion bezüglich Elternbilder
    – Fallverständnis
    – Gewährleistung der Rahmenbedingungen
    – Absprachen + Austausch der Institutionen
    – Bereitschaft der Eltern
     
     
    AG III
     
    Grenzziehung der Arbeit mit Herkunftsfamilien
     
    1. Was ist konkret die Grenze?
    – fachlich, persönlich, strukturell
    – Personenkreis (Täter, psychisch Kranke, Behinderte,
    intellektuelle Grenzen etc.)
     
    2. Wo hört Dienstleistung auf und fängt der Schutz des
    Kindeswohls an?
     
    3. Welche Grenzen sind wichtiger? Gibt es Grenzpriorität
    (siehe Punkt 1)
     
    4. Welche Grenzen setzen andere Systeme, z.B. Gerichte?
     
    AG III
    Kleingruppen
     
    1. Berufliche Rolle, Position, Selbstdefinition
    2. Grundhaltungen
    3. Grenzziehungen in der Arbeit mit Herkunftsfamilien
    4. Kooperation zwischen den Diensten
    5. Konkreter Umgang mit Herkunftsfamilien
     
    1.
    – Wie erlebe ich die Thematik in meinem Arbeitsbereich?
    – Was gelingt mir persönlich gut?
    – Wo erlebe ich Schwierigkeiten?
    – Was möchte ich verändern?
     
    2.
    – Was war neu, altbekannt?
    – Was hat mich geärgert?
    – Was hat mich angeregt?
    Worüber möchte ich gern mehr erfahren?
     
    Konkreter Umgang mit der Herkunftsfamilie
    – Ist es wichtig, dass alle Familienmitglieder am Erstgespräch teilnehmen?
    – Wie kann eine Problemdefinition erarbeitet werden?
    – Müssen Eltern in jedem Fall Kontakt zu den Kindern
    haben? (s. Heimunterbringungen, ausgeschl. Missbrauch, Misshandlung)
    – Wer bestimmt, wie oft, wie lange, wo?
    – Wie bricht man den Widerstand der Heimer Kollegen?
    – Wie stütze ich meine persönliche Kompetenz bei sich widerstreitenden Einsichten, wenn ich die Wünsche der Eltern und des Kindes berücksichtige?
    – Was sage ich, wenn Heimmitarbeiter Besuch zu Hause ablehnen, weil Kind danach auffällig?
    – Muss das Fachpersonal Pflegekinderdienst so vorbereiten, dass die den Kontakt zu Eltern eingehen?
     
    Kooperation zwischen den Diensten
    – Welche Dienste können beteiligt sein?
    – Ist für Kooperation eine gemeinsame Grundhaltung nötig? (Theorie, Verantwortung)
    – Wie können Transparenz (Angebote, Theorien, Strukturen) und verbindliche Arbeitsbezüge erreicht werden?
    – Wie ist der Auftrag?
     
     
     
    und der Pflegefamilie über den Verbleib des Kindes in der Pflegefamilie oder die baldige Rückkehr in die Herkunftsfamilie.
     
    Die Schilderung der Einzelfälle lässt nicht erkennen,
    – ob und inwieweit die Kritik begründet ist, weil sich Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter des Jugendamtes im Einzelfall aus rechtlichen oder fachlichen Gesichtspunkten falsch verhalten haben, oder ob sie von Personen kommt, denen aufgrund von Initiativen des Jugendamts das Vormundschaftsgericht wegen sexuellen Missbrauchs / Kindesmisshandlung oder aus anderen Gründen die elterliche Sorge entzogen hat und sie sich deshalb „entrechtet“ fühlen.
     
    Hinsichtlich der ersten Alternative ist zu prüfen, inwiefern die Tätigkeit von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Jugendämter besser qualifiziert werden kann und welche Möglichkeiten externer und interner Kontrolle angesichts der Besonderheit pädagogisch-therapeutischen Handelns denkbar sind.
     
    Hinsichtlich der zweiten Alternative ist zu prüfen, ob und inwieweit die unterschiedlichen Funktionen und Aufgabenstellungen des Jugendamts besser nach aussen transparent gemacht werden können.
2. Das Spannungsverhältnis zwischen Hilfe und Kontrolle
Zwar liegt dem Kinder- und Jugendhilferecht nach seiner Neuordnung ein neues Verständnis von Jugendhilfe zugrunde: Der Schwerpunkt der Aufgaben hat präventiven, familienunterstützenden Charakter. Jugendhilfe begreift sich vor allem als soziale Dienstleistung, weniger als Instanz der Kontrolle und des Eingriffs in das Eltern-Kind-Verhältnis. Diesem Zweck dient die Differenzierung des Leistungsspektrums nach dem KJHG, das sowohl allgemeine Leistungen zur Förderung junger Menschen sowie zur Förderung der Erziehung in der Familie, die Förderung von Kindern in Tageseinrichtungen und in Tagespflege und schliesslich die Hilfe zur Erziehung sowie die Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche umfasst. In diesem Bereich liegt die Letztentscheidung über Inanspruchnahme, Auswahl und Beendigung von Hilfen immer bei den personensorgeberechtigten Eltern. Dies ergibt sich aus dem Primat der elterlichen Erziehungsverantwortung (Art. 6 Abs. 2 Satz 1 GG).
 
Auch eine offensive, präventive, familienunterstützend angelegte Jugendhilfe kann jedoch aus ihrer Aufgabe, das Kind oder den Jugendlichen vor Gefahren für sein Wohl zu schützen, nicht entlassen werden. Diese Aufgabe ergibt sich bereits aus dem Grundgesetz und begrenzt im Interesse des Kindes die elterliche Erziehungsverantwortung (sog. staatliches Wächteramt – Art. 6 Abs. 2 Satz 2 GG). Die Ausübung des staatlichen Wächteramts kann zur Abwehr von Gefahren für das Kindeswohl im Einzelfall auch Eingriffe in die elterliche Sorge notwendig machen. Dies bedeutet, dass Jugendhilfe auch nach dem Perspektivenwechsel die doppelte Aufgaben von Hilfe und Kontrolle hat, wenngleich sich das Schwergewicht deutlich hin zur Beratung Hilfe und Unterstützung verlagert hat.
 
Der Schutz des Kindes kann zum Konflikt mit den Eltern führen. Dies gilt auch in solchen Fällen, in denen die Eltern selbst mehr oder weniger freiwillig Hilfe des Jugendamts in Anspruch nehmen. Das Jugendamt mag andere Massnahmen für sinnvoll und geboten erachten als die Eltern. In vielen Fällen wird es zu einer einvernehmlichen Lösung zwischen Jugendamt und Eltern über die Art und Weise der notwendigen Hilfe kommen, weil den Eltern signalisiert wird, dass ihre Weigerung ggfs. die Einschaltung des Vormundschaftsgerichts und damit eine Einschränkung ihrer elterlichen Sorge und die Wegnahme des Kindes oder Jugendlichen gegen ihren Willen zur Folge hat. Hier bedarf es der besonderen Überzeugungskraft von seiten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jugendamts. Es kann aber nicht ausgeschlossen werden, dass sich Eltern unter Druck gesetzt fühlen und die „einvernehmlich“ getroffenen Entscheidungen innerlich nicht mittragen.
 
Noch brisanter erscheint die Situation, bei der dem Jugendamt Tatsachen bekannt sind, die die Annahme rrechtfertigen, dass die Eltern bzw. ein Elternteil nicht willens oder in der Lage sind, das Wohl des Kindes sicherzustellen – sei es, dass sie/er sich passiv gegenüber schädigenden Einflüssen Dritter verhält, sei es, dass sie/er selbst aktiv eine solche Gefährdung herbeiführt. Zu denken ist hier etwa an den Verdacht des sexuellen Missbrauchs, der Kindesmisshandlung oder sonstigen Vernachlässigung von Kindern und Jugendlichen durch die Eltern. Hier stehen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor mehreren komplexen und schwierigen Fragestellungen:
 
  • Einerseits den Verdacht zu erhärten oder zu entkräften
  • andererseits: einzuschätzen, ob die Gefahr durch pädagogische und/oder therapeutische Hilfe abgewendet werden kann oder es gerichtlicher Massnahmen (Eingriffe in das elterliche Sorgerecht, Strafanzeige gegenüber dem Missbrauch etc.) bedarf. Erschwert wird die Arbeit auch dadurch, dass diese Fälle sehr schnell öffentlich bekannt werden und – je nach der Tendenz der Diskussion oder der Verteilung der Sympathie – dem Jugendamt der Vorwurf gemacht wird, es greife zu früh oder zu spät ein.
      

Das Jugendamt ist in allen Verfahren, die die Person des Kindes betreffen, vom Vormundschaftsgericht bzw. dem Familiengericht zu hören (§§ 49, 49 a FGG). Im Vordergrund stehen dabei folgende Fälle:
 

  • Anhörung vor der Regelung der elterlichen Sorge nach Trennung und Scheidung der Eltern (§ 1671, 1672 BGB)
  • Anhörung vor dem (teilweisen) Entzug des elterlichen Sorgerechts (§§ 1666, 1666 a BGB).
     
    a.) Anhörung vor der Regelung der elterlichen Sorge nach Trennung und Scheidung.
    Nach der noch immer herrschenden Praxis erwarten die Familienrichter nicht nur in den Fällen eine Stellungnahme des Jugendamts, in denen ein Elternteil deshalb für die Übernahme der elterlichen Sorge ungeeignet ist, weil er das Wohl des Kindes gefährdet. Sie erhoffen sich vielmehr auch in den Fällen, in denen bei keinem der beiden Elternteile eine solche Gefahr besteht, Hinweise und Vorschläge von seiten des Jugendamts, welcher Elternteil für die Wahrnehmung der elterlichen Sorge nach Trennung und Scheidung besser geeignet sei, um eine möglichst „optimale“ Entscheidung zu treffen. Dieser Auftrag wird aus § 1671 Abs. 2 BGB hergeleitet: „Das Gericht trifft die Regelung, die dem Wohl des Kindes am besten entspricht; hierbei sind die Bindungen des Kindes, insbesondere an seine Eltern und Geschwister, zu berücksichtigen /§ 1671 Abs. 2 BGB).
     
    Jede wertende Stellungnahme des Jugendamts zugunsten des einen Ehepartners disqualifiziert jedoch zugleich den anderen, auch wenn dies nicht ausdrücklich ausgesprochen wird. Entscheidet später der Richter in dieser Weise, so wird seine Entscheidung auf das Jugendamt zurückgeführt, obwohl es nur eine Stellungnahme im Verfahren abzugeben hat und der Richter sowohl die Eltern wie auch das über 14-jährige Kind persönlich zu hören sowie in der Sache selbst von Amts wegen zu ermitteln hat.
     
    b.) Anhörung vor dem teilweisen Entzug des elterlichen Sorgerechts (§§ 1666, 1666 a BGB).
    Anders als im Verfahren über die Regelung der elterlichen Sorge nach Trennung und Scheidung, wo im Regelfall einer bzw. beide Elternteile die elterliche Sorge behalten, steht am Ende eines Verfahrens nach § 1666 BGB (notwendige Massnahme bei der Gefährdung des Kindeswohls) eine Entscheidung des Vormundschaftsgerichts, die den Eltern bzw. dem Elternteil die elterliche Sorge ganz oder teilweise entzieht und sie insofern auf dritte Personen, einen Vormund oder Pfleger, überträgt. Nach der Vorstellung des Gesetzgebers des BGB sollten Vormund oder Pfleger in erster Linie natürliche Personen sein. Diese Einzelperson sollte dann -je nach dem Umfang der Sorgerechtsübertrag- für den Aufenthalt und die Erziehung des Kindes Verantwortung tragen. In der Praxis wird jedoch -mangels geeigneter Einzelpersonen- fast immer das Jugendamt zum Vormund oder Pfleger bestellt. In einem solchen Geschehen wird das Jugendamt gegenüber der Familie in folgenden drei verschiedenen Funktionen tätig:
     
  • anfangs versucht es ggfs. durch helfende, familienunterstützende Massnahmen im Einverständnis mit den Eltern den erzieherischen Bedarf zu decken (§ 27 ff SGB VIII),
  • bleiben diese erfolglos oder sind die Eltern damit nicht einverstanden, so sieht sich das Jugendamt gezwungen, eine Entscheidung des Vormundschaftsgericht über den Entzug der elterlichen Sorge herbeizuführen (§ 50 Abs. 3 SGB VIII),
  • das Vormundschaftsgericht entzieht den Eltern bzw. einem Elternteil die elterliche Sorge und überträgt dem Jugendamt die den Eltern entzogenen Aufgaben als Vormund oder Pfleger.
     
    Da in dieser Konstellation nicht mehr Eltern und Jugendamt als Träger sozialer Leistungen gegenüberstehen, sondern das Jugendamt sowohl die Funktion des Personensorgeberechtigten als auch die Funktion der Sozialleistungsbehörde in sich vereinigt, besteht die grosse Gefahr, dass diese unterschiedlichen Funktionen auch organisatorisch und personell nicht voneinander getrennt werden und faktisch die kontrollierende) Rolle der Eltern ausfällt. Nicht mehr vorgeberechtigte Eltern stehen einem „allmächtigen“ Jugendamt gegenüber, das -für diese Eltern nicht unterscheidbar- einmal als Sorgerechtsberechtigter, ein anderes Mal als Sozialleistungsbehörde agiert.
     
    4. Die spezifische Rolle des Jugendamts bei der Begleitung
    von Pflegeverhältnissen
    Zwar ist das Rechtsinstitut der Pflegekindschaft -anders als die Adoption- von seiner Zielrichtung her „auf Zeit“ angelegt. Die ursprüngliche Zielsetzung muss jedoch auch zum Zeitpunkt der beabsichtigten Beendigung des Pflegeverhältnisses mit dem Wohl des Kindes vereinbar sein. Wenn das Kind sich in der neuen Familie einlebt und die Kontakte zu den Eltern sich verflüchtigen, kann es dahin kommen, dass das elterliche Sorgerecht substanzlos wird, und eine neue soziale Elternschaft der Pflegefamilie entsteht. So schützt § 1632 Abs. 4 BGB ein neues Eltern-Kind-Verhältnis zwischen Pflegefamilie und Pflegekind gegenüber dem Herausgabeverlangen der leiblichen Eltern – und zwar unabhängig vom Anlass für die Inpflegegabe.
     
    Die Unterbringung des Kindes oder Jugendlichen in einer Pflegefamilie oder in einem Heim führt -je nach Dauer des Aufenthalts und der Intensität der Kontakte zu seinen Eltern sowie dem Alter des Kindes- zu einer Trennung des Kindes zu seiner bisherigen Lebenswelt. Der Entfremdungsprozess kann nur bis zu einem bestimmten Zeitpunkt aufgehalten werden. Ab dann wirkt sich die Rückkehr in die Herkunftsfamilie nicht mehr als Heimkehr, sondern als (erneute) Trennung einer nunmehr zu den Pflegeeltern hergestellten Eltern-Kind-Bindung. Umgewöhnungsversuche nach dem Zeitpunkt werden aus kinderpsychologischer Sicht kritisch betrachtet.
     
    Nach der Konzeption der Pflegekindschaft des KJHG steht die Rückkehroption des Kindes in die Herkunftsfamilie im Vordergrund. Sie setzt allerdings voraus, dass die Erziehungsbedingungen in der Herkunftsfamilie „innerhalb eines im Hinblick auf die Entwicklung des Kindes oder Jugendlichen vertretbaren Zeitraums“ soweit verbessert werden, dass sie das Kind oder den Jugendlichen wieder selbst erziehen kann. Erscheint dies nicht erreichbar, so wird das Jugendamt verpflichtet, mit allen Beteiligten (Herkunftsfamilie, Pflegefamilie) ein Konzept zu erarbeiten, das den Verbleib des Kindes oder Jugendlichen in der Pflegefamilie auf Dauer absichert (§§ 33, 37).
     
    Den Fachkräften des Jugendamts obliegt hierbei eine verantwortungsvolle Aufgabe. Soll die Pflegekindschaft sich nicht zu einem Rechtsinstitut verfestigen, das mit der Weggabe des Kindes regelmässig und automatisch zu dessen Verbleib in der Pflegefamilie führt, so kommt dem Jugendamt unbeschadet der sorgerechtlichen Verantwortung der Eltern eine wichtige staltende Funktion zu. Die Herstellung oder Wiederherstellung positiver Rahmenbedingungen in der Herkunftsfamilie hängt nicht allein vom Verhalten der Eltern, sondern in entscheidender Weise von der Haltung des Jugendamts zur Rückführung von Kindern („Philosophie“), aber auch von der Art der Hilfestellung im Einzelfall ab. Da es für das Jugendamt viel aufwendiger und belastender ist, die Herkunftseltern bei der Verbesserung ihrer Gesamtsituation und bei der Pflege beständiger Kontakte zu ihrem Kind ausreichend zu unterstützen, als die Herkunftsfamilie „ihrem Schicksal“ zu überlassen und Kontakte zum Kind zu erschweren, wird befürchtet, dass viele Jugendämter gewollt oder ungewollt die Voraussetzungen für den dauernden Verbleib des Kindes in der Pflegefamilie schaffen.
     
    Ein solches Verhalten wird zudem durch die aktuelle Haushaltssituation bei den kommunalen Gebietskörperschaften begünstigt. Die sozialen Dienste sind nicht ausreichend mit Fachkräften ausgestattet, um sich mit der notwendigen Intensität um den Einzelfall zu kümmern. So kommt es offensichtlich in vielen Fällen nicht zu der vom Gesetz gewollten vertrauensvollen Zusammenarbeit mit der Herkunftsfamilie und der Erarbeitung eines gemeinsamen Konzepts über die Ausgestaltung des Pflegeverhältnisses. Die Herkunftsfamilie fühlt sich vielfach vom Jugendamt allein gelassen, im Extremfall sogar hintergangen, weil sie den Eindruck gewinnt, dass die Fachkräfte nur mit der pflegefamile kooperieren. In Einzelfällen masst sich das Jugendamt sogar die Befugnis an, bindende Besuchsregelungen zu treffen oder Kontakte zwischen Eltern und Kind ganz zu unterbingen. Dies ist jedoch Aufgabe des Vormundschaftsgerichts, wenn es zu keiner einvernehmlichen Lösung unter den Beteiligten kommt.
     
    Aufsicht über die Tätigkeit des Jugendamts
    Die unterschiedlichen Funktionen des Jugendamts, nämlich als Sozialleistungsbehörde einerseits sowie als Personensorgeberechtiger (Vormund, Pfleger andererseits) haben auch Auswirkungen auf die Aufsicht:
     
  • Die Aufgaben der Jugendhilfe werden als Gegenstand der kommunalen Selbstverwaltung ausgeführt. Dies gilt in jedem Fall für die Aufgaben der örtlichen Träger der Jugendhilfe (Kreis, kreisfreie Stadt, kreisangehörige Gemeinde mit eigenem Jugendamt).
     
    Die Entscheidung, ob eine Aufgabe als staatliche Aufgabe bzw. als Aufgabe kommunaler Selbstverwaltung auszuführen ist, obliegt nicht dem Bund, sondern den Ländern. Die Jugendhilfe gehört zu den klassischen Aufgaben kommunaler Selbstverwaltung. Dies wird in den Landesausführungsgesetzen zum SGB VIII ausdrücklich geregelt oder stillschweigend vorausgesetzt.
     
    Die Charakterisierung der Aufgabe als Aufgabe kommunaler Selbstverwaltung hat keine Auswirkungen im Hinblick auf das Rechtsverhältnis zwischen kommunaler Gebietskörperschaft und Bürger, wohl aber auf die Art der staatlichen Aufsicht. Die kommunalen Gebietskörperschaften nehmen ihre Selbstverwaltungsangelegenheiten bzw. weisungsfreien Aufgaben eigenverantwortlich vor, sind aber an das Gesetz gebunden. Die Einhaltung dieser Gesetzesbindung wird durch die staatliche Aufsicht überwacht und erforderlichenfalls durchgesetzt. Sie beschränkt sich folgerichtig auf eine Rechtsmässigkeitskontrolle. Welche Behörde die Aufgaben der Rechtsaufsicht in den einzelnen Längern wahrnimmt, wird im Kommunalverfassungsrecht der Länger (Gemeindeordnung, Kreisordnung) geregelt. Im allgemeinen sind die die Bezirksregierungen/Regierungspräsidenten. Als Behörden der allgemeinen inneren Verwaltung sind sie mit den spezifischen Aufgaben der Jugendhilfe wenig vertraut. Aufsichtsmassnahmen werden daher eher zurückhaltend erfolgen.
     
    Eine Fachaufsicht, die sich nicht nur auf die Rechtmässigkeit, sondern auch auf die Zweckmässigkeit des Verwaltungshandeln erstreckt, steht dem Staat im Hinblick auf die Aufgaben der örtlichen Träger der Jugendhilfe nicht zu. Sie könnte erst recht nicht durch Bundesrecht eingeführt werden, da sie voraussetzt, dass die Aufgaben der Jugendhilfe als staatliche Aufgaben (mit staatlicher Finanzierung) ausgeführt werden – was wiederum von den Ländern zu entscheiden ist.
     
  • Soweit das Jugendamt als Vormund oder Pfleger tätig wird, unterliegt es wie der Einzelvormund oder Einzelpfleger der Aufsicht des Vormundschaftsgerichts (§ 1837 BGB). „Das Vormundschaftsgericht hat über die gesamte Tätigkeit des Vormund und des Gegenvormunds die Aufsicht zu führen und gegen Pflichtwidrigkeiten durch geeignete Gebote und Verbote einzuschreiten“ (§ 1837 Abs, 2 BGB). Die Eingriffbefugnisse des Vormundschaftsgerichts auf die Weisungsgebundenheit des Beamten/Angestellten im Jugendamt gegenüber dem Amtsleiter.
     
    Die Mittel der Aufsicht des Vormundschaftsgerichts sind allerdings eng beschränkt. Insbesondere kann es zur Befolgung seiner Anordnungen das Jugendamt nicht durch die Festsetzung von Zwangsgeld anhalten. Im Hinblick auf die starke Arbeitsbelastung der Vormundschaftsgerichte ist davon auszugehen, dass es zu entsprechenden Ge- und Verboten im Sinne von § 1837 Abs. 2 BGB gegenüber dem Jugendamt in der Praxis nicht kommt.
     
    6. Besonderheiten pädagogischer Entscheidungen
    Unabhängig von der Aufsicht sind die Möglichkeiten der Kontrolle des Jugendamts bzw. der Tätigkeit seiner Fachkräfte eingeschränkt aufgrund der Besonderheiten pädagogischen Handelns.
     
    Das berufliche Handeln sozialpädagogischer Fachkräfte in der Kinder- und Jugendhilfe ist -wie bereits skizziert- in besonderer Weise geprägt als eine dauerhafte und differenzierte Abwägung im Einzelfall zwischen
     
  • einer Unterstützung der Eltern bei ihren Aufgaben der Erziehung, Versorgung und Pflege ihrer Kinder, insbesondere durch geeignete Massnahmen der Entlastung, Beratung und Hilfe einerseits, sowie andererseits
  • dem Schutz von Kindern vor Gefahren für ihr Wohl, insbesondere vor Gefahren für ihre körperliche, geistige, psychische und soziale Entwicklung, der im Einzelfall im Interesse des Kindes auch eine gerichtliche Durchsetzung von Schutzrechten gegen die Eltern verlangt.
     
    Eine wesentliche Aufgabe sozialpädagogischer Fachkräfte in der Kinder- und Jugendhilfe besteht darin, komplexe Sachverhalte wie
     
  • die Bedeutung materieller Lebensumstände
  • die Tragfähigkeit familiärer Beziehungen
  • die Veränderungs- und Lernbereitschaft von Eltern und
  • die Belastungsfähigkeit von Kindern
     
    wahrzunehmen, zu verstehen und daraufhin zu deuten, mit welchen Angeboten und ggfls. Interventionen Entwicklung und Förderung ermöglicht und dadurch Schaden abgewendet wird. Ihre Beurteilungen und Entscheidungen dienen also nicht nur dem Verständnis und der Bewertung eines bereits eingetretenen Ereignisses, sondern vor allem der Prognose zukünftiger Entwicklungen. Dabei haben sie den Eigensinn und die Kompetenzen von Eltern und Kindern ebenso zu berücksichtigen wie die begrenzten Hilfemöglichkeiten sozialpädagogischer Einrichtungen und Dienste, die ihnen real zur Verfügung stehen.
     
    Solche sozialpädagogischen Entscheidungen sind deshalb immer prozesshaft, personenbezogen und nur schwer objektivierbar:
     
  • Es gibt keine eindeutige Zuordnung von Ursache und Wirkung, sondern immer mehrdeutige „Verhältnisse“ und
  • ebensowenig eine eindeutige Zuordnung von Problemen und Lösungen, vielmehr immer Versuche mit hoher Irrtumswahrscheinlichkeit
  • keine starren Muster also, sondern ständige Vergewisserung, Reflexion und ggfls. Neubewertung.
     
    Sozialpädagogische Entscheidungs- und Hilfeprozesse gehen fliessend ineinander über, bedingen sich gegenseitig. Dies bedeutet, dass isolierte Diagnoseinstanzen, die nur feststellen wollen, wie ein Sachverhalt zu beurteilen ist, ohne gleichzeitig bereits eine -nderung -zum Besseren oder Schlechteren- zu bewirken, für sozialpädagogische Untersuchungs- und Entscheidungsprobleme nicht vorstellbar sind.
     
    Um die notwendige Darstellung, Reflexion und Überprüfung fachlicher Entscheidungen gewährleisten zu können, sind vielmehr verbindliche Formen kollegialer Beratung intern im Jugendamt, aber auch durch Heranziehung externer Fachkräfte erforderlich. Hier haben fachliche Absicherung und persönliche Vergewisserung ihren Platz, hier können die verfügbaren Fakten und Informationen gesichtet, geprüft und bewertet, sowie die notwendig subjektiven Einschätzungen und Entscheidungen beraten, ergänzt und ggfls. korrigiert werden. Hierbei wird durch die Intersubjektivität „die einzige mögliche“ Objektivierung von Entscheidungen und Prognosen -soweit im Einzelfall leistbar- hergestellt.
     
    7. Konsequenzen für die Kontrolle pädagogischer
    Entscheidungen
    Dies bedeutet für die Möglichkeiten und den Umfang einer Kontrolle solcher Entscheidungen: Soweit Aufsichtsbehörden und Gerichte zur Kontrolle des Handelns der Jugendämter angerufen werden, ist zunächst festzustellen, ob und inweiweit die Massnahme den Betroffenen in seinen Rechten verletzt.
     
    Stellungnahmen des Jugendamts gegenüber den Vormundschafts- oder Familiengerichten sind einer verwaltungsgerichtlichen kontrolle nicht zugänglich, da sie selbst keinerlei Aussenwirkung entfalten, sondern lediglich der Meinungsbildung des Gerichts dienen und die Entscheidung ggfls. vorbereiten. Strafrechtliche Massnahmen gegen das Jugendamt (wegen ehrverletzender Behauptungen etc.) sind damit nicht ausgeschlossen.
     
    Aber auch Entscheidungen des Jugendamtes über die Gewährung oder Versagung einer Leistung sind einer gerichtlichen Kontrolle nur beschränkt zugänglich. So können Gerichte (ggfls. unter Zuhilfenahme von Sachverständigen) feststellen, ob die Leistungsvoraussetzungen gegeben sind, nicht aber ob eine begehrte Hilfe im Einzelfall auch geeignet und notwendig ist, weil dies nur im Zusammenwirken zwischen Fachkraft und Hilfesuchenden festgestellt werden kann. Ist eine diesbezügliche Entscheidung des Jugendamtes für das Gericht nicht nachvollziehbar, so kann es die Entscheidung des Jugendamts lediglich aufheben und sie erneut an das Jugendamt zurück verweisen.
     
    Die zu lösende Frage: Welche Hilfe ist die richtige, ist kein Experten-Diagnoseauftrag, sondern die Antwort auf das Ergebnis eines Verständigungsprozesses, der sich an den subjektiven Einschätzungen und Einsichten der beteiligten Kinder, Erwachsenen und Fachkräfte ebenso orientiert wie an ihren individuellen Potentialen und Ressourcen. Notwendig ist ein Verständigungs- und Aushandlungsprozess darüber, was von der unterstützung und Hilfe erhofft und was durch Eingriff und Kontrolle befürchtet, was von den Fachkräften für „notwendig und geeignet“ gehalten sowie darüber, was praktisch realisierbar und durchsetzbar ist. Es gibt keinen objektiven Massstab für die richtige Hilfe. Umso bedeutsamer ist die Einhaltung der Verfahrensregelungen, die das KJHG z.B. bei der Hilfeplanung (§ 36) vorschreibt.
     
    Aus diesen Gründen scheidet grundsätzlich auch eine Kontrolle sozialpädagogischer Entscheidungen und ggfls. ihre Ersetzung durch Vorgesetzte aus.
     
    Prüfungsbedürftig erscheint jedoch insbesondere die Rollenkonfusion innerhalb des Jugendamtes bei gleichzeitiger Tätigkeit als Amtspfleger/Amtsvormund und als Sozialleistungsbehörde. Die unterschiedlichen Aufgaben müssen durch eine organisatorische und personelle Trennung stärker verdeutlicht werden. Ggfls. ist zu prüfen, ob die Aufgaben des Vormunds oder pflegers (als eine Art Anwalt des Kindes) nicht aus der Behörde Jugendamt herausverlagert werden sollten und einer eigenen Instanz übertragen werden sollten.
     
    Im übrigen ist nach anderen Wegen zu suchen, um die Arbeit in den Jugendämtern zu verbessern. Dazu zählen insbesondere
     
  • Qualifizierung der Hilfeplanung im Einzelfall (§ 36 SGB VIII).
  • Ausreichende Ausstattung der Jugendämter mit Fachkräften, die sich der Komplexität des Einzelfalls widmen können sowie Verringerung der Fallzahlen für Amtsvormünder oder Amtspfleger; diese Bediensteten haben in der Praxis nicht selten 100 und mehr „Mündel“ zu betreuen, von einer persönlichen Betreuung kann unter diesen Umständen nicht die Rede sein.
  • Kontinuierliche Fortbildung der Fachkräfte.
  • Verbesserung der Ausbildungsgänge für sozialpädagogische Berufe.
     
      
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