Umgang – Eine Einführung

Rituale der Umgangsvereitelung bei getrenntlebenden oder geschiedenen Eltern

( auch bei Pflegeverhältnisse )

 
– Eine psychologische Studie zur elterlichen Verantwortung –

Von Prof. Dr. rer. nat. WOLFGANG KLENNER,

 
Von Oerlinghausen, in: FamRZ, Heft 24 vom 15.12.1995, S. 1529 ff
 

 
I. Von der Notwendigkeit, darüber zu schreiben
 

Dies ist der bewusstseinsbestimmende und handlungsleitende Ausschnitt aus dem Weltbild betroffener Eltern: Seit der Zeit der Reform des Familienrechts von 1977 haben wir zwei Klassen getrenntlebender oder geschiedener Eltern: Sorgeberechtigte und Nichtsorgeberechtig-
te. In einem unaufgeklärten Verständnis von Elternrechten werden da gern Berechtigte und Nichtberechtigte herausgelesen, Gewinner und Verlierer. Für die einen Eltern ist das eine Verführung, darüber hochmütig zu werden, während sich die anderen als Entrechtete gedemütigt fühlen. Von der Sorge -für das Kind nämlich- ist dann nicht mehr die Rede. Dadurch wurde der Kreis derjenigen Eltern, denen zwar das Gesetz die Befugnis zum persönlichen Umgang mit ihrem Kind zuspricht, denen aber der Umgang dennoch vereitelt wird, immer grösser. Längst sind es nicht mehr, wie unmittelbar nach 1977, lediglich Einzelfälle. Die Zahl widerspenstiger Sorgerechtsinhaber unter den Eltern, sowohl gegenüber aussergerichtlichen als auch gegenüber gerichtlichen Bemühungen zur Respektierung der Umgangsbefugnis, hat derart zugenommen, dass darüber nicht mehr einfach zur Tagesordnung übergegangen werden kann.
 
Die hier abzuhandelnden Erscheinungsformen der Umgangsvereitelung und ihre für das Wohl des Kindes schädlichen Folgen sind Ergebnisse von Einzelfallstudien aus einer langjährigen Tätigkeit als psychologischer Sachverständiger in Vormundschafts- und Familiensachen.

Wegen ihres besonderen Interesses wird dabei folgenden Fragestellungen nachgegangen:

      · Unter welchen Voraussetzungen eine Umgangsvereitelung zu erwarten ist;
      · Welches kennzeichnende Ergebnis den Wendepunkt markiert, von dem an eine Umgangsvereitelung nicht mehr zu verhindern ist;
      · in welchen Erscheinungsformen sich die Umgangsvereitelung äussert; und
      · was einmal zur Vorbeugung und zum anderen, was bei bereits eingetretener Umgangsvereitelung zu tun ist.

 

Der Versuch, Antworten auf die hier aufgeworfenen Fragen zu geben, wird von der Hoffnung getragen, sie möchten zu Denkanstössen für einen Wandel der Betrachtungsweise anregen. Begünstigt durch Rechtsbestimmungen und Prozessordnung erscheinen die Belange des Kindes noch immer als ein Gegenstand des Elternstreits. Nur daraus erwächst der „Kampf ums Kind“ 1) und findet sich „das Kind im Rechtsstreit “ 2) wieder, wie zwei bekannte Buchtitel heissen. Wollen wir uns damit nicht abfinden, bleibt uns nur, den Blickpunkt des elterlichen Streits zu verlassen und den Standpunkt aufzusuchen, der uns den Blick auf die Position des Kindes zwischen beiden Eltern und seinen Zukunftsperspektiven freigibt. Ohne eine solche als pradigmenwechsel 3) Veränderung der Anschauung und des Bewusstseins bliebe das Kind weiterhin ohnmächtig dem Kräftespiel zwischen seinen Eltern ausgeliefert, anstatt beiden Eltern die Wahrnehmung ihrer elterlichen Verantwortung zu ermöglichen und sie so zu Garanten des Kindeswohls zu machen.
 

 

II. Am Anfang stehen Beziehungsabbruch und Sprachlosigkeit
 

Wenn ein Elternteil bei seiner Trennung vom anderen das Kind einfach mitnimmt -häufiger tun es die Mütter und weniger die Väter-, dann geschieht das meistens ohne Schuldbewusstsein und von dreierlei Motiven geleitet: Das eine Motiv liefert ein weitverbreitetes Besitzstandsdenken. Das Kind wird als eine Art menschlichen Zugewinns aus der beendeten Beziehung mitgenommen. Das andere Motiv liefert einen Impuls oder Schutzinstinkt, das Kind nicht gerade da zurückzulassen, wo man es selber nicht mehr aushielt. Schliesslich drittens bewirkt der „Faktor des gemeinsamen Schicksals“ 4) eine Beruhigung des Selbstzweifels. Weil auch das Kind die Trennung vom anderen Elternteil auf sich nahm, kann die eigene Trennung kein falscher Entschluss gewesen sein.

Der Trennung geht, wie sich aus der Praxis belegen lässt, in der Regel zweierlei voraus: Zum einen ist die Beziehung zum anderen Elternteil abgebrochen word, und zum zweiten sprechen beide Eltern nicht mehr miteinander. Zwischen ihnen herrscht Sprachlosigkeit. Dabei wird dem zwischen seinen beiden Eltern stehenden und dagegen ohnmächtigen Kind ebenso der Abbruch der Beziehung zum anderen Elternteil aufgezwungen. Dem Kind auch noch den persönlichen Umgang mit seinen anderen Elternteil zu vereiteln, verlangt dann nur noch einen kleinen Schritt. Dazu muss allerdings erst ein Wendepunkt überschritten sein, von dem an eine Umkehr nur noch mit fremder Hilfe möglich ist.

Eine zwischen den Eltern herrschende Sprachlosigkeit nimmt geradezu eine Schlüsselstellung ein. Sie ist nicht nur eines der grössten Hemmnisse bei der Bemühung um einen Rechtsfrieden, sondern sie stellt auch das Kind vor ein schier unüberwindliches Hindernis beim Umgang mit seinen beiden Eltern, denen es nicht mehr offen mit kindlicher Unbefangenheit begegnen kann. Aber auch die Eltern begegnen ihrem Kinde nicht mehr unbefangen, weil sie hinter seinem Verhalten und seinen Äusserungen mehr suchen, als tatsächlich darin enthalten ist, nämlich die Bestätigung ihres Negativbildes vom jeweils anderen.

Als eine Art Erste Hilfe zur Gewährleistung des Kindeswohls ist den Eltern zur Überwindung ihrer Sprachlosigkeit zu verhelfen. Und, je früher diese Hilfe einsetzt, um so aussichtsreicher ist sie. Das heisst aber auch, hierbei können wir zu spät kommen, so dass alle Bemühungen, dem Wohl des Kindes zum Recht zu verhelfen, vergeblich sind. Aus alltäglicher Erfahrung mit getrenntlebenden Eltern wissen wir, solange sie trotz ihrer sonstigen Zerstrittenheit noch miteinander sprechen, sind Hindernisse bei der Umgangsregelung schliesslich doch zu beseitigen. Es gilt auch hier, wie im Grosser, wer miteinander spricht, bekämpft sich nicht.
 

 

III. Die Mitnahme des Kindes als „gutes Recht“
 

Wir stellten schon fest, der das Kind mitnehmende Elternteil handele in der Regel ohne Bewusstsein einer Schuld. In dieser Phase lässt sich dieser Elternteil meistens noch sagen, das Kind habe den Konflikt seiner Eltern weder herbeigeführt noch verschuldet, ist aber davon in seiner ganzen Existenz zutiefst betroffen, so dass ihm nach dem Verlust seines Zuhauses nicht nur ein Elternteil, sondern beide Eltern erhalten bleiben sollen. Unter dem Aspekt des Kindeswohls gilt diese Tatsache auch für das Verhältnis des nichtehelichen Kindes zu seinen Eltern.

Bis hierher besteht noch die Hoffnung, Eltern dazu zu bewegen, ihren gegenseitigen Beziehungskonflikt von ihrer elterlichen Verantwortung ihrem Kinde gegenüber zu trennen und ihrem Kinde die Pflege und Vertiefung seiner familiären Vertrautheit mit ihnen beiden nicht zu vereiteln.

Dies stösst aber auf völlig taube Ohren, wenn die eigenmächtige Kindesmitnahme nicht als das erste Glied einer daran anschliessenden Handlungskette erkannt und offiziell geduldet wird, statt den Eltern zur Vorbeugung ins Stammbuch zu schreiben: „Jedem Elternteil wird ausdrücklich und förmlich verboten, (das Kind) ohne ausdrückliche Zustimmung des anderen Elternteils an einen anderen Ort zu verbringen“ (AmtsG Altena, 8a F77/95). Wird dagegen verstossen, ohne Widerspruch zu ernten, wird es als Freibrief für weitere Eigenmächtigkeiten aufgefasst, so dass gar nicht erst ein Unrechtsbewusstsein aufkommt. Und von da an wird nicht nur die Mitnahme des Kindes, sondern auch das Verfügen darüber, ob es einen Umgang mit dem anderen Elternteil haben soll, nicht allein als ein „gutes Recht“, sondern auch als Gewohnheitsrecht beansprucht. Die offizielle Duldung ist also das kennzeichnende Ereignis, mit dem der schon angekündigte Wendepunkt überschritten ist, dem weiteres Unrecht und auch mangelnder Respekt vor der Gerichtsbarkeit auf dem Fusse folgen.

Diese Erfahrung zeigt eine sehr menschliche, aber gerade deswegen nicht gern eingestandene Seite unseres Wesens: Einen Menschen braucht man nicht erst zum unrechten Run anzustifen; es genügt, ihn nicht davon abzuhalten.

Fassen wir die bisherige Erörterung kurz zusammen: Waren trotz Beziehungsabbruch und Sprachlosigkeit noch Absprachen oder gar einvernehmliche Regelungen möglich, markiert die offizielle Duldung mit der Folge, dass gar nicht erst ein Unrechtsbewusstsein aufkommt, die entscheidende Wende, von der an der das Kind festhaltende Elternteil seine Alleinverfügung über das Kind als sein „gutes Recht“ ansieht und sich dabei bestimmter Verhaltensweisen bedient, deren Hindergründe und Zusammenhänge zu kennen, eine kindeswohlorientierte Einflussnahme erleichtern.
 

 

IV. Ritualbildung im Gefolge des Mangels an Unrechtsbewusstsein
 

Einmal soweit gekommen, beginnt der das Kind festhaltende und sich im „guten Recht“ wähnende Elternteil, den persönlichen Umgang, oft aber auch jegliche Kontakte mit dem anderen Elternteil, wie Telefongespräche, Postsendungen oder Geschenke, zu vereiteln. Dahinter steht in erster Linie weniger die Absicht, den anderen Elternteil zu kränken, auch wenn es oft den Anschein hat. Vielmehr nimmt der Elternteil, bei dem sich das Kind befindet, im täglichen Zusammenleben etwas von der Konfliktsituation des Kindes zwischen beiden Eltern, dem „Dazwischenstehen“ 5), wahr, und er fürchtet im Innersten, das Kind könne abtrünnig werden und sich dem anderen Elternteil zuwenden. Die sich darin äussernde Verlustangst findet im Mangel an Unrechtsbewusstsein kein Regulativ, so dass durch eine totale Kontaktsperre die vorhandenen -ngste zerstreut werden sollen.

Bei der Kontakt- und Umgangsvereitelung handelt es sich nicht etwa immer um einen Vorsatz, sondern in den meisten Fällen um Emotionen, die auf das Kind übertragen werden. Weil sich emotionale Befindlichkeiten in ähnlichen Situationen sehr viel mehr gleichen als etwa persönliche Meinungen über einen bestimmten Sachverhalt, haben sich die von ganz verschiedenen Eltern vor Gericht, beim Jugendamt und gegenüber dem Sachverständigen vorgebrachten Argumente zur Rechtfertigung der Umgangsvereitelung als weitverbreitetes und stereotypes Verhaltensmuster seit 1977 soweit verfestigt, dass sie den Charakter von Ritualen angenommen haben, für die keine stichhaltige Begründung gegeben sein muss und die in Argumantation und Verhalten nicht zimperlich zu sein brauchen, weil sich sich ohnehin der Beweisführung entziehen.

Rituale sind im hier verwendeten Sinne nur aus der jeweiligen Situation subjektiv zu begründende festgelegte Verhaltensweisen von kollektivem Charakter, die im Dienste einer im seelischen Haushalt vorgesehenen Überlebenstechnik stehen, deren feste Ordnung ihnen eine von Zweifeln oder gar Skrupeln freie scheinbare Gewissheit verleiht. Dadurch, dass dieses ritualisierte Verhalten die Kompliziertheit der Verhältnisse auf wenige, immer wiederkehrende und festgelegte Handlungsteypen reduziert, wird der seelische Haushalt davon entlastet, sich mit den von Angstzuständen und Entscheidungsdruck begleiteten Wechselfällen des Alltags immer wieder von neuem auseinandersetzen zu müssen. Die Kenntnis dieser Hintergründe und Zusammenhänge ist eine Voraussetzung sowohl für das Verstehen als auch für die rechte Wahl der Mittel bei der Begegnung mit der Umgangsvereitelung.

Die Formen der Umgangsvereitelung gleichen sich nicht nur in ihren Argumenten, als ritualisiertes Verhalten folgen sie auch nach einer ebenso gleichen und festgelegten Weise:

      · „Das Kind soll endlich zur Ruhe kommen“.
      · „….. aber das Kind will nicht“ mit mehreren Spielarten
    · „Der andere Elternteil hat das Kind sexuell missbraucht“.

 
Dabei wird das erste, das Ruhe-Argument, häufig übersprungen, während der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs erfahrungsgemäss erst dann vorgebracht wird, wenn entweder mit den übrigen Argumenten eine Umgangsregelung nicht verhindert werden konnte, oder aus prozesstaktischen Gründen, wenn nur davon der Ausschluss einer Umgangsbefugnis erwartet wird. Weil es sich hierbei um einen höchst emotional geladenen Sachverhalt handelt, ist um einer sachlichen Erörterung willen vom blossen Vorwurf der in einem Strafverfahren dringend zu klärende Verdacht auf sexuellen Missbrauch zu unterscheiden.
 
Die in den folgenden Kapiteln enthaltenen Beispiele sind auf den Punkt gebrachte gerichtsanhängige Verfahren, die aus Gründen des Personenschutzes so weit verfremdet sind, dass sich nur die unmittelbar Betroffenen darin wiederfinden.
 
Es ist eine Crux des Patriarchats, beide Eigenschaften mit eindeutiger Zuweisung auf männlich und weiblich verteilen zu wollen. Die Ergebnisse sind bekannt, auch wenn viele (Männlein und Weiblein) nur allzu gern in vorgezeichneten Bahnen verharren.
Die Erfahrung jener, die hin und wieder offenen Auges mit den Niederungen des Alltags zu tun haben, zeigt, dass Intelligenz und Sensibilität (Herz und Verstand) wohl nicht zu trennen sind. Dabei macht Intelligenz vor keinem Geschlecht halt, sondern vor Individuen.
 
Da den Tätern Herz und Verstand fehlt, wissen sie meist selbst nicht, was sie anrichten (anrichten lassen). Sie gehen aber den durch das Fehlen jeglichen Regulativs auf der einen, und den bestehenden gesellschaftlichen Erwartungen auf der anderen Seite, vorgezeichneten Weg.
Häufig sind die Täter selbst Opfer; selbst erlebte Ohnmacht -die nie verarbeitet wurde- kompensieren sie durch Missbrauch der geschenkten Macht über Wehrlose und deren Ohnmacht. Über die wiederum sind „Mächtige“ zu treffen. Aus Geschlagenen werden Schlagende.
 
Dabei darf nicht übersehen werden, dass die Methoden von Gehirnwäsche und Erziehung, wie sie alle wohlmeinenden Eltern und Pädagogen anwenden, sehr ähnlich sind. Jedoch gibt es einen entscheidenden Unterschied. Zitat aus einem Schreiben an em. Prof. Dr. Lempp, Stuttgart:
 
„Die Grundprinzipien der Erziehung (neben der Vorbildwirkung) sind, holzschnittartig auf den Punkt gebracht, die von (An-)Drohung und Strafe auf der einen, und die von Versprechen und Belohnung auf der anderen Seite. Das sind Grundprinzipien, die älter sind als die Menschheit und es sind dieselben, die bei der Gehirnwäsche angewendet werden, wenn dort auch wesentlich skrupelloser und vor allem egoistischer. Gehirnwäsche ist also -vorausgesetzt, man will sie überhaupt sehen- bereits an der Ausprägung der Methoden zu erkennen.
Die fliessenden Übergänge sind durchaus bekannt und lassen sich keineswegs immer klar definieren. Der grosse Unterschied zwischen Gehirnwäsche und Erziehung ist gewiss der, dass Erziehung das Ziel hat, den zu Erziehenden in die Lage zu versetzen, sich in seiner sozialen Umgebung (-Ï Gesellschaft) zurechtzufinden, Normen und Regeln zu beherrschen, aber auch deren Fragwürdigkeit zu erkennen (ein hehres Ziel). Kurzum: Erziehung -so sie den Namen verdient- muss immer den Vorteil des/der zu Erziehenden im Auge behalten, sie muss letzten Endes ihm/ihr nützen, dessen Entscheidungsfähigkeit und Freiheit stärken (ja, ja, darüber gibt es sehr unterschiedliche Vorstellungen. Auch das ist bekannt).
Gehirnwäsche dagegen ist immer eigennützig, egoistisch. Es geht darum, dem Opfer die eigene Meinung aufzuzwingen, auf dass es diese irgendwann für die eigene halte. Das Opfer soll dazu gebracht werden, die eigenen Interesse und Bedürfnisse zu vergessen und sich mit denen des Täters zu identifizieren.
 
Und genau hier liegt der fundamentale Unterschied: Erziehung soll dem Kind helfen, Gehirnwäsche dem Täter (lassen Sie die Einschränkungen, die Selbstberuhigungen, die Wenns und Abers. Ich kenne sie alle).
Machen wir das einfach an einem Beispiel fest: Wenn ich meinem Sohn Tischmanieren beibringen will, so dient das zuerst ihm, da er sich dann überflüssige Probleme erspart. Aber es hilft auch mir, da ich mich dann voller Stolz mit Sascha in der Íffentlichkeit blicken lassen kann.
Versucht jedoch ein Elternteil, den anderen auszugrenzen und die Beziehung des Kindes zum anderen (meist dem Vater) wie auch umgekehrt zu erschweren bzw. zu verhindern, handelt der objektiv gegen die Interessen und Bedürfnisse des Kindes. Kein Kind verzichtet ohne Zwang auf den Umgang mit beiden Eltern. Wenn Kinder sich anders äussern, dann nur unter Zwang, der oft auch noch juristisch legimitiert wird (der Rechtsstaat lässt grüssen).“
 
Adolf HITLER über die NS-Erziehung: ….“und sie werden nicht frei, ihr Leben lang!“

Gehirnwäsche  

Das Folgende ist die Quintessenz jahrelanger Beobachtungen/Erfahrungen dessen, was die „Mutter“ mit meinem Sohn anstellt(e). bzw. dessen Verhaltens- und Meinungsänderungen, die in dieser Weise nicht in meinem Verhalten begründet sein können. Es ist nicht unbekannt, dass es auch Väter gibt, deren ebenfalls Allmacht über deren Kinder gegeben wurde und die sie ebenso missbrauchen.
 
Gehirnwäsche lässt sich nach diesen Eigen- und vielen Fremdbeobachtungen im wesentlichen in drei Phasen einteilen, wobei die Übergänge von der einen in die andere fliessend sind und kaum definiert werden können.
Voraussetzung für das Gelingen der Manipulation ist allerdings immer ein Abhängigkeitsver-
hältnis des Opfers vom Täter, sei es real oder subjektiv empfunden. Ist das nicht der Fall, kann Gehirnwäsche nicht funktionieren. Schliesslich braucht der Täter Macht über das Opfer, es muss ihm ausgeliefert sein.
Anmerkung: Im Text wird grundsätzlich das Maskulinum verwendet („…der Täter…“)
Das geschieht ausschliesslich aus Gründen der Sprachökonomie. Bei vorliegender Problematik wäre es aus quantitativen Gründen eher angebracht, das Femininum zu verwenden.
 
 
 
Phase 1: Repression
 

 
Letzten Endes geht es bei der Gehirnwäsche darum, aus einem „Ja“ ein „Nein“ zu machen (oder umgekehrt). Anders formuliert: Das Opfer muss dazu gebracht werden, seine eigenen Wünsche und Interessen zu „vergessen“ und die ihm vom Täter aufgezwungenen für die eigenen zu halten.
Anfangs kann das nur so funktionieren, dass dem Opfer durch Gewaltmassnahmen (hier: meist psychischer Art) die erwünschten Verhaltensänderungen aufgezwungen werden. Drohung, Erpressung, Strafe für Unerwünschtes kennzeichnen diese Phase („Sascha, wenn Du nicht pünktlich zurückkommst, darfst Du Deinen Vater überhaupt nicht mehr besuchen!“).
Dass Lug, Trug, Verunglimpfung u.ä. hier unverzichtbar sind, muss nicht besonders erwähnt werden. Darauf kann in keiner Phase verzichtet werden; schliesslich geht es darum, dem Opfer den Blick auf die Wirklichkeit nicht nur zu verstellen, sondern ihm das aufgezwungene Weltbild als Ersatz zu implantieren. Dabei gibt es keinerlei Schamgrenze; ist der Täter doch daran interessiert, seine eigenen Interessen -oder das, was er dafür hält- gnadenlos durchzusetzen und dem Opfer „klarzumachen“, es wären die seinen.
 
Neben allen notwendigen Repressionen muss immer das Zuckerstück bereitgehalten werden. Denn Unterdrückung ohne jede Aussicht auf Belohnung bei Wohlverhalten kann nicht den gewünschten Erfolg bringen: Entweder hört der Widerstand des Opfers nie auf, oder dessen Willen wird total gebrochen. Beides würde selbst der unbedarfteste Aussenstehende bemerken, und das ist nicht im Sinne des Täters.
Mit „Zuckerbrot und Peitsche“ bezeichnet der Volksmund diese Vorgehensweise.
 
In dieser Phase der Gehirnwäsche überwiegt jedoch eindeutig die Unterdrückung. Sie ist unverzichtbar und wird es auch immer bleiben. Nur deren Formen wandeln sich. Das Verhältnis von Unterdrückung zu Belohnung dürfte anfangs etwa 90:10 bis 80:20 betragen mit abnehmender Tendenz in Richtung Belohnung. Denn je mehr das Opfer Wohlverhalten zeigt, desto eher kann der unverhohlende Druck zurückgenommen werden.
 
 
Phase 2: Übergang
 

 
In der zweiten Phase, die als Übergang bezeichnet werden kann, beginnt sich das Opfer der Repression zu beugen (So meinte Sascha im Frühjahr 1990, dass er nun doch bei der Mutter bleiben wolle, da diese ihn „überrumpelt“ habe).
Zwar weiss das Opfer zu diesem Zeitpunkt noch, dass es das, was es sagt und tut, eigentlich nicht will und auch nicht seinen Wünschen und Bedürfnissen entspricht, aber es beginnt sich zu arrangieren, um dem Druck auszuweichen (Sascha: „Eigentlich würde ich ja doch lieber bei Dir wohnen, wenn alle damit einverstanden wären und ich keinen Ärger hätte“). (Sinngemässe Wiedergabe einer Äusserung Saschas nach der zweiten Sorgerechtsentscheidung).
 
Die Übergangsphase ist häufig durch eine zunehmende Parallelisierung (oder Paralisierung?) von Täter und Opfer gekennzeichnet: Das Denken und Empfinden beider nähert sich immer mehr.
Das Opfer erhält (scheinbar) durch die Belohnung für zunehmendes Wohlverhalten durch den Täter das geraubte Selbstbewusstsein Stück für Stück zurück. Der Täter fühlt sich mehr und mehr bestätigt, tut das Opfer doch endlich das, was gut für es zu sein scheint – aus Tätersicht. So macht der Täter mit der Gehirnwäsche nicht vor sich selber halt.
 
 
Phase 3: Belohnung und Verfestigung
 

 
Die Belohnungen des Opfers nehmen mehr und mehr zu, so wird dessen Verhalten verfestigt. Der Übergang von Phase 2 in Phase 3 ist ihm wahrsten Sinne des Wortes schleichend und dürfte selbst im Einzelfall nicht genau zu definieren sein. Schleichend insofern, als weder Opfer noch Täter – gewissermassen verfahrensimmanent – klar ist, wann die aufgezwungenen Verhaltensweisen für die eigenen gehalten werden bzw. wann die Ahnung von Unrecht durch die „positiven“ Verhaltensweisen des Opfers (und des sozialen Umfelds) völligt erlischt und einem von tiefer Überzeugung durchdrungenen Rechtsbewusstsein Platz macht.
Spätestens an dieser Stelle schnappt für alle Beteiligten, besonders für Täter, Richter, Jugendämter, Gutachter u.a. die psychologische Falle zu.
 
Staatlich legitimierte Stellen (und nicht nur die) haben verständliche und nachvollziehbare -ngste, ein `älteres` Kind gegen seinen erklärten „Willen“ aus dem Lebenskreis „herauszureis-
sen“, in dem es bleiben „möchte“. Bei jüngeren Kindern halten sich diese -ngste in Grenzen, vor allem, wenn die Kinder erklären, beim Vater bleiben zu wollen. Schliesslich gibt es keine Garantie, dass negative Entwicklungen (so sie denn die Verantwortlichen überhaupt erkennen wollen) durch den Wechsel des sozialen Umfelds rückgängig gemacht oder zumindest abgemildert werden können.
 
Zum anderen sind besagte Institutionen „Haupttäter“ oder besser „Schreibtischtäter“, d.h. sie haben den eigentlichen Täter erst in die Lage für dessen Tun versetzt. Würde nun eine der genannten Institutionen, womöglich noch in Personalunion, frühere Entscheidungen umkippen, ohne das Gefühl vermittelt zu bekommen, es läge ein völlig neuer Sachverhalt vor, wäre dies gleichbedeutend mit dem Eingeständnis völlig überflüssiger, ja sträflich leichtfertig begangener Fehler. Wer gibt das schon gerne zu? Vor allem, wenn bedacht wird, welcher Schaden einem Kind möglicherweise zugefügt wurde. Und hierzulande überschlagen sich alle vor Kinderliebe – da kann man fragen, wen man will.
 
Diese Institutionen bzw. deren Angehörigen hören vom Kind gerne Äusserungen, die ihre früheren Meinungen/Entscheidungen zu bestätigen scheinen. Es wird dann nicht mehr nachgefragt, wie und unter welchen Einflüssen das Kind zu diesen Äusserungen gelangte – die schiere Äusserung enthebt die Schreibtischtäter ihrer Verantwortung und entlastet deren Gewissen.
 
Irgendwann kommt es zu einer fatalen Solidarisierung zwischen Täter und Opfer (vgl. Phase 2). Das Opfer wird vom Täter für dessen Wohlverhalten durch allerlei Massnahmen belohnt. Androhungen von Sanktionen sind schon deshalb nicht mehr nötig, da das Opfer sehr wohl weiss, dass Strafmassnahmen ggfls. sofort ergriffen werden. Das hat es ja oft genug erlebt. Da drängt sich der Schulterschluss auf.
Andere Personen, die auf die Fragwürdigkeit dieses Verhältnisses hinweisen, werden mittlerweile vom Opfer auch als Störenfriede erlebt.
Kritik könnte den mühsam erreichten Seelenfrieden stören und Nachdenken verlangen. Da ist es doch viel einfacher, weiter in dem aufgezwungenen Weltbild zu leben. Zumal die Abhängigkeit vom Täter weiter besteht.
 
Der Täter fühlt sich durch das Verhalten des Opfers in seinem Tun bestätigt: Gab es anfangs vielleicht Zweifel, so bestätigt das Opfer -scheinbar- die Richtigkeit des eigenen Vorgehens („… das Kind sagt doch selber….“).
Nicht nur das Kind scheint die Tat im Nachhinein durch sein Verhalten zu legitimieren, sondern auch von den „professionellen Scheidungsbegleitern“ wie Richtern, Gutachtern und Jugendämtern ist nichts Gegenteiliges zu hören. Da muss man/frau doch im Recht sein!
 
So kommt es fast zwangsläufig zu der Identifikation zwischen Täter und Opfer. Beide bilden in ihrem mittlerweile geradezu inzestösen Denken -geprägt von gegenseitiger Bestätigung- eine Art von „intellektueller und emotionaler Einheit“, die sich gegen alles Störende von aussen wehrt. Beide scheinen eben dasselbe zu wollen.
 
Die Unterdrückung hört dabei nie auf. Die reale oder empfundene Anwesenheit des Täters genügt, um enormen Druck auf das Opfer anzuwenden. Der Täter kann es sich nach vollbrachter Arbeit leisten, so zu tun, als könne das Opfer frei entscheiden („… das Kind darf doch gern zum Vater/zur Mutter…“)
Solches tut auch dem Opfer gut, kann es sich doch einreden, es könne das tatsächlich (-Ï Bestätigung). Dieses Empfinden wiederum verstärkt -nur scheinbar paradox- die Solidarisierung des Opfers mit dem Täter bis hin zur Identifikation.
 
 
4. (Vorläufige) Schlussbemerkung
 

 
Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, anzunehmen, die Gehirnwäsche verlange vom Täter eine umfangreiche intellektuelle Ausstattung. Weit eher ist das Gegenteil der Fall.
Eingeschränkte geistige Fähigkeiten und Empfindungen begünstigen derartige Aktivitäten, da mögliche Skrupel nicht nur wegen fehlender Eingriffe durch Jugendämter und Richter erst gar nicht aufkommen, sondern auch wegen des Fehlens von Herz und Verstand.
 
 
1.) „Das Kind soll endlich zur Ruhe kommen“
 
Von ganz unterschiedlichen Elternteilen, in stereotyp gleicher Weise, dass man meinen könnte, sie haben sich abgesprochen, wird erklärt: Das Kind habe in der letzten Zeit schon soviel durchmachen müssen; oder, nach dem Besuch bei dem anderen Elternteil zeige es ein unerklärlich anderes Verhalten als sonst, schlafe unruhig, fürchte sich vor allem, was sonst nicht seine Art sei, nässe oder kote wieder ein. Und, an allem sei der andere Elternteil schuld, der irgend etwas mit dem Kinde angestellt haben müsse. Darum sollten keine Besuche mehr stattfinden, denn das Kind soll endlich zur Ruhe kommen.
 
Tatsächlich kommt das Kind, wenn es keinen Umgang mit seinem anderen Elternteil mehr hat, dem Augenschein nach zur Ruhr. Denn, immer weniger frage es nach dem anderen Elternteil, um ihn alsbald gar nicht mehr zu erwähnen, so als habe es ihn vergessen. Dieser äussere Schein täuscht jedoch darüber hinweg, dass das Kind, so ohnmächtig, wie es dem Erwachsenen ausgeliefert und von ihm abhängig ist, ganz einfach resigniert und alles, was mit dem anderen Elternteil zu tun hat, zu seinem Selbstschutz unter ein Tabu gestellt hat. Dass es sich dabei um eine trügerische, sogar die kindliche Entwicklung gefährdende Ruhe handelt, das hat man anderswo längst begriffen. Die dazugehörige Geschichte ist rasch erzählt:
 
Früher durften Kinder in den ersten Wochen des Krankenhausaufenthaltes nicht besucht werden. Sie sollten erst einmal zur Ruhe kommen. Was sich in der Seele der Kinder tatsächlich ereignete, haben Bowlby und Mitarbeiter schon vor Jahren erforscht: „Das Kind … wird … im allgemeinen eine ganz bestimmte Verhaltensabfolge an den Tag legen. … Wir haben sie als die Phasen der Auflehnung, der Verzweiflung und der Loslösung bezeichnet“ 6). In der Phase der Verzweiflung werde das Kind ruhiger, so dass das Besuchsverbot richtig gewesen zu sein schien. Ist dann ein Besuch wieder zugelassen, wird das Kind in einem Zustand der Apathie angetroffen. Es hat die Phase der Loslösung (Bowlby nannte sie früher einmal Phase der Ablehnung) erreicht. Und, kehrt das Kind wieder nach Hause zurück, wartet auf die Eltern die Aufgabe, ihrem Kinde zu helfen, die ihm zugefügte Beziehungsstörung zu überwinden. Dass das der Vergangenheit angehört, weil die Kinder im Krankenhaus vom ersten Tage an jederzeit besucht werden können, wenn nicht gar ein Elternteil die ganze Behandlungszeit über dabeibleiben kann (Rooming in), das verdanken wir dem Erkenntnisfortschritt der Pädiatrie.
 
So, wie Bowlby das Trennungserlebnis mit den drei Phasen der Auflehnung, der Verzweiflung -wir sagten Resignation dazu- und Loslösung beschreibt, genau so treffen wir es, weil es zum allgemeinen menschnlichen Verhaltensinventar gehört, auch bei Kindern an, denen durch die Vereitelung des Zusammenseins mit ihrem anderen Elternteil ein Beziehungsabbruch zugemutet wird. Resignation ist eine kindliche Form von reaktiver Depression, die wiederum zum Formenkreis der langfristig wirkenden „Psychischen Deprivation im Kindesalter“ 7) gehört, womit gemeint ist, das Kind werde der ihm sonst gegebenen Chancen zur ungestörten Entwicklung beraubt.
Wenn der das Kind festhaltende Elternteil von Verhaltensauffälligkeiten berichtet, so muss das keine vorgeschobene Behauptung sein. Es kann sich tatsächlich so verhalten, dass das auffällige Verhalten immer dann auftritt, wenn es gerade vom Besuch beim anderen Elternteil zurückkommt, oder auch schon dann, wenn vom anderen Elternteil die Rede ist.
 
Dazu ein Beispiel aus einem Familienrechtsverfahren, das sich tatsächlich so ereignet hat, wie es hier beschrieben wird:
Eine Mutter klagt, immer wenn der vierjährige Sohn vom Besuch beim Vater zurückkehre, sei er ganz verändert. Er verkrieche sich dann unter eine Decke und sei erst nach einer längeren Zeit zum Sprechen zu bewegen. Sie habe den Eindruck, den Jungen beunruhige irgend etwas, was mit dem Besuch beim Vater zusammenhänge. Den tatsächlichen Zusammenhang fand erst die in diesem Falle angeordnete psychologische Begutachtung heraus. Sobald nämlich ein Besuchstermin bevorstand, wurde die sich um das Kind sorgende Mutter von einer inneren Unruhe getrieben, die sich auch dann noch nicht legte, wenn das Kind wieder wohlbehalten zurückgekehrt war. Für die Unruhe bestand objektiv kein Grund. Was aber die Mutter an ihrem Kinde beobachtete und wofür sie die Ursache beim Vater suchte, war nichts anderes als die Übertragung ihrer eigenen Unruhe auf das Kind, das den psychischen Ausnahmezustand, den es sonst bei der Mutter nicht kannt, als fremd und bedrohend erlebte. Kinder reagieren darauf mit unterschiedlichen Verhaltensauffälligkeiten, die wiederum der Elternteil im stonstigen Alltag nicht beobachtet. Als Akteur in das Geschehen verwickelt, hat er nicht die innere Distanz, zu erkennen, wie ihm das Kind damit nur seine eigene Unruhe widerspiegelt (AmtsG Diepholz -5 F 10/93).
 
Dieses aus dem Leben gegriffene und nicht etwa um des Themas willen konstruierte Beispiel sollte doch zu denken geben. Darum ist es wegen seiner Bedeutung noch einmal zu wiederholen: Dass das Kind, nachdem es zum anderen Elternteil keinen Kontakt mehr hat, tatsächlich Ruhe gibt, wird in trügerischer Weise als Bestätigung für die Richtigkeit der Umgangsvereitelung angesehen. Die aus der Resignation des Kindes -Bowlby nennt es Verzweiflung- folgende nachhaltige Beziehungsstörung wird nicht erkannt, ja vielleicht nicht einmal für möglich gehalten, weil wir Erwachsenen längst vergessen haben, mit welchen Augen wir die Welt ansahen, als wir selber noch Kind waren. Wer wollte sich dann noch wundern, wenn ein Mensch, zu dessen früher Kindheitserfahrung die ohnmächtige Resignation gehört, vor den Aufgaben, die ihm das Leben stellt, ebenso resignierend versagt?
 
 
2.) …….. aber das Kind will ja nicht“
 

 
Je länger das Ruhe-Argument zur Vereitelung des persönlichem Umgangs mit seinem anderen Elternteil ins Feld geführt wird, um so mehr fällt es auf den das Kind festhaltenden Elternteil zurück. Denn, wenn das Kind so lange der Ruhe bedarf, kann der andere Elternteil nicht die Ursache sein. Auf Dauer wird das Ruhe-Argument denn auch bei widerwillig hingenommenem Umgang nur noch zur Verzögerung der Besuchstermine vorgebracht.
 
Bei unveränderter Absicht, den Umgang mit dem anderen Elternteil zu vereiteln, solgt dem Ruhe-Argument prompt das Argument: „…. aber das Kind will ja nicht“. Was dahintersteht und wie es im einzelnen zusammenhängt, ist das Ergebnis von Einzelfallstudien, aus denen die auf den Punkt gebrachten Beispiele für die vier als typisch zu kennzeichnenden Variationen des Themas: „… aber das Kind will ja nicht“ in diesem Kapitel entnommen sind.
 
Die dazugehörigen Typusmerkmale sind:
 

– das Kind (1) soll nicht, (2) kann nicht, (3) will wirklich nicht und (4) darf nicht.
Bei (1) und (2) ist der das Kind festhaltende Elternteil der eigentliche Akteur, bei (3) hat das Kind selbst triftige Gründe und bei (4) liegt eine gerichtliche Entscheidung vor.
 
 
3.) die vierfach typischen Erscheinungsbilder

Typ 1: Das Kind soll nicht

      Typisches Kennzeichen: Der das Kind festhaltende Elternteil macht sich zum Sprachrohr des Kindes, während das Kind dies entweder schweigend über sich ergehen lässt oder gar nicht erst in Erscheinung tritt.
      Was dahintersteht, ist durchsichtig. Das Kind soll keinen persönlichen Umgang mit seinem anderen Elternteil haben. Um das sicherzustellen, tritt der das Kind festhaltende Elternteil als Akteur auf und, weil er sich des Kindes gar nicht sicher ist, sieht er zu, dass es gar nicht erst in Erscheinung tritt. Diese Szene ist vielen Elternteilen, die vergeblich kommen, um ihr Kind zum Besuch abzuholen, wohlbekannt.
      Was dabei in dem Kinde vorgeht, lässt das folgende Beispiel zumindest erahnen:
      Die Mutter will ihrenSohn übers Wochenende abholen. Der Vater öffnet die Haustür, den Sohn hinter sich im Hausflur, und verkündet, der Sohn wolle nicht mit der Mutter mitgehen. Der Sohn sagt dazu weder ein Wort, noch wird er vom Vater aufgefordert, das seiner Mutter selbst zu sagen. Das ist die eine Seite. Wie aber auf der anderen Seite das Kind zu seiner Mutter steht, zeigt ein Zitat aus dem in diesem Falle erstellten Sachverständigengutachten: „Unsicher, wie sie sich ihm gegenüber verhalten solle, habe sie vorgehabt, weiterzufahren -sie war mit dem Auto gekommen-, worauf D., der diese Absicht wohl erkannt hatte, ihr nachrief, und zwar so, wie er es als kleines Kind getan hatte. Er hatte „Mama-Mutti!“ Und, als das Gericht eine Begegnung beider arrangierte, lief der Sohn sogleich zu seiner Mutter und wich nicht von ihrer Seite. Gegen den widerspenstigen Vater war jedoch nicht anzukommen, so dass der persönliche Umgang mit seiner Mutter nicht zustande kam (AmtsG, Lübbecke -5 F 85/85).
      Wer hier nicht will, ist nicht das Kind, sondern der Kindesvater. Er will nicht, dass das Kind Kontakt mit der Mutter hat. Und das Kind versteht sehr gut, dass es nicht soll.
      Zum Umgehen mit widerspenstigen Elternteilen noch zwei gerichtliche Entscheidungen, über die sich der Leser seine eigenen Gedanken machen mag.
        (1) Nachdem die Kindesmutter bei mehreren Anhörungsterminen dabeiblieb, jeglichen Umgang ihrer Tochter mit dem Vater abzulehnen, wurde die Befugnis des Vaters zum persönlichen Umgang wegen mangelnder Erfolgsaussicht ausgeschlossen (KreisG Erfurt -F 32/91).
        (2) Bei gleicher Ausgangslage lässt sich ein Gericht nicht von der ablehnenden Haltung der Kindesmutter beeindrucken, beschliesst ein Umgangsrecht und fährt in der Beschlussbegründung dazu aus: „Die Mutter … ist bedauerlicherweise ihrem Nein geblieben, ohne triftige Gründe angeben zu können. … Abschliessend rät das Gericht … die Entwicklung und das Wohl der Tochter zu beachten“ (AmtsG Bremen -63 F 908/93).

Typ 2: Das Kind kann nicht

      Typisches Kennzeichen: Der das Kind festhaltende Elternteil bleibt im Hindergrunde und schickt das Kind vor. Das kann er sich leisten, denn er ist sich des Kindes sicher, dass es sich nicht dem anderen Elternteil zuwenden wird.
      Regelmässig erklärt dieser Elternteil, das Kind könne ja den anderen Elternteil besuchen, wenn es wolle, aber es wolle ja nicht. Tatsächlich kann aber das Kind nicht, wenn es auch wollte. Diese Manipulation der kindlichen Persönlichkeit wird oft verkannt, häufig sogar bei der offiziellen Anhörung des Kindes. Sei es beim Jugendamt oder -leider- durch einen gerichtlich bestellten Sachverständigen oder auch nach § 50 b FGG, wenn nämlich davon ausgegangen wird, die Aussage des Kindes, den anderen Elternteil nicht besuchen zu wollen, entspräche dem unbeeinflussten, unabhängigen und freien Willen des Kindes. Wie es sich tatsächlich damit verhält, ist rasch erklärt. Denn ein Kind verfügt im Spannungsfeld zwischen seinen Eltern keineswegs über einen freien Willen. Vielmehr ist es von dem einen Elternteil, bei dem es sein Zuhause hat, abhängig und es kann es sich nicht mit ihm verderben. „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“, sagt der Volksmund dazu.
      Nicht immer sind es unfreiheit und Abhängigkeit, welche das Kind an seiner Zuwendung zum anderen Elternteil hindern. Wir kennen auch eine andere Erscheinungsform des Typs „Das Kind kann nicht“, die uns viel mehr zu schaffen macht. Der Kinderpsychiater Richard A. Gardner bezeichnet sie als „The Parental Alienation Syndrome“, abgekürzt PAS und zu deutsch „Das elterliche Feinbild-Syndrom“ 8). Dadurch, dass der das Kind festhaltende Elternteil aus seiner Abneigung gegen den anderen Elternteil kein Hehl mache, werde das Kind mit einem Negativbild dieses anderen Elternteils ausgestattet, so dass eine nachhaltige Entfremdung die Folge ist. Nach Gardner nimmt dabei das „Brainwashing“, also die Gehirnwäsche durch den das Kind festhaltenden Elternteil, eine zentrale Stellung ein. Auch dazu ein kennzeichnendes Beispiel:
      Die Mutter kann dem Ehemann nicht vergeben, sie mit dem damaligen Kleinkind einfach sitzengelassen und einem zu mancherlei Verzicht gezwungenen Dasein ausgeliefert zu haben. Dadurch hat der Mann in den Augen der Mutter seine Vaterschaft längst verwirkt und darum verweigert sie seinen persönlichen Umgang mit dem Sohn. Der fast 12-jährige erklärt: „Bei uns wird über den Vater nicht mehr gesprochen“, womit er sagen will, der Vater sei aus dem Leben der Mutter und aus seinem Leben ausgelöscht. Die vor dem FamG stattfindende Begegnung von Vater und Sohn zeigt deutlich, wie fremd sich beide geworden sind. Um aber eine Wieder-
      annäherung nicht zu verhindern, wird die Befugnis des Vaters zum persönlichen Umgang mit seinem Sohn trotz der offenkundigen Hindernisse von Rechts wegen nicht ausgeschlossen (AmtsG Altena -8b F 79/91).
      Dieses Beispiel zeigt, wie leicht Eltern, die ihren Streit trotz Trennung oder Scheidung noch nicht ausgefochten haben, der Versuchung erliegen, das ihrer Obhut anvertraute Kind dazu zu benutzen, den anderen Elternteil durch die Verweigerung des persönlichen Umgangs zu treffen. Wenn sie aber sagen, das Kind könne ja den anderen Elternteil besuchen, wenn es wolle, dann ist zu prüfen, ob es nicht doch reine Zugeständnisse oder blosse Lippenbekenntnisse sind.
      Was ein blosses Lippenbekenntnis im Kinde anrichten kann, zeigt das Zitat aus einem Sachverständigengutachten: „Je mehr (der Vater) nun in das Kind drang, warum es denn die Mutter nicht besuche, … um so mehr verweigerte sich (der Sohn), bis er schliesslich seine Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. … Was sich da … zwischen Vater und Sohn ereignete, wird nach G. Bateson als (engl.) double bind 9), zu deutsch Doppelbindung oder auch Beziehungsfalle bezeichnet. Der Vater sendet zwei an den Sohn gerichtete Botschaften…. Die Beziehungsfalle besteht darin, dass die eine Botschaft der anderen widerspricht. Wollte (der Sohn) der verbalen Botschaft folgen und die Mutter besuchen, würde er gegen die nonverbale Botschaft, dies sei unerwünscht, verstossen“. Die Beziehungsfalle ist eine raffinierte Methode, ein Kind an sich zu binden (OLG Hamm -5 UF 269/90).

Typ 3: Das Kind will wirklich nicht

      Dieser Typus kommt nur wenig vor. Darum ist es ein Glücksfall, wenn die beiden Beispiele einer unbeeinflussten, freien Willenserklärung zweier Kinder in diese Studie aufgenommen werden können.
        (1) Ein werdender Vater verlässt seine hochschwangere Ehefrau und erscheint auch nicht zur Geburt des gemeinsamen Kindes. Er nach Jahren, als das Kind schon im Kindergartenalter ist, fordert der Vater den persönlichen Umgang mit seiner Tochter. Diese, von der Mutter unwissend gelassen, ist ahnungslos, dass sie ausser ihrem Stiefvater noch einen leiblichen Vater hat. Im Verlaufe jahrelanger Rechtsverfahren wird dem Vater die Umgangsbefugnis von Rechts wegen bestätigt. Das Kind fügt sich. Es ist ja nur monatlich einmal für eine Stunde. Das reicht natürlich nicht, um eine zwischenmenschliche Beziehung zwischen zwei zwar verwandten, aber sonst fremd gebliebenen Menschen wachsen zu lassen. Je ungeduldiger der Vater sein Umgangsrecht einfordert, um so mehr verschliesst sich ihm das inzwischen 12 Jahre alt gewordene Kind. Auf eine Begründung für sein Verhalten angesprochen, gibt das Mädchen wörtlich zu Protokoll: „Ich will mit einem wildfremden Menschen …. immer kommen welche her und ich muss immer zum Gericht. Ich will das nicht mehr.“ Und auf die Frage an das Mädchen, ob es nicht ein Interesse habe, zu sehen, was das eigentlich für ein Mensch ist: „Irgendwann, wenn ich älter werde, könnte ich ja mal gucken, ob er….“ So muss die vom Gericht beschlossene Umgangsregelung unter Respektierung der vom Kind genannten Gründe gegen weitere Treffen mit dem Vater als unausführbar ausser Kraft gesetzt werden (AmtsG Güterloh -16 F 425/90).
        (2) Die Kinderärztin kann bei der zweieinhalb Jahre alten Tochter keinen krankhaften Befund erheben. Dennoch klagt das Kind unvermindert über Bauchweh. Erst als sich die Eltern trennen, wird deutlich, dass das Bauchweh mit der Person des Vaters zusammenhängt. Immer wenn er wieder erscheint oder wenn auch nur von ihm die Rede ist, klagt die Tochter über Bauchschmerzen. Es handelt sich um eine Willenserklärung besonderer Art. Nämlich nicht mittels der Sprache, sondern über eine frühe aufgetretene und aufmerksam beobachtete psychosomatische Reaktion des Organismus. Welche Erfahrungen des Kindes mit dem Vater dieser psychosomatischen Reaktion zugrunde liegen, konnte jedoch nie aufgeklärt werden. Zwangsläufig trat im Laufe der Jahre zwischen dem Vater und dem inzwischen 14-jährigen Mädchen eine zunehmende Entfremdung ein. Auf sachverständigen Rat setzte das FamG die Umgangsbefugnis aus und verpflichtete die Mutter, dem Vater regelmässig über das Wachstum und die Entwicklung des Kindes zu berichten (AmtsG Bielefeld -34 F 218/89).
      Diese beiden Beispiele sind selbstverständlich nicht repräsentativ; sie stellen eine Zufallsstichprobe dar. Dennoch zeigen sie etwas Typisches. Einmal, dass schon Kinder eigene Gründe haben können, sich vom anderen Elternteil fernzuhalten. Und, zum anderen, dass Kinder einen begründeten Willen nicht erst äussern, wenn sie des Sprechens mächtig sind, sondern dass aus ihrem kindlichen, noch ganzheitlichem Erleben heraus der ganze Organismus als Ausdrucksorgan fungiert. Es ist ja bekannt, dass kleine Kinder psychische Belastungen an Störungen des Magen-Darm-Traktes erkennen lassen. Die Beispiele zeigen aber auch, dass der Preis für die eigene seelische Balanche der Verzicht auf einen Elternteil ist. Darum ist hierbei stets sachkundiger Rat einzuholen. In den beiden Beispielen waren rechtzeitig eine psychologische Sachverständige beauftragt und eine Kinderärztin konsultiert worden.

Typ 4: Das Kind darf nicht

      Hierbei ist der persönliche Umgang des Kindes mit seinem anderen Elternteil durch gerichtlichen Beschluss ausgeschlossen word. Und zwar in der Regel, weil dieser Eltenteil entweder durch seine Person oder durch die Umstände, in denen erlebt, die Entwicklung des Kindes gefährden oder gar schädigen würde. Das bedeutet, zum „Schutz von Wachstum und Entwicklung des Kindes“ 10) muss das Kind auf seinen Anspruch auf Pflege und Vertiefung der familiären Vertrautheit mit dem Elternteil verzichten, bei dem es nicht ständig lebt. Solange die Gründe eindeutig sind, ist der Verzicht dem Kinde nicht zur zuzumuten, sondern zu seinem Wohle auch geboten. Dass es aber auch anders kommen kann, indem ein Elternteil gemassregelt werden soll und dabei das Kind getroffen wird, zeigt der folgende, hoffentlich einzigartige, Fall.
    Einem Vater wird ständig der persönliche Umgang mit seinem damals vierjährigen Sohn streitig gemacht, so dass er einen der raren Besuche nutzte, um mit dem Kind für eineinhalb Jahre unterzutauchen. Damit setzte sich der Vater ganz klar ins Unrecht. Im darauffolgenden Rechtsverfahren wurde dann der persönliche Umgang des Kindes mit seinem Vater für mindestens ein Jahr ausgesetzt und das unter anderem damit begründet: „Die Bindung zwischen beiden auch so eng, dass die Gefahr, das Kind können seinen Vater vergessen und später Kontakte aus diesem Grunde ablehnen, nicht gegeben sei (AmtsG Bottrop -19F 526/92, zitiert nach OLG Hamm -7 UF 42/94).

 
 
4.) Der Vorwurf sexuellen Missbrauchs
 

Die Rede ist hier nicht vom Verdacht des sexuellen Missbrauchs, der zum Schutz des Kindes dringend aufzuklären ist, sonderen von dem unberechtigten Vorwurf, der andere Elternteil habe das Kind sexuell missbraucht.
 
Aus dieser Thematik, deren ganzer Umgang einer besonderen Erörterung bedürftig ist, sollen hier nur zwei, für unsere Überlegungen bedeutsame, Aspekte herausgegriffen werden.
 
Zum einen wird der unberechtigte Vorwurf des sexuellen Missbrauchs hauptsächlich dann erhoeben, wenn weder das Argument „Das Kind soll endlich zur Ruhe kommen“ noch das Argument „…aber das Kind will ja nicht“ zur Einschränkung oder gar zum Ausschluss des persönlichen Umgangs des Kindes mit seinem anderen Elternteil geführt haben. Der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs ist dann eine letzte Trumpfkarte im „Kampf ums Kind“.
 
Wird der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs von Angang an erhoben, entstammt er einem Kalkül, dem trotz der dahinterstehenden diabolischen Gesinnung ein taktisches Geschick nicht abzusprechen ist. Bei dem in solchem Falle anhängigen Strafverfahren kommt, was den Akteuren von vornherein bekannt ist und von ihnen bewusst in Kauf genommen wird, mangels eines Beweises nichts heraus. Zurück bleibt der Zweifel, dass es zwar sein kann, dass es aber auch nicht sein kann. Und genau darum geht es den Akteuren: „Semper aliquid haeret“. (Bei Francis Bacon heisst es im Textzusammenhang: Nur kühn verleumden, immer bleibt etwas hängen). Sie sagen dann, mit einem Kinde zu experimentieren, ob der Vorwurf zutreffe oder nicht, verbiete sich von vornherein, und fordern zum Schutz des Kindes einen Ausschluss des persönlichen Umgangs mit dem anderen Elternteil. Allerdings nicht immer offen, sondern im Gewande einer Obstruktionsstaktik. Dazu zwei kennzeichnende Beispiele:
 
(1) Als die Tochter eines Morgens über Schmerzen zwischen den Beinen klagt, findet die Mutter dort eine wunde Stelle. „Das hat der Vater gemacht, während die Tochter schlief. Man liest es ja immer wieder in der Zeitung“, so fuhr es der Mutter durch den Sinn. Von dritter Stelle in ihrer Ansicht bestärkt, stellt sie Strafantrag gegen den Vater. Die Ermittlungen entlasten den Kindesvater, nicht zuletzt durch die Aussage der Tochter: „Gemacht hat er nix“.
 
Vor Gericht erklärt sie für die Tochter, diese wolle den Vater nicht mehr sehen; sie müsse von alledem erst einmal Abstand gewinnen. In seiner Beschlussbegründung fährt das Gericht dazu aus: „…die Kindesmutter wird aber ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es den Verlust des Sorgerechts bedeuten könnte, wenn sie diese Anbahnung des Umgangsrechts (des Kindes) mit dem Vater durch ihr Verhalten sabotiert“ (AmtsG Köln -315 F 163/91). Seither sind zweieinhalb Jahre ins Land gegangen und noch immer findet kein persönlicher Umgang von Tochter und Vater statt, denn die Kindesmutter ist nicht davon abzubringen, der Vater habe sich an seiner Tochter vergangen. Wie ein Sachverständiger feststellte, braucht sie dieses Argument zur Selbstrechtfertigung ihrer damaligen Trennung vom Ehemann.
 
(2) Nachdem die Tochter einen ungehinderten persönlichen Umgang mit ihrem Vater hatte, dürfen die Besuche nur noch in Gegenwart einer dritten, vertrauenswürdigen Personal stattfinden. Schliesslich, als auch dies aufhört und das Gericht dem Vater die Befugnis zum persönlichen Umgang mit seiner Tochter bestätigt, kommt die Mutter damit heraus, der Vater habe die Tochter, wie sie ihr anvertraute, sexuell misshandelt, als sie noch nicht zwei Jahre alt war. Weil es zweifelhaft ist, ob sish das Kind noch nach Jahren an diese Zeit bis in Einzelheiten hinein erinnern kann, erwirkt das Gericht ein Glaubwürdigkeitsgutachten. Das Gutachten ergibt, was das Kind ausgesagt haben soll, ist nicht glaubwürdig. Während der Untersuchungen werden zu Beobachtungszwecken Besuche der Tochter beim Vater arrangiert. Beide kosten diese Gelegenheiten aus. Es sollen die letzten sein. Denn, bei einem folgenden Telefongespräch erklärt die Tochter ihrem Vater: „Ich werde nicht mehr zu Dir kommen! Ist das klar!“ (AmtsG München -831 F 705/89- und -831 F 3756/90).
 
Dass es bei beiden Beispielen nicht zum Einlenken kam, nachdem die Missbrauchsvorwürfe als unbegründet erkannt worden waren, liegt an der Einmischung des Typ 2 „Das Kind kann nicht“. Denn die mit der Befragung einhergehende Konfrontation mit dem Missbrauchsvorwurf hat in den Kindern ein negatives, sie abstossendes, Vaterbild als „Elterliches Feinbild Syndrom“ 11) hinterlassen.
 

 
 
5.) Zusammenschau der Argumente der Umgangsvereitelung
 

Die blosse Bestandsaufnahme, wie sie die bisherigen Kapitel bieten, bliebe höchst unbefriedigend, wollten wir uns nicht auch noch um eine Lösung dieses offentlichen Problems bemühen. Dabei ist das Problem viel weniger ein sachliches als eines der Verfahrensweise. Das zeigt sich am deutlichsten beim Anhörungstermin vor Gericht, wo, begünstigt durch das Rechtsverfahren, die Umgangsfrage als Angelegenheit der Eltern verhandelt wird. Erst dadurch kann es Oberhaupt zum „Kampf ums Kind“ 12) und darüber zur Umgangsvereitelung kommen.
 
Aus der unangefochtenen Meinung, die eigenmächtige Mitname des Kindes bei der Trennung vom anderen Elternteil sei ein „Gutes Recht“, wird eine Eigendynamik weiterer, das Kind vom anderen Elternteil fernhaltender Handlungen erzeugt. Aus dem Ruhe-Argument wird das Argument „…aber das Kind will ja nicht“, mitsamt den verschiedenen Spielarten. Der Typus „Das Kind soll nicht“ geht, sobald das Brainwashing (deutsch: Gehirnwäsche) hinzukommt, in den Typus „Das Kind kann nicht“ über. Und sowohl der Typus „Das Kind will wirklich nicht“ als auch erst recht der Typus „Das Kind darf nicht“ finden bei dem einen Elternteil eine ungeteilte Zustimmung. Und, reicht das noch nicht zur endgültigen Abtrennung des Kindes vom anderen Elternteil aus, hat dafür irgend jemand die Idee der Trumpfkarte des sexuellen Missbrauchs gehabt.
 
Darum gilt auch hier das mahnende „Wehre den Anfängen“ des Ovid (43 v.Chr. – 18 n. Chr.) Dazu zwei Beispiele:
 
(1) Als ein aus der Familie ausgezogener Elternteil nach einem Besuchswochenende die beiden beim anderen Elternteil verbliebenen Kinder bei sich behielt, statt sie zurückzubringen, ordnete das FamG die unverzügliche Rückkehr der Kinder zum anderen Elternteil an (AmtsG Diepholz -5 F 52/92).
 
(2) Ein anderes FamG beschloss neulich: Jedem Elternteil wird ausdrücklich und förmlich verboten, die Kinder oder eines der Kinder ohne ausdrückliche Zustimmung des anderen Elternteil an einen anderen Ort zu verbringen“. (AmtsG Altena -Sa F 77/95).
 
Diese Beispiele zeigen, es mangelt nicht an den Rechtsinstrumenten, den Anspruch des Kindes auf Nähe und Wegbegleitung beider Eltern sicherzustellen.
 
Hat ein Mangel an Unrechtsbewusstsein aber erst einmal zur Umgangsvereitelun geführt, gibt es keine Umkehr mehr. Das zeigen die hier verwendeten Beispiele, die ja für viele andere stehen. Die Gerichte, Angebote der Jugendhilfe und der Beratungseinrichtungen, appellierten allzu oft vergeblich an die Einsicht der Eltern.
 
 
6.) Beendigung der Sprachlosigkeit der Eltern
 

 
Alle Mühen, auf die Umgangsvereitelung eine Wiederaufnahme des persönlichen Umgangs des Kindes mit seinem anderen Elternteil folgen zu lassen, werden vergeblich bleiben, wenn die Eltern nicht dazu zu bringen sind, wieder miteinander zu sprechen. Dabei hat es sich bewährt, die Eltern an einen Tisch zu einem sogenannten RoÄund-Table-Gespräch zu holen. Wenn es dabei gelingt, sie aus ihrer Sprachlosigkeit zu erlösen, ist meistens das Eis gebrochen.
 
Wollte man bei einem solchen Gespräch das Fehlverhalten des einen Elternteils zum Thema machen und dabei hoffen, er werde Einsicht zeigen und sein Verhalten ändern, ist die Erfolgslosigkeit dieses Vorhabens quasi schon vorprogrammiert. Und zwar, weil sich der Elternteil seines „guten Rechts“ gewiss ist, das er sich auch nicht nehmen lassen wille, nachdem er durch die unwidersprochene Mitnahme des Kindes erst dazu gebracht worden ist.
 
Von dem Schweizer Pädagogen Paul Moor stammt der Satz „Nicht gegen den Fehler, sondern für das Fehlende“ 13). Das Fehlende, das ist hier das Kind, seine Interessen und Bedürfnisse, und nicht mehr der Elternstreit. Es ist wie das Herumreissen eines Steuers. Dann wird die Umgangsfrage von einem Standpunkte her verhandelt, von dem aus die Beziehungen des Kindes zu beiden Eltern sowie seine Zukunftsperspektiven im Blickpunkt der Betrachtung stehen. Ein solcher grundlegender Wandel des Standortes nach nach T. S. Kuhn 14) als Paradigmenwechsel bezeichnet. Damit ist gemeint, ein davon völlig unberührt bleibender Sachverhalt wird jetzt von einer ganz anderen Seite als bisher überlich, also unter einem anderen Aspekt, angeschaut, Und mit der veränderten Anschauung ändert sich auch die innere Einstellung dazu. Allerdings lässt sich ein Paradigmenwechsel nicht verordnen. Er muss sich in den Köpfen der Leute vollziehen. Dazu können aber Abhandlungen wie diese hier die gedanklichen Anstösse geben.
 
Gelingt es den Eltern, aus ihrer Sprachlosigkeit wieder ins Gespräch zu kommen, können noch weitere Hindernisse zu beseitigen sein. Das zeigt das folgende Beispiel, das sich neulich zutrug, aber so oder ähnlich immer wieder auftreten wird:
 
Nach der Trennung lebt der Achtjährige beim Vater. Wie die übrige Familie lehnt das Kind seine Mutter, die als „Persona non grata“ gilt, offensichtlich ab. Der amtierende Richter appelliert an die elterliche Verantwortung des Vaters, der dadurch erst erfährt, dass sich der Sohn mit der Mutter heimlich trifft. Danach sprechen beide Eltern -nach langer Zeit- wieder miteinander. Und dann bekräftigt der Vater, nichts dagegen zu haben, wenn der Sohn die Mutter besuche. Zugleich fragt er, was er denn machen solle, wenn der Sohn noch immer nicht wolle. Nun, die Antwort ist nicht nur einfach, sondern auch naheliegend. Der Richter sagte ihm, er solle seinem Sohn als Vorbild dienen und ihm vormachen, wie der Weg zur Mutter zu finden sei, und ihn dazu an die Hand nehmen und bis an die mütterliche Wohnung bringen (AmtsG Brakel -2 F 252/94-). Dieses Beispiel soll nur zeigen, dass es keiner besonderen Professionalität im Umgang mit Kindern und Eltern bedarf, und es soll auch dazu ermutigen, das zu tun, was das Natürlichste und meistens auch das Selbstverständlichste ist.
 
 
V. Elterliche Verantwortung muss beiden Eltern möglich sein
 

 
Die beiderseitige elterliche Verantwortung ergibt sich aus dem Willen des Gesetzgebers, wonach das Kind bei der Ehescheidung seiner Eltern nicht mitgeschieden wird. Vielmehr bleibt es weiterhin und unauflöslich mit der Mutter wie mit dem Vater und deren Angehörigen verwandt. Darauf gründet sich nicht nur der Anspruch des Kindes auf freien Zugang zu beiden Elternteilen, sondern auch die Tatsache, dass beide Eltern gegenüber ihrem Kinde eine Verantwortung haben. Trennen sich Eltern und nimmt dabei der eine Elternteil das Kind einfach mit sich, lässt er nicht nur den Respekt vor der unauflöslichen Verwandtschaft seines Kindes mit dem anderen Elternteil vermissen, sondern mit seinem Verhalten macht er sich sogar noch des Missbrauchs seines Elternrechts schuldig. Abgesehen davon, dass er in einem Akt von Selbstjustiz dem anderen Elternteil die Wahrnehmung seiner elterlichen Verantwortung vereitelt, wird er an seinem Kinde schuldig, weil er es der Chancen zur Pflege und Vertiefung der familiären Vertrautheit mit dem anderen Elternteil beraubt. Zum anderen verstösst er gegen die Rechtsvorschrift des § 1634 1 BGB, die da lautet: „Der Enternteil, dem die Personensorge nicht zusteht und der Personensorgeberechtigte haben alles zu unterlassen, was das Verhältnis des Kindes zum anderen beeinträchtigt oder die Erziehung erschwert.“
 
Die Wahrnehmung ihrer elterlichen Verantwortung wird erst dann beiden Eltern möglich, wenn das oft unzutreffende unaufgeklärte Verständnis vom Elternrecht, es stehe nur dem Inhaber der elterlichen Sorge zu und gebe ihm freie Hand, zu tun und zu lassen, was er für richtig halte, überwunden und einem aufgeklärten Verständnis gewichen sein wird.
 
Was mit der Beendigung der Sprachlosigkeit beider Eltern begann, setzt sich über die Veränderung von Anschauung und innerer Einstellung fort, Paradigmenwechsel genannt. Statt des Elternstreits interessieren die Interessen und Bedürfnisse des Kindes, womit ein Teil elterlicher Verantwortung wahrgenommen wird. Dann bedarf es trotz der Beendigung der Beziehung der Eltern zueinander auch keiner Umgangsvereitelung mehr, um sein nur vermeintliches oder tatsächliches „gutes Recht“ zu wahren.
 

 
 
VI. Abschliessende Bemerkungen zu einer aktuellen Diskussion
 

Eine Lösung der durch die Umgangsvereitelung entstehenden menschlichen Nöge wird besonders von denjenigen Elternteilen erwartet, die sich gegenwärtig noch als die Beiseitegeschobenen und Entrechteten sehen. Von der gegenwärtig allenthalben diskutierten gemeinsamen, ungeteilten elterlichen Sorge als Regelfall erhoffen sie sich die Rehabilitation als Vater oder Mutter. Dennoch bleibt, wenn die einseitige Verteilung der elterlichen Sorge vom gemeinsamen Sorgerecht abgelöst wird, noch immer die Frage zu klären, bei welchem Elternteil das Kind sein ständiges Zuhause haben soll. Hier deutet sich neuer Elternstreit an, solange das andere Paradigma des „Vom Kinde her“ noch nicht im Bewusstsein verankert ist. Das gilt auch für Jugendbehörden, Anwälte, Gerichte und deren Gehilfen, die Sachverständigen. Und, wenn wir uns darauf einlassen, beiden Eltern eines Kindes die Wahrnehmung ihrer elterlichen Verantwortung zu ermöglichen, würde das bittere Wort von den Gewinnern und Verlierern kein Gültigkeit mehr haben. Dann würde auch über die Umgangsvereitelung keine Abhandlung mehr zu schreiben notwendig sein.
 
 
1) R. Lamprecht, Kampf ums Kind, 1982
2) R.W. Kluszmann/B. Stötzel, Das Kind im Rechtsstreit der Erwachsenen,
2. neubearb. Auflage, 1995
3) Th. S. Kulm, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, 2. Aufl. 1991
4) Es handelt sich um das von Max Wertheimer (1923) formulierte 3. Gestaltnetz, zitiert
nach W. Metzger, Figural-Wahrnehmung, in: Handbuch der Psychologie, 1. Band,
1. Halbband, 1966, S. 700
5) E.M. Grossmann, Die Problematik des Dazwischenstehens, 1969
6) J. Bowlby, Das Glück und die Trauer, S. 66f
7) J. Langmeier/Z. Matejcek, Psychische Deprivation im Kindesalter –
Kinder ohne Liebe, 1977
8) R.A. Gardner, The Parenta Alienation Syndrome, 1992
9) J. Bateson, e.a., Schizophrenie und Familie, 1969, S. 16ff
10) J. Goldstein, e.a., Jenseits des Kindeswohls, 2. Auflage, 1979, S. 49ff
11) R.A. Gardner (Fn. 8)
12) R. Lamprecht (Fn. 1)
13) P. Moor, Heilpädagogik. Ein pädagogisches Lehrbuch, 1965, S. 20ff
14) T.S. Kuhn (Fn. 3)

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